Das laute Schweigen

(c) Foto: Frank Bertram

Vor 80 Jahren, an den ersten April-Tagen des Jahres 1945, endete in Einbeck und Umgebung der Zweite Weltkrieg und mit ihm die Zeit des Nationalsozialismus. Von Westen nach Osten zogen die amerikanischen Truppen durch die Region, nahmen Ort für Ort ein. In Einbeck gab es gottlob keine Kampfhandlungen. Auch in Greene vollzog sich die Übergabe des Ortes friedlich. Warum das so war, wer sich dafür unter Einsatz seines eigenen Lebens engagierte, ist schon an früheren Jahrestagen auf Grundlage von damals noch lebenden Zeitzeugen oder der Aktenlage in Archiven berichtet worden. Doch Geschichte muss lebendig gehalten werden. Sie muss nachfolgenden Generationen immer wieder weitergegeben werden.  

Noch vor zehn Jahren, bei der Gedenkfeier am 8. April in Greene, hätte niemand daran gedacht, dass heute wieder über massive Aufrüstung, Wehrpflicht und Zivilverteidigung gesprochen werde, sagte Greenes Ortsbürgermeister Frank-Dieter Pfefferkorn gestern bei der Gedenkveranstaltung in Greene. „Können oder müssen wir aus der Geschichte lernen?“, fragte er. „Vielfach habe ich heute das Gefühl, dass die Vergangenheit ausgeblendet wird, man will keine Parallelen sehen und schon gar keine Konsequenzen ziehen.“ Doch wenn das Erinnern an Hauptmann Friedrich Hauschild nicht zum Ritual werden solle, müsse man aus der Geschichte seine Schlüsse ziehen. „Er hat sich für die Menschen entschieden, wissend, dass er damit sein Leben riskiert. Er hat die Verantwortung angenommen für die Bevölkerung, für den Ort. Jeder von uns mag sich fragen, wie er gehandelt hätte.“ Jeder möge sich heute umsehen, sagte Pfefferkorn: Wieder werde versucht, einfache Lösungen zu verkaufen, wieder würden Menschen ausgegrenzt, werde zu Hass aufgerufen. „Treten wir dem jeder an seinem Platz entgegen, erkennen wir wie wichtig und wertvoll unsere Demokratie ist“, sagte der Ortsbürgermeister. „Stellen wir uns allen Versuchen entgegen, Probleme mit Gewalt zu lösen.“

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Greenes Ortsbürgermeister Frank-Dieter Pfefferkorn (l.) hat das Straßennamenschild am 8. April enthüllt.

Während in Greene an den 8. April 1945 öffentlich mit einer Veranstaltung erinnert wurde, blieb in Einbeck am 80. Jahrestag des 9. April 1945 nur lautes Schweigen. Keine Veranstaltung erinnert an das Kriegsende, lässt man eine Diskussionsrunde im linksalternativen KAZE-Kulturzentrum von den „Omas gegen Rechts“ mal außen vor. Das offizielle Einbeck schweigt. Es war sogar noch nicht einmal bei der von Ortsrat, Heimatverein und Kirchengemeinde in Greene organisierten Veranstaltung vertreten. Keine Bürgermeisterin, kein Vertreter, kein Fachbereichsleiter aus dem Rathaus waren dabei, als der Flecken Greene an Hauptmann Friedrich Hauschild erinnerte, der sich 1945 unsinnigen Befehlen widersetzte, das Viadukt nicht sprengen ließ, sondern den Ort friedlich übergeben hat. Dafür büßte er noch am selben Tag mit seinem Leben, er wurde erschossen.

Wie nah sich Ereignisse in Greene und Einbeck damals waren, zeigt eine mittlerweile als gesichert belegt geltende Erzählung, dass Hauptmann Hauschild am 8. April (das war ein Sonntag) mittags in Einbeck war und dort unter anderem mit Unteroffizier Heinrich Keim gesprochen haben soll. Keim berichtete davon, dass Orte mit Lazaretten nicht verteidigt werden sollten. Hauschild nahm das nach Greene mit, wo es auch ein Lazarett gab. Keim fasste sich am besagten Sonntag ein Herz und fuhr gemeinsam mit Hauptfeldwebel Werner Lüttge auf dem Motorrad den amerikanischen Stellungen entgegen, um eine friedliche Übergabe anzubieten. Dazu kam es letztlich einen Tag später, am 9. April 1945, Heinrich Keim wurde vielfach geehrt, zuletzt 2018 mit einem Straßennamen, blieb nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang prägender Stadtdirektor in Einbeck. Die Geschichte von Hauschild zeigt gut, wie es aber für Keim auch hätte enden können, wenn er noch auf den letzten Metern in die Hände von fanatisierten Nazis in Wehrmacht oder SS geraten wäre…

