Armut-Aufmerksamkeit

Landrätin Astrid Klinkert-Kittel. Archivfoto: Landkreis Northeim

Mehr Aufmerksamkeit für Armut im Landkreis Northeim wünscht sich Landrätin Astrid Klinkert-Kittel (SPD). Sie legt den Kreistagsgremien jetzt eine Initiative mit verschiedenen Maßnahmen und Aufträgen vor, wünscht sich einen systematischen Einstieg ins Thema und eine veränderte Haltung zur Thematik; zuerst beschäftigt sich der Sozialausschuss des Kreistages am 19. September mit dem Papier, abschließend soll noch dieses Jahr der Kreistag darüber abstimmen. Der wachsende Wohlstand der Gesellschaft sei nicht in allen Bevölkerungsschichten angekommen. „Im Normalfall reicht es zwar zum Überleben, aber oftmals nicht zum eigentlichen Leben wie wir es in einer zivilisierten Gesellschaft verstehen, zur Teilhabe am öffentlichen Leben“, sagte die Landrätin heute in einem Pressegespräch. „Das darf nicht sein, das gilt es zu ändern.“

Rein rechnerisch gelte im Landkreis Northeim jeder Fünfte als arm, rund 11.000 von 133.000 Menschen im Kreisgebiet beziehen finanzielle Hilfen. Vor allem die Altersarmut wachse, berichtete die Kreishaus-Chefin. Armut werde außerdem oft vererbt. Diesen Kreislauf gelte es zu durchbrechen, fordert die Landrätin. Um zunächst für weitere Schritte eine aussagekräftige Datengrundlage zu erhalten, sollen Studierende der Hochschule Harz in einer Projektarbeit bis Sommer 2020 sensibel herausfinden, welche Angebote und Unterstützung sich Betroffene wünschen, ohne sich stigmatisiert zu fühlen. Bei allen Maßnahmen soll auf vorhandenen Angeboten aufgebaut werden, konkurrierende Angebote beispielsweise zu Wohlfahrtverbänden oder den Kirchen soll es nicht geben. Vielmehr sollten Kontakte geknüpft und Netzwerke gestärkt und ausgebaut werden, wünscht sich die Landrätin.

Der Landkreis Northeim will in jedem Fall seine Bemühungen verstärken, Menschen aller Altersklassen rechtzeitig über bestehende Ansprüche aufzuklären. Das gehe auch nicht ausschließlich online. Bei der persönlichen, „aufsuchenden Hilfe“ sei ein Höchstmaß an Sensibilität notwendig. Und wahrscheinlich auch mehr und anders ausgebildetes Personal. Wichtig ist der Landrätin die Personen ansprechen zu können, die bislang nicht oder nur sehr eingeschränkt zu erreichen gewesen seien. Das seit 2011 existierende Bildungs- und Teilhabepaket beispielsweise sei noch viel zu wenig bekannt, viele wüssten nicht, dass sie dort Anträge stellen können. „Da lassen wir viel Geld liegen“, appellierte die Landrätin, diese Bundesförderung stärker in Anspruch zu nehmen. Der Landkreis werde im Rahmen der Initiative Betroffene stärker über die Möglichkeiten informieren.

Konkret will der Landkreis in Zukunft jährlich jedem ehrenamtlich organisierten Tafelladen im Kreisgebiet eine verlässliche Grundfinanzierung in Höhe von 5000 Euro aus dem Kreishaushalt zukommen lassen, damit diese nicht immer auf Spenden angewiesen sind, sollte zum Beispiel mal ein Kühlschrank kaputt gehen oder ein zusätzlicher notwendig werden. Fünf Tafeln gibt es aktuell im Landkreis, im Haushalt müssten also 25.000 Euro eingeplant werden. Über die Tafeln werden laut Landrätin mehrere Tausend bedürftige Menschen mit Lebensmitteln versorgt.

Gemeinsam mit dem Landkreis Göttingen bewirbt sich der Landkreis Northeim beim Modellprogramm „Aktiv (F)“, in dem es für zwei Jahre 2,5 Millionen Euro Fördergeld geben kann. Ende des Jahres wird die Entscheidung erwartet, ob der Kreis Northeim den Zuschlag bekommt. Im Fokus dieses Förderprogrammes stehen allein erziehende Frauen und Frauen mit Migrationshintergrund, die häufig von Armut betroffen oder bedroht sind. Mit der geplanten Unterstützung sollen Nachqualifizierungen finanziert und Tagesstrukturen an die Betroffenen vermittelt werden. In Einbeck könnte das im EinKiFaBü geschehen, erläuterte die Landrätin die Pläne.

Nachtrag 22.09.2019: Inzwischen liegen erste Reaktionen vor:

CDU: Adventskalender für kleine Tafel-Kunden

150 Adventskalender überreichte die CDU-Vorsitzende Beatrix Tappe-Rostalski (r.) mit ihrer Ratskollegin und stellvertretenden Bürgermeisterin Antje Sölter an Thomas Döhrel von der Einbecker Tafel.

Die CDU Einbeck hat wie in den Vorjahren wieder Adventskalender für die Einbecker Tafel gespendet, die vor zehn Jahren ihren Betrieb aufgenommen hat. Familien mit Kindern bis 12 Jahre konnten einen der 150 Schoko-Kalender für die Adventszeit erhalten. Derzeit sind insgesamt rund 300 Empfänger in 120 Bedarfsgemeinschaften bei der Einbecker Tafel registriert, berichtete Thomas Döhrel. Die derzeit allgemein gute Wirtschaftskonjunktur mache sich in sinkenden Zahlen bemerkbar. Die Lebensmittel werden im Tafelladen an der Ecke Münsterstraße/Hohe Münsterstraße jeden Donnerstag von 15 bis 17.30 Uhr ausgegeben. Die Resonanz in den spendenden Lebensmittel-Geschäften sei weiterhin gut, es gebe aktuell auch genügend ehrenamtliche Helfer, rund 40, sagte Döhrel. Auf der Suche ist die Tafel jedoch derzeit nach einem ehrenamtlichen Helfer mit Führerschein, der beispielsweise als Rentner gelegentlich und flexibel kurzfristig mit dem Tafelauto von entfernteren Orten Lebensmittelspenden aus Überproduktionen abholen kann. Interessierte können sich im Pfarrbüro der Evangelischen Kirchengemeinde, 05561 / 72013, melden oder per E-Mail info@einbecker-tafel.de Oder aber sie schauen einfach am Donnerstag bei der Lebensmittel-Ausgabe vorbei und sprechen einen der Helfer direkt an.

CDU: Wieder Adventskalender für Tafel

Karsten Armbrecht, Antje Sölter, Thomas Döhrel, Beatrix Tappe-Rostalski, Heinz-Hermann Wolper mit den Adventskalendern.

Wie bereits in den vergangenen Jahren hat die CDU Einbeck auch jetzt wieder Adventskalender für die Einbecker Tafel gespendet. Familien mit Kindern bis 12 Jahre werden rechtzeitig einen der 100 Schoko-Kalender für die Adventszeit erhalten. Derzeit sind insgesamt rund 400 Empfänger in 120 Bedarfsgemeinschaften bei der Einbecker Tafel registriert, berichtete Thomas Döhrel den Christdemokraten. Seit knapp einem Jahr werden die Lebensmittel im Tafelladen an der Ecke Münsterstraße/Hohe Münsterstraße nur noch einmal pro Woche, nämlich donnerstags von 15 bis 17.30 Uhr, ausgegeben. Die Resonanz in den spendenden Lebensmittel-Geschäften sei weiterhin gut, leider werde es aber immer schwerer, ehrenamtliche Helfer zu finden, sagte Döhrel. Interessierte können sich im Pfarrbüro der Evangelischen Kirchengemeinde, 05561 / 72013, melden oder per E-Mail info@einbecker-tafel.de Oder aber sie schauen einfach am Donnerstag bei der Lebensmittel-Ausgabe vorbei und sprechen einen der Helfer direkt an. Im nächsten Jahr wird die Tafel zehn Jahre alt.

Kulturpforte: Erste Karten vermittelt

Das hätte man so schon vor Monaten haben können: Durch direkte Ansprache von möglichen Interessierten sind die ersten Eintrittskarten der Kulturpforte Einbeck vermittelt worden. „Wir haben den praktischen und unbürokratischen Weg gewählt“, sagte Kultur-Sachgebietsleiterin Dr. Elke Heege in der jüngsten Sitzung des Kulturausschusses. Sie gab einen Sachstand bei dem Projekt, das vor 35 Monaten von der CDU im Stadtrat angestoßen worden war, um das sich zwischenzeitlich die Arbeiterwohlfahrt kümmern wollte und zu dem es zuletzt immer nur auf Nachfrage überhaupt Informationen gab. „Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum das so lange gedauert hat“, sagte Heidrun Hoffmann-Taufall (CDU) im Kulturausschuss. Sie sei enttäuscht und traurig, dass man nun nach einem langen Umweg dort sei, wo man schon vor längerer Zeit gleich hätte beginnen können. Bei der Kulturpforte, auch Kultur-Tafel genannt, werden Eintrittskarten für Kulturveranstaltung kostenlos an Bedürftige abgegeben, die sich einen Besuch nicht leisten können. Oftmals würden die Plätze bei Konzerten oder Theaterstücken ohnehin leer bleiben, mit der Kulturpforte werden diese freien Plätze durch Interessierte besetzt.

