Ratsherr Harenkamp wünscht sich Kulturförderfonds

Eine gleichberechtigte Förderung der Kultur in Einbeck in Zeiten der Corona-Pandemie mit Hilfe eines Förderfonds der Stadt Einbeck wünscht sich der parteilose Ratsherr Udo Harenkamp (Opperhausen). Einen entsprechenden Antrag hat der ehemalige AfD-Mann, der aus der Partei inzwischen ausgeschieden ist, für die nächste Sitzung des Finanzausschusses gestellt. In der geht es um den Haushalt 2021 der Stadt Einbeck. Harenkamps Ziel ist nach eigener Aussage, die einseitige Förderung des Trägervereins der Mendelssohn-Musikschule (MMS) zu beenden.

Die Förderung war bereits in der jüngsten Kulturausschuss-Sitzung in die Kritik geraten und von der SPD in Frage gestellt worden. Seitdem ist die Debatte um die städtische Unterstützung der einst städtischen Musikschule in der ehemaligen Stukenbrok-Villa wieder öffentlich in mehreren Wortmeldungen aufgeflammt. Jetzt rächt sich, dass die bereits vor Jahren geführte Diskussion über eine potenzielle Ungleichbehandlung verschiedener Einbecker Musikschulen nicht zu einem Ergebnis gebracht wurde, sondern eher irgendwann im Sande verlief. Öffentlich jedenfalls. Erst durch die intensive Nachfrage von Dirk Heitmüller (SPD) im Kulturausschuss war bekannt geworden, dass die Mendelssohn-Musikschule zusätzliche 40.000 Euro Fördermittel erhalten soll – und dass dieses Geld auf kurzem Dienstweg in den Etatentwurf gelangt war. Die Stadt Einbeck ist Mitglied im Trägerverein der Schule und sitzt mit im dortigen Vorstand. Im Kulturausschuss konnte die SPD sich damit noch nicht durchsetzen, das Geld zu streichen. Ob dies im Finanzausschuss weiter so bleibt, ist allerdings offen.

Ratsherr Udo Harenkamp kritisiert die Sonderrolle der Mendelssohn-Musikschule, “während weitere Kulturschaffende in Zeiten des Lockdown mit dem Rücken an der Wand stehen und existenzielle Not leiden”, wie er in seinem Antrag für den Finanzausschuss schreibt. Die Stadt Einbeck soll deshalb zur kulturellen Förderung einen Fonds einrichten, der kulturelle Vereine, Stiftungen und private Kulturschaffende durch Antrag gleichberechtigt mit Mitteln aus dem Haushalt unterstützt, lautet sein Vorschlag. Die Fördersumme im Kulturförderfonds soll nach Harenkamps Idee 100.000 Euro nicht übersteigen.

Die einseitige Förderung sei eine Wettbewerbsverzerrung gegenüber weiteren Musikschulen und Kulturschaffenden, meint Harenkamp. Gerade in der Zeit des Corona-Lockdown sei es umso wichtiger, alle Kulturschaffenden in Einbeck gleichberechtigt zu unterstützen. “Wenn in der schwierigen Zeit, die alle Betroffenen jetzt durchleben, nicht durch Fördermaßnahmen die Unterstützung des kulturellen Lebens erfolgt, ist es absehbar, dass die Kultur in der Stadt Einbeck Schaden nimmt”, schreibt Ratsherr Harenkamp.

Der Trägerverein der Mendelssohn-Musikschule (MMS) habe es nicht geschafft, durch Mitgliedsbeiträge und Stundensätze die eigenen Kosten deckend zu gestalten, kritisiert Harenkamp. Bis vor wenigen Jahren habe die Stadt Einbeck die Musikschule mit einem Betrag von 70.000 Euro pro Jahr unterstützt. Während der Schule die Räumlichkeiten der ehemaligen Stukenbrok-Villa nebst Nebenkosten kostenfrei zur Verfügung gestellt würden, müssten andere Kulturschaffende für städtische Räumlichkeiten Mietbeiträge zahlen und erhielten keine solche Förderung. Als die Stadt die Trägerschaft der MMS an den privaten Trägerverein abgegeben habe, sei vereinbart worden, dass dieser für die darauffolgenden zehn Jahre noch eine jährliche Förderung von 70.000 Euro erhalte – zusätzlich zur kostenlosen Nutzung des Gebäudes, Pflege der Außenanlagen, Nebenkostenbezuschussung und Instrumentennutzung. Die MMS habe es in den vergangenen Jahren offenbar nicht geschafft, auf eigenen Beinen zu stehen, kritisiert Ratsherr Harenkamp.

