Nach Schließung des Ärztlichen Notdienstes in Einbeck: Schön, mal darüber gesprochen zu haben

(c) Foto: Frank Bertram

Wie es ist, alle im Saal gegen sich zu haben, dürfte er mutmaßlich nicht zum ersten Mal erleben – und vermutlich auch nicht zum letzten Mal: Dr. Philip Degener, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) in Göttingen, steht im Kreistagsausschuss für Soziales und Gesundheit Rede und Antwort für eine Entscheidung, die in den vergangenen Wochen die politischen Wogen hat höher schlagen lassen und die Patienten sprachlos gemacht hat: die Schließung der Ärztlichen Bereitschaftsdienstpraxis in Einbeck. Vorabinfo Fehlanzeige, ein Zettelaushang musste genügen. Und während die Diskussion im weitläufigen Forum der BBS an diesem Nachmittag vor fast leeren Zuschauerplätzen so erwartbar verläuft wie angenommen, kann einem durchaus zwischendurch mal der Gedanke kommen: Diese Informationsoffensive hätte man sich von der KVN schon vor Wochen gewünscht, vor der Schließungsentscheidung, nicht erst danach. Wobei dieser Gedanke sich rasch wieder in Luft auflöst: Denn geändert hätte das nichts, die KVN hätte auch dann nach ihrer Logik die Praxis in Einbeck geschlossen. Und auch Fehler in ihrer Kommunikation kann die KVN nicht wirklich erkennen. Das ist bitter.

Dr. Philip Degener erläuterte im Ausschuss die Struktur und Funktionsweise des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, der auf den drei Säulen „Sitzdienst“, „Fahrdienst“ und „Telemedizin“ beruhe. Niedergelassene Ärzte werden für den Dienst zwangsweise eingeteilt. Mit der Zusammenlegung der Notdienstpraxen Einbeck und Northeim fällt seit 1. Februar ein „Sitzdienst“ weg. Für Einbecker könne unter Umständen von Vorteil sein, dass die Wache für den „Fahrdienst“ seit einer Reform in 2025 ihren Sitz in Einbeck habe, informierte Degener. Die „Telemedizin“ habe seit Mai 2025 in ganz Niedersachsen in mehr als 60.000 Fällen weiterhelfen können, mehr als 80 Prozent der Notfälle seien dabei abschließend  behandelt worden.   

Weil die Ärzte neben ihrem normalen Praxisalltag auch noch die Notdienste absolvieren müssten, sei den Medizinern daran gelegen, die Notdienste auszulasten. In Einbeck seien zuletzt zwei Patienten pro Stunde registriert worden, in Northeim 2,5 Patienten pro Stunde. Gemeinsam mit 4,5 Patienten könne daraus eine gute Auslastung werden, zumal bisher die beiden Standorte Einbeck und Northeim lediglich 15 bis 20 Fahrminuten auseinander lagen. „Wir wollen die ärztliche Ressource schonen“, sagte Philip Degener. Mehr als 35 Prozent der niedergelassenen Ärzte seien heute älter als 60 Jahre, Berufseinsteiger seien für den ländlichen Raum schwer zu finden, und falls doch, dann als angestellte Ärzte und möglichst in Teilzeit. Mathematisch müsste für jeden ausscheidenden Kassenarzt 1,6 neue Ärzte-Köpfe in die Versorgung einsteigen. Dass dem nicht so ist, räumte Degener ein. Die Versorgung jedoch sei sichergestellt, aber in fünf bis zehn Jahren werde die Versorgung anders aussehen und funktionieren. Sorgen vor Veränderungen könne er verstehen, sagte der KVN-Vertreter.

Den Menschen die Angst zu nehmen sei auch eine Aufgabe der KVN, sagte Beatrix Tappe-Rostalski (CDU), die mehr Informationen über die Möglichkeiten der zentrale Telefonnummer 116117 und über die Telemedizin durch die Kassenärzte forderte. Überhaupt hätte sie sich eine stärkere Aufklärung im Vorfeld der Schließung gewünscht statt eines Zettels an der Tür. Uwe Schwarz (SPD) dankte Degener für die ehrliche Antwort, dass es der KVN mit ihrer Entscheidung darum gehe, den Notdienst für die Ärzte attraktiver zu machen. Nur noch eine Praxis im gesamten Landkreis Northeim zu haben, löse bei den Patienten jedoch Ängste aus, die gepriesene Telemedizin funktioniere nicht flächendeckend im Landkreis. Er vermisse bei der KVN, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Zumal sich die Situation noch verschärfen werde, berichtete Schwarz: Fünf Hausarztsitze seien aktuell ausgeschrieben, zwei in Einbeck, zwei in Bad Gandersheim, einer in Northeim. Wie stelle sich die KVN vor, ihren Versorgungauftrag erfüllen zu können? „Es wird schwieriger für uns“, räumte Degener ein.

