Durch den Dschungel

Dorfassistentin Jutta König (3.v.l) wurde von den Ortsvertretern (v.l.) Nicole Harnisch (Haieshausen), Dirk Heitmüller (Salzderhelden), Beatrix Tappe-Rostalski (Opperhausen), Hans-Jörg Kelpe (Garlebsen-Ippensen-Olxheim) und Hans-Henning Eggert (Kreiensen) sowie Einbecks Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek begrüßt.

Jutta König (3.v.l) wird von den Ortsvertretern (v.l.) Nicole Harnisch (Haieshausen), Dirk Heitmüller (Salzderhelden), Beatrix Tappe-Rostalski (Opperhausen), Hans-Jörg Kelpe (Garlebsen-Ippensen-Olxheim) und Hans-Henning Eggert (Kreiensen) sowie Einbecks Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek als neue Dorfassistentin begrüßt. Reinhard Brinckmann (Billerbeck) konnte an dem Termin nicht teilnehmen.

Da kann doch etwas nicht richtig laufen, wenn selbst erfahrene Verwaltungsmitarbeiter fast kapitulieren müssen, den Dschungel kaum noch durchdringen können. Dabei geht es hier gar nicht um große Summen, keine Millionen: Es geht um das Projekt Dorfassistenz. Die gute Nachricht vorweg: Es gibt sie wieder, ab 1. Juni, die Dorfassistentin in einigen Einbecker Ortschaften. Doch der Weg dorthin war beschwerlich, sehr sehr holprig. Umso verständlicher, dass allen Beteiligten große Steine vom Herzen gefallen sind, allen voran der Dorfassistentin selbst: „Die Mühen waren groß“, sagt Jutta König (die bis vor kurzem noch Jutta Seiler hieß), wenn sie an die vergangenen gut eineinhalb Jahre denkt. Und ohne Beatrix Tappe-Rostalski, die Ortsbürgermeisterin von Opperhausen, wäre man nicht dort, wo man jetzt sei, dankt Jutta König für den langen Atem. „Viele Steine waren aus dem Weg zu räumen“, sagt Beatrix Tappe-Rostalski, die an dem Thema immer drangeblieben war, „manchmal waren das echt schwere Brocken.“ Sie dankt der Einbecker Stadtverwaltung für stets offene Ohren bei dem Projekt. Dass die Dorfassistentin jetzt ihre Aufgaben angehen kann, war vor allem finanziell eine schwere Geburt. Über eineinhalb Jahre lang wurden mühsam verschiedene Fördermöglichkeiten überprüft, das ursprünglich für die Finanzierung gedachte IEK (Integrierte Entwicklungs-Konzept) war schnell aus dem Spiel. „Wir waren mit Euphorie gestartet und zwischendurch öfter ernüchtert“, sagt Arnd Severidt, zuständiger Fachbereichsleiter im Einbecker Rathaus. Nun ist Jutta König als Bundesfreiwilligendienstlerin (Bufdi) bei der Diakonie in Bad Gandersheim tätig, dadurch konnte die Stadt Einbeck ihr als Dorfassistentin ein geringfügiges Beschäftigungsverhältnis im Umfang von 24 Stunden pro Monat anbieten. Jede betroffene Ortschaft beteiligt sich mit 60 Euro/Monat an den Kosten. „Nach dem Hin und Her sind wir glücklich, dass es so funktionieren kann und dankbar für die Kooperation mit der Diakonie“, freut sich Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek. Nur einer der Widersprüche im Dschungel der Vorschriften, Fördermöglichkeiten und Richtlinien: Auch die Stadt Einbeck hatte eine Anerkennung als Bufdi für Jutta König, jedoch das Bundesamt kein Kontingent. Für die Diakonie hatte das Bundesamt dieses wiederum. So etwas kann man verstehen. Man muss das aber nicht.

Jutta König sieht sich als netzwerkende Dienstleisterin für Senioren in den Dörfern. Mit Aufgaben, wie sie früher eine Gemeindeschwester erledigt hat. „Das ist mein Vorbild“, sagt sie. Die 51-jährige Heckenbeckerin wird als Dorfassistentin in den Einbecker Ortschaften Opperhausen, Kreiensen, Billerbeck, Salzderhelden, Haieshausen, Garlebsen, Ippensen und Olxheim tätig – jeden Donnerstag von 8 bis 14 Uhr, so ist zunächst der Plan. Jutta König möchte in den Dörfern unterwegs sein und beispielsweise Fahrdienste vermitteln, bei Behördengängen helfen oder Unterstützung im Alltag besorgen, wenn etwa Hilfe im Garten notwendig ist. „Ich werde nicht alles selbst machen, das ist keine Ein-Frau-Geschichte“, sagt König. Trotzdem wären ihr – sobald die Dorfassistenz angelaufen ist und vielleicht andere Ortschaften noch mit einsteigen wollen – die Finanzierung von ein paar Stunden mehr für die Tätigkeit zu wünschen. Jutta Königs Anliegen ist, tragfähige Strukturen zu entwickeln, zu koordinieren. „Das Zusammenführen von Menschen macht mich glücklich, da schlägt mein Herz.“ Ziel der Dorfassistentin ist, die Lebensqualität von älteren Menschen im eigenen Zuhause so lange wie möglich zu erhalten. Die 51-Jährige hatte sich 2012/13 als Dorfassistentin bei einer von der EU geförderten Maßnahme der DAA-Akademie ausbilden lassen. Doch danach lief das Projekt aus, war das Geld alle. Auch das kann man verstehen, muss man aber nicht. Da wird ein Angebot mit öffentlichen Geldern angeschoben, und wenn es dann an die Umsetzung gehen soll, ist mit einem Mal das Geld nicht mehr vorhanden.

Die Ortschaften, von denen die meisten im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Kreiensen liegen, haben nicht locker gelassen, sie haben den Wert der Seniorenpflege, wie ich das mal genannt habe, erkannt. Und auch Salzderhelden hat den Wert einer Dorfassistentin erkannt, selbst wenn in der großen Ortschaft die Infrastruktur noch verhältnismäßig gut vorhanden ist. Ortsbürgermeister Dirk Heitmüller gibt offen zu, was Salzderhelden überzeugt hat, Jutta König als Dorfassistentin zu beauftragen: Es sei ihre Person gewesen, ihre aufgeschlossene, vertrauenswürdige Art. Für viele allein und einsam lebende Senioren ist die Dorfassistentin oftmals die einzige Kontaktperson am Tag.

Seniorenpflege

Scheitert ein gutes Projekt am Geld – und an der Tatsache, dass der schwarze Zuständigkeits-Peter hin und her geschoben wird? Die Dorfassistenz sollte eigentlich von sechs Ortschaften in ihren Dörfern installiert werden. Eigentlich. Denn erstmals in der jüngsten Ortsratssitzung Mitte März in Garlebsen wurde bekannt, dass die Dorfassistentin keine Zulassung für den Bundesfreiwilligen Dienst bekommt und die Maßnahme über das Integrierte Entwicklungs-Konzept (IEK) nicht förderfähig ist. Es scheint in keinem Förderprogramm Geld vorhanden zu sein, das die sechs Ortsräte aufgestockt hätten. Denn alleine können sie das Projekt nicht bezahlen. Mit einem offenen Brief (Wortlaut: Offener Brief Ministerpräsident) hat sich Gerhard Leitz aus Ippensen jetzt an Ministerpräsident Stephan Weil gewandt. Und seinem Unmut Luft verschafft, warum mit großem Aufwand, auch unter Verwendung von Steuergeldern, ein solches Projekt angeschoben werde – „und wenn dann die Mittel verbraucht sind, verschwindet alles wieder in der Schublade“, schreibt Leitz. Er bittet den Ministerpräsidenten, dass die Dorfassistenz doch ins IEK aufgenommen wird.

Bereits vor einem Jahr habe auch ich schon davor gewarnt, dass am Ende das Geld nicht reichen könnte. Ich hätte mich gerne geirrt. Und ich habe mich für einen Gedanken, geäußert damals im Ortsrat von Kreiensen, erwärmt: Die Städte und Gemeinden leisten sich für Jugendliche, von denen es immer weniger gibt, nach wie vor eine Jugendpflege. Das ist gut so, wichtig und soll auch gerne so bleiben. Warum aber dann nicht ebenso selbstverständlich eine Seniorenpflege? Nicht im Sinne einer medizinischen Pflege, sondern einer Kontaktpflege. Eine Dorfassistentin eben. Das kann ich heute nur bekräftigen. Der Gedanke bleibt richtig.

Es ist für mich unbegreiflich: Wie kann ein solches Angebot mit öffentlichen Geldern angeschoben werden, und wenn es dann an die Umsetzung gehen soll, ist mit einem Mal das Geld alle. Nachhaltig geht anders.

Jutta Seiler.

Jutta Seiler.

Jutta Seiler hat sich zur Dorfassistentin ausbilden lassen. Sie hat zwischen März 2012 und September 2013 bei einer von der EU geförderten Maßnahme der DAA-Akademie das Projekt für sich entdeckt und zum Schluss in sechs Dörfern von Alt-Kreiensen angeboten. Seit dem Ende der Finanzierung bemüht sich die Heckenbeckerin seit Monaten, die ihr sehr wichtige Arbeit fortsetzen zu können. Sie habe während ihrer Tätigkeit viele allein und einsam lebende Senioren kennengelernt, für die sie oftmals die einzige Kontaktperson am Tag gewesen sei. „Manchmal musste ich tief durchatmen“, berichtete Jutta Seiler vor einem Jahr im Ortsrat Kreiensen. Im Gespräch mit den älteren Menschen zu bleiben, mit ihnen gemeinsam zum Beispiel Behördenanträge ausfüllen – das seien nur einige der Aufgaben einer Dorfassistentin. Seiler sieht die Position als netzwerkende, koordinierende Dienstleisterin, die es Senioren erlaubt, so lange es geht selbstbestimmt im eigenen Zuhause bleiben zu können. Der Bedarf sei dabei in jedem Dorf anders. In manchen Orte habe es länger gedauert, sich Kontakte zu erschließen und Vertrauen aufzubauen, in anderen sei man direkt auf sie zu gekommen. Die Dorfassistentin koordiniert und ist Dienstleisterin, die vorhandene Angebote bei den Senioren bekannt macht. Eine Netzwerk-Arbeiterin im besten Sinne.

Nachtrag 12.05.2015: Nach aktuellen Informationen gibt es offenbar doch eine Möglichkeit, das Projekt Dorfassistenz in den sechs Einbecker Ortschaften zu realisieren. Darüber ist vergangene Woche im Ortsrat Kreiensen und im Verwaltungsausschuss gesprochen worden. Nähere Einzelheiten sollen voraussichtlich kommende Woche bekannt gegeben werden.