Muss der Naturraum der Ilme (stärker) geschützt werden?

Die Menschen entlang der Ilme leben seit Jahrhunderten mit dem Fluss. Sie sorgen sich um ihn und pflegen seine Auen, feiern Feste und Taufen an seinen Ufern, manchmal bei Hochwasser fürchten sie ihn und seine Wassermassen auch. Der Naturraum entlang der Ilme soll in Zukunft zum Naturschutzgebiet erklärt und damit formal stärker geschützt werden. Doch ist dieser Schutzgedanke überhaupt notwendig? Braucht die Ilme gesetzlich mehr Schutz? Oder bewirkt ein solcher Schutz genau das Gegenteil? Verhindert er eher, dass die Menschen entlang der Ilme weiter im Einklang mit ihrem Fluss leben? Diese und viele weitere Fragen standen in dieser Woche im Mittelpunkt von zwei Ortsterminen, einmal in Hullersen mit der SPD und einmal in Holtensen mit der CDU. Die Fragen waren in beiden Einbecker Ortschaften die gleichen. Und die meisten Antworten auch.

Landrätin Astrid Klinkert-Kittel und Dezernent Ralf Buberti (vorn) mit Mitgliedern des Ortsrates Hullersen und der SPD.

In Hullersen informierte sich Landrätin Astrid Klinkert-Kittel (SPD) zusammen mit ihrem Dezernenten Ralf Buberti beim Ortsrat, bei der Jagdgenossenschaft sowie SPD-Vertretern. In Holtensen stand Martin Brünig, Fachbereichsleiter Regionalplanung und Umweltschutz im Northeimer Kreishaus, bei einer Veranstaltung der CDU einem ähnlichen Kreis und einem noch größeren Interesse vor Ort gegenüber. Hintergrund für die Aktualität der Fragestellungen und Befürchtungen ist der aus der Kreisverwaltung stammende Entwurf einer Verordnung, der die Ilme zum Naturschutzgebiet erklären würde. Die formale Frist für das Beteiligungsverfahren war bereits Ende Juli abgelaufen, damals hatten die Stadt Einbeck und mehrere betroffene Ortschaften bereits Stellungnahmen eingereicht. Und Kritik an der Eile in diesem Verfahren zu Protokoll gegeben.

Dass es jetzt offenbar doch noch ein wenig länger Zeit gibt, die Menschen vor Ort zu beteiligen und über das Thema zu diskutieren, sagten alle Landkreis-Vertreter bei den Ortsterminen. Die Verordnung für die Ilme wird voraussichtlich nicht mehr in diesem Jahr vom Kreistag beschlossen. Die Landrätin machte jedoch ebenso deutlich, dass der Landkreis auf eine im Februar vom Land Niedersachsen ergangene fachaufsichtliche Weisung handele. “Das hat uns kalt erwischt, wir müssen es jetzt ausbaden”, sagte Astrid Klinkert-Kittel in Hullersen. Bestehende FFH-Gebiete müssen laut einer EU-Forderung neu ausgewiesen werden. Wenn der Landkreis Northeim nicht tätig werde, werde irgendwann das Land selbst handeln. Dann jedoch werde der Kreistag keinerlei Einflussmöglichkeiten mehr haben, wie das zurzeit noch der Fall sei. Die Landrätin sieht die Vor-Ort-Termine trotz aller Corona bedingten Schwierigkeiten und Beschränkungen als Möglichkeit, die bestehenden Spielräume mit den Anliegern zu besprechen. Kreis-Dezernent Ralf Buberti betonte, dass es innerhalb der Schutzformen “Naturschutzgebiet” und “Landschaftsschutzgebiet” Abstufungen gebe. Man werde Lösungen finden, die gesetzeskonform seien. Und die Kreispolitik diskutiere ja auch schon mehrere Jahre über die Schutzformen, sagte Buberti.

Ortstermin mit Landrätin und Baudezernent an der Ilme in Hullersen.

Kritik gab es sowohl in Hullersen als auch in Holtensen, dass der Landkreis gleich die schärfte Form des Schutzes für seinen Verordnungsentwurf gewählt habe, das Naturschutzgebiet (NSG). Als Vertreter der Landwirtschaft sagte Carsten Hühne, dass damit bei den Menschen Angst entstanden sei, was sie in Zukunft auf ihren Feldern und Grundstücken in diesem Gebiet noch dürfen – und was nicht. Ralf Buberti betonte, dass es auch im NSG kein generelles Betretungsverbot gebe, nur eines für besonders schützenswerte Bereiche. Die Landwirtschaft erhalte Erschwernisausgleiche, und auch die Löschwasserstellen entlang der Ilme würden nutzbar bleiben.

