Problematische Straßennamen in Einbeck: Umbenennen oder deren Geschichte erläutern?

Straßennamen werden zu Ehren von Menschen vergeben. Wenn jene sich nicht nach Flurbezeichnungen oder beispielsweise Fichten richten. Was aber ist, wenn die vor Jahrzehnten geehrte Person heutzutage nicht mehr als würdig angesehen wird, dass nach ihr ein Weg, eine Allee oder eine Straße benannt wird? Umbenennen, und zwar sofort? Oder mit Infotafeln erläutern, warum die Frau oder der Mann einmal zur Ehre eines Straßennamen gekommen ist? Auf diese Fragen gibt es keine schnellen und allgemeingültigen Antworten, wie ich bereits hier und hier geschrieben habe. Aber es gibt die gesellschaftliche Verpflichtung, darüber einmal in Ruhe und konstruktiv-kritisch zu diskutieren. Ich bin gespannt, ob das in den nächsten Monaten gelingt. Ob es nur schwarz-weiß („Haben wir nichts Wichtigeres zu tun?“) oder Bilderstürmerei gibt, oder ob eine Debatte mit mehreren Grautönen entstehen kann – nicht nur, aber auch in der Kommunalpolitik.

Bei der kritischen Durchsicht aller 130 nach Personen benannten Straßennamen im Gebiet der Stadt Einbeck und seiner Ortschaften nach Belastungen vor allem aus der Zeit des Nationalsozialismus sind vier Namen als besonders kritisch eingestuft worden. Museumsleiter Marco Heckhoff hat nach seinen Recherchen in den vergangenen Monaten und Bewertungen nach bestimmten zuvor aufgestellten Kriterien der Politik jetzt einen zehnseitigen Ergebnisbericht vorgelegt, der nach dem einstimmigen Willen des Kulturausschusses nun zunächst in den Fraktionen sowie mit den Anliegern der betroffenen Straßen diskutiert werden soll. Heckhoff betonte, dass seine Untersuchung keine wissenschaftliche im engeren Sinne sei, eine solche benötige wesentlich mehr Zeit und sei neben dem Tagesgeschäft nicht zu leisten. Aber die Prüfung genüge sehr wohl wissenschaftlichen Standards und beziehe sich auf neueste Forschungsergebnisse, sagte Heckhoff.

130 von insgesamt 796 Straßennamen sind nach Personen benannt, 98 davon in Einbeck, 32 in den Ortschaften. 35 der 46 Ortschaften haben keine nach Personen benannten Straßen. Weniger als 30 Prozent der meist nach dem Zweiten Weltkrieg verwendeten Namen von Frauen und Männern haben einen lokalen Bezug. Während es keine Personen aus der Zeit des Kolonialismus oder mit kritischem Bezug zur SED der DDR gibt, sind mehrere Straßen nach Menschen mit Verbindungen zum Nationalsozialismus benannt worden.

Museumsleiter Marco Heckhoff hat drei Kriterien bei seiner Überprüfung zugrunde gelegt, wie er im Kulturausschuss erläuterte. Neben einer einflussreichen Position in NS-Organisationen sowie politischem Aktivismus ist das ein öffentliches Bekenntnis zum NS-Regime und/oder die Verbreitung von NS-Ideologie, besonders Antisemitismus. Schließlich zählt ein persönliches Profitieren (nicht nur, aber auch materiell) durch eine Annäherung an das NS-Regime dazu, durch das andere Menschen im Sinne der nationalsozialistischer Herrschaftsverhältnisse geschädigt wurden. Auch entlastende Kriterien seien bei der Bewertung zu berücksichtigen, sagte der Museumsleiter und Historiker.

115 von 130 Personen-Straßennamen sind laut Heckhoff unkritisch. Elf Straßennamen ließen eine finale Bewertung beispielsweise wegen nicht ausreichender Quellen- oder Forschungslage nicht zu. Beispielsweise zum Musikpädagogen Fritz Jöde. Oder auch bei Hindenburg, Fritz Mackensen, Karl Burgsmüller oder Alfred Nobel.

Straßenname mit Geschichte in Andershausen. Archivfoto

„Vier Straßennamen erfüllen die aufgestellten Kriterien in einem Maße, dass eine Umbenennung diskutiert werden sollte“, sagte Heckhoff. Dieses sind

Dr.-Heinrichs-Straße in Andershausen: Benannt in den 1930er Jahren nach dem Nazi-Landrat Dr. Kurt Heinrichs, der als typischer Karrierist im Beamtensystem des Dritten Reiches bis ins Innenministerium aufgestiegen ist und vom NS-System (beruflich) maßgeblich profitierte, und der noch 1970 sein Nicht-Handeln in der Reichspogromnacht 1938 rechtfertigte.

