Märchenwald soll moderat wachsen

Der Märchenwald im Einbecker Stadtforst soll wachsen, aber nur moderat. Diese Empfehlung hat jedenfalls der zuständige Umweltausschuss an den Stadtrat gegeben, der in seiner nächsten Sitzung darüber entscheiden wird. Im Ausschuss gab es lediglich eine hauchdünne 7:6-Mehrheit für die Erweiterung der heute 23,8 Hektar großen Märchenwald-Fläche um weitere 15,4 Hektar. Eine Vergrößerung der Fläche um 18,8 Hektar hatte deutlich mit 4:9-Stimmen keine Mehrheit gefunden.

Hier geht’s zum Märchenwald. Archivfoto

Im Umweltausschuss war darüber diskutiert worden, ob der Märchenwald vergrößert werden soll und wenn ja, um welche zusätzlichen Forstbereiche. In Abteilung 30 (15,4 Hektar) überwiegt der Laubholzanteil im jungen Alter. Die Abteilung 38 (17,4 Hektar) ist aus rein forstwirtschaftlicher Sicht die wertvollste Abteilung im Einbecker Stadtwald. Das Baumartenspektrum sowohl bei Laubholz als auch Nadelholz umfasst viele Arten im höheren Alter mit sehr guten Ernteaussichten. Bei dieser Option von insgesamt 18,8 Hektar wären die Flächen 39b1 und 39b2 inkludiert mit 1,38 Hektar, weil sich diese Fläche sonst genau zwischen der jetzigen Märchenwaldfläche und Abteilung 38 befindet.

Die SPD-Fraktion stimmte einheitlich für die geringere Erweiterung, das sei eine vertretbare Größe, die wirtschaftlich keine Probleme mache, sagte Fraktionsvorsitzender Rolf Hojnatzki. Klaus-Reiner Schütte regte an, die unterschiedlichen Stufen der Zertifizierungen für Waldbewirtschaftung einmal darzustellen, das fand eine deutliche 10:3-Mehrheit im Ausschuss. Vielleicht könne man so mehr für Wald und Ökologie erreichen.

Uneinheitlich war die Meinung bei der CDU. Während Carsten Pape sich mit einer Erweiterung anfreunden könnte, sind Heinz-Hermann Wolper und Willi Teutsch gegen eine Vergrößerung. Sie hatten das hinzu gewählte Ausschussmitglied von “Friday for future”, Hinrich Borchardt, auf ihrer Seite, der ebenfalls möglichst keine weiteren Flächen aus der Waldbewirtschaftung nehmen möchte. Mit einer weniger intensiven Bewirtschaftung von Forstflächen komme man bei der CO2-Bilanz weiter. Naturbelassener Wald setze mehr CO2 frei, das wäre dann ökologisch eine “Nullnummer”, warnte Willi Teutsch (CDU). Heinz-Hermann Wolper (CDU) appellierte, den Stadtwald für die Zukunft gut aufzustellen. Einen Märchenwald für die Ewigkeit zu konservieren, werde nicht funktionieren. Und nur Holzwachstum binde CO2, weshalb gerade die Fläche mit jungem Bestand ökologisch so wichtig sei.

Dietmar Bartels (Grüne) wünschte sich eine große Erweiterung der Märchenwald-Fläche, der vergleichsweise geringe Einnahmeverlust sollte das wert sein. Wenn Wälder wachsen dürften, sei das für die CO2-Speicherung gut, meinte Bartels.

Das hinzugewählte Ausschussmitglied Dieter Scholz (SPD) warnte davor, noch mehr Holz dem Markt zu entziehen, Deutschland sei bereits ein Holzimportland. Er sei für einen Märchenwald, aber gegen eine Erweiterung, sagte der Forstexperte. Wenn weitere Stadtforst-Fläche nicht bewirtschaftet werden dürfe, erhöhe das nur den Druck auf die verbleibenden Waldflächen noch mehr. Auch Scholz sprach sich dafür aus, lieber die Waldflächen weniger zu bewirtschaften, das sei ein besserer Ansatz, sagte er.

Der neue Stadtförster Jonas Fürchtenicht vom Stadtforstamt Moringen, der seit einem Jahr den Einbecker Stadtwald betreut, erläuterte dem Ausschuss die verschiedenen Aspekte einer Märchenwald-Erweiterung. Am Ende hatte er mehr Punkte auf der Contra-Seite seiner Argumente. Eine Erweiterung des Märchenwaldes führe dazu, dass die Leistungen von Generationen von Förstern nicht mehr genutzt werden könnten, hinzu komme Einnahme- und Wirtschaftsflächenverlust. Vor allem aber werde eine Erweiterung langfristig dazu führen, dass sich der Wald verändern werde, sagte Fürchtenicht. Weniger konkurrenzstarke Baumarten würden durch die Buche verdrängt, und durch großflächige Buchenbestände verändere sich auch die Bodenvegetation in Flora und Fauna, weil die Buche sehr beschatte.