Eine Fülle von Einzelpunkten sahen sich die Vertreter der Kreisverwaltung mit der Politik vor Ort in der Natur an. Dabei waren sie auch bei durchaus skurrilen Beispielen vor Ort, die zum Naturschutzgebiet gehören sollen: einem asphaltierten Wendehammer, der Zuweg zu einer Baulücke und dem Weg entlang der Dieße in Holtensen ist. Das könne ja wohl nicht so bleiben, waren sich die Anwesenden allerdings auch schnell einig. Aber wie wird das mit dem Wassertritt durch den Ilmezufluss Dieße oder der Grillhütte bei Holtensen werden, deren Gelände teilweise zum NSG gehören würde? Oder mit Wegen entlang der Dieße, die zurzeit im Eigentum der Stadt sind und von der Ortsgemeinschaft freiwillig gepflegt werden? Was wird aus dem Zeltlagerplatz bei Hullersen, der im NSG liegen würde? Kann die Dorfgemeinschaft Hullersen den an der Ilme liegenden Grillplatz weiter nutzen? Klar wurde, dass ein Fülle von Details noch zu klären sein wird. Und dass eine Ausweisung als Landschaftsschutzgebiet, das weniger Restriktionen unterliegt, bei den Menschen vor Ort besser angekommen wäre als das strikte NSG. Es kommt eben doch auch auf die Überschrift an, nicht nur auf den Inhalt. Dass 1992 die komplette Ilme als FFH-Gebiet zur EU gemeldet wurde, sei möglicherweise zu viel gewesen, räumte die Landrätin ein. An dem Gebietsumfang lasse sich jetzt aber nichts mehr wesentlich ändern.

Dr. Bernd von Garmissen, Dirk Ebrecht, Carsten Hühne und Martin Brünig.
Ortstermin am Rande von Holtensen mit Carsten Hühne (l.).
Was passiert mit den Löschwasserstellen, hier am Grillplatz in Hullersen, wenn der Gewässerrand zum Naturschutzgebiet wird?
Stellte sich der Debatte vor Ort in Hullersen: Landrätin Astrid Klinkert-Kittel.

Nachtrag 12.09.2020: Landrätin Astrid Klinkert-Kittel (SPD) hat überraschend den Verordnungsentwurf ihrer Verwaltung zurückgezogen, nach dem die Ilme zum Naturschutzgebiet (NSG) erklärt worden wäre. „Nachdem vielfältige Hinweise aus der Bevölkerung bei mir eingegangen sind, habe ich mich entschieden, das derzeitige Verfahren zur Ausweisung der Ilme als Naturschutzgebiet zu beenden“, ließ die Landrätin über ihr Presseteam mitteilen. Es sei geplant, eine neue Landschaftsschutzgebiet-Verordnung zu erlassen, die Bedenken und Anregungen berücksichtige. „Derzeit stehe ich in enger Abstimmung mit dem Niedersächsischen Umweltministerium, um eine Fristverlängerung zu erwirken“, erklärte Klinkert-Kittel. „Das gibt uns Spielraum für weitere Gespräche und Vororttermine.“ In welchem Zusammenhang damit der Weggang des Dezernenten für Bauen und Umwelt steht, ist bislang offen: Ralf Buberti wechselt in wenigen Wochen zum Landkreis Holzminden, wird dort höher dotierter Wahlbeamter. Seine Stelle im Northeimer Kreishaus ist neu ausgeschrieben.

Freiheit für die Ilme

Kein Kulturstau am Alten Zollhaus mehr: Der Leineverband will die Ilme bei Einbeck aus ihrem kanalartigen Korsett befreien und naturnaher gestalten.

Es soll keinen Kulturstau am Alten Zollhaus mehr geben: Der Leineverband will die Ilme bei Einbeck aus ihrem kanalartigen Korsett befreien und naturnaher gestalten. Rechts der Zufluss des Mühlenkanals.