Auf konkrete Nachfrage von Alexander Kloss (Die Unabhängigen) sagte Philip Degener, dass die Schließung in Einbeck keine finanziell-wirtschaftlichen Gründe gehabt habe. Das Einbecker Bürgerspital habe der KVN u.a. freie Miete für die Praxisräume angeboten und auch eine gemeinsame Notdienst-Annahme an einem Tresen angesprochen, sagte Degener auf Kloss‘ Frage. Entscheidend sei die Patientenfrequenz.

Monika Nölting, Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderungen, bemängelte ebenfalls fehlende Informationen. Das sei der Auftrag der KVN, machte sie deutlich. Viele Menschen wüssten nicht, was Telemedizin bedeute. Einen solchen Austausch wie jetzt hätte man sich vor der Entscheidung gewünscht, denn Hilfe suchende Patienten wenden sich eher direkt an den Beirat mit ihren Befürchtungen. Nölting bat auch zu berücksichtigen, dass sich ein in seiner Mobilität eingeschränkter Mensch nicht einfach selbst ins Auto setzen könne, um die nächste Notdienst-Praxis anzusteuern. Und wenn man zusätzlich krank sei, weil man ja zum Notdienst wolle, sei das eine weitere Hürde.

Verwaltung und Politik seien zu Recht immer aufgerufen, vor Entscheidungen möglichst alle mit einzubeziehen, sagte Dassels Bürgermeister Sven Wolter. Die KVN habe hier gezeigt, wie man es nicht machen sollte. Kommunikation und Zeitpunkt seien schlecht gewesen. „Wir standen vor vollendeten Tatsachen“, bemängelte der Bürgermeister der Sollingstadt, der nochmal darauf aufmerksam machte, dass Fahrtzeiten von 15 bis 20 Minuten nach Northeim von Einbeck aus gerechnet seien, von Mackensen oder Sievershausen sei es deutlich mehr als eine halbe Stunde, und das bei optimalen Wetterbedingungen. „Bitte suchen Sie immer den Dialog bei Strukturentscheidungen“, appellierte Wolter. Wenn die KVN mehr Akzeptanz in der Bevölkerung haben wolle, dann müsse sie an ihrer Kommunikation etwas ändern. Degener räumte ein, ja, die Bürgermeister hätte man vorher informieren sollen. Von einer Information der breiten Öffentlichkeit sprach der KVN-Vertreter hingegen dabei nicht. Die „politischen Entscheidungsträger“ habe man früh informiert.

Dr. Philip Degener berichtete von einem konstruktiven Austausch mit dem Einbecker Seniorenrat am vergangenen Dienstag, der aufschlussreich für beide Seiten gewesen sei. Geplant sei, dass dieser ein Bürgerforum organisieren wolle, um gemeinsam mit der KVN über den Notdienst und seine Möglichkeiten stärker aufzuklären.

Gespannt kann man nun darauf sein, ob im Einbecker Stadtrat am kommenden Mittwoch (17 Uhr, Multifunktionshalle und online) eine Kopie dieses Auftritts des KVN-Vertreters vor den resolutierenden Kommunalpolitikern zu erleben sein wird. Denn Degener ist auch für diese Sitzung eingeladen. Ohne Spannung bleibt, ob die KVN die abgehoben am grünen Tisch getroffene Entscheidung rückgängig machen wird. Sie wird nicht. Wünschenswert ist jedoch, dass die Vertretung der niedergelassenen Kassenärzte nicht ausschließlich als Interessenvertreter von Medizinern agiert, sondern den Versorgungsauftrag so definiert, dass sie wenigstens an einer stärkeren Auflärung der Patienten effektiv mitwirkt. Das Dilemma bleibt unaufgelöst: Der KVN-Vertreter kritisierte, dass in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern die Menschen zu häufig zum Arzt gehen. Die Schließung der Notdienstpraxis argumentieren sie damit, dass zu wenige Patienten die Praxis in Einbeck aufgesucht haben.

(c) Foto: Frank Bertram
Seit fünf Wochen geschlossen: die einstige Bereitschaftsdienstpraxis in Einbeck.

Ein Kommentar zu „Nach Schließung des Ärztlichen Notdienstes in Einbeck: Schön, mal darüber gesprochen zu haben

  1. schön formulierte und treffende Titelzeile…….
    Ganz ehrlich: als bisher Nichtbetroffener blicke ich da kaum noch durch, wo ich wann welche Hilfe erhalte. Einmal mußte ich die 116117 nutzen und mich gruselt es noch heute ob des Telefonates, welches gefühlt ewig dauerte, mit verschiedenen Akteuren geführt wurde und ich minütlich mich fragte, ob ich mich nicht besser ins Auto setzen solle……
    Der Blick in die Zukunft als möglicher Nichttechnikaffiner Nichtmehrautofahrer läßt keine rosige Brille mehr zu

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