Der Wegweiser zur Mendelssohn-Musikschule in der ehemaligen Stukenbrok-Villa am Ostertor trägt noch das Stadtwappen.

Nachtrag 17.02.2021: Der vorgeschlagene Kulturförderfonds wurde mehrheitlich im Finanzausschuss abgelehnt. Ein solcher Fonds würde den Streit ums Geld nur auf eine andere Ebene verlagern, meinte Dr. Reinhard Binder (FDP). Auch der SPD wären konkrete Anträge lieber statt Geld für einen Förderfonds, sagte Rolf Hojnatzki (SPD). Der 40.000-Euro-Antrag der Mendelssohn-Musikschule fand keinen Eingang in den Haushalt, dort sind nun nur 20.000 Euro einkalkuliert. Und auch diese Summe wurde von Vertretern mehrerer Fraktionen kritisch gesehen. Sie sei eher eine „symbolische Hilfe“ (Albert Eggers, CDU). Leider habe es die Mendelssohn-Musikschule immer noch nicht geschafft, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen, ergänzte Karsten Armbrecht (CDU). Wie der 40.000-Euro-Zuschuss-Antrag im Haushaltsentwurf zustande gekommen ist, thematisierte mit einigen Andeutungen Rolf Hojnatzki (SPD). Er könne ja den Bedarf für die MMS verstehen, aber warum der nachgereichte Antrag ein anderes, früheres Datum trage, das sei schon „sehr merkwürdig“. Und dass der Zuschuss direkt im Etatentwurf stand, folge wohl dem Grundsatz der Verwaltung, nach Ende des Zukunftsvertrages alle Schleusen zu öffnen für freiwillige Leistungen.

“Wissensquartier” auf der Kippe?

Die SPD ist mit ihrem Vorstoß, das Millionen-Projekt „Wissensquartier“ aus dem Haushalt zu kippen, im Kulturausschuss nur knapp gescheitert. Vor einigen Tagen hatte auch bereits die FDP die nächsten Bauabschnitte zur Vereinigung von Museum, Bibliothek und Archiv an einem Standort in Frage gestellt, die Stadt könne sich das aktuell in der Corona-Wirtschaftskrise nicht leisten, hieß es zur Begründung. Die FDP hat keinen Sitz im Kulturausschuss. Ob es nun im Finanzausschuss und abschließend im Stadtrat eine Mehrheit für die weitere Planung gibt, bleibt zunächst offen. Zumal der SPD-Antrag nur knapp durch ein 4:4-Patt scheiterte und die SPD bei dieser Abstimmung durch eine Panne noch nicht – wie bei den folgenden anderen Abstimmungen – ihr aus der Videokonferenz gegangenes Ausschussmitglied Dennie Klose durch SPD-Fraktionschef Rolf Hojnatzki ersetzt hatte.

“Wissensquartier”: Wie soll diese Lücke soll gefüllt werden (Modell). Symbolbild

Für die Sozialdemokraten hatte Dirk Heitmüller im Ausschuss für Kultur, Tourismus und Wirtschaftsförderung den Antrag seiner Fraktion begründet, den zweiten und dritten Bauabschnitt des „Wissensquartiers“ mit geplanten Kosten von rund 19 Millionen Euro aus dem Haushalt und der mittelfristigen Finanzplanung zu nehmen. Seine Fraktion habe bei diesen hohen Ausgaben in der aktuellen Lage Bauchschmerzen. „Wir können es uns einfach nicht leisten“, sagte Heitmüller. Wenn der Geldbeutel leer sei, könne man ja in einem Autohaus auch nicht den teuersten Porsche kaufen. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt, die der Stadt noch zur Verfügung stehenden Finanzmittel lieber in den Brandschutz und die Feuerwehr sowie die Schulen zu stecken. Das „Wissensquartier“ sei ein Traum, die Konzeption durchaus gut, und Träume dürfe man haben. So bitter es auch sei: „Lasst uns diesen Traum beerdigen“, sagte Heitmüller.

Dagegen wehrte sich Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek vehement, unterstützt vor allem durch mehrere Mitarbeiter ihrer Verwaltung. Sich von dem „Wissensquartier“ jetzt zu verabschieden bedeute, jahrelange Vorbereitungsarbeit zunichte zu machen, auch die Ergebnisse eines Architektenwettbewerbs. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem noch gar nicht klar sei, ob es nicht vielleicht doch eine umfangreiche Förderung gebe. „Das wäre ein Hundertmeterlauf, den wir nach 70 Metern beenden“, sagte Michalek. Sie bat darum, das „Projekt mit Strahlkraft für Jahrzehnte für die Einbecker“ im Haushalt zu belassen. „Wir sollten durch Corona nicht zu kurzfristig denken.“ Das „Wissensquartier“ blockiere auch nicht andere notwendige Ausgaben, die Stadt investiere in Feuerwehren und Schulen, verwahrte sich die Bürgermeisterin.