Mehr Freiheit für die Ilme: Sie soll ihr kanalartiges Korsett südöstlich von Einbeck auf einer Länge von 1,2 Kilometern verlassen können, das Ufer soll naturnaher gestaltet werden. Dafür plant der Leineverband, eine so genannte Sekundäraue in Form einer Flutmulde zu schaffen. Auch ökologisch durchgängiger für Fische und andere Lebewesen soll der Fluss im Abschnitt zwischen dem Alten Zollhaus in Richtung Salzderhelden (früher Villa Wuff) und der Brücke Marktanger / Schlachthofstraße werden. Deshalb wird nach den jetzt im Bauausschuss des Stadtrates vorgestellten Plänen der so genannte Kulturstau, eine Stahlspundwand, bei der geplanten Maßnahme entfernt und die dortige Fallhöhe auf die 1200 Meter Länge verteilt. Der heutige Ausbau der Ilme dort stammt aus den 1970-er Jahren.

Wie der Geschäftsführer des Leineverbandes, Hans-Jürgen Laduch, erläuterte, kostet das Vorhaben rund 622.000 Euro. Zu den Baukosten in Höhe von 490.000 Euro kommen 132.000 Euro an Grundstücks- und Nebenkosten. Wenn die Stadt Einbeck ihr Einvernehmen hergestellt hat, kann die vom Land Niedersachsen zu 90 Prozent geförderte Maßnahme noch in diesem Jahr vom Landkreis Northeim als Wasserbehörde genehmigt werden. Nach der Ausführungsplanung im Jahr 2017 könnte dann im folgenden Jahr gebaut und eine europäische Wasserrahmenrichtlinie umgesetzt werden.

Flussabwärts: Blick von der Ilmebrücke Marktanger/ Schlachthofstraße.

Flussabwärts: Blick von der Ilmebrücke Marktanger/ Schlachthofstraße. Ab hier soll die Ilme mehr Platz bekommen.

Das heutige Gefälle beim Stauwehr an der ehemaligen Villa Wuff soll auf 16 kleine Riegel von jeweils acht bis zehn Zentimetern Fallhöhe aufgeteilt werden. Etwa alle 70 Meter sind die Riegel als Steinreihen quer über das Gewässer vorgesehen. Außerdem ist eine zwei Meter breite Niedrigwasserrinne geplant. Durch Dreiecksbuhnen auf der rechten Uferseite wird der Fluss in Richtung der etwa zwölf Meter breiten Sekundäraue gelenkt: Neben einer Abgrabung wird eine sanfte Böschung mit einem Wall entstehen. Gefällt werden müssen dafür 39 Pappeln am nördlichen Ufer, zehn können stehen bleiben.

Die Maßnahme werde keine Verschlechterung bei Hochwassersituationen bringen, betonte Frank Gries von der mit den Planungen beauftragten Ingenieursgesellschaft Heidt+Peters (Celle). Bei Niedrigwasser beträgt der Durchfluss in der Ilme heute etwa ein Kubikmeter Wasser pro Sekunde, beim Normalpegel sind es durchschnittlich 4,6 Kubikmeter, bei einem errechneten Jahrhundert-Hochwasser können es 113 Kubikmeter pro Sekunde sein.

Für das Projekt werden etwa 19.000 Kubikmeter Boden bewegt. Rund 3200 Kubikmeter werden für Böschung und Wall wieder verbaut. Der Rest könnte für Hochwasserschutzmaßnahmen zur Verfügung stehen. Eine Entscheidung dazu steht aber noch aus. Der Bauausschuss des Einbecker Stadtrates verschob eine Entscheidung zum so genannten Linienschutz; zunächst sollen hierzu die Fraktionen beraten – allerdings mit Blick darauf, dass die Entscheidung dringend ist. Trotz einer hohen Förderquote blieben noch fast fünf Millionen Euro für die Stadt als Kosten übrig, das wollte niemand aus dem Handgelenk verantwortlich so vor der Sommerpause durchwinken. Fachbereichsleiter Frithjof Look berichtete von einer neuen Entwicklung in Hannover, es gebe jetzt anders als ursprünglich gedacht doch Fördergelder. Der Bauamtsleiter appellierte, die Planung fortzusetzen und einen Förderantrag für 2018 zu stellen. Im Zusammenhang mit den ebenfalls für 2018 geplanten Maßnahmen an der Ilme ergebe sich zudem die Chance, die große Menge Erde (16.000 Kubikmeter) für den Linienschutz einzusetzen.

Querschnitt: So soll die Flutmulde mit Sekundäraue aussehen. (c) Ingenieurgemeinschaft Heidt + Peters (Celle)

Querschnitt: So soll die Flutmulde mit Sekundäraue aussehen. (c) Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters (Celle)

So sollen die Riegel aufgebaut sein. (c) Ingenieurgemeinschaft Heidt + Peters (Celle)

So sollen die Riegel aufgebaut sein. (c) Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters (Celle)