Ohne Bienchen keine Blümchen

Grünen-Bundestagskandidatin Viola von Cramon, Imker Günter Kleinhans, Minister Christian Meyer.

Christian Meyer enttäuschte nicht. Natürlich stelle er auch hier, im Einbecker Ortsteil Stroit, die typische Frage eines Landwirtschaftsministers, der durch die Lande zieht und sich vor Ort umschaut, sagte er mit einem Augenzwinkern: “Wie war denn das Jahr?” Günter Kleinhans hat mit seinen 60 Bienenvölkern rund 40 Kilogramm Honig pro Volk in diesem Jahr ernten können. Wobei der Stadthonig in Einbeck in diesem Jahr ein Flopp gewesen sei, dort seien die Bienen nicht gut geflogen, berichtete der Imker, der seit zehn Jahren auch dem Einbecker Imkerverein vorsteht. Da konnte Minister Meyer mit seinen Ministeriumsbienen nicht mithalten. “Naja, so 30 Kilo pro Volk”, musste der Grünen-Politiker zerknirscht zugeben. Drei Völker stehen im Landwirtschaftsministerium in Hannover, sie werden aber nicht vom Minister, sondern von einer Imkerin betreut. Offenbar steht den Minister-Bienen im städtischen Umfeld ein breites Nahrungsangebot zur Verfügung: 38 verschiedene Pollenarten habe man bei einer Analyse im Honig nachweisen können, mehr als in so mancher Agrarlandschaft.

So gut das Honig-Jahr auch auf dem Lande gewesen sein mag, zwei Fakten waren beim Besuch des Grünen-Ministers und der Grünen-Bundestagskandidatin Viola von Cramon, die mit dem Elektro-Lastenfahrrad aus Waake (bis Nörten mit dem Zug) vergnügt nach Stroit geradelt war, präsent: Es gibt erstens einen Imkerboom in Niedersachsen (unterstützt vom Ministerium mit 50 Euro pro Bienenvolk bis zu neun Völker), und die Imker werden jünger, und mehr Frauen imkern. Der Einbecker Imkerverein wächst und verjüngt sich, berichtete auch Günter Kleinhans. Heute sind es 70 Mitglieder, als er vor zehn Jahren begonnen hat, waren es rund 40. Und der Altersdurchschnitt lag damals bei 58 Jahren, heute bei 40. Bei allem Boom: In Deutschland kann der Honig nur zu maximal einem Drittel von heimischen Imkern gedeckt werden, so gerne schmieren sich die Deutschen heute Honig aufs Brot.

Und Fakt zwei – bei allem Interesse an der Imkerei: Ohne Bienen keine Blumen. Deshalb setzen sich die Grünen für blühende Randstreifen an den Feldern ein. Und bekamen dafür Unterstützung von Gerhard Dietrich. Der agile 97-jährige Stroiter hat das Einbecker Bienenumleitungssystem erfunden und dem Landwirtschaftsminister sowie Grünen-Parteifreunden erläutert, wie dieses funktioniert und die Imkerei erleichtert. Dietrich erinnerte dabei an seine Schulzeit (Ende der 1920-er Jahre), damals habe es noch blühende Ackerstreifen in Fülle gegeben, gut für die Bienen. Die Grünen-Politiker plädierten dann auch für mehr und für später ausgesäte Blühstreifen, wie es sie früher gegeben habe, damit die Bienen genügend Nahrung für den Honig finden können – und auch in Zukunft genügend blüht. Eine Verdoppelung der Blühstreifen habe man schon erreicht, berichtete Minister Christian Meyer. Und, dass Landwirte und Imker wieder und wieder besser miteinander sprechen, beispielsweise was den Einsatz von Spritzmitteln. Der Holzmindener Politiker möchte seine Arbeit als Landwirtschaftsminister nach den Landtagswahlen am 15. Oktober gerne fortsetzen, wie der 42-Jährige im Pressegespräch sagte. Dafür habe er den Wählern auch Einiges anzubieten und wolle die begonnene sanfte, ökologische Agrarwende in Niedersachsen gerne fortsetzen.

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Was fehlt? Mut und klare Worte

Michael Neugebauer, Filiz Polat, Ulrich Harteisen, Viola von Cramon, Babette Scurell, Karen Pollok.

Michael Neugebauer, Filiz Polat, Ulrich Harteisen, Viola von Cramon, Babette Scurell, Karen Pollok.

