Einbeck steht nach Auffasung der Bürgerliste „Gemeinsam für Einbeck“ (BlGfE) durch die Schließung der Bereitschaftsdienstpraxis zum 31. Januar „vor einer spürbaren Zäsur in der medizinischen Versorgung“. Die Wählergemeinschaft will sich einer gemeinsamen Resolution des Stadtrates nicht verschließen, möchte aber nicht nur Forderungen formulieren, sondern konkrete Lösungen anbieten, schreibt Ratsherr Dr. med. Andreas Kroll in einer Pressemitteilung der BlGfE. „Deshalb schlagen wir ein Modellprojekt vor, das in vielen Regionen Deutschlands bereits erprobt wird und gerade für den ländlichen Raum großes Potenzial hat: den Einsatz von Gemeindenotfallsanitätern.“
Die Bürgerliste „Gemeinsam für Einbeck“ nehme die Sorgen der Bevölkerung u.a. vor längeren Wegen und schlechter Erreichbarkeit bei fehlender Mobilität sehr ernst. „Eine wohnortnahe, gut erreichbare medizinische Versorgung ist ein zentraler Bestandteil der Daseinsvorsorge, gerade im ländlichen Raum. Ältere Menschen, Familien mit kleinen Kindern, Personen ohne eigenes Auto oder Menschen mit akuten Beschwerden, die eine längere Fahrt schlicht nicht bewältigen können, geraten schneller in eine Versorgungslücke“, heißt es in der Mitteilung. „Diese Entwicklung ist nicht nur eine organisatorische Frage, sondern betrifft das Sicherheitsgefühl vieler Bürgerinnen und Bürger unmittelbar.“ Es könne auch nicht sein, dass durch die wegfallende Bereitschaftsdienstpraxis in Einbeck der Landkreis als Träger des Rettungsdienstes damit faktisch zum Ausfallbürgen werde, wenn der Sicherstellungsauftrag der KVN nicht mehr ausreichend erfüllt werde. Die Bereitschaftsdienstambulanz in Einbeck zu erhalten, bleibe ein wichtiges Anliegen. „Aber wir dürfen uns nicht allein darauf verlassen, dass Appelle die Versorgung sichern“, meint die BlGfE. „Wenn Strukturen verändert werden, müssen Alternativen rechtzeitig aufgebaut werden.“
Bei den Gemeindenotfallsanitätern handelt es sich laut Dr. Andreas Kroll (BlGfE) um besonders qualifizierte Notfallsanitäter, die gezielt zu Hilfeersuchen entsandt werden, bei denen medizinische Unterstützung notwendig sei, aber nicht automatisch ein Transport in eine Klinik oder ein ärztlicher Hausbesuch erforderlich werde. Viele Beschwerden, die abends oder am Wochenende auftreten, seien dringend, aber nicht zwingend „notarztpflichtig“. Gerade bei älteren oder nicht mobilen Menschen könne eine schnelle, strukturierte Hilfe vor Ort entscheidend sein. Gemeindenotfallsanitäter könnten in solchen Fällen zu Hause unterstützen, eine medizinische Ersteinschätzung vornehmen, einfache Maßnahmen durchführen, beraten, die Situation dokumentieren und – wenn erforderlich – die richtigen nächsten Schritte einleiten. Das entlaste Rettungsdienst und Notaufnahmen, reduziere unnötige Transporte und sorge dafür, dass ärztliche Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie wirklich gebraucht werden. Das Konzept der Gemeindenotfallsanitäter sei nicht theoretisch, sondern gelebte Praxis in anderen Teilen Deutschlands, unter anderem in der Region Oldenburg/Ammerland/Cloppenburg/Vechta, wo Gemeindenotfallsanitäter seit Jahren eingesetzt und wissenschaftlich begleitet würden.
Für die Region hält die BlGfE zwei Varianten für sinnvoll, die beide auf einer sachlichen Bedarfsanalyse basieren müssten. Denkbar wäre ein Gemeindenotfallsanitäter für den Bereich Einbeck, Bad Gandersheim und Dassel, um dort gezielt die Wege zu verkürzen und Versorgung dort anzubieten, wo die Zentralisierung besonders spürbar wäre. Alternativ könnte man zwei Gemeindenotfallsanitäter für den gesamten Landkreis Northeim einsetzen, um eine flächige Wirkung zu erzielen und eine verlässliche Erreichbarkeit zu schaffen. In beiden Fällen sei entscheidend, dass es klare Einsatzkriterien, Qualitätsstandards und eine ärztliche Rückfallebene gebe, damit Patientensicherheit und medizinische Verantwortung jederzeit gewährleistet bleibe. Es gehe nicht darum, Ärztinnen und Ärzte zu ersetzen, sondern darum, ein modernes Bindeglied zu schaffen zwischen ambulanter Versorgung, Rettungsdienst und klinischer Notfallmedizin – gerade in einer Region, in der Wege und Ressourcen eine besondere Rolle spielen. Nach Auffassung der BlGfE ist es nicht ausreichend, nur über Zuständigkeiten zu diskutieren. „Wir müssen die Versorgungsrealität aktiv gestalten“, schreibt Dr. Andreas Kroll. „Der Landkreis und die Kommunen tragen die Folgen struktureller Veränderungen unmittelbar mit – also sollten sie auch die Chance erhalten, Lösungen mitzuentwickeln, die tatsächlich funktionieren.
Die BlGfE will sich daher nach der Ratsresolution dafür einsetzen, dass „nicht nur ein politisches Signal gesetzt wird, sondern ein konkreter Prozess startet, der Landkreis, Kommunen, Rettungsdienst, Krankenhausträger und die KVN an einen Tisch bringt. Ziel muss eine belastbare Bedarfsanalyse und ein tragfähiges Konzept sein, das Versorgungssicherheit schafft, Wege reduziert und Fehlsteuerungen vermeidet.“