Yvonne Bädermann, Fördermittel-Expertin im Rathaus, erläuterte, dass erst wahrscheinlich im April bekannt sei, ob die Stadt Einbeck eine 9,5-Millionen-Euro-Förderung erhalten könnte. „Das wären Gelder, die wir liegen lassen würden“, sagte sie zu einem Ausstieg jetzt. Nachdem der Bauausschuss erst im Oktober per Eilentscheidung den Auftrag gegeben habe, Förderanträge zu stellen, würde sie ungerne nun diese schon wieder zurück ziehen, damit mache sich die Stadt auch unglaubwürdig gegenüber Fördermittelgebern. Zweiter und dritter Bauabschnitt hängen voneinander ab, sie sind jeder für sich nicht förderfähig und auch baulich nicht modular, sondern nur so wie geplant umsetzbar.

Auch Kämmerer Christian Rohner war von der beantragten Streichung aus dem Haushalt „ein bisschen überrascht“, wie er sagte. Er bat darum, doch vielleicht lieber jetzt Prüfaufträge an die Verwaltung zu geben und noch einmal nachzudenken, aber nicht gleich zu streichen. „Wir könnten viele Probleme auf Jahre lösen“, warb Finanz-Fachbereichsleiter Dr. Florian Schröder für das Projekt; seit Jahresbeginn ist er auch für das Stadtarchiv zuständig. Das „Wissensquartier“ sei viel mehr als die Summe seiner Einzelteile, die Stadt erhalte mit diesem Zukunftsprojekt am Ende mehr als sie Geld zahle. Die städtische (Kredit-)Finanzierung sei zudem aktuell eine gut zu stemmende Aufgabe. Der neue Museumsleiter Marco Heckhoff nannte das „Wissensquartier“ ein innovatives Projekt, das einen neuen Ort für die Einbecker schaffen könne. Die Synergien, die Museum, Bibliothek und Archiv durch gemeinsame Nutzung von Räumen gewinnen würden, seien nicht zu verachten.

Heidrun Hoffmann-Taufall (CDU) bekannte, auch Bauchschmerzen bei dem zweifelsfrei guten „Wissensquartier“ zu haben, weil aktuell die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie noch unbekannt seien. Man solle das Projekt aber deshalb nicht komplett streichen.

Auch Alexander Kloss (parteilos) warnte davor, das „Wissensquartier“ schnell mit einem Federstrich aus dem Etat zu streichen. Es könne eine Perspektive für die Kultur in Einbeck sein, noch zu wenige wüssten um die Verzahnungen des Projekts, bedauerte er.

Außer um das „Wissensquartier“ ging es im Kulturausschuss bei den Haushaltsberatungen um zwei andere Positionen. Zum einen scheiterte die SPD durch ein weiteres Patt mit ihrem Antrag, die Erhöhung des Budgets für die Mendelssohn-Musikschule (MMS) um 40.000 Euro wieder aus dem Etat zu nehmen und erst in einem Nachtragshaushalt zu verankern, sobald ein ordentlicher Antrag der Schule gestellt wurde. Dirk Heitmüller (SPD) fragte sich und die Musikschule, warum der Zuschuss für die MMS aufgestockt worden und woher die Initiative dazu gekommen sei. Der hinzu geschaltete Vorsitzende des Trägervereins, Stefan Neumann, nutzte seine Antwort zu einem Sachstandsbericht der Schule in der Pandemie und erklärte die erhöhte Zuschuss-Summe mit den Gehältern für eine Dreiviertel-Schulleiterstelle und einer halben Verwaltungsleiter-Stelle. Die Aufstockung sei in den Haushalt gelangt, klärte Fachbereichsleiter Arnd Severidt auf, weil die Stadt Mitglied im MMS-Verein sei und in der dortigen Vorstandssitzung diese Summe formuliert und dann wohl gleich direkt in den Haushaltsentwurf eingepflegt worden sei. Dirk Heitmüller warnte auch davor, eine in der vergangenen Woche vom Verein Stadtpartie offiziell beantragte 50-Prozent-Stelle für das Festival abzusegnen. „Wir würden ein riesen Fass aufmachen, weil dann alle Vereine rufen würden.“ Wenn, wie in der Begründung dargelegt, die Festival-Vorbereitung ehrenamtlich kaum mehr zu leisten sei, müsse die Stadtpartie eben so gestaltet werden, dass es ehrenamtlich noch zu leisten sei. Er selbst wisse als ehrenamtlicher Vereinsvorsitzender, welche Arbeit man in seiner Freizeit zu leisten habe und tue das ja auch gerne. Heidrun Hoffmann-Taufall (CDU) konnte den Antrag von Stadtpartie verstehen und schlug vor, den Verein von Seiten der Stadt bei der Fördergelder-Aquise zu unterstützen.