Der Einbecker Stadtwald ist rund 521 Hektar groß, knapp 500 Hektar werden derzeit bewirtschaftet, der Rest ist Märchenwald.

Im Märchenwald des Einbecker Stadtforstes gibt es einen ausgschilderten Rundweg. Archivfoto

Nachtrag 09.09.2021: Im Verwaltungsausschuss gestern hat die Beschlussempfehlung des Fachausschusses keine Mehrheit gefunden, berichtete heute Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek auf Anfrage. Das Thema Erweiterung wird nun im Stadtrat abschließend diskutiert und entschieden.

Meyers Märchenwald-Besuch

Minister im Märchenwald: Christian Meyer (r.) lässt sich die Besonderheiten des naturbelassenen Waldstücks in Einbeck von Gert Habermann und Henning Städtler (v.r.) erläutern, hier an einem mit Zunderschwamm bewachsenen Buchenstamm.

Minister im Märchenwald: Christian Meyer (r.) lässt sich die Besonderheiten erläutern, hier an einem mit Zunderschwamm bewachsenen Buchenstamm.

Der Zeitplan eines Ministers ist eng getaktet, sei dieser grün, rot, schwarz oder gelb. Da gilt es, Rücksichten zu nehmen. Noch dazu, wenn es um Termine mitten im Wald geht, die schnelle An- und Abfahrt zum Ereignis per Auto also nicht selbstverständlich sein kann. Aber wenn ein Forstminister der Grünen einen ökologischen Märchenwald besucht, der wirtschaftlich nicht mehr genutzt wird, muss die Besuchsdelegation vielleicht nicht gerade mit mehreren Kleinbussen durch den Wald rauschen. Sondern einfach mal mehr Zeit einplanen. Sich aufs Wesentliche konzentrieren.

Und ob – bei allem lobenswerten Engagement der verschiedenen am Einbecker Märchenwald Beteiligten – der thematische, rund 90-minütige Parforce-Ritt durchs Unterholz tatsächlich mit einer etwa 30-köpfigen großen Gruppe notwendig war, bleibt auch zumindest fraglich. Aber so ist das, wenn jeder zu Wort kommen soll. Wenn ich noch einen Satz sagen darf…

Wie dem auch sei: Christian Meyer (Grüne), hat sich auf der Hube über die 23,5 Hektar große Fläche eines alten Laubwaldes im Einbecker Stadtforst informiert. Ein lobenswertes Projekt: Der Märchenwald ist mit 20 verschiedenen Baumarten auf dem Weg zum Urwald. Hier wird eine natürliche Waldentwicklung zugelassen, kein Holz mehr entnommen, erfuhr der aus Holzminden stammende, sollingwaldaffine Ressortchef. Das Totholz stecke voller Leben, informierten die Waldökologen Gert Habermann und Henning Städtler den Minister: Im Märchenwald seien 265 Pilz-, 68 Moos- und 30 Flechtenarten sowie sechs Specht- und 383 Käferarten nachgewiesen, der älteste Baum 260 Jahre alt.

„Ich kann Einbeck nur loben“, sagte Christian Meyer nach einem Rundgang, „es ist eine Seltenheit und eine Besonderheit, dass eine Stadt hier voran geht“. Ihn freue, dass sich die Kommune zur Artenvielfalt bekenne und alte Wälder erhalten wolle, diese aus der Bewirtschaftung nehme. „Das kostet zwar auch Geld, ist aber für die Allgemeinheit ein Gewinn.“ Der Märchenwald habe Vorbildcharakter. Die Bitte, das Einbecker Waldstück auf der Hube besonders auszuzeichnen, will der Minister wohlwollend prüfen.

Das Land Niedersachsen verfolgt nach den Worten des Forstministers das Ziel, bis zum Jahr 2020 zehn Prozent der Waldflächen aus der Nutzung herauszunehmen. Im Herbst starte das Beteiligungsverfahren für die Öffentlichkeit. Auch das Landeswaldgesetz wolle die Regierung so verändern, dass auch Privatwaldbesitzer einen Anreiz bekommen, nicht mehr auf allen Flächen Holz einzuschlagen. Dann könnten noch viel besser vernetzte ökologische Waldlebensräume entstehen, so Meyer.

Bus-Kolonne im Wald: Minister Meyer beim Besuch in Einbeck auf der Hube.

Bus-Kolonne im Wald: Minister Meyer beim Besuch in Einbeck auf der Hube.