Agnes-Miegel-Straße in Einbeck: Benannt 1961 in der Nordstadt in einer Umgebung von Uhland, Klopstock, Hölderlin oder Möricke. Die aus Ostpreußen stammende Schriftstellerin Agnes Miegel hat sich bereits 1933 öffentlich zum Nationalsozialismus bekannt („Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler“) und mit ihren antisemitischen Schriften eine zentrale Bedeutung für die Blut-und-Boden-Ideologie gehabt, von denen sie sich nach 1945 nie distanzierte. Zahlreiche Straßen und Schulen wurden in den vergangenen Jahren bereits umbenannt.

Carl-Diem-Weg in Einbeck: Benannt 1961 in der Nähe der Sportanlagen der Kernstadt. Carl Diem war Sportfunktionär vor und während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin, wusste seit 1943 nachweislich vom Holocaust. Seit einer Biografie des Historikers Frank Becker sei der Antisemitismus Carl Diems und dessen Rolle im NS-Staat anhand zahlreicher Quellen gut belegt, sagte Heckhoff. Zahlreiche Kommunen hätten nach Diem benannte Straßen bereits umgewidmet.

Sohnreystraße in Kreiensen: Diese Straße erfüllt nur zwei der drei Kriterien. Heinrich Sohnrey habe zwar fremdenfeindliches und rassistisches Gedankengut verbreitet, habe eine bedeutende Rolle im Kontext der NS-Propaganda gespielt, Sohnrey sei aber kein NSDAP-Mitglied gewesen und habe keine einflussreiche Rolle im NS-System eingenommen. „Die Bewertung bleibt ambivalent“, sagte Heckhoff.

Die kritische Prüfung der Straßennamen war als zusätzlicher Auftrag entstanden, nachdem Ratsherr Alexander Kloss (parteilos) im Sommer 2020 eine Liste Einbecker Persönlichkeiten gefordert hatte, nach denen künftig neue Straßen benannt werden sollten. Auch diese Liste mit aktuell 39 Namen hat der Kulturausschuss zur weiteren Beratung verwiesen und will auf sie zurückgreifen. Heckhoff betonte, die Liste sei dynamisch, könne noch wachsen. Genannt werden in dem Papier beispielsweise ehemalige Bürgermeister und andere Politiker wie Lothar Urbanczyk (1903-1986; Landrat, Landtagsabgeordneter), Gerda Eisfeld (1909-2001; AWO) oder Wilhelm Dörge (1922-2017; Bürgermeister, Landtagsabgeordneter). Oder Unternehmer wie Otto Ammermann (1897-1979), Hans Feierabend (1921-1994), Adolf Reichenbach (1924-2003) oder Joachim Stadler (1926-2020). Oder Künstler und Sportler wie Kurt Hensel (1882-1948), Emil Reinecke (1933-2011) oder Richard Seiffert-Wattenberg (1874-1945). Oder Personen wie Werner Lüttge und Ernest Kaufman (wie Heinrich Keim beim Kriegsende 1945 in entscheidender Rolle aktiv), der frühere Geschichtsvereinsvorsitzende Horst Hülse (1934-1994) oder der prägende Fotograf Rudolf Lindemann (1904-2003). Aber auch Familien, die seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten in Einbeck Bedeutung haben, wie Ernst, Boden, Büchting, von Einem oder Wittram, stehen auf der Liste. Sollte sich der Stadtrat am Ende der Diskussion für eine Umbennenung von Straßen entscheiden, könnten Namen von dieser Liste verwendet werden. Zu berücksichtigen ist, dass Menschen fünf Jahre verstorben sein müssen, bevor einen Benennung möglich ist. Die Nachfahren-Familien sollten vorab einbezogen werden. Und auch in neuen Baugebieten, soweit vorhanden, könnten diese Namen die Ehren erhalten, ein Straßenname zu werden.

Franz-Cestnik-Platz am 100. Geburtstag offiziell gewidmet

Der Parkplatz an der Ecke Wolperstraße/Judenstraße in Einbeck heißt jetzt offiziell Franz-Cestnik-Platz. Am 100. Geburtstag des vor zehn Jahren verstorbenen Einbecker Malers hat Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek gemeinsam mit mehreren Ratsmitgliedern zum Abschluss der von den Initiatoren des Cestnik-Jahres organisierten Geburtstagsfeier das Platzschild enthüllt und den Parkplatz offiziell nach Franz Cestnik benannt. Die Benennung hatte der Stadtrat im Juni einstimmig beschlossen.