Durchsetzen konnte die SPD den Antrag, der Einbeck Marketing GmbH für 2021 zusätzliche 35.000 Euro, für 2022 und 2023 dann jeweils weitere 25.000 Euro zu zahlen. Bei sieben Ja-Stimmen, zwei Nein-Stimmen und einer Enthaltung stimmte der Ausschuss für den Vorschlag von Dennie Klose (SPD). Er ging über den von Dr. Reinhard Binder (FDP) bereits im Stadtentwicklungsausschuss gemachten Vorschlag hinaus, im Wirtschaftsförderung-Etat zusätzliche 25.000 Euro für Einbeck Marketing vorzusehen. Dietmar Bartels (Grüne) erneuerte im für Wirtschaftsförderung zuständigen Ausschuss nun diesen Antrag und ergänzte, dass die 25.000-Euro-Spritze der Stadt unter den Vorbehalt gezahlt werden solle, wenn auch der andere Gesellschafter der GmbH eine gleiche Summe aufbringe. Einbeck-Marketing-Geschäftsführerin Anja Barlen-Herbig, selbst hinzugewähltes Ausschuss-Mitglied, gab bei diesem letztlich abgelehnten Ansinnen zu bedenken, dass der andere (Mehrheits-)Gesellschafter, der Verein Einbeck Marketing InitiativGemeinschaft, aus Unternehmen aus Einbeck bestehe – und die wären in der aktuellen Corona-Wirtschaftskrise bestimmt nicht begeistert darüber. Barlen-Herbig kündigte an, sich weiterhin um zusätzliche Sponsoren und Förderer des Stadtmarketing kümmern zu wollen. Spontan erläuterte sie in der Sitzung mit einer ausführlichen Präsentation die Veränderungen in der GmbH seit ihrem Amtsantritt Anfang 2020.

Musikschule mietfrei

Mendelssohn-Musikschule in der ehemaligen Stukenbrok-Villa.

Mendelssohn-Musikschule in der ehemaligen Stukenbrok-Villa. Archivfoto.

Die Finanzierung der Mendelssohn-Musikschule (MMS) ist bis Ende 2017 gesichert, obwohl zum 31. Juli 2016 der städtische Zuschuss von jährlich 70.000 Euro wegfällt. In diesem Jahr springt die Sparkassen-Stiftung in die Bresche, für 2017 haben sich private Spender gefunden, die nicht genannt werden wollen. Das berichtete heute Kulturausschuss-Vorsitzende Dr. Ursula Beckendorf (GfE) aus der eigens im vergangenen Herbst gebildeten Arbeitsgruppe in der Sitzung des Kulturausschusses. Laut Beckendorf hat sich die Arbeitsgruppe darauf geeinigt, die Musikschule bis Ende 2017 mietfrei in der Stukenbrok-Villa am Ostertor zu beherbergen. Beschlüsse dazu gab es heute im Fachausschuss nicht – und wird es voraussichtlich auch in Zukunft nicht (mehr) geben. Miete und Gebäudeunterhaltung sind laut Rolf Hojnatzki (SPD) in der mittelfristigen Finanzplanung für die Haushalte der nächsten Jahre mit einkalkuliert. Daran müsse nichts verändert werden. Das sah auch Bernd Huwald (CDU) so. Die Arbeitgruppe habe ihren Beitrag geleistet, die Politik sei sich schon länger einig, die MMS erhalten zu wollen. Die AG war mit je einem Fraktionsvertreter besetzt, außerdem mit der Vorsitzenden des Trägervereins, Christina Heise, sowie mit Kulturausschuss-Mitglied Michael Büchting (AKB-Stiftung). Nach den Worten von Alexander Kloss (SPD) habe die Arbeitsgruppe alle Empfehlungen im Konsens verabschiedet. So etwas sei selten, aber dem einigen Willen der Beteiligten geschuldet, dass die Mendelssohn-Musikschule als so genannter weicher Standortfaktor für Einbeck wichtig und erhaltenswert sei. Die AG habe allerdings dem Trägerverein auch deutlich gemacht, dass die jetzt gefundene Finanzierung befristet sei; die Schule müsse sich rechtzeitig selbst darüber Gedanken machen, wie es ab 2018 weiter gehe. Kloss: “Es gibt keinen Freibrief für die nächsten Jahre.” MMS-Vorsitzende Christina Heise habe erklärt, dass auch mit einem Zuschuss-Budget von jährlich 40.000 statt den heutigen 70.000 Euro die Schule betrieben werden könne, berichtete Dr. Ursula Beckendorf. Die Arbeitsgruppe will sich weiterhin treffen – “ohne die anderen Musikschulen am Ort zu vergessen” (Kloss).

