Wird nach dem Maler Franz Cestnik zum 100. Geburtstag ein Weg benannt?

Am 3. August jährt sich der Geburtstag des Einbecker Malers Franz Cestnik zum 100. Mal. Wird nach dem 2011 verstorbenen Künstler pünktlich zu diesem runden Geburtstag ein Weg in Einbeck benannt? Ratsherr Alexander Kloss (parteilos) hat jedenfalls die Initiative dazu ergriffen – sozusagen als aktuelles Update zu seinem bereits in der Beratung befindlichen Antrag, Straßen in Einbeck künftig mit lokalen Namen zu benennen. Die Verwaltung hat er gebeten, sich zu der Idee eines Franz-Cestnik-Weges in der nächsten Sitzung des Kulturausschusses am Dienstag zu äußern.

Der heutige Mahlerweg mit Baustelle für ein neues Mehrfamilienhaus. Foto: Alexander Kloss

„Die Idee kam mir, während ich mir die Sitzungsunterlagen durchlas und im Tätigkeitsbericht der Wirtschaftsförderung auf den Mahlerweg stieß, an dem derzeit ja ein Mehrfamilienhaus gebaut wird“, erzählt Alexander Kloss. Im Kultur- und Wirtschaftsförderung-Fachausschuss hat das Ratsmitglied ohne Fraktionszugehörigkeit das einzige Grundmandat, das ihm zusteht. In anderen Ausschüssen kann Alexander Kloss nur als Gast teilnehmen.

Das Thema, Straßennamen nach Einbecker Persönlichkeiten zu benennen, eile imgrunde natürlich nicht. „Wobei ich mir persönlich schon wünsche, dass wir es schaffen, im 100. Geburtsjahr Franz Cestniks eine Straße nach dem vermutlich bedeutendsten Maler unserer Stadt zu benennen“, sagt Kloss. Neue Straßenbenennungen stehen ansonsten vermutlich erst mit dem Neubaugebiet am Deinerlindenweg an, was noch etwas dauern werde. Und beim Mahlerweg auf der Kühner Höhe gebe es den Vorteil, dass dieser heute gar keine Anlieger hat. Niemand müsse also seine Ausweise ändern lassen oder Ähnliches. „Wie wäre es, wenn die Straße bis zu deren Fertigstellung umbenannt und künftig den Namen Franz-Cestnik-Weg tragen würde?“, fragt Ratsherr Kloss. Zwischen den nach den Komponisten Telemann, Hindemith und Orff benannten Nachbarstraßen wäre der Franz-Cestnik-Weg außerdem würdig eingebettet, findet Kloss.

Im Juni vergangenen Jahres erfolgte am Mahlerweg der symbolische erste Spatenstich, mit dem die Bauarbeiten für das Haus begannen, die Ende dieses Jahres abschlossen sein sollen. Bis dato firmiert das Bauprojekt der Volksbank unter der Adresse „Paul-Hindemith-Straße 84“. Was der Bauherr zu der Idee sagt, ist bislang noch nicht bekannt. Die Gelegenheit ist aber in der Tat günstig, in diesem Jahr einen Weg zu benennen, bevor dann zum Jahreswechsel die ersten Mieter im neuen Mehrfamilienhaus einziehen. Ich bin mal gespannt, wie flexibel und spontan die Einbecker Politik und die Verwaltung sein können. Und der unverändert zweifellos notwendigen Grundsatz-Diskussion über Einbecker Straßennamen würde das auch gar nicht vorgreifen.

Mein Video über den Auftakt zum Cestnik-Jahr in Einbeck

Nachtrag 20.01.2021: In der Kulturausschuss-Sitzung gestern Abend wurde die Anfrage von Ratsherrn Kloss sehr kurz von der Verwaltung dahin gehend beantwortet, dass sein ursprünglicher Antrag zu den Straßennamen in der März-Sitzung des Ausschusses (geplant am 16. März 2021) ausführlich behandelt werden soll und die Verwaltung dieses wichtige Thema jetzt vorbereite, sagte der neue Museumsleiter Marco Heckhoff.

Und noch ein Kloss-Antrag

Wenn er in dieser Schlagzahl weitermacht, besteht die Tagesordnung der nächsten Ratssitzung ausschließlich aus seinen politischen Initiativen. Doch Spaß beiseite: Der jetzt parteilose Ratsherr Alexander Kloss wirkt seit seinem SPD-Austritt wie entfesselt von parteipolitischen Zwängen, hat er binnen weniger Tage doch jetzt schon seinen zweiten Antrag für die nächste Sitzung des Stadtrates vorgelegt, die am 9. September stattfinden wird. Der 44-Jährige möchte in Zukunft bei der Vergabe von Straßennamen vor allem Einbecker Persönlichkeiten berücksichtigt sehen, begründet Alexander Kloss seinen Vorstoß, über den nach eigenen Angaben er sich schon länger Gedanken macht, und stellt diesen Ratsantrag, wie er das angekündigt hat, weit vor der Sitzung zum erwünschten öffentlichen Diskurs.

Symbolbild/Archiv.

Der Kloss-Antrag wird voraussichtlich zur weiteren Diskussion in den Kulturausschuss überwiesen. Der bisherige SPD-Ratsherr möchte die Stadtverwaltung eine Konzeption ausarbeiten lassen, damit man bei der Vergabe von Straßennamen in Zukunft auf eine bereits vorberatene Liste von in Frage kommenden Namen zurück greifen kann. Alexander Kloss nennt als Beispiele Einbecker Persönlichkeiten die Namen von August Wenzel (u.a. früherer NFV-Fußballpräsident, nach ihm ist bereits das Stadion benannt), Wilhelm Dörge (langjähriger Bürgermeister und CDU-Landtagsabgeordneter) und Franz Cestnik (Maler, der im kommenden Jahr 100 Jahre alt geworden wäre und der bis dahin mit einem Kulturjahr bereits gedacht wird). Kloss möchte jedenfalls in Zukunft nicht die x-te Straße „nach nationalen oder internationalen Prominenten“ benennen, sondern viel lieber lokale Größen mit Strahlkraft berücksichtigen.

Das ist lobenswert und genau das, was ich bereits vor Jahren u.a. anlässlich der Einweihung des Heinrich-Keim-Weges thematisiert hatte – und auch zuletzt beim Thema Ehrenmal. Denn in dem Zusammenhang würde es auch Sinn machen, einmal politisch vor Ort zu diskutieren, wie mit einigen bestehenden Straßennamen umgegangen werden soll, deren Namen man heute nicht mehr so für Straßen vergeben würde, die nur im zeitgeschichtlichen Zusammenhang verstanden werden, beispielsweise der Carl-Diem-Weg oder die nach dem Nazi-Landrat benannte Dr.-Heinrichs-Straße in Andershausen oder auch die Agnes-Miegel-Straße. Eine solche Debatte ist nicht einfach, und vor allem müssen die Anwohner in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mitgenommen werden. Aber es kann sehr lohnenswert sein, sich mit der Geschichte einiger Straßen und Wege auseinander zu setzen. Ein einfaches Schilder-Austauschen nicht mehr oportuner Namen ist damit selbstverständlich nicht gemeint. Bilderstürmerei ist keine historische Beschäftigung mit der Vergangenheit.

Heinrich-Keim-Weg eingeweiht

Heinrich Keim war von 1946 bis 1981 Stadtdirektor in Einbeck, der Fehler auf dem Erläuterungsschild wird noch beseitigt.

Im Beisein der Tochter und der Enkeltochter von Heinrich Keim, Angelika und Petra Domeier, ist heute der Weg zwischen der Rabbethgestraße und dem Ostertor offiziell nach dem langjährigen Einbecker Stadtdirektor benannt worden. Das Schild „Heinrich-Keim-Weg“ ist nun an beiden Seiten des bislang zum Langen Wall gehörenden Weges angebracht, inklusive einer Erläuterungstafel (auf der sich ein kleiner Fehler bei einer Jahreszahl eingeschlichen hat, der noch korrigiert wird). Der Stadtrat hatte sich einstimmig für die Umbenennung ausgesprochen, geklagt hatte nach der öffentlichen Auslegung der Pläne niemand der drei Anlieger. Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek dankte Erika Rau für die Initiative zur Umbenennung, und zwischen Goetheschule (das damals Lazarett war, in dem sich Heinrich Keim aufhielt) und Rathaus sei der Weg auch an der richtigen Stelle. Als Soldat sei Heinrich Keim 1945 in den letzten Kriegstagen ein hohes Risiko eingegangen. Das würdigte auch Erika Rau, die damals als Fünfjährige bei Kriegsende erleben musste, wie bei Beschuss der Stadt Einbeck eine Eingang-Säule in der nahen Rabbethgevilla einkrachte. Damals seien alle ja nicht so gut über das Geschehen um sie herum informiert gewesen wie das heute im Handy-Zeitalter der Fall sei, deshalb habe viel Mut dazu gehört, den ersten Schritt zu gehen und im April 1945 den amerikanischen Truppen entgegen zu fahren. Dieser Mut sei entscheidend, und der habe Vorbild-Charakter, den man heute jungen Menschen nahe bringen solle, sagte die Einbeckerin. Der Mut, für eine gute Sache einzutreten.

Der nach Heinrich Keim (um-)benannte Weg ist nun eingeweiht. Hoffentlich wird die Anregung doch noch zeitnah aufgegriffen, einen Vortrag über Heinrich Keim, sein Leben und sein Wirken in Einbeck anzubieten, das ja aus deutlich mehr bestand als der Tat, für die ihm nun gedankt wird. Es war beispielsweise Heinrich Keims Verdienst, nach dem Zweiten Weltkrieg die Stadtverwaltung wieder aufzubauen, neu zu organisieren und in den Wirtschaftswunderjahren den Unternehmen in Einbeck eine (teilweise neue) Heimat zu schaffen – im besten Sinne des Wortes Wirtschaftsförderung. Hinzu kam der Wohnungsbau und die Unterbringung der Vertriebenen und Flüchtlinge in Einbeck. Das war nicht alles Heinrich Keim, natürlich nicht, aber eben auch. Und das darf, finde ich, bei der Verehrung für die zweifellos waghalsige Tat im April 1945 bei der Gesamtschau auf das Leben des langjährigen Stadtdirektors nicht zu kurz kommen.

Ein Vortrag mit mehr Informationen über Heinrich Keim könnte etwa vom Einbecker Geschichtsverein organisiert werden, denn heute sagt nur noch wenigen Menschen der reine Name auf dem Straßenschild etwas (selbst wenn unter dem Namensschild eine kleine Erläuterungstafel montiert ist). Die Vorsitzende des Geschichtsvereins, Dr. Elke Heege, dankte für die bei der Einweihung erneut vorgebrachte Anregung, einen Vortrag anzubieten. Das Programm des nächsten Jahres stehe allerdings schon fest.

Und ich bleibe auch bei meiner Hoffnung, dass es im Einbecker Stadtrat noch ein paar Kulturpolitiker gibt, die eine Diskussion über Straßennamen nicht scheuen. Die Diskussion über den Heinrich-Keim-Weg war kurz, schnell war man sich einig, wenn sie auch im falschen Fachausschuss stattfand (im überflüssigen Kernstadt-Ortsrat). Es war wieder mal nur eine Einzelfallentscheidung. Ich bin bekanntlich ja kein großer Anhänger von Konzepten, aber ein paar grundsätzliche Gedanken über Straßennamen dürfen sich auch ehrenamtliche Kommunalpolitiker gerne einmal machen. Baustellen gibt es hier genug, das erweiterte Wohngebiet am Weinberg benötigt mittelfristig neue Straßennamen. Ich würde mir regionale Namen dort wünschen, und nicht eine Fortsetzung von Nobelpreisträgern ohne lokalen Bezug, die es so in jeder beliebigen Stadt geben kann.

Und schließlich gibt es noch ein paar vorhandene Straßennamen, über die man gerne einmal nachdenken und diskutieren darf – der Nazi-Landrat Dr. Heinrichs in Andershausen beispielsweise wäre so ein Fall, aber auch Carl Diem oder Agnes Miegel. Es lohnt sich, dabei durchaus auch mal das Risiko einer Debatte einzugehen. Davon lebt Demokratie. Je mehr Anwohner betroffen sind, desto mehr Meinungen, das mag sein. Geschichte kann man auch nicht entsorgen, indem man Straßenschilder auswechselt. Aber man kann diese wenigstens erläutern und dadurch Historie sichtbar machen. Erläutern, warum damals Straßen nach Dr. Kurt Heinrichs, Carl Diem oder Agnes Miegel benannt worden sind. Und warum das heute vielleicht nicht mehr angebracht sein könnte.

Bei der Einweihung des Heinrich-Keim-Weges (v.l.): Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, Kernstadt-Ausschuss-Vorsitzender Rolf Hojnatzki, Heinrich Keims Tochter Angelika Domeier, Bauamtsmitarbeiter Ralf Köhler, Heinrich Keims Enkeltochter Petra Domeier, der stellvertretende Bauamtsleiter Bernd Müller, das frühere SPD-Ratsmitglied Irmela Kirleis, SPD-Ratsfrau Eunice Schenitzki und Initiatorin Erika Rau.

Ein Weg für Heinrich Keim

Noch gehört der parallel zur Schiene verlaufende Weg, der Heinrich Keims Namen tragen soll, zum Langen Wall.

Es wundert schon ein wenig, dass einer der prägendsten Männer der jüngsten Einbecker Geschichte bislang noch nicht mit einem Straßennamen geehrt worden ist. Das soll jetzt nachgeholt werden. Der Verbindungsweg zwischen Ostertor und Rabbethgestraße (bislang ein Teil des Langen Walls mit zwei Anliegern) soll in Heinrich-Keim-Weg benannt werden, nach dem früheren Bürgermeister und langjährigen Stadtdirektor. Die Bitte, mit der sich am Donnerstag, 5. April (18 Uhr, Neues Rathaus), der Kernstadtausschuss des Stadtrates erstmals beschäftigt, kam von der Einbeckerin Erika Rau. Sie begründet ihre Eingabe mit dem mutigen, tatkräftigen und risikoreichen Handeln Heinrich Keims am Ende des Zweiten Weltkrieges. Keim habe im April 1945 mit seiner Fahrt zu den vor der Stadt stehenden amerikanischen Truppen den ersten Impuls zum sofortigen Handeln gegeben, als die US-Truppen Einbeck bereits beschossen haben, erklärt Erika Rau in ihrem Brief. Sie selbst ist Zeitzeugin der letzten Kriegsstunden in Einbeck. Erika Rau führt mehrere Quellen für ihre Straßennamen-Bitte an, unter anderem auch meine Berichterstattung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes 1945, sowie ein ausführliches Youtube-Video mit dem damaligen US-Kommandanten Ernest Kaufman, einem gebürtigen Deutschen. Dass Einbeck nicht zerstört wurde, bleibt auch mit seinem Namen verbunden. Aber eben auch mit dem von Heinrich Keim.

Gedenktafel im Rathaus am Marktplatz.

Heinrich Keim (1917-1991) kam am Ende des Zweiten Weltkrieges eher durch einen Zufall nach Einbeck. Der Unteroffizier erlebte nach einem  Lazarett-Aufenthalt am 8. April 1945 das Vorrücken der amerikanischen Truppen und den Beginn des Artilleriebeschusses auf die Stadt Einbeck mit. Gegen militärischen Befehl, die Stadt unter allen Umständen zu verteidigen, entschloss er sich zusammen mit dem Einbecker Hauptfeldwebel Werner Lüttge auf eigene Faust zu einem Vermittlungsversuch. Die beiden fuhren den Amerikanern auf Lüttges Motorrad entgegen und bewegten den kommandierenden Offizier, Captain Ernest Kaufman, letztlich das Feuer auf die Stadt einzustellen. Am 9. April übergab der Stadtkommandant Generalleutnant Walter Behschnitt die Stadt kampflos an die Amerikaner. Heinrich Keim, damals 28 Jahre alt, wurde von den amerikanischen Besatzungstruppen zum kommissarischen Bürgermeister ernannt. Wenig später wurde er 1946 zum Stadtdirektor berufen. Dieses Amt füllte er fast 40 Jahre lang bis 1981 aus. Heinrich Keim baute die Stadtverwaltung neu auf und sorgte in den Nachkriegsjahren dafür, dass sich Industriebetriebe in Einbeck ansiedelten, beispielsweise die Teppichfabrik Poser (nach Walter Poser ist seit 2013 eine Straße benannt). Auch deshalb ist Heinrich Keim ohne Zweifel einer der prägendsten Männer Einbecks im 20. Jahrhundert. Während Bürgermeister vor ihm seit Jahrzehnten einen Straßennamen in Einbeck haben (Grimsehl, Troje, Oehlmann, Nedden), blieben die Amtsinhaber des 20. Jahrhunderts bisher weitgehend ohne Straße. Zuletzt wurde die erste Einbecker Bürgermeisterin, Auguste Jünemann, 2013 mit einem Straßennamen geehrt.

Warum sich der Kernstadtausschuss (und nicht wie eigentlich üblich der Kulturausschuss) mit der Straßenbenennung befassen wird, begründet das Rathaus damit, dass der urspünglich Anfang Februar terminierte Kulturausschuss mangels Themen entfallen ist. Die nächste Sitzung des Kulturausschusses ist für 24. Mai geplant. „Mit nennenswertem Widerstand gegen Ihren Vorschlag rechnen wir nicht“, heißt es im Antwortschreiben der Stadtverwaltung an Erika Rau, das Teil der Beratungsunterlagen ist. Im Frühsommer schon könnte die Straße gewidmet werden, ist man optimistisch. Die nächste Sitzung des Stadtrates ist am 20. Juni.

Heinrich Keim. Foto: Stadtarchiv Einbeck

Ob es so schnell gehen wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht wird noch ein Grund bekannt, warum bislang keine Straße nach Heinrich Keim benannt wurde, lediglich eine Gedenktafel im Rathaus erinnert an ihn – mit dürren Lebens- und Amtsjahren, die nur wenig aussagen. Die kampflose Übergabe Einbecks 1945 war nicht der Erfolg eines einzigen Menschen, das habe ich schon 1995 in meinem Buch „Damals 1945 – Die Stunde Null in der Region“ geschrieben und dort ausführlich erörtert, so spektakulär die Fahrt Keims (und Werner Lüttges!) auch war. Es war das Zusammentreffen vieler Faktoren und Menschen, wenn auch Keim mit seiner zweifellos mutigen Tat einen entscheidenden Anteil daran hatte und als Soldat gegenüber den Amerikanern wahrscheinlich am entschlossensten auftrat. Denn in die Stellungen der Amerikaner war auch der Samengroßhändler Karl Dörnte gefahren. Und General Behschnitt hat taktiert – hin und her gerissen zwischen „Führer“-Befehl, der Sorge vor den eigenen Vorgesetzten, die ihn bei „zu früher“ Übergabe der Stadt noch standrechtlich erschießen hätten können. Unmittelbar nach Kriegsende musste sich Keim gegen Anschuldigungen wehren, wie ich schon 1995 auf Grundlage von Akten des Stadtarchivs geschrieben habe: bis hin zu der Formulierung, er, Keim, lasse sich „nicht das Recht nehmen, der alleinige Retter der Stadt zu sein“.