Heute war ich bei einer sehr interessanten Veranstaltung, die mehr Besucher verdient gehabt hätte. Es ging um Denkmalschutz und Demografie – oder, um es ein wenig zugespitzter zu formulieren: Können wir uns in einer Region, in der die Einwohnerzahl dramatisch sinken wird, einen flächendeckenden Denkmalschutz noch leisten und ist dieser überhaupt sinnvoll? Zum Beispiel in Einbeck mit seinen rund 2200 denkmalgeschützten Gebäuden. Meine Antwort nach sechs Stunden Stadtrundgang, Vorträgen, Diskussion und vielen guten Gesprächen am Rande: Nein. Und ich will hinzufügen: Das ist aber auch gar nicht schlimm oder traurig. Man kann in einer Region und in einer schönen Fachwerkstadt auch mit 20 Prozent weniger Menschen gut leben, man muss nur die Strukturen entsprechend anpassen. Und sich mit dem Gedanken anfreunden, dass es manchmal selbst in der Innenstadt sinnvoll sein kann, Gebäude abzureißen, um die Stadt lebensfähig zu erhalten.

Dafür aber braucht es Mut. Den Mut für klare Worte. Auch von Kommunalpolitikern. Und Widerstandskraft, um dem schnell aufbrausenden Gegenwind etwas entgegen zu setzen. Und einen Ansatz des aktivierten Bürgers, der sich engagiert, weil seine Meinung ernst genommen und beachtet wird.

Dr. Babette Scurrell von der Stiftung Bauhaus Dessau schilderte beeindruckend Erfahrungen aus anderen Regionen Deutschlands (hier Sachsen-Anhalt) mit schwacher Wirtschaftskraft. Im demografischen Wandel im ländlichen Raum liegen auch Chancen, wenn man diese begreift und die richtigen Maßnahmen ergreift.

Sehr interessant fand ich den Ansatz, den Duderstadt gewählt hat, um eine denkmalgeschützte Stadt unter den Bedingungen des Bevölkerungsrückgangs umzubauen. Prof. Dr. Ulrich Harteisen schilderte das Beispiel “Duderstadt 2020”. Bemerkenswerter Unterschied zu anderen Beispielen (wie in Einbeck): Hier hat eine beauftragte externe Hochschule (die HAWK Göttingen) nicht ein fertiges Konzept, einen Masterplan, vorgelegt, sondern über einen gewissen Zeitraum mit den Bürgern gemeinsam an Projekten vor Ort gearbeitet. Da habe man unter Live-Bedingungen nachsteuern und anpassen können, weil das Konzept noch entwickelt wurde, berichtete der Professor. Spannend wird dort jetzt sein, wie der Start verstetigt werden kann. Einen mächtigen Player als Initiator und Geldgeber zu haben, klingt zunächst nach idealen Voraussetzungen; diese Dominanz kann aber auch zum Problem werden. Weil sich beispielsweise andere auf diesen verlassen.

Bei einem Stadtrundgang zu Beginn signalisierte Baudirektor Gerald Strohmeier nicht zum ersten Mal, aber unmissverständlich, dass Denkmalschutz in einer historischen Stadt wie Einbeck wichtig ist, er aber nicht die Nutzung von Gebäuden extrem verhindern dürfe. Zum Beispiel würde die Stadt bei der Baulücke in der Langen Brücke heute nicht mehr auf dem Erhalt des Gewölbekellers bestehen, der lange einem barrierefreien Zugang im Wege stand. Was nichts nutzt, wäre jetzt ein Lamento, dass diese Erkenntnis vor Jahren einen Lückenschluss schon realisiert hätte, weil es ja Investoren gab. Was jetzt zählt, sind Ideen und Investoren, die unter diesen neuen Voraussetzungen anpacken.

Die Denkmal-Expertin der Grünen-Landtagsfraktion in Hannover, Filiz Polat, informierte über vorhandene und geplante Instrumente für den Strukturwandel, die das Land Niedersachsen bietet. Schön wäre, wenn die Diskussion mit der vom Wahlkreisbüro der bisherigen Grünen-Bundestagsabgeordneten Viola von Cramon und den Grünen im Landkreis Northeim (Karen Pollok, Northeim, und Michael Neugebauer, Einbeck) organisierten Veranstaltung nicht beendet wäre. Der Einbecker Arbeitskreis Rückkehrförderung wird hier sicher anknüpfen können, wenn er will. Zumal die Fakultät von Professor Harteisen diejenige ist, in der auch die jüngst im städtischen Fachausschuss vorgestellte Erkenntnis zu Haltefaktoren und Rückkehranreizen gewachsen ist.

