Warum der Kandidat der Christdemokraten ein Freidemokrat ist

Kerstin Lorentsen redet es nicht schön. Die Kreisvorsitzende der CDU berichtet von vielen Gesprächen mit mehreren möglichen Kandidaten in den vergangenen Wochen. Eine Findungskommission der CDU suchte nach der Herausforderin oder dem Herausforderer von Landrätin Astrid Klinkert-Kittel (SPD) für die Landratswahl am 12. September. Aber die Findungskommission der Christdemokraten hat niemanden in den eigenen Reihen gefunden. Was für eine sich als Volkspartei bezeichnende politische Gruppe kein Ruhmesblatt ist und zeigt, wie dünn die Personaldecke der Kreis-CDU für Spitzenämter offenbar ist. Die Position des Landrats sei für viele kein Lieblingsberufsfeld, sagt Lorentsen. Wobei doch eigentlich Landräte die letzten kleinen Könige sind? 

Am Horizont liegt Northeim: Dr. Marion Villmar-Doebeling (FDP), Christian Grascha und Kerstin Lorentsen auf der Heldenburg.

Bei all den Sondierungen habe man schließlich auch mit der FDP gesprochen. Und dabei viele inhaltliche Schnittmengen in verschiedenen Politikfeldern gefunden. Obwohl oder gerade weil die FDP im Kreistag zurzeit noch eine Kooperation mit der SPD verbindet, die längst auch in der Realität keine Koalition oder Gruppe mehr ist, sondern eine Bündnis, in dem jeder kurz vor dem Ende des Legislaturperiode seine eigenen Steckenpferde reitet. Und die FDP, das haben die Christdemokraten schnell erkannt, hat einen Kreisvorsitzenden, der sich gut vorstellen könnte, Landrat zu werden. Nicht mehr nur Stellvertreter zu sein wie heute. Am Ende gab’s einstimmige Vorstandsbeschlüsse bei CDU und FDP, Christian Grascha als Landratskandidaten auszurufen. „Wir wünschen uns einen politischen Neustart im Landkreis Northeim“, sagt CDU-Chefin Kerstin Lorentsen.

Formal wird der in Salzderhelden lebende Landtagsabgeordnete Christian Grascha für die FDP kandidieren und von der CDU unterstützt. Deren Aufstellungsversammlung ist für April vorgesehen. In der Realität ist der 42-Jährige jedoch der gemeinsame Kandidat, der den Wählerinnen und Wählern eine Alternative zur Amtsinhaberin sein will und sich dennoch als Außenseiter sieht – aber einer mit Siegchancen. „Es gibt zwei Typen von Landräten als Hauptverwaltungsbeamte“, sagt Grascha: der eher verwaltende Typus, der auf die neuesten Verordnungen von höherer Stelle wartet und dann abarbeitet; und der selbst aktiv werdende, eher politisch-initiativ denkende Typus eines Landrates. Wozu sich Grascha zählt, der seit 13 Jahren in Hannover Landespolitik machen, braucht keine Erwähnung. Wozu die FDP die amtierende Landrätin zählt, ebenso wenig.

„Unser Landkreis muss wieder ein wachsender Landkreis werden“, wünscht sich der neue Landratskandidat. Dafür brauche es eine zupackende, mutige, politische Führung, die mit allen Kräften zusammenarbeite und Vertrauen schaffe. Vertrauen in die Zukunft. Christian Grascha spricht davon, eine Perspektive für die neuen 20er Jahre aufzeigen zu wollen. „Es geht um die Frage, wo wir 2030 stehen.“ Er möchte einen Wettbewerb der Ideen. Das klingt ein wenig wie die jüngste Wahlkampagne im Einbecker Bürgermeisterwahlkampf für seinen Freund Claudius Weisensee. Da muss also noch ein bisschen mehr kommen als der Musterwahlkampf aus der liberalen Sloganschmiede. Darauf werden die Christdemokraten achten müssen, wenn sie sich nicht komplett auch noch inhaltlich aufgeben wollen.

Die Heldenburg in Salzderhelden ist immer ein Ort mit Symbolcharakter. Dort war vor 660 Jahren das erste Mal ein springendes Pferd im Wappen zu sehen – daraus entstand später das Niedersachsenross. Hier präsentierten CDU und FDP heute ihren Landratskandidaten.

5 Gedanken zu „Warum der Kandidat der Christdemokraten ein Freidemokrat ist

  1. Ich bewundere den großspurigen Optimismus der Christdemokraten, mit einem von der FDP geleasten zweitrangigen Verlegenheitskandidaten die souverän arbeitende Landrätin aus dem Sattel heben zu können. Das wird wohl nichts werden. Und sicherlich gibt es nicht wenige Wahlberechtigte, die sich über das großartig organisierte Impfchaos unter dem verantwortlichen CDU-Minister Spahn bei ihm und seinen Freunden „bedanken“ möchten. Dass die Christdemokraten jahrzehntelang ihre eigenen Reihen nicht frei von Abgreifern, Selbstbedienern und schrägen Lobbyisten freihalten konnten – und es wohl auch nicht wollten – sollte ein weiterer Grund sein, ihr zu keiner Zeit auf keiner Ebene in der absehbaren Zukunft die Stimme zu geben.

