Vertikaltanz ohne Präsident

Katarzyna Gorczyca und Patryk Durski von „LineAct“ aus Polen proben für den „Jedermann“ den Vertikaltanz an der Stiftskirche.

Den Vertikaltanz beim “Jedermann” an der Fassade der Stiftskirche in Bad Gandersheim wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in diesem Theater-Sommer höchstwahrscheinlich nicht live sehen. Der Schirmherr der 60. Gandersheimer Domfestspiele wird das Jubiläum wohl nicht besuchen, sagte Uwe Schwarz beim Begrüßungsfest. Wohl. Ein letztes Hintertürchen ließ sich Schwarz offen. Der SPD-Landtagsabgeordnete und Aufsichtsratsvorsitzende der Festspiel-GmbH hatte Steinmeier persönlich eingeladen, hatte einen Präsidentenbesuch auch zwei Mal in Aussicht gestellt bekommen. Man kennt sich. Letztlich wird offenbar der enge Terminplan eines Staatsoberhauptes verhindern, dass die Tradition der 60-jährigen Festspiele fortgesetzt werden kann. Wobei auch vor zehn Jahren schon kein Bundespräsident in der Festspielstadt empfangen werden konnte. Johannes Rau war 2003 der letzte amtierende Bundespräsident, der vor der Stiftskirche zu Besuch war. Von ehemaligen Bundespräsidenten soll hier heute nicht die Rede sein.

Intendant Achim Lenz erinnerte in seinen Worten beim Begrüßungsfest an zwei Bundespräsidenten-Visiten in der Theaterstadt. 1988 habe Richard von Weizsäcker gesagt, dass Gandersheim schon auf den Landkarten verzeichnet gewesen sei als Berlin noch gar nicht existierte. Die geschichtsträchtige Stadt, für die jetzt auch schon seit 60 Jahren die Domfestspiele ihren Beitrag geleistet hätten, sei ohne die hier lebenden Menschen nicht denkbar, erklärte Lenz. “Alles ist fest ineinander unüberwindbar verwoben und verstrickt.” Ein Netz, das über die Zeiten klar mache, warum dieser Festspielort so bekannt und beliebt sei. Und Walter Scheel habe 1978 erklärt, er wolle Bad Gandersheim ja nicht zu nahe treten, aber ohne Domfestspiele wäre der Ort ebenso ungenau bekannt wie andere deutsche Landstädte. Die Idylle schätzt der Schweizer Lenz an Bad Gandersheim. Ein idealer Festspielort mit Ruhe und Kraft, ein Rückzugsort abseits von “gewinnmaximierender Selbstüberschätzung und individualistischer Netflix-Amazon-Gesellschaft”. Und dann wurde der Domfestspiel-Intendant hochpolitisch, nahm in der auch öffentlich längst das Freilichttheater in Deutschland erreichten Meetoo-Debatte eine unmissverständliche Haltung ein: “Ich will ein Ensemble, das respektvoll miteinander umgeht, wo es keinen Platz für persönliche Eitelkeiten und falsch verstandene Kollegialität gibt”, sagte Achim Lenz. “Ich lasse hier in meiner Funktion als Intendant und als Regisseur keine Halbwahrheiten zu, ich verurteile aufs Schärfste jede Art von Respektlosigkeit, Sexismus, Ausnutzung und Missbrauch. Vorkommnisse dieser Art hat es unter meiner Intendanz nie gegeben und wird es nie geben.” Kunst sei nur im Kontext von gegenseitigem Respekt, Anerkennung und Verständnis möglich.

Statt Bundespräsident wird in Bad Gandersheim aus der ersten Politik-Reihe Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil vor der Stiftskirche erwartet: Am 30. Juni ist er bei der Verleihung des Roswitha-Literaturpreises und dann abends beim “Jedermann” dabei, kündigte Uwe Schwarz an. Der stapelte bei der Begrüßung des Ensembles am Montag ein bisschen tief. Er könne das “schon ein bisschen einschätzen”, sagte der Landtagsabgeordnete mit Blick auf die Historie der vergangenen Jahrzehnte – von Euphorie bis Überlebenskampf sei da schon alles dabei gewesen. Schwarz ist seit 1986 MdL, von 1986 bis 1991 und von 1996 bis 2001 war er auch ehrenamtlicher Bürgermeister in Bad Gandersheim. Seit 1981 habe er jede Inszenierung der Domfestspiele gesehen, berichtete der 61-Jährige. Zehn Jahre zuvor hatte Schwarz als Schülerzeitungsredakteur seine erste Begegnung mit dem Theater vor dem Dom, er musste eine Kritik über das Samuel-Beckett-Stück schreiben. Grandios sei die Inszenierung gewesen, erinnert er sich noch heute. Gewaltig seien in den vergangenen Jahren auch die Kraftanstrengungen vor allem im politischen Raum gewesen, die Festspiele am Leben zu erhalten. 2010 stand es auf der Kippe, musste die hochverschuldete Stadt die Domfestspiele an eine GmbH abgeben.

Der private Wulff-Besuch

Christian Wulff (r.) und Joachim Stünkel vor der Stiftskirche.