Das alles zu erzählen ist wichtig. Hier und hier finden sich online Berichte dazu – auch dazu, dass es in Einbeck Heinrich Keim nicht allein war (und auch Hauschild war in Greene nicht allein, die Übergabe besprach er mit dem damaligen Bürgermeister). Vor 30 Jahren habe ich in einem inzwischen vergriffenen Buch über das Kriegsende 1945 in Einbeck ausführlich berichtet. Anlässlich der Widmung des Heinrich-Keim-Weges im September 2018 habe ich angeregt, dass über die Person Heinrich Keim, sein Leben und die Ereignisse 1945 ff. in einem Vortrag informiert werden sollte, den Einbecker Geschichtsverein hatte ich damals als geeignetes Forum genannt. Leider gab es einen solchen Vortrag, der den schlichten Namen auf dem Straßenschild trotz des Erläuterungsschildes lebendig machen würde, bis heute nicht. Ein Versäumnis, das sich aber noch heilen lässt.

Die Greener haben zwar an Friedrich Hauschild erinnert (wie auch schon vor zehn und 20 Jahren regelmäßig), setzen beim Straßennamen allerdings offenbar etwas zu stark auf die normative Kraft des Faktischen. Eine Diskussion über den Straßennamen für die (noch gar nicht vorhandene) Stichstraße im Neubaugebiet Löberfeld jedenfalls ist in keinem politischen Gremium zu finden. Ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, die Straße „Friedrich-Hauschild-Straße“ (mit Erläuterungen über den Hauptmann auf dem ohnehin noch zu platzierenden Erläuterungsschild) zu nennen und nicht „Hauptmann-Hauschild-Straße“, mag mancher eine Kleinigkeit nennen. Wobei: Es gibt ja auch keine lokalen Kulturpolitiker mehr, die Debatten über Straßennamen führen können und wollen (und der Stadtrat-Ausschuss, der noch den Namen Kultur trägt, beschäftigt sich auch mit Schule und Sport, was will man da erwarten). Das wurde schon vor drei Jahren deutlich. Leider ist die 2022 beratene Liste mit potenziellen Namen für neue Straßen offenbar lediglich in irgendeiner Schublade verschwunden. Denn seitdem ist Folgendes passiert: nichts.

(c) Foto: Frank Bertram
Seit 2018 führt der Heinrich-Keim-Weg vom Hubeweg / Ostertor zur Schützenstraße.

Nachtrag 10.04.2025: Die Wählergemeinschaft des Greener Ortsbürgermeisters Frank-Dieter Pfefferkorn meldet sich heute mit einer Pressemitteilung zu Wort, die Bürgerliste „Gemeinsam für Einbeck“ habe sich gestern auf dem Marktplatz versammelt, des 9. Aprils 1945 gedacht und weiße Rosen vor dem Rathaus niedergelegt. Vorab wurde diese Aktion nicht mitgeteilt, auf einem Foto sind lediglich die Blumen und ein weißes Bettlaken ohne Personen zu sehen. Ihr Gedenken bezieht die BlGfE auf ein historisches Flugblatt vom 9. April 1945 aus dem Privatarchiv Marc Hainski. In diesem richtet sich der namentlich nicht genannte kommandierende General der amerikanischen Streitkräfte an die Bevölkerung: „Falls Ihr weiteres Blutvergießen und Vernichtung Eurer Stadt verhüten wollt, hisst weisse Flaggen in sichtbarer Weise als Zeichen der Übergabe.“ Dass die vorrückenden amerikanischen Kräfte die Stadt im Falle des Widerstandes zerstört hätten, steht für die BlGfE außer Frage: Die Ankündigung in dem Flugblatt („Wird ein Amerikaner erschossen, wird die ganze Stadt zerstört werden“) sei ernst gemeint gewesen, wie es zahlreiche traurige Beispiele zum Kriegsende belegten. „Frieden ist eines der höchsten Güter, das wir haben und ich bin dankbar, in einem Land zu leben, welches sich seit 1946 aktiv für den Frieden einsetzt“, erklärte BlGfE-Vorsitzender und Ratsherr Dirk Strohmeyer laut Pressemitteilung bei der Aktion. „Aber Frieden ohne Freiheit ist nicht vorstellbar, und die aktuelle Lage in der Welt zeigt immer noch, dass es Länder gibt, die scheinbar bedenkenlos ihre Nachbarn überfallen.“ Ratsfrau Petra Bohnsack ergänzte hierzu laut Pressemitteilung, dass „nie wieder Krieg nie als vorweggenommene Kapitulation gelten darf“. Man sei sich einig gewesen, dass die Ukraine auch für Freiheit und Frieden in Deutschland einen wichtigen Beitrag leiste.

