Gesucht wird der Tiedexer Kompromiss

Protest mit Plakaten: Beim Ortstermin des Kernstadtausschusses demonstrieren Anlieger der Tiedexer Straße gegen die Pläne.

Der Protest kommt geballt. Das wird nicht nur mitten auf der Tiedexer Straße deutlich, wo Transparente den Ortstermin des Kernstadtausschusses dominieren. „Ohne Fördermittel keine Magistrale“, „Abschaffung Straßenausbaubeitrag“, „Nicht mit uns“, „Denkt an die nächste Wahl“ und „Der Rat sollte die Interessen der Bürger vertreten“ steht auf den Plakaten und Bannern. Gut 80 Zuhörer sitzen dann in der für eine Bürgerdiskussion geöffneten Ausschusssitzung im Rheinischen Hof und machen zweieinhalb Stunden lang ihrem Unmut über Vorhaben und Vorgehen Luft. „Schockiert“ sind sie, „erschüttert“, „katastrophal“ sei der Umgang mit den Bürgern. Die Anlieger der Tiedexer Straße und des Tiedexer Tores lehnen den geplanten Ausbau der historischen Fachwerk-Meile im Zuge einer „Magistrale der Baukultur“ entweder komplett ab oder wollen jedenfalls nicht in dem hohen Maße die Kosten dafür bezahlen wie das zuletzt ausgerechnet und eingeplant worden ist. Binnen weniger Tage ist eine Bürgerinitiative gegründet worden, die Akteneinsicht unter anderem in die Kalkulation verlangt und nun bekommt – auch das verdeutlicht den wirkungsvollen Protest der Immobilienbesitzer. Durch die hohen Beiträge würden die Anlieger nun auch noch bestraft dafür, dass sie seit Jahrzehnten und letztlich Jahrhunderten die Häuser erhalten würden und Einbeck mit der längsten Fachwerkhäuserzeile aus dem 16. Jahrhundert touristisch angeben könne, ärgern sie sich. Gesucht wird der Tiedexer Kompromiss. Wie könnte dieser aussehen?

  • Dass die Politik beim ursprünglichen Vorgehen bleibt, halte ich für nahezu ausgeschlossen. Die Verwaltung ist ja  bereits beauftragt, noch einmal zu rechnen, ob und wie es für die Anlieger günstiger werden kann. Alexander Kloss hat im Kernstadtausschuss für die SPD-Fraktion vorgeschlagen, eine neue Kategorie in der Satzung einzufügen für touristisch bedeutsame Straßen, bei denen die Anlieger dann deutlich weniger zahlen müssen. Joachim Dörge (CDU) hat für seine Fraktion ins Spiel gebracht, über eine andere Art der Finanzierung nachzudenken. Das geht dann eher in Richtung kompletter Verzicht auf Ausbaubeiträge. Beispiele dafür gibt es.
  • Wenn der Finanzausschuss am 15. Mai eine Änderung der Straßenausbau-Beitragssatzung für den Stadtrat empfiehlt, in der eine wiederkehrende Gebühr eingeführt wird, wie das die Grünen wollen, wäre das faktisch eine zweite Grundsteuer für alle Immobilienbesitzer in Einbeck. Dann würden Grundstückseigentümer in Erzhausen, in Kreiensen, in Hullersen oder anderen Ortschaften genauso wie die in der Kernstadt diese Gebühr bezahlen und nicht ganz abwegig erwarten, dass natürlich ihre eigene Straße als erste neu gemacht wird. Dafür jedoch dürfte das dadurch eingenommene Geld nicht ausreichen, was sicherlich zu politisch ungewollten Debatten führen würde, welcher Straßenbau denn mit der zweiten Grundsteuer als erster bezuschusst werden soll. Und welcher nicht.
  • Wenn die Satzung komplett gekippt wird, was ja neuerdings in Niedersachsen möglich ist und was vor allem die FDP favorisiert, muss die Stadt alles aus dem Steuergeld der Bürger begleichen – das sich auch nicht automatisch vermehrt. Und muss dazu dann noch Fördergelder aus diversen Töpfen einkalkulieren. Aber auch dieses Förder-Geld, das sollte man sich immer vor Augen führen, ob es vom Bund, vom Land und aus welchen Förderprogrammen mit noch so schön klingenden Namen stammt, ist das Geld aller Steuerzahler. Es kommt nur aus einer anderen Quelle.
  • Für das Tiedexer Torhaus muss es eine Ausnahmeregelung geben. Dass dort der Protest am Lautesten ist, kann ich absolut verstehen. Nicht nur wurden die 110 Wohnungseigentümer des Terrassenhauses als letzte ins Boot geholt. Sie haben auch faktisch am wenigsten von einem Ausbau der Straße. Denn das größte Mehrfamilienhaus Einbecks trägt zwar die postalische Adresse Tiedexer Tor, wird aber nahezu ausschließlich (bis auf ein paar Gewerbeeinheiten) von der Stadtgrabenstraße erschlossen und angefahren. Der Hinweis, dass durch den Straßenausbau auch vor dem Tiedexer Tor die Wohnungen im Terrassenhaus an Wert gewinnen, läuft da ins Leere. Eher könnte der Straßenausbau das berühmte Schwert werden, das über den Wohnungsbesitzern schwebt und beispielsweise einen Verkauf mit dieser bevorstehenden „Hypothek“ erschwert.

Die Tiedexer Straße ist die längste Fachwerkhäuserzeile in Einbeck.

Die Politik sollte sich die Zeit nehmen, die Alternativen in dieser wahrlich nicht einfachen Materie sorgsam abzuwägen. Eile ist nicht geboten, die Tiedexer Straße ist nicht so schlecht, dass sich ein Schlagloch ans andere reihen und unmittelbarer Handlungsbedarf bestehen würde. Deshalb ist es gut und richtig gewesen, zunächst einmal im Fachausschuss nur zu diskutieren und erst in der nächsten Sitzung am 26. Juni zu entscheiden. Der am 15. Mai tagende Finanzausschuss täte ebenso gut daran, mit einem Beschluss in der Diskussion keine Lösungsmöglichkeit dem Kernstadtausschuss als inhaltlich zuständigen Fachausschuss vorweg zu nehmen. Welches ist die richtige Lösung? Ich würde vorschlagen, den Ausbau der Tiedexer Straße zunächst einmal auf Eis zu legen, so schön er auch wäre. Die Marktstraße beispielsweise hat die Politik im vergangenen Jahr ohne nennenswerten öffentlichen Protest des Handels auf die lange Bank geschoben, nachdem die Umgestaltungspläne präsentiert worden waren, und das Geld lieber in die Hullerser Landstraße gesteckt, die jetzt mit viel Fördergeld, aber eben auch mit städtischem Geld weiter ausgebaut wird. Nach ausführlicher Suche und mit der notwendigen Geduld wird sich auch einmal die Möglichkeit für die Tiedexer Straße ergeben. Dann muss es für das Tiedexer Torhaus eine Ausnahme geben. Es kann nicht nassforsch als Goldene Gans missbraucht werden, um Geld in die Kasse zu spülen, wenn der Auslauf für diese Gans auf einer ganz anderen Straße liegt.

Welches Pflaster soll es sein bei einem Ausbau der Tiedexer Straße? Ilka Raabe vom Planungsbüro „Schöne Aussichten“ zeigt den Ausschussmitgliedern mehrere Varianten – begleitet von Bürgerprotest.

Neuer Glanz für Einbecks erste Straße

Einbecks 1A-Lage: die Marktstraße.

Einbecks 1A-Lage: die Marktstraße. Störende Bäume sollen verschwinden.

Die Marktstraße ist ein wenig in die Jahre gekommen. Seit Jahren schon. Nicht nur der Straßenbelag von Einbecks bester (Geschäfts-)Lage stammt aus den 1970-er Jahren und damit aus der Zeit, als die Marktstraße zur Fußgängerzone wurde; an einigen Stellen sackt das Pflaster ab, große Pfützen können sich bilden. Barrierefrei ist die unebene Innenstadt-Straße an vielen Stellen nicht. Die Straßenmöbel, also Bänke, Blumenkübel und Mülleimer, sind kaum noch attraktiv zu nennen. Hinzu kommen Bäume, die Häuser verschatten, und fehlende Sicht-Anbindungen an Neustädter Kirchplatz oder Tiedexer Straße, auch durch Bäume. Außerdem eine ausbaufähige Ausleuchtung, bei der es so manche „dunkle Ecke“ gibt. Insgesamt: Eine geringe Aufenthaltsqualität, die auch zu rückläufigen Frequenzen in den Geschäften der Marktstraße beiträgt.

An manchen Stellen sackt das Pflaster ab, barrierefrei ist das nicht mehr.