Grüne zeigen Flagge

Karen Pollock, Jörg Wolkenhauer, Volker Ruwisch.

Karen Pollok, Jörg Wolkenhauer, Volker Ruwisch.

Die Grünen im Landkreis Northeim schicken einen eigenen Kandidaten in die Landratswahl am 22. September. Am Abend haben die Mitglieder in einer Wahlkreisversammlung im Moringer Ortsteil Thüdinghausen den Kreistagsfraktionsvorsitzenden der Grünen, Jörg Wolkenhauer, zu ihrem Landratskandidaten gewählt. Der 53-Jährige erhielt 16 der 20 anwesenden Stimmen; es gab drei Nein-Stimmen und eine Enthaltung. “Er ist offen und ehrlich, durch und durch grün – und er hat Verwaltungserfahrung”, hatte Fraktionskollege Jens Hampe den Kandidaten vorgeschlagen. Und er überzeuge durch seine zuverlässige Art und Weise, ergänzte Kreisvorstandssprecher Volker Ruwisch. Der 53-jährige Northeimer (verheiratet, drei Kinder, zwei Enkel) wurde einstimmig von Fraktion und Vorstand nominiert.

Jörg Wolkenhauer, studierter Agraringenieur, arbeitet im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, war dort bis vor vier Jahren in der EU-Zahlstelle für die Verteilung von europäischen Fördergeldern in Höhe von 1,3 Milliarden Euro an 50.000 Betriebe in Niedersachsen zuständig. Heute kümmert sich der Ministerialrat in Hannover im Haus des Grünen-Landwirtschaftsministers Christian Meyer um Stallbauten.

Jörg Wolkenhauer sieht den jüngst gestoppten Fusionsprozess der Landkreise in Südniedersachsen, der erst den Weg für die Landratswahl frei gemacht hatte, noch nicht am Ende, sondern nur zunächst um fünf bis sieben Jahre verschoben. Der demografische Wandel werde dazu zwingen, die Probleme des ländlichen Raumes in den Griff zu bekommen. Bereits bei der Pressekonferenz im März, als das Scheitern der Fusionsgespräche öffentlich wurde, hatte Wolkenhauer eine eigene Landratskandidatur der Grünen angekündigt. “Wir müssen Flagge zeigen, ich möchte das Beste für den ländlichen Raum erreichen, der Landkreis darf nicht abgehängt werden”, sagte der Grünen-Landratskandidat. Die Grünen hätten seit Jahren für eine Kreis-Fusion in Südniedersachsen gekämpft. “Und dass das schief gegangen ist, hängt mit Wickmann zusammen”, zeigte der Kandidat klare Kante gegenüber dem Mitbewerber. In den vergangenen Jahren habe man vertrauensvoll mit der SPD im Kreistag zusammen gearbeitet, “aber es gab auch Querschüsse”, sagte Wolkenhauer. Der heutige Landrat Michael Wickmann presche gerne voran – und ändere dann innerhalb von 14 Tagen seine Ziele.

Jörg Wolkenhauer bekam das Votum der Wahlkreisversammlung der Grünen in seinem Heimatort Thüdinghausen.

Jörg Wolkenhauer bekam das Votum der Wahlkreisversammlung der Grünen in seinem Heimatort Thüdinghausen.

Für Jörg Wolkenhauer war die Wahlkreisversammlung ein Heimspiel. Der gebürtige Thüdinghäuser, der seit über 15 Jahren bei den Grünen ist, wurde in der Gaststätte nominiert, die früher einmal Wolkenhausers Gasthof hieß. Und wer die Einladung zur Versammlung richtig deuten konnte, der wusste auch schon vor dem Wahlgang, wohin die Reise personell gehen dürfte, selbst wenn kein Kandidaten-Name auf der Tagesordnung stand. Wolkenhauer war der einzige Kandidat, der bei den Grünen zur Wahl stand. Die aus dem Mitgliederkreis spontan vorgeschlagene Kreisvorstandssprecherin Karen Pollok erklärte vorab, sie stehe für eine Wahl nicht zur Verfügung.