6 Kommentare zu „Das laute Schweigen

  1. Leider ist es so, dass wohl die Mehrheit, zumindest augenscheilich nichts aus der Geschichte gelernt hat und auch heute blind der Propaganda vertraut! „Ich habe es ja im Fernsehen gesehen“ Es ist geradezu unglaublich! Die Geschichte, gerade mal 100 Jahre her, wiederholt sich! Und die Mehrheit spielt blind mit! Ich bin bestürtzt und traurig und habe Angst um unsere Töchter und Söhne!

  2. Danke an den kleinen Ort Greene. Es war eine würdevolle und der Zeit angepasste Gedenkveranstaltung an der ich teilgenommen habe. Schon viele Jahre beschäftige ich mich mit dem Thema der vielen unsinnigen Zerstörungen von Bahnanlagen durch die deutsche Wehrmacht in den letzten Kriegstagen in unserer Heimat und die menschlichen Schicksale die damit verbunden sind.

  3. So ganz allgemein kann man nicht behaupten, dass sich der entsprechende Fachausschuss nicht mit Straßennamen beschäftigt. Ende November 2022 wurden beispielsweise kritisch historische Persönlichkeiten beleuchtet und wir kamen zu anderen Ergebnissen als manche Großstadt, die einfach löscht. Wir als Ratspolitik setzen eher auf kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte. Der Name Hindenburg ist ein Beispiel dafür. Und auch die Benennung von Straßen nach Einbecker Persönlichkeit wie Ball Rico oder Franz Cestnik sprechen für sich. Sicher gibt es immer noch ein gespaltenes Verhältnis zum Militär in großen Teilen der Bevölkerung, aber auch da bewegt sich aufgrund des Krieges in der Ukraine in jüngster Zeit etwas, hoffentlich im Rahmen des Notwendigen. ohne übersteigerten Patriotismus.

  4. Danke für den Beitrag zur Straßenbenennung in Greene zum 80. Jahrestag des Kriegsendes in der Region.
    Ich musste in dem Zusammenhang auch an Captain Ernst Kaufmann denken, der eine entscheidende Rolle bei der Übergabe der Stadt Einbeck gespielt hat. Als Jude in NS-Deutschland verfolgt, emigrierte er in die USA und kam als Soldat zurück und setze sich für eine friedliche Einnahme Einbecks ein. Er beschreibt die Geschehnisse u.a. in seinem Buch „From Fright to Fight to Farm“ („Von der Furcht über den Kampf hin zur Landwirtschaft“).
    Mehr Infos zu Ernst Kaufmann: https://mlra.org/ernest-kaufman/

  5. Hallo Herr Bertram, Danke für den aufschlussreichen Text und den passenden Aufschlag zu dem Thema.
    Ich teile ihre Position, dass es kein gutes Zeichen der Stadt Einbeck ist über die Ereignisse am 8. und 9.April zu gedenken noch zu berichten. Geschweige denn von der Lokalpolitik einen größeren Bogen auf die Lokale Geschichte zu schlagen, fernab von Platitüden einer „Gedenkperformance“. Ich möchte aber dennoch kritisch anmerken, dass das Verhältnis der deutschen Bevölkerung zu den Geschehnissen und Taten der Deutschen Bevölkerung zwischen 1933-1945 in keinem Gedenken zu einer geläuterten Befreiung der Gräueltaten sich niederlegen darf. Strukturen und Ideologien dieser Zeit tradieren sich weiter und tun sich immer wieder kund. Die genannten Personen, die die Stadt Einbeck und dem Flecken Greene zur Aufgabe bewogen, sind trotz ihrer Taten ziviles Leben zu retten, immer noch Täter. Die von KZ Außenstellen wussten, von Zwangsarbeit profitierten und oder sich die Ideologie angeeignet haben oder sogar davon profitierten. Ob es Rudolf Höß (KZ Auschwitz Kommandant) ist der sich auch in Einbeck und Dassel nach dem Krieg versteckte, die SS Schule in Kreiensen welche zur Waffenfabrik wurde, oder die nicht erfolgreiche Entnazifizierung der Bevölkerung welche sich in Vereinen und Schule widerspiegelte (wie es in der SWR Doku über Kreiensen „Schützenfest in Bahnhofsnähe“ dokumentiert worden ist). Es ist Teil unserer Gegenwart und so müssen wir mit dieser verantwortungsvoll umgehen und klar benennen. Täter, Opfer und die Strukturen benennen. Faschismus, Antisemitismus ect.

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