An manchen Stellen sackt das Pflaster ab, barrierefrei ist das nicht mehr.

Diesen Befund „wenig Stimmung“ haben auch die beauftragten Landschaftsarchitekten von „Schöne Aussichten“ festgestellt und in den vergangenen Monaten gemeinsam mit Anliegern, Geschäftsleuten und anderen Interessenvertretern in Workshops versucht, möglichst viele Belange bei einer Neugestaltung der Marktstraße zu berücksichtigen. Ihre Pläne haben sie nach Abstimmung mit der Stadt Einbeck jetzt bei einer Veranstaltung im Alten Rathaus einer großen Gruppe interessierter Zuhörer öffentlich präsentiert. Ziel: Einbecks erste Straße soll neuen Glanz bekommen. Durch ein neues, glattes, aber rutschfestes Pflaster mit einem 4,50 Meter breiten Lauf-/Anlieferfahrweg in der Straßenmitte und einen abgesetzten, anders gepflasterten Straßenrand, durch moderne Sitzgruppen nördlich und südlich der Marktkirche, mobile Pflanzelemente, Straßenkunst und Spielelemente für Kinder sowie durch punktuell bessere Beleuchtung. Die Marktstraße muss geringe und große Menschenmengen aufnehmen können – und darf dabei nie leer aussehen, das ist die Herausforderung für die Neugestaltung des öffentlichen Raumes. Für rund 3800 Quadratmeter Fläche gilt es, neue Akzente zu setzen.

Die Marktstraße soll attraktiver die Tiedexer Straße und den Neustädter Kirchplatz verbinden, sagte Einbecks oberster Planer, Frithjof Look.

Die Marktstraße soll attraktiver die Tiedexer Straße und den Neustädter Kirchplatz verbinden, sagte Einbecks oberster Planer, Frithjof Look.

In die politischen Gremien des Einbecker Stadtrates gehen die Vorentwurf-Planungen jetzt im März/April, dort sollen sie Schritt für Schritt präzisiert werden. Bis Anfang Februar kann jeder im Rahmen der Bürgerbeteiligung noch Anregungen im Rathaus geben. Wann aus Papier-Plänen dann Realität wird, kann zurzeit niemand seriös sagen, weil unter anderem verschiedene Verfahrensschritte zwingend abzuarbeiten sind, die Finanzierung inklusive notwendiger Fördergelder noch nicht klar ist. Die Frage nach der Höhe der Beteiligung der Hauseigentümer, die in der Versammlung erwartungsgemäß gestellt wurde, war auch deshalb zu diesem Zeitpunkt absolut überflüssig. Schließlich steht noch keine Gesamtsumme der Kosten fest und damit kein städtischer Anteil und auch keiner, den die Immobilienbesitzer stemmen müssen. Das ist so wie bei den Planungen zur Tiedexer Straße/“Magistrale der Baukultur“. Dort müsste man das mittlerweile seriöser beantworten können, sind doch für 2017 für die Realisierung des Umbaus Finanzmittel in den städtischen Haushalt eingestellt.

Die Marktstraße soll barrierefrei werden – nicht nur durch einen gut begehbaren und mit Rollstuhl/Kinderwagen/Rollator befahrbaren Belag. Auch die Stufen, die es an manchen Geschäftseingängen noch gibt, sollen möglichst verschwinden, in den meisten Fällen durch einen ebenso einfachen wie wirkungsvollen Kniff: Die Höhe des Pflasters wird einfach angehoben. „Differenzierte Höhenplanung unter Berücksichtigung aller Eingangshöhen zum Abbau von Schwellen und Stufen“ heißt das im Planerdeutsch. An manchen Stellen/Eingängen sollen dafür Rampen zum Einsatz kommen.

Mag auch manches von den jetzt vorliegenden Plänen nie Realität werden, es kann aber Anregungen geben. Ob beispielsweise an der nördlichen Marktkirchen-Ecke ein alleinstehender Baum gepflanzt werden sollte, ob dort nicht viel besser eine Skulptur aufgestellt werden könnte, ob südlich der Marktkirche an der Ecke zur Marktstraße wirklich eine größere Sitzgruppe oder skulpturale Sitzbänke entstehen sollten (dort, wo es meistens sehr zugig ist) – alles das und manches mehr gilt es jetzt zu diskutieren.