    • Die Entscheidung an der Wahlurne am 12. September sollte eine kommunalpolitische Entscheidung sein. Warum Sie Herrn Grascha für das Chaos in Berlin verantwortlich machen, erschließt sich wohl nur einem überzeugten SPD-Wähler wie Ihnen, der vergessen hat, dass seine Partei in Berlin mitregiert.

      • Wer genau lesen kann, hat eindeutig mehr vom Leben. Mit keiner Silbe habe ich Herrn Grascha direkt oder indirekt für das Chaos in Berlin verantwortlich gemacht. Das wäre für ihn eine unverdiente Form der politischen Hochstaplerei.
        Ich bin seit Jahren kein SPD-Wähler mehr – auch keiner der AfD, um das klarzustellen. Allerdings muss man so wie Sie, verehrter Herr Kreitz, der Realität schon ziemlich entrückt sein, um davon auszugehen, dass am 12. September die Wahlberechtigten in Scharen in die Wahllokale strömen, um ihre „kommunalpolitische Entscheidung“ – und nichts sonst – zu bekunden. Die gerade erfolgte Wahl der Einbecker Bürgermeisterin und die dabei insgesamt erreichte jämmerliche Wahlbeteiligung sprechen eine deutliche Sprache. Dabei hat sich Frau Dr. Michalek doch soo abgestrampelt – und dann ja schließlich auch gewonnen!
        Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Wahlberechtigten alle Parteien – im Augenblick aber ganz besonders die CDU/CSU – nur dann wieder auf die Fährte des menschlichen Anstands und dessen, „was geht und was nicht geht“ zurück zwingen können, wenn wir schon von unten nach oben genau darauf achten, wer im besten Sinne des Wortes ein wahrer Volksvertreter ist oder ein von außen gesteuerter und für viel zusätzliches Geld eingekaufter Lobbyist ist. Sehen Sie sich beispielsweise im IT doch einfach einmal an, auf welchen und wie vielen Hochzeiten zu welchen zusätzlichen Honoraren zu seinen sowieso schon üppigen Diäten als der Abgeordnete Johannes Röring tanzt und seine Hand aufhält.
        In derselben Liga spielt auch die SPD-Politikerin Ulla Schmidt, die als Gesundheitsministerin einstmals die „Praxiseintrittsgebühr“ eingeführt hat, dann das Direktmandat in ihrem Wahlkreis zu Recht verloren hat, aber von der SPD über die Landesliste doch wieder in den Bundestag hinein manipuliert worden ist. Diese Dame tritt bei der nächsten Wahl nicht mehr an.
        Sehr oft im Leben ist es hilfreich, einen Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen – oder mindestens einen Versuch dazu zu unternehmen.

  2. Manchmal kann es helfen, seine parteipolitische Brille zu putzen und demütig an Franziska Giffey, Petra Hinz […] und allen voran Gerhard Schröder zu denken…. ;o)

  3. Noch besser ist es natürlich, wenn man über eine deutlich erweiterte Informationsbasis verfügt, um so in letzter Sekunde noch das dicke unbearbeitete Brett vor dem eigenen Kopf entdecken zu können, bevor man Rundumschläge in die andere Richtung verteilt. Wer als Gast in einem steuerbegünstigt erbauten Glaspalast auf dem Gelände des Herrn Dr. humoris causa von und zu Guttenberg sitzt, sollte sehr sorgfältig überlegen, was er in die Hand nimmt. Der Freiherr ist in letzter Zeit schon wieder unangenehm aufgefallen, weil er mit tatkräftiger Unterstützung des aus Ostdeutschland über uns gekommenen MdB Philipp Amthor (CDU) bei der Bundeskanzlerin und in den Ministerien dafür geworben hat, die Chinesen davon zu überzeugen, ihre internationalen Geschäfte über den deutschen DAX Konzern WIRECARD abzuwickeln. Ich hoffe zu Ihren Gunsten, Herr Jusuatis, dass Sie kein Geld in diese Klitsche investiert hatten! Ich übrigens auch nicht.
    Sich über zweifelhafte Doktorarbeiten lustig zu machen, ist ein altbekannter studentischer Brauch. Dieter Hildebrandt hat auf dieser Welle dann später zum großen Gaudium seines Publikums das Gedicht “Der Mond ist aufgegangen” im “Stile Helmut Kohls” vorgetragen. Andreas Scheuer, sicherlich einer der größten Tiefbauer im noch amtierenden Kabinett Merkel, hat wohlweislich darauf verzichtet, eine in Tschechien in der Landessprache (immerhin!) verfasste größere Arbeit als Promotion bei uns anerkennen zu lassen.
    Jetzt müssen Sie mir nur noch erklären, warum ich beim Gedanken an Gerhard Schröder “in Demut meine Brille putzen” soll. Nichts liegt mir ferner. Sie haben aber nur noch richtig verstanden, dass die SPD ihren Absturz bereits hinter sich hat, während der CDU mit festem Schritt und dem gegebenen Personal unbeirrbar auf dem Weg zur Abbruchkante unterwegs ist. Guten Flug!

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