Wenn ich nicht mehr weiter weiß…

Mendelssohn-Musikschule in der ehemaligen Stukenbrok-Villa.

Mendelssohn-Musikschule in der ehemaligen Stukenbrok-Villa.

Es ist zutiefst menschlich. Zu Schulzeiten haben manche auch erst einen Tag vor der Prüfung gelernt oder die Hausaufgaben unmittelbar vor Unterrichtsbeginn erledigt. Als Saisonarbeiter sind einige gut durchs Schulleben gekommen. Der städtische Zuschuss für die Mendelssohn-Musikschule (MMS) von jährlich 70.000 Euro läuft Ende Juli 2016 aus. Das ist bereits im Zukunftsvertrag vor der Fusion mit Kreiensen 2012 so beschlossen worden. Vor gut drei Jahren. Es war also wahrlich ausreichend lange Zeit, sich auf diese Tatsache einzustellen, Gespräche zu führen, nach Lösungswegen zu suchen, wie die von einem Trägerverein organisierte Musikschule in der Stukenbrok-Villa überleben kann, wenn sie denn soll. Im Kulturausschuss hatte es bei den Haushaltsberatungen für 2016 jedoch gestern den Anschein, als sei es völlig überraschend und neu, dass dann vielleicht die MMS ihre Pforten wird schließen müssen, wenn das Geld aus dem Rathaus ausbleibt. Und: 2016, ist das nicht noch lange hin? Nein, das ist nächstes Jahr, das in drei Monaten beginnt! Die CDU wollte gar einfach mal so eine weitere finanzielle Unterstützung der Mendelssohn-Musikschule in den nächsten Jahren in die Finanzplanung hinein schreiben. “Dieses einfach so zu beschließen wird nicht gehen”, machte Finanz-Fachbereichsleiterin Christa Dammes dann auch schnell deutlich. Schon damals mit Beschluss des Zukunftsvertrages sei klar gewesen, “dass es schmerzhafte Einschnitte geben wird”. Wenn man jetzt weiter Geld geben wolle, müsse man schon sehr gute Argumente in Gesprächen mit Land und Landkreis haben, was heute anders sei als damals, als man den Zukunftsvertrag abgeschlossen habe. Einvernehmlich hat sich der Kulturausschuss gestern verständigt, in einem Arbeitskreis bis Ende des Jahres nach Möglichkeiten zu suchen, wie die MMS erhalten werden kann. Diese Gesprächsrunde ist löblich, aber sie kommt zu spät und kaschiert imgrunde nur ein Ja oder Nein. Ist es Flucht vor der Verantwortung? Wenn ich nicht mehr weiter weiß… Die Vorsitzende des MMS-Trägervereins, Christina Heise, hat gestern im Kulturausschuss noch einmal deutlich gemacht, dass ohne den Zuschuss die Politik die Verantwortung dafür trage, wenn die Musikschule schließen müsse. Und sie machte klar, dass sich der Verein ein Stück weit auch allein gelassen gefühlt habe in seinen Bemühungen, eine Zukunftslösung ohne den Stadt-Zuschuss zu erarbeiten. Schade ist indes, das zwischen den Musikschulen in Einbeck keine Kooperation denkbar scheint.

Politik ist dafür gewählt, Verantwortung zu übernehmen. Ja, das kann unbequem sein. Ja, dafür bekommt man nicht nur Lob. Und ja, das kann auch Wählerstimmen kosten. Die Kulturpolitiker haben in Einbeck noch keine wirklich unpopuläre Entscheidung treffen müssen, in Einbeck gibt es trotz Sparzwangs noch (gottseidank!) Museum, Archiv, Bibliothek als freiwillige Leistungen. Wie das ist, in der Kritik zu stehen, können Kulturpolitiker von ihren Kollegen Schulpolitikern lernen. Mit ihnen können sie sich austauschen, die haben Erfahrung und sich bereits mehrfach dem öffentlichen Sperrfeuer gestellt, wenn sie Schulen schließen mussten, weil keine Kinder oder kein Geld oder beides nicht mehr vorhanden war.

Es liegt Musik in der Luft…

Christina Heise stellte die MMS im April-Kulturausschuss vor.

Christina Heise stellte die MMS im April-Kulturausschuss vor.

Einbeck ist eine sehr musikalische Stadt: Mehr als 1000 Musikschüler gibt es unter den 33.000 Einwohnern. Und wenn man dann noch die aktive Band- und Kulturszene dazu zählt (nicht selten direkt aus den Musikschulen gespeist) und außerdem jene, die einfach so ein Instrument spielen oder singen, ohne Unterricht, manche in Chören, andere nur allein für sich, dann liegt da vielstimmig und vielseitig Musik in der Einbecker Luft… Die beiden großen Einbecker Musikschulen haben sich im Kulturausschuss des Stadtrates vorgestellt: die Mendelssohn-Musikschule (MMS) mit derzeit rund 300 Schülern und 18 Lehrern, gegründet 1979, in der April-Sitzung, die M1-Musikschule mit ihren 721 Schülern und 25 Lehrern, gegründet 2004, jetzt in der Juni-Sitzung. Die Ausschussvorsitzende Dr. Ursula Beckendorf (GfE) hatte nach eigenem Bekunden auch der dritten Musikschule in Einbeck die Chance eröffnet, sich der Politik zu präsentieren, sie blieb dort aber zunächst ohne Resonanz.

So heiter und beswingt die Musikschule M1 sich und ihre Arbeit in der sehr gut besuchten Ausschuss-Sitzung und in einem aktuellen Video präsentiert hat, so feierlich und fröhlich vergangenes Jahr die MMS ihren 35. Geburtstag feierte (worüber ich ein Video gedreht habe): Die Musikschullandschaft in Einbeck wird sich in Zukunft verändern. Dabei darf keine Stimme verstummen, soll Einbeck bitte eine musikalische Stadt bleiben. Mit einer großen Bandbreite zwischen Klassik und Metal.

Marcus Kümmerling stellt die M1-Musikschule im Juni-Kulturausschuss vor.

Marcus Kümmerling stellte die M1-Musikschule im Juni-Kulturausschuss vor.

Der jährliche 70.000-Euro-Zuschuss der Stadt Einbeck aus dem Steuerzahlertopf für die Mendelssohn-Musikschule ist aus der Geschichte der 1979 als städtische Bildungseinrichtung gegründeten Schule zu verstehen. Doch er passt nicht mehr in die heutige Zeit, in der außerdem die M1-Musikschule seit mehr als zehn Jahren zeigt, dass es auch ohne Steuergeld geht. “Wir wollen keine Förderung durch die Stadt”, sagte dann auch M1-Mitbegründer Marcus Kümmerling im Kulturausschuss selbstbewusst. Was er aber will, ist eine Gleichbehandlung. Die Stadt möge sich neutral verhalten. Eine Verzerrung des Wettbewerbs mag er mit seinem Unternehmen nicht länger hinnehmen. Das ist nur allzu verständlich. Der kommunale Zuschuss an die MMS läuft zum 31. Juli 2016 aus. Der Zukunftsvertrag hat die Stadt dazu gezwungen. An diesem Vertrag ist offenbar doch nicht alles schlecht. Spätestens 2017 haben beide Schulen die gleichen Voraussetzungen.

Der Einwand, eine öffentlich geförderte Musikschule könne eher für die sozial Schwachen da sein, geht ins Leere: die M1 fördert nach eigenen Angaben 26 Schüler (darunter aktuell auch eine Klavierschülerin aus einer Flüchtlingsfamilie) mit kostenlosem Unterricht, weil sie von der privaten AKB-Stiftung eine Förderung erhält. Die MMS hatte im April erklärt, fünf Schüler mit Berechtigungsschein mit kostenfreiem Unterricht zu unterstützen.

Im Nachhinein lässt sich ja immer alles locker beswingt beurteilen, aber so falsch ist die Einschätzung nicht, dass die Stadt mit der Umwandlung der MMS im Jahr 2006 ein Problem nur mehr oder weniger elegant auf einen Trägerverein ausgelagert hat, um sechsstellige Defizite im Stadt-Etat auf fünfstellige Zuschüsse zu reduzieren. Schon damals gab es ja die M1, längst noch nicht so groß wie heute. Aber sie hatte exakt seit ihrer Gründungsphase mit dieser Ungleichbehandlung klar zu kommen.