Den Straßennamen dürfte Heinrich Keim deshalb auch nicht einzig für seinen Einsatz am 8./9. April 1945 bekommen, sondern ebenso für seine Politik nach dem Zweiten Weltkrieg, der Zeit des Wiederaufbaus, der Wohnungsnot, des Vertriebenen-Zuzugs. In den Jahren nach 1945 bis in die jüngere Vergangenheit (1980) hat Heinrich Keim Einbeck seinen Stempel aufgedrückt. Und vielleicht, das ist meine Hoffnung, führt die Diskussion auch dazu, so etwas wie Kriterien festzulegen, die für die Benennung einer Straße erfüllt sein müssen. Denn ein paar andere Frauen und Männer aus der jüngeren Vergangenheit haben sich ebenso um Einbeck verdient gemacht, haben aber bislang keine Straße oder keinen Weg mit ihrem Namen. Und bei den letzten großen Neubaugebieten der Kernstadt hat sich die Politik lieber für Alfred Nobel, Edith Stein oder Max Planck entschieden und gegen lokale Namensgeber. Dafür gab es sicherlich Gründe, die heute jedoch kaum noch bekannt sind.

Zum Video mit Ernest Kaufman bei Youtube (ab 38:12 Minute geht es um Einbeck).

Nachtrag 05.04.2018: Der Kernstadtausschuss hat dem Antrag einstimmig zugestimmt, verbunden mit der Bitte zu prüfen, ob man nur einen Teil der Verbindung als Heinrich-Keim-Weg benennen kann; abschließend entscheidet der Stadtrat. Einer der zwei beteiligten Anlieger des heute zum Langen Wall gehörigen Abschnitts brachte in der Sitzung vor, dass eine Umschreibung aller Dokumente und die Adressänderung mit erheblichem Aufwand verbunden sei. Den Wunsch, einen Weg nach Heinrich Keim zu benennen, könne sie aber emotional absolut nachvollziehen, sagte eine Anliegerin. Bauamtsleiter Frithjof Look regte an, doch vielleicht einen anderen Teil der Wallanlagen nach Heinrich Keim zu benennen; einen Weg zu teilen und auf einem Weg unterschiedliche Adressen zu haben sei schwierig. Erika Rau erläuterte im Ausschuss ihren Antrag, zu dem sie auch von Ratsfrau Eunice Schenitzki (SPD) ermutigt worden sei: „Das darf nicht untergehen, dass Heinrich Keim im entscheidenden Moment den Impuls gegeben hat“, sagte Erika Rau. Einer müsse eben immer den Anstoß geben, und natürlich sei auch Werner Lüttge 1945 dabei gewesen. Sie sei als Zeitzeugin schon länger an dem Thema dran, habe bislang immer gedacht, ein solcher Antrag wäre von den Fraktionen ausgegangen. „Längst überfällig“ sei eine Ehrung, meinte Albert Eggers (CDU). Eine „gute Initiative“, fand auch René Kopka (SPD). Er regte an, bei der Benennung eine erläuternde Hinweistafel anzubringen, denn nicht jedem sage der Name Heinrich Keim heute etwas. Rolf Hojnatzki (SPD) möchte die Gesamtleistung gewürdigt sehen, die von April 1945 ebenso wie die in fast 40 Jahren als Stadtdirektor. Dr. Marion Villmar-Doebeling (FDP) wünschte sich zur Benennung des Weges einen Vortrag über Heinrich Keim, eventuell vom Geschichtsverein in der Rathaushalle organisiert. Warum sich der Kernstadt- und nicht der Kulturausschuss mit dem Thema beschäfitgte, blieb heute offen. Auch grundsätzliche Kriterien für Straßenbenennungen erörterte der Ausschuss nicht. Für viele Dinge, für fast alles, gibt es in Einbeck Konzepte. Bei dem Thema Straßennamen soll anscheinend immer wieder der Einzelfall entschieden werden.

Nachtrag 07.06.2018: Der Verwaltungsausschuss hat gestern laut Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek einstimmig beschlossen, den Weg zwischen Rabbethgestraße und Ostertor in „Heinrich-Keim-Weg“ umzubennen. Abschließend entscheidet der Stadtrat. Die bei einer Anhörung der Anlieger des heute zum Langen Wall gehörigen Weges von diesen vorgebrachten Hinweise und Bedenken hat der VA zur Kenntnis genommen, in seiner Abwägung jedoch entschieden, das öffentliche Interesse nach einer Umbenennung des Weges nach dem ehemaligen Stadtdirektor höher zu gewichten.