Nachtrag 03.02.2017: Laut aktueller Kosten- und Finanzierungsübersicht (KOFI) des Städtebauförderungsprogramms Kleinere Städte und Gemeinden (KSG) sind die Kosten für den vorgestellten Umbau der Marktstraße auf rund 970.000 Euro geschätzt worden. Nach Aussage des zuständigen Sozialministeriums sind aber nur 291.000 Euro förderfähig, Straßenausbaubeiträge sind von der Stadt Einbeck zu erheben. Ähnliches gilt für den Umbau der Tiedexer Straße, hier sind von geschätzten 846.000 Euro 30 Prozent, also 254.000 Euro, förderfähig.

Großes Interesse an der Marktstraße konnte Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek bei ihrer Begrüßung feststellen. Nur die erste Reihe blieb (wie immer) leerr, sonst waren alle Stühle besetzt.

Großes Interesse an der Marktstraße konnte Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek bei ihrer Begrüßung feststellen. Nur die erste Reihe blieb (wie immer) leer, sonst waren bei der Veranstaltung im Alten Rathaus am Dienstag alle Stühle besetzt.

 

Politik-Lob für die Magistrale

Parken vor Fachwerk-Fassade: So wie es jetzt ist, soll es nicht bleiben.

Parken vor Fachwerk-Fassade: So wie es jetzt ist, soll es nicht bleiben, das meint einstimmig auch der Fachausschuss des Rates.

Jetzt hat auch der zuständige Fachausschuss des Stadtrates nach vorheriger umfangreicher Bürgerbeteiligung den Weg frei gemacht für die Umgestaltung der Tiedexer Straße in Einbeck – einstimmig und mit viel Lob. Sie ist das Kernstück der „Magistrale der Baukultur“ zwischen Tiedexer Tor und ZOB-Bahnhof. Ziel in der Vorzeige-Fachwerkmeile: Weniger Parken, mehr Boulevard. Das hat Nikolai Soyka vom Planungsbüro „Schöne Aussichten“ im Stadtentwicklungsausschuss noch einmal ausführlichst erläutert. „Wir sind nicht dafür angetreten, möglichst viele Parkplätze zu schleifen“, sagte Soyka. Die Anlieger hätten sich deutlich mehrheitlich für diese Ziel, mehr Platz zum Flanieren zu gewinnen, in der Bürgerbeteiligung ausgesprochen. Und das gehe nur, so der Planer, wenn die Parkplätze parallel zur Straße angeordnet werden, nicht mehr wie heute quer. „Der Querschnitt ist verflixt eng, wir haben um jeden Zentimeter gekämpft“, sagte Soyka. Die acht verlustig gehenden Parkplätze dürften im Umfeld problemlos zu kompensieren sein, meinte der Planer.

Dem schloss sich Bernd Huwald (CDU) an: „Es lohnt sich nicht, um diese acht Parkplätze zu kämpfen.“ Von ihm kam Lob: „Die Gesamtplanung ist ein wirklicher Fortschritt.“ Lange sei die Tiedexer Straße vernachlässigt worden, räumte Rolf Hojnatzki (SPD) ein. Die Fachwerk-Vorzeigestraße umzugestalten sei überfällig und sollte so schnell wie möglich umgesetzt werden, was natürlich an den Fördermitteln hänge und an der Höhe der Anliegerbeiträge. „Wir haben einen Mehrwert durch weniger Parkplätze“, meinte Dr. Reinhard Binder (FDP). Die Tiedexer Straße gewinne. Er lobte die Vorgehensweise der Planung und das Ergebnis.

Beschlossen hat der Ausschuss nicht nur das Leitbild der Magistrale, das künftig bei allen Planungen und Maßnahmen der Stadt Einbeck nach Prüfung zu berücksichtigen sein wird, etwa beim Umbau der Marktstraße oder des Neustädter Kirchplatzes. Ebenso einstimmig votierte die Politik für die Variante „Mittig Asphalt“ als Grundlage für weitere Planungsschritte; sie sieht einen breiteren Gehweg vor, eine Fahrbahn in Asphaltbelag und parallele Parkplätze. Die Verwaltung ist nun beauftragt, für den Umbau der Tiedexer Straße die Möglichkeiten auf Fördermittel zu prüfen und Ersatz für wegfallende Parkplätze in der Tiedexer Straße zu konkretisieren.

Um Konzept, Vorgehensweise und Bürgerbeteiligung beneiden die anderen Städte im Fachwerk-Fünfeck Einbeck, sagte Bauamtsleiter Frithjof Look. Es wird jetzt zum Vorbild für die anderen vier Fünfeck-Städte, denn auch dafür gab es Fördergeld.