Jede Musikschule hat ihre Existenzberechtigung, wenn sie auf eigenen Beinen stehen kann. Es muss fair dabei zugehen. Auf allen Seiten. Die Zukunft der Musik in Einbeck ist zu wichtig, als sich im schrillen Klanggetöse zu verlieren. Notfalls muss ein Dirigent den Taktstock erheben, um die Harmonie wieder herzustellen. Der Maestro heißt Marktwirtschaft.

Wieselburgs Neugier auf Einbeck

Vor zwei Jahren war noch alles neu. Und auch beim Besuch aus dem niederösterreichischen Wieselburg in Einbeck an diesem Wochenende ist noch vieles neu. Umso größer ist die Neugier bei unserer “geerbten” Partnerstadt nach der Fusion Einbecks mit Kreiensen. Das wird nicht zuletzt daran deutlich, dass sich die Größe der Delegation nahezu verdoppelt hat: 29 Frauen und Männer, vor allem Ratsmitglieder, haben nach gut neun Busstunden Einbeck erreicht. Aus der Vorfreude vor zwei Jahren sei eine Freude geworden, sagte Wieselburgs Bürgermeister Günther Leichtfried heute am Willkommensabend in der wohl schönsten Jugendstilvilla Einbecks, dem einstigen Wohnhaus des Fahrrad-Versandkönigs August Stukenbrok. Und möge die Struktur zwischen der als Verein organisierten Einbecker Einrichtung und der städtischen Musikschule Wieselburg auch unterschiedlich sein, so Leichtfried: Musikalisch müsse sich Einbeck keinesfalls hinter Österreich verstecken, lobte der Bürgermeister nach mehreren Kostproben durch Mendelssohn-Musikschüler: „Sie leben Musik.“ Da mochte sich seine Einbecker Amtskollegin Dr. Sabine Michalek nur anschließen. Die Wieselburg-Partnerschaft mit der ehemaligen Gemeinde Kreiensen besteht bereits seit 1987. Das Besuchsprogramm startete mit einem Empfang in der Mendelssohn-Musikschule, auf der weiteren Agenda stehen Besuche bei KWS, im PS-Speicher und auf der Heldenburg, außerdem eine Fahrt mit dem „Ilmeblitz“-Triebwagen auf der bald wieder für regelmäßigen Personenverkehr reaktvierten Schienentrasse von Einbeck nach Salzderhelden. Der traditionelle Empfang der Gemeinde findet im Gasthaus Ernst “auf’m Saale” in Ahlshausen statt.

Sören Schirmer am Flügel beim Auftaktempfang in der Mendelssohn-Musikschule.

Sören Schirmer am Flügel beim Auftaktempfang für die Wieselburg-Delegation in der Mendelssohn-Musikschule.

Auslastung 110 Prozent

Eng, sehr eng: Kulturausschuss-Sitzung am 17.03.2015 in Raum 107 im Neuen Rathaus.

Eng, sehr eng: Kulturausschuss-Sitzung am 17.03.2015 in Raum 107 im Neuen Rathaus.

Die Raumkapazitäten bei der Sitzung des Kulturausschusses waren gestern zu mindestens 110 Prozent ausgelastet. Mit anderen Worten: Es war voll in Raum 107 des Neuen Rathaus, sehr voll und eng, mehrere mussten gar anfangs stehen. Selbst Ausschussmitglieder (und Medienvertreter) fanden zunächst keinen Sitzplatz, bis SPD-Fraktionschefin Margrit Cludius-Brandt nach den ersten Tagesordnungpunkten die ungerührte Sitzungsführung der Ausschussvorsitzenden Dr. Ursula Beckendorf (GfE) nicht mehr teilen mochte und diese darauf hinweisen musste. Peinlich. Dabei waren noch nicht einmal alle gewählten Auschussmitglieder gestern anwesend…

Alle Sitzplätze belegt, einige mussten anfangs gar stehen.

Alle Sitzplätze belegt, einige mussten anfangs gar stehen.

Das Ganze hat imgrunde gezeigt, wie ungeeignet dieser Raum im Neuen Rathaus selbst für mittelprächtige Ausschuss-Sitzungen geeignet ist. Jedenfalls in der aktuellen Tisch- und Bestuhlungsform. Zumindest sollte doch wohl jedem gewähltem Ausschussmitglied ein akzeptabler Sitzplatz für mindestens 90 Minuten bereit gestellt werden können, von der interessierten Öffentlichkeit gar nicht zu reden. Und weil Informationen per Beamer an eine Wand geworfen wurden, fiel auch noch ein Teil der Fläche für Sitzplätze aus. Gar nicht mehr daran denken möchte ich, dass schon einmal öffentliche Ratssitzungen in diesem Raum stattgefunden haben. Zugegeben, das waren Sondersitzungen mit nur einem Tagesordnungspunkt, aber dennoch…