Davon, dass die AWO die Kulturpforte betreibt, war jetzt im Kulturausschuss überhaupt keine Rede mehr. „Wir mussten eine Menge praktischer Hindernisse aus dem Weg räumen“, berichtete Dr. Elke Heege: Die Einbecker Tafel und namentlich dort Thomas Döhrel und Marco Spindler sprechen mögliche Interessierte direkt an, ob sie Karten für Kulturveranstaltungen erhalten möchten. Zur Verfügung stehen dafür zurzeit zunächst Karten von Veranstaltungen des städtischen Kulturrings. Bei der Einbecker Tafel erhalten zurzeit 150 Bedarfsgemeinschaften regelmäßig Lebensmittel, ein Drittel davon sei gezielt ansprechbar für die Kulturpforte, etwa 70 Prozent der Tafel-Kunden hätten einen Migrations- oder Flüchtlingshintergrund und manchmal (noch) Sprachschwierigkeiten, was man bei den Eintrittskarten natürlich berücksichtigen müsse, berichtete Dr. Elke Heege. Musikveranstaltungen seien da aber unproblematisch. Angesprochen werden mögliche Interessierte auch bei der Flüchtlingssozialarbeit sowie bei der Schuldnerberatung der Diakonie. „Ich glaube, dass sich das entwickelt“, sagte Dr. Heege, „ich bleibe da dran“. Angeregt wurde von der CDU, auch im Einbecker Kinder- und Familienservicebüro dortige Besucher gezielt auf vorhandene Kulturkarten anzusprechen.

Dass die AWO überhaupt noch, wie von ihr selbst über lange Zeit angestrebt, ins Boot Kulturpforte einsteigen wird, erscheint mir inzwischen unwahrscheinlich. Das von der Kultur- und Denkmalstiftung bewilligte Fördergeld für eine Software, mit der die freien Tickets einfacher vermittelt werden können, sei von der AWO nicht abgerufen worden, sagte Dr. Heege. Mit einer separaten Datenerhebung der Interessierten würden die datenschutzrechtlichen Probleme beginnen, das gab auch Ausschussmitglied Michael Büchting für die Flüchtlingsarbeit betreibende Diakonie-Stiftung zu bedenken. Doch zu der (separaten) Vorgehensweise sei damals von der Göttinger Kulturpforte geraten worden, es gerade nicht an die Tafel anzudocken, erinnerte die Kultur-Sachgebietsleiterin an die Präsentation der Göttinger in Einbeck.

Heidrun Hoffmann-Taufall (CDU) verzichtete darauf, nach Schuldigen für die lange Verzögerung bei der Kulturpforte in Einbeck zu suchen und diese zu benennen. Im Rathaus jedenfalls und bei der Kultur-Sachgebietsleiterin finde man diese aber nicht, sagte sie. Schuld ist auch ein großes Wort, dennoch gehört es dazu, nach Verantwortlichkeiten zu fragen, warum etwas lange dauert, sich verzögert, schiefgeht. Und es gehört zu Politik, dies alles klar zu benennen. Es ist übrigens auch keine Schande, mal einen Fehler zuzugeben. Wo Menschen arbeiten, werden solche gemacht.

CDU spendet Adventskalender für Tafel

CDU spendet Adventskalender für Kinder der Tafelempfänger (v.l.)

CDU spendet Adventskalender für Kinder der Tafelempfänger (v.l.) Beatrix Tappe-Rostalski, Hermann Wolper, Antje Sölter, Walter Schmalzried, Hedyeh Yavanbakht, Thomas Döhrel, Edeltraud Holz.

Die Einbecker CDU hat wie in den vergangenen Jahren wieder 120 Adventskalender für die Einbecker Tafel gespendet. Alle Bedürftigen mit Kindern bis 12 Jahre werden einen der Schoko-Kalender für die Adventszeit bekommen können. Zurzeit sind insgesamt knapp 500 Empfänger bei der Einbecker Tafel registriert, die ab 5. Januar ihre Ausgabezeiten verändern wird. Dann werden die Lebensmittel nicht mehr zweimal pro Woche im Tafelladen an der Ecke Münsterstraße/Hohe Münsterstraße ausgegeben, sondern nur noch donnerstags von 15.30 bis 17.30 Uhr. Die Einbecker Tafel sucht noch ehrenamtliche Helfer, die bei der Ausgabe unterstützen können, ebenso Fahrer, die die Lebensmittel von den spendenden Geschäften abholen. Interessierte melden sich im Pfarrbüro der Evangelischen Kirchengemeinde, 05561 / 72013, oder E-Mail info@einbecker-tafel.de