So soll die Tiedexer Straße künftig aussehen. (c) Ing.-Gemeinschaft Schubert, (Hannover

Mittig Asphalt: So soll die Tiedexer Straße künftig aussehen. (c) Schöne Aussichten, Kassel/Hamburg

Weniger Parken, mehr Boulevard

Bauamtsleiter Frithjof Look erläuterte die Planungen.

Bauamtsleiter Frithjof Look (stehend) erläuterte am Dienstag Abend in der Einbecker Rathaushalle die Planungen.

Weniger Platz zum Parken, mehr Freiraum für Fußgänger und Fahrradfahrer auf dem Fachwerk-Boulevard – das ist aus der Sicht der beauftragten Stadtplaner von „Schöne Aussichten“ (Kassel/Hamburg) das Ziel für die Tiedexer Straße in Einbeck. Der Innenstadt-Straßenzug mit der Fachwerk-Häuserzeile aus dem 16. Jahrhundert soll als zentraler Teil einer sich durch die City ziehenden „Magistrale der Baukultur“ umgestaltet werden, seit Oktober läuft dazu bereits die Bürgerbeteiligung – mit durchaus großer Resonanz. Die Tiedexer Straße soll das Beispiel in Einbeck sein, wie in Zukunft Schritt für Schritt anhand von so genannten Leitlinien für den öffentlichen Raum das Erscheinungsbild der Altstadt attraktiver werden kann. Dabei geht es um Pflasterungen, Parkplätze und Papierkörbe ebenso wie um Beleuchtung, Bürgersteigbreiten und Barrierefreiheit.

Sehr gute Resonanz fand die Präsentation der Planungsempfehlungen im Alten Rathaus.

Sehr gute Resonanz fand die Präsentation der Planungsempfehlungen im Alten Rathaus.

Für die Tiedexer Straße präsentierten die Stadtplaner jetzt erste Vorentwürfe, wie die Straße so umgestaltet werden kann, dass sich dort mehr Menschen gerne aufhalten, der Verkehr beruhigt wird und Wohnen und Einzelhandel gestärkt werden können. Alle Nutzungswünsche werde man freilich nicht erfüllen können, räumte Landschaftsarchitekt Nikolai Soyka ein. Es gelte, den Spagat zu schaffen. In dem umfangreichen Bürgerbeteiligungsprozess der vergangenen Monate in Einbeck habe sich die Mehrheit der befragten Anlieger dafür ausgesprochen, die Variante „Freiraum“ weiter zu verfolgen. Sie bedeutet, dass es in der Tiedexer Straße keine quer zur Fahrbahn verlaufenden Parkplätze wie heute mehr geben wird, sondern nur noch parallele. Dadurch fallen von den aktuell 25 vorhandenen Parkplätzen je nach Straßenverlauf acht bis zehn Stellplätze weg. Die Haltung der Anlieger hat die Stadtplaner durchaus überrascht. Denn bis zu zehn Parkplätze weniger direkt vor Geschäften, Wohnungen und fußläufig zur Fußgängerzone sind schon eine Hausnummer, vielleicht lassen sich ja, so ein Vorschlag der Planer, in den Innenhöfen beispielsweise zwischen Tiedexer und Marktstraße weitere Parkplätze (zumindest für Anwohner) zum Ausgleich schaffen. Ziel der Variante „Freiraum“ ist, dass die Gehwege breiter werden und beispielsweise Gelegenheiten für Gastronomie und Ladengeschäft-Auslagen geschaffen werden können. Bei der „extremsten“ Variante „Freiraum“ gibt es nur noch eine sogenannte Mischverkehrsfläche mit durchgängigem Belag, auf dem die Parkplatzflächen eingepflastert sind. „Es gibt natürlich auch Stimmen, die den Wegfall von Parkplätzen kritisieren“, sagte Nikolai Soyka in der Rathaushalle. Und die meldeten sich natürlich in der anschließenden Debatte auch zu Wort. Anliegernutzung und Aufenthaltsangebot in der Tiedexer Straße müsse sich aber verbessern, erklärte der Stadtplaner. Während der Bürgerbeteiligung seien oft Meinungen zu hören gewesen, dass die Gehwege fast immer zu schmal seien, es zu viel Verkehr in der Tiedexer Straße gebe, die parkenden Autos die Fachwerkfassaden störten.