Der Parkplatz heißt jetzt offiziell Franz-Cestnik-Platz, links ist die Cestnik-Open-Air-Galerie zu sehen.

Der Antrag stammte vom parteilosen Ratsherrn Alexander Kloss, der gemeinsam mit der Familie Cestnik und den Initiatoren des Cestnik-Jahres, Patricia und Martin Keil, die Initiative zur Benennung gestartet hatte. Der Franz-Cestnik-Platz liegt in unmittelbarer Nähe zum Geburtshaus des am 3. August 1921 in Einbeck geborenen Künstlers. Seit einem Jahr schmückt ein Wandbild eine markante Backsteinfassade am Rande des Innenstadtparkplatzes, seit gestern gibt es auf dem Parkplatz auch eine Open-Air-Cestnik-Galerie mit mehreren Werken des Malers.

Ursprünglich sah es so aus, als ob die offizielle Widmung des Parkplatzes trotz monatelanger Vorbereitung noch nicht am 100. Geburtstag stattfinden könnte, weil das Platzschild fehlte. Überraschend war es am Nachmittag dann doch – zunächst verhüllt – am Rande der Wolperstraße montiert. Die Plastikhülle rissen dann gemeinsam Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek und Ratsherr Alexander Kloss ab, die auf einem kleinen Podest bei der Aktion gestützt und unterstützt wurden von den Ratsmitgliedern Eunice Schenitzki (SPD) und Walter Schmalzried (CDU).

Und auch der Parkscheinautomat auf dem nun mehr Franz-Cestnik-Platz heißenden Areal war pünktlich zum Geburtstag umprogrammiert, so dass er nun Parkscheine mit dem neuen Namen ausgibt.

Gemeinsam geschafft: Walter Schmalzried, Eunice Schenitzki, Dr. Sabine Michalek und Alexander Kloss (v.l.) am Franz-Cestnik-Platz-Schild.
Gemeinsam enthüllt haben Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek und Ratsherr Alexander Kloss das Platzschild.
Vorbereitungen am noch verhüllten Platz-Schild.

Von der Ehre eines Straßennamens

Der Mahlerweg auf der Kühner Höhe bleibt der Mahlerweg. Eine Umbenennung ist vom Tisch. An dem Weg wird zwar auch in Zukunft niemand wohnen. Nach dem Einbecker Maler Franz Cestnik (1921-2011) soll aber stattdessen jetzt ein Parkplatz in der Innenstadt benannt werden, der nur wenige Schritte vom Geburtshaus des Künstlers entfernt liegt, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Nach Rücksprache mit der Familie hat Ratsherr Alexander Kloss (parteilos) seinen Antrag noch einmal verändert, der jetzt im Kulturausschuss zur Entscheidung steht (Dienstag, 16. März, 17 Uhr, Online-Sitzung, Zugangsdaten unter stadtverwaltung@einbeck.de).

Parkplatz an der Ecke Wolperstraße/Judenstraße, der zum Franz-Cestnik-Platz gewidmet werden soll.

Auch die Änderung des Mahlerwegs in Cestnikweg hätte Charme gehabt. Unterstützer der neuen Variante mit dem Parkplatz können nun jedoch ins Feld führen, dass hier nicht nur die Nähe zum Geburtshaus in der Wolperstraße 25 und zum großen Wandbild „Cestnik kennt jeder“ gegeben ist, das im vergangenen Sommer eingeweiht worden ist. Wenn die Stadt ihren Parkscheinautomaten umprogrammiert und auch Navigationssysteme soweit geändert und sogar Google die Veränderung registriert hat, ist künftig eine zielgenaue Navigation zum Franz-Cestnik-Platz möglich, und dieser Name steht dann auch auf den Parkscheinen, freilich auch auf Knöllchen.

Bislang liegt dieser Parkplatz (auch auf Parkscheinen und Strafzetteln) hinter dem großen Wohnkomplex Lange Brücke 9-11 an der Judenstraße, welche die Wolperstraße und Lange Brücke verbindet. Dieser erst vor mehr als 30 Jahren wiederhergestellte, historische Straßenname, der einst hart von der früheren SPD-Ratsfrau Irmela Kirleis erkämpft worden war, steht nicht zur Disposition, die wenigen Anlieger müssen keine Veränderung fürchten. Das wäre auch kein gutes Zeichen, die Judenstraße abzuschaffen.

Ein gutes Zeichen wäre es, die Taufe der bislang namenlosen Parkfläche noch bis zum 100. Geburtstag des Einbecker Malers zu realisieