Große Koalition bei Renold

Ein Insektenhotel überreichte Antje Sölter für die CDU an Renold-Werksleiter Detlef Ragnitz.

Ein Insektenhotel überreichte Antje Sölter für die CDU an Renold-Werksleiter Detlef Ragnitz nach der Führung durch die Fabrik.

Machen Kette in Juliusmühle.

Große und kleinere Ketten produziert Renold in Einbeck-Juliusmühle.

Die einen hatten nicht mit den jeweiligen anderen gerechnet. Überraschung am Nachmittag also. Während die Einbecker CDU mit der Geschäftsleitung einen Termin für eine Betriebsbesichtigung vereinbart hatte, war die SPD auf den Betriebsrat zugegangen. Und da Kettenproduzent Renold in Juliusmühle ein effizientes Unternehmen ist, fanden sich Christdemokraten und Sozialdemokraten zum gleichen Termin in bunter Reihe in der erst jüngst aufwändige sanierten Villa wieder. In zwei Gruppen ging’s dann für die interessierten Kommunalpolitiker gut zwei Stunden lang durch die Fabrik, ausgestattet mit Sicherheitsschuh-Kappen, Warnwesten und Gehörschutz. In zwei politisch gemischten Gruppen. CDU und SPD bekamen einen Einblick in die Produktion der traditionsreichen Kettenfabrik, sahen Hochgeschwindigkeitspressen, Vergütungsanlagen, Einsatzöfen, Kaltfließpressen und auch Robotertechnik, die in Juliusmühle selbst entwickelt wurde. 400 Mitarbeiter arbeiten aktuell am Standort, darunter sind 24 Auszubildende, hinzukommen noch die Dependancen Uslar und Gronau. Juliusmühle ist weltweites Testzentrum der Renold-Gruppe für Rollen- und Flyerketten. Renold Einbeck, bis vor einigen Jahren noch unter dem Namen Arnold & Stolzenberg bekannt, produziert insgesamt acht Millionen Einzelteile bzw. 25.000 Meter Kette pro Tag. Dafür werden 60 Tonnen Stahl am Tag verbraucht, das sind drei bis vier Lkw. Rund 1000 Tonnen Rohmaterial hat die Fabrik auf Lager; etwa 500 Kilometer Kette liegen im Fertiglager in Uslar in den ehemaligen Ilse-Werken bereit.

Derzeit fährt Renold in Juliusmühle sieben Tage 24-Stunden-Schichten, man könnte sagen, die Fabrik brummt – und stößt räumlich an ihre Kapazitäten. Jährlich investiert das Unternehmen am Standort. Die 2012 bestandene Gefahr der Standortschließung ist gebannt worden, auch indem Mitarbeiter auf Teile ihres Gehalts verzichteten. Jetzt will Renold in Einbeck expandieren. „Wir wollen hier bauen“, sagt Detlef Ragnitz, der seit ein paar Monaten Interims-Werksleiter in Juliusmühle ist. Die konkreten Pläne für das Millionen-Investment sind noch nicht fertig, aber die Kommunalpolitiker erfuhren unter anderem, dass der heute durch das 20.000 Quadratmeter große Produktionsgelände führende nicht mehr benötigte Seitenkanal der Ilme zugeschüttet werden soll. Die Ilme fließt bereits um die Fabrik herum.

Nachtrag 30.11.2016: Der Stadtentwicklungsausschuss des Einbecker Stadtrates hat die notwendigen Änderungen des Flächennutzungsplans und des Bebauungsplanes für die Ausbaupläne der Firma in Juliusmühle einstimmig auf den Weg gebracht und den so genannten Aufstellungsbeschluss gefasst; jetzt werden die Pläne öffentlich ausgelegt und Träger öffentlicher Belange beteiligt. Das öffentliche Planungsverfahren wird sich voraussichtlich bis September 2017 hinziehen. Die Pläne für den Umbau erstellt Renold selbst. Insgesamt will das Unternehmen rund zehn Millionen Euro am Standort Einbeck investieren, sagte gestern Werksleiter Detlef Ragnitz in der Ausschusssitzung.

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Am Ort der Arbeit Kette gegeben

Dr. Wilhelm Priesmeier, Michael Wickmann, Klaus Wiesehügel, Achim Wenzig, Hans-Jürgen Kreipe, Oliver Hagenbuck.

Geben Kette (v.l.): Dr. Wilhelm Priesmeier, Michael Wickmann, Klaus Wiesehügel, Achim Wenzig, Hans-Jürgen Kreipe, Oliver Hagenbuck.

Hier wird hart gearbeitet, pro Tag werden 60 Tonnen Stahl gebraucht, werden rund 20 Kilometer Kette produziert. Hier in den Werkshallen ist einer dieser Orte, deren Besuch der Vorsitzende der SPD vor einiger Zeit seinen Genossen angeraten hat – nämlich raus ins Leben zu gehen, wo es brodelt, wo es laut ist, manchmal riecht und gelegentlich auch stinkt, wie das Sigmar Gabriel mal formuliert hatte. An einem solchen Ort der Arbeit, an der „Kettenquelle“, war jetzt der Mann, der in einer von einem SPD-Bundeskanzler Peer Steinbrück geführten Bundesregierung der nächste Arbeitsminister werden soll: Klaus Wiesehügel, erfahrener Gewerkschaftsboss. Das Mitglied des SPD-Kompetenzteams besuchte zusammen mit dem hiesigen SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Wilhelm Priesmeier und Landrat Michael Wickmann den drittgrößten Arbeitgeber in Einbeck, die Renold GmbH in Juliusmühle. Rund 300 Menschen arbeiten hier, im Dreischichtbetrieb werden acht Millionen Teile am Tag hergestellt, Ketten in der Größe von drei Millimeter bis zu einem Zoll. Rund 43 Millionen Euro Umsatz macht die seit fast 100 Jahren bestehende Unternehmung im Einbecker Ortsteil Juliusmühle.

Klaus Wiesehügel gab sich schon vor dem Betriebsrundgang entschlossen, wahlkämpfend: Leiharbeit und Rente mit 67, die Klassiker-Themen, gehören für den Gewerkschafter und Genossen verändert. Und zwar schnell. Sonst bekomme man ein „Altersproletariat“ – „und dann machen sie mal Demokratie…“

Befristete Arbeitsverträge ohne sachlichen Grund bremsten vor allem junge Menschen, ein Leben in Sicherheit und mit Perspektive planen, Familien gründen zu können. „Leiharbeit wird negativ zulasten der Arbeitnehmer ausgenutzt“, sagte Wiesehügel. Das gehöre geändert. Der SPD-Mann geißelte auch den Trend, dass Eltern ihre Kinder zum Abitur drängten – um beinahe jeden Preis. Und das, weil der Facharbeiter heutzutage nicht mehr gut angesehen werde. Auch Landrat Michael Wickmann (SPD) appellierte, über die Wertigkeit von Schulabschlüssen müsse dringend gesprochen werden: „Schon eine IGS ist für viele Eltern ein Tal des Teufels.“

Kleine Kettenteile (v.l.): Achim Wenzig, Klaus Wiesehügel, Hans-Jürgen Kreipe.

Kleine Kettenteile (v.l.): Achim Wenzig, Klaus Wiesehügel, Hans-Jürgen Kreipe.

Geschäftsleitung und Betriebsrat von Renold machten deutlich, dass es auch anders gehen kann, partnerschaftlich. In dem Unternehmen werden die Auszubildenden unbefristet übernommen, Leiharbeiter gebe es, ja, aber sie seien integriert und beinahe auf Lohn-Augenhöhe. So wie das aktuelle Verhältnis zwischen Arbeitnehmervertretung und Betriebsleitung ein Miteinander sei, sagten Betriebsratschef Achim Wenzig, Betriebsleiter Hans-Jürgen Kreipe und Vertriebsdirektor Oliver Hagenbuck. Gemeinsam suche man nach Lösungen, vertrauensvoll. Das sei in der Vergangenheit durchaus auch schon mal anders gewesen, freut sich Wenzig über die aktuelle Begegnung auf Augenhöhe.