Leider konzentrierte sich die Diskussion in der sehr gut gefüllten Rathaushalle am Dienstag Abend zu sehr auf die Punkte Parkplätze und vor allem die Kosten für die Anlieger in der Tiedexer Straße. Ich kann selbstverständlich verstehen, dass Hauseigentümer wissen möchten, mit welchem finanziellen Beitrag sie für ihr denkmalgeschütztes Ensemble kalkulieren müssen. Investitionen müssen schließlich zuvor angespart oder Kredite aufgenommen werden, niemand hat eine Portokasse irgendwo im Gewölbekeller stehen, aus der er das bezahlen kann. Aber immer nur und als Erstes fragen: Was kostet mich das? Ist nicht die Frage „Was bringt mir persönlich, meiner Immobilie und uns in Einbeck das“ imgrunde viel hilfreicher? Dann klappt’s vielleicht auch mal wieder mit einem Mieter. Viele Anlieger sind mir da zu unduldig. Mir geht es ja auch oftmals nicht schnell genug, aber Planung benötigt Zeit, gute Planung vor allem, wie Bauamtsleiter Frithjof Look bei Amtsantritt sagte. Geduldig, aber am Ende der knapp zweistündigen Veranstaltung mit zunehmend leicht genervt wirkender Stimme erläuterte Look wieder und wieder, warum die Stadt und er heute keine seriöse absolute Zahl oder Prozentzahl nennen könne, mit wieviel Euro die Anlieger bei einer Umgestaltung der Tiedexer Straße dabei sein werden. Denn bei den Planungen sei man ja erst ganz am Anfang, ein erster Schritt sei getan, was konkret umgestaltet werden soll, muss erst noch entschieden werden, ob zum Beispiel komplett gepflastert wird oder nur ein Teil mit Pflaster, die Fahrspur in Asphaltbauweise. Und dann ist zudem noch nicht klar, ob und welche Zuschüsse und Fördergelder gegebenenfalls für das Projekt bereit stehen werden. Eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten derzeit also. Prognosen sind schwierig, weil sie die Zukunft betreffen. Das wäre in etwa so als würde ich (45) heute bereits meinen 50. Geburtstag planen wollen und ich würde meinen Gästen schon genau sagen, wie diese Feier ablaufen wird. Weder kann ich schließlich heute verlässlich sagen, ob ich im Fünf-Sterne-Hotel oder in der Currywurstbude feiere, wieviele Gäste ich dazu einladen werde – und ob ich überhaupt feiern werde.

Der Stadtentwicklungsausschuss wird in seiner nächsten Sitzung am 19. April darüber diskutieren und entscheiden, wie für die Tiedexer Straße und die „Magistrale der Baukultur“ weitergeplant werden und welche Varianten-Maßnahmen verfolgt werden sollen, aber auch dann steht man noch ganz am Anfang. Bis der erste Bagger rollen wird, werden noch Monate vergehen, werden aber auch die Bürger weiter bei den Detailplanungen weiterhin beteiligt, beispielsweise bei den Varianten des möglichen Pflasterbelags, bei der Art der Straßenbeleuchtung und -Möblierung mit Bänken und Mülleimern.

Im Fokus des Interesses: die ersten Vorplanungen für die Umgestaltung der Tiedexer Straße.

Im Fokus des Interesses: die ersten Vorplanungen für die Umgestaltung der Tiedexer Straße.

Die ausführliche, 68-seitige Analyse der Defizite und Potenziale für die öffentlichen Flächen zwischen PS-Speicher und Möncheplatz sowie die Empfehlungen der Stadtplaner von „Schöne Aussichten“ für die „Magistrale der Baukultur“ in Einbeck stehen hier als PDF-Datei zum Download bereit. Im Neuen Rathaus hängen die Pläne in Papierform aus (2. Obergeschoss, Altbau). In den nächsten zwei Wochen bis zum 29. Februar kann jeder seine Meinung sagen und Anregungen geben zu den Planungen: direkt persönlich in der Stadtverwaltung, telefonisch oder aber über E-Mail unter magistrale@einbeck.de Die Hinweise sollen für die Beschlussvorlage des Ausschusses noch eingearbeitet werden, so das Versprechen der Planer.

Parken vor Fachwerk-Fassade: So wie es jetzt ist, soll es nicht bleiben.

Quer parken vor der historischen Fachwerk-Fassade: So wie es jetzt ist, soll es nicht bleiben.