Fachbereichsleiter Dr. Florian Schröder hatte zu Beginn der Sitzung eingeräumt, dass er mit einer solchen Resonanz nicht gerechnet habe. Freilich, wegweisende Beschlüsse hat der Kulturausschuss gestern nicht gefasst (imgrunde hätte er beinahe überhaupt keinen einzigen Beschluss gefasst, sondern nur Berichte entgegen genommen, wenn nicht die SPD die Handlungsempfehlungen der Verwaltung bei der Rückkehrförderung zu einer Zustimmung-Beschlussempfehlung umgebastelt hätte, der der Ausschuss einstimmig gefolgt ist). Doch selbst wenn Beschlüsse weitreichender Art vorab nicht zu erwarten waren, ein großes Interesse beim Thema Musikschule kann man in Einbeck erst einmal grundsätzlich immer unterstellen. Und da dürfte es ja wohl nicht zuviel verlangt sein, in der großen Stadt Einbeck einen ausreichend großen Raum für eine solche Sitzung zu finden. Raum 107 ist das bitte definitiv in Zukunft nicht. Für vertrauliche Verwaltungsausschuss- oder Aufsichtsrats-Sitzungen ohne Publikum mag dieses Zimmer im Neuen Rathaus ja sehr geeignet sein. Für öffentliche Sitzungen ist es Raum 107 nicht. Das dürfte spätestens seit gestern klar sein.

Nachtrag 18.03.2015, 17:00 Uhr: Umgehend hat sich Fachbereichsleiter Dr. Florian Schröder per Twitter zu Wort gemeldet und Besserung gelobt. Daumen hoch! 😉

Musikschule: Lösungen gesucht

Jede Holzkassette, jedes Fensterbild atmet Jugendstil in der Stukenbrok-Villa.

Jede Holzkassette, jedes Fensterbild atmet Jugendstil in der Stukenbrok-Villa.

Sie ist ein schönes Haus, wenn nicht gar das schönste in Einbeck: die Villa des Kommerzienrates August Stukenbrok. In dem Jugendstil-Baudenkmal am Ostertor mit beeindruckender Schönheit in Architektur und Ausstattung weht seit vielen Jahren Musik durch die Luft. Die Mendelssohn-Musikschule, einst städtisch, seit 2006 die eines Trägervereins, sieht sich als Bildungseinrichtung und -partner – und möchte Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen mehr beibringen als Klavier, Cello oder Ukulele. Doch die Zukunft ist nicht gewiss.

Die Stadt muss ihren Vertrag mit dem Trägerverein der Mendelssohn-Musikschule im Sommer dieses Jahres mit zweijähriger Frist zum 31. Juli 2016 kündigen. Schuld ist der Zukunftsvertrag mit dem Land Niedersachsen, der der Stadt zwar mit einem Mal viel Geld für die Entschuldung gebracht hat, allerdings auch die Verpflichtung, so genannte freiwillige Ausgaben deutlichst zu reduzieren. Und Kultur ist, leider, immer noch zu sehr als freiwillig definiert.

Es ist also die (höchste) Zeit für kreative Lösungen, wie die ab 2017 dann fehlenden 70.000 Euro in der Mendelssohn-Musikschule kompensiert werden können, damit der Verein sein Musikangebot aufrechterhalten kann. Im Zukunftsvertrag wurde vereinbart, die Betriebs- und Unterhaltskosten der früheren Stukenbrok-Villa weiter aus städtischen Mitteln zu zahlen. Doch was nutzt ein schönes Haus, selbst das schönste, wenn es leer stehen würde, wenn die Musik verstummen würde?

Der Kulturausschuss hat sich gestern bei einem Ortstermin in der alten Villa umgeschaut, die elf Unterrichtsräume sowie den Konzertsaal besichtigt, sich auch interessiert im Keller umgesehen. Viel mehr als ein Lob-Konzert mit Solidaritätsadressen mehrerer Ausschussmitglieder ist in der anschließenden Aussprache über die Besichtigung  noch nicht entstanden. Das allerdings ist vor den demnächst in ihre heiße Phase gehenden Finanzberatungen schon viel mehr als nichts.

Kulturausschuss in der Mendelssohn-Musikschule, vorn der Vorstand mit Vorsitzender Christina Heise (Mitte).

Der Kulturausschuss des Stadtrates am 4. März in der Mendelssohn-Musikschule, vorn der Vorstand des Vereins mit der Vorsitzenden Christina Heise (Mitte).