Er ist ganz privat da – soweit das für einen ehemaligen Bundespräsidenten überhaupt möglich ist. In Freizeithemd und sportlicher Hose, ganz ohne Entourage, sitzt er im kleinen Kreis zum Gespräch. Dezent, aber dennoch für jeden, der einen Blick dafür hat, sichtbar, haben mehrere Herren im Gastronomiezelt der Gandersheimer Domfestspiele ein sicherndes wachsames Auge für jeden, der da in die Nähe des Tisches des Staatsoberhauptes a.D. und einstigen niedersächsischen Ministerpräsidenten möchte. Christian Wulff (58) war auf private Einladung des Domfestspiele-Aufsichtsratsmitgliedes Joachim Stünkel (64) nach Bad Gandersheim gekommen, zum Finale der 59. Festspiele, zur letzten Aufführung von Schillers „Kabale und Liebe“ – das Stück, das Intendant Achim Lenz in diesem Sommer persönlich inszeniert hat. Beide CDU-Politiker kennen sich seit mehr als 40 Jahren, Stünkel und Wulff waren schon in der Jungen Union gemeinsam im Landesvorstand aktiv, haben seitdem all die Jahre immer Kontakt gehalten und zueinander gestanden, in guten wie in schlechteren Tagen. Stünkel strebt 2018 wieder in den Landtag. Der Privatbesuch des Altbundespräsidenten, der 2012 nach bis dato beispielloser öffentlicher Debatte über seinen Freundeskreis, seine Amtsführung und auch seine Familie zurückgetreten war, ausgerechnet zu „Kabale und Liebe“? Christian Wulff lächelt vielsagend, er müsse nicht mehr alles kommentieren, gebe nur noch wenige Interviews, und beispielsweise warum er jetzt keine Brille mehr trage, das sei privat…

Der frühere Bundespräsident ist viel im Ausland unterwegs, kümmert sich als Präsident des EMA (Euro-Mediterranean-Arabischer Länderverein) um einen Dialog der Kulturen und um die Völkerverständigung zwischen Deutschland, Europa und der Mittelmeer- und Nahostregion. Auch der Austausch mit China und den USA ist ihm wichtig. Er spüre in Zeiten von Trump und Brexit eine starke Politisierung gerade auch unter jungen Menschen, erzählt Wulff. Er versuche dabei immer deutlich zu machen, dass Europa und seine Errungenschaften nicht unumkehrbar seien, jeder müsse sich engagieren: “Es kommt auf jeden einzelnen an.” Wulff ist Motivator und fühlt sich dankbar, als Mentor auch junge Politiker fördern zu können. Das sei die große Chance eines jungen Altpräsidenten, lächelt der 58-Jährige. Und da wolle er auch gerne Jimmy Carter nacheifern, der nach nur einer Amtszeit als US-Präsident seit mittlerweile fast 40 Jahren aktiv geblieben sei. Demnächst treffe er ihn in Amerika, erzählt Wulff.

Durchschnittlich zwei Tage die Woche ist Wulff in Berlin, einen Tag pro Woche in Hamburg, wo er als Rechtsanwalt arbeitet. Selbstbestimmt nehme er Termine an und wahr, engagiere sich dort, wo er es für richtig und für wichtig halte, erzählt Wulff. Und wenn er dann Freitag Abend nach Hause nach Burgwedel fährt, dann sei Wochenende. Das sei anders als früher in den Ämtern, dann hätten eben auch am Wochenende Akten und Entscheidungen und nicht nur seine Ehefrau und seine Kinder auf ihn gewartet. Mit der ganzen Familie hat er erst kürzlich einen Urlaub genossen, sagt er.

Christian Wulff will ein gutes Wort für den Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im nächsten Jahr zum 60-jährigen Bestehen der Domfestspiele einlegen. „Ich rate ihm gerne dazu“, sagt der ehemalige Bundespräsident auf meine Frage, er treffe seinen Nach-Nachfolger in der nächsten Woche und werde das ansprechen. Wulff sagte auch Intendant Achim Lenz bei einem kurzen Gespräch vor der Vorstellung seine Unterstützung dabei zu, das amtierende Staatsoberhaupt zu den 60. Festspielen nach Bad Gandersheim einzuladen. Die Bundespräsidenten hatten in den zurückliegenden Jahrzehnten traditionell regelmäßig die Jubiläumsfestspiele besucht, zuletzt war Johannes Rau 2003 in Bad Gandersheim. Seitdem war kein Staatsoberhaupt mehr vor dem Dom dabei, in Wulffs eigene kurze Amtszeit fiel kein Festspieljubiläum. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Domfestspiele, Uwe Schwarz, hat Frank-Walter Steinmeier bereits persönlich zu den 60. Festspielen eingeladen und ist „guter Dinge“, wie er jüngst sagte, dass dieser auch komme, wenn es die Terminlage erlaube. Ein weiteres zuratendes Wort kann ja trotzdem nicht schaden.

Es stehe ihm nicht zu, hier Ratschläge zu geben, sagt Christian Wulff in der Gesprächsrunde im Gastronomiezelt. Aber offensiver und gemeinsam die kulturellen Leuchttürme zu bewerben, das könnten oftmals die Süddeutschen besser. Angela Merkel beginne ihren Sommerurlaub immer in Bayreuth auf dem Wagner-Hügel. Warum, fragt sich Wulff, sollten also nicht alle Urlauber aus Dänemark und Schweden, wenn sie auf der A7 in Richtung Süden fahren, ihren Urlaub bei den Gandersheimer Domfestspielen beginnen? Ja, warum eigentlich nicht?

Altbundespräsident Christian Wulff (links), Aufsichtsratsmitglied Joachim Stünkel und Festspiele-Intendant Achim Lenz.

Schirmherrn anlocken

Joachim Stünkel, Franziska Schwarz.

Joachim Stünkel, Franziska Schwarz bei Proben für die Gandersheimer Domfestspiele 2015.

Zur Eröffnung der Gandersheimer Domfestspiele (die vor 57 Jahren ihre Wurzeln übrigens im Einbecker Ortsteil Greene auf der dortigen Burg hatten) kommt er nicht, schickt seine Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajić (Grüne) vor: Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat wegen anderer Termine für Donnerstag und Shakespeares “Wie es euch gefällt” abgesagt, soll aber zu einem späteren Zeitpunkt noch zum Sommertheater vor die Stiftskirche gelotst werden. Diesen Wunsch hat jedenfalls Bad Gandersheims Bürgermeisterin Franziska Schwarz, wie sie mir sagte. Der Ministerpräsident ist immerhin der Schirmherr der bis 16. August währenden Kulturveranstaltung, das Land Niedersachsen hat in diesem Jahr außerdem 100.000 Euro mehr als sonst zum 1,4-Millionen-Euro-Etat beigesteuert, wie Schwarz und Intendant Christian Doll gestern sagten. Mehr als 32.000 Tickets sind bereits verkauft, allein 2300 in der vergangenen Woche seit dem Theaterfest – das ist Rekord!

Und genügend Lockmittel gibt es ja eigentlich, wenn nur der Terminkalender von Spitzenpolitikern nicht immer so prall gefüllt wäre… Nicht nur das Theaterprogramm vor dem Dom ist dieses Jahr verlockend: Jesus Christ Superstar, Comedian Harmonists, Judas, Wie es euch gefällt. Der bekennende Bierfreund Weil, Träger des Einbecker Karnevals-Bierordens, könnte nach der Vorstellung ein kühles Einbecker trinken wie weiland bei seiner Sommertour 2012, die ihn auch ins Festspielzelt führte, die Brauhaus AG ist Hauptsponsor der Festspiele. Ob der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Gandersheimer Domfestspiele gGmbH, Joachim Stünkel, in dieser Angelegenheit seine Kontakte nach Hannover spielen lässt, ist nicht überliefert. Der Lüthorster CDU-Kreistagspolitiker und Ex-MdL ist jedenfalls wegen der Erkrankung des Landrates (und Bierorden-Trägers) Michael Wickmann (SPD) in diesem Theatersommer besonders intensiv im Gandersheimer Festspieleinsatz. Für das Brunnenfest am 5. Juli in seinem Heimatdorf Lüthorst kündigte er gestern einen Überraschungsgast an. Weil wird es indes eher nicht sein, wahrscheinlicher ist ein Parteifreund des CDU-Mannes. Übrigens ist noch ein weiterer Bierorden-Träger in dieser Woche in der Region: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) besucht die Brauerei.

Theater-Treffen

Dr. Sabine Michalek, Christian Doll.

Dr. Sabine Michalek, Christian Doll.

Ein erstes Kennenlernen, von dem die Region Einbeck in Zukunft profitieren könnte: Einbecks Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek hat heute am Rande der Verleihungsfeier des Rositha-Rings den Intendanten der Gandersheimer Domfestspiele, Christian Doll, getroffen – und sich mit ihm zu intensiveren Gesprächen verabredet. Das passt zu den seit einiger Zeit zu beobachtenden Bestrebungen, das seit 2011 als gGmbH agierende Sommertheater in Bad Gandersheim noch viel stärker in die gesamte Region hinein wirken zu lassen, es nicht mehr ausschließlich als Theater in und für Bad Gandersheim zu begreifen, in dem die Freilichtbühne seit 55 Jahren jeden Sommer aufgebaut wird. Bis 2011 war die Stadt Bad Gandersheim Rechtsträgerin, jetzt ist es die von Landkreis, Kultur- und Denkmalstiftung und Kreis-Sparkasse getragene GmbH. Welche Möglichkeiten sich hier für Einbeck bieten, ist bislang noch völlig offen. Immerhin aber steht die Wiege der Gandersheimer Domfestspiele ja irgendwie in Einbeck (wenn auch nur fusionsbedingt): auf der Greener Burg nämlich. Das “Kulturwerk Bundesweihestätte Burg Greene” war 1959 bis 1961 erster Rechtsträger der noch jungen Gandersheimer Domfestspiele, der Festspiel-Gründungsintendant Eberhard Gieseler war zuvor auch Intendant des Kulturwerks in Greene und hatte auf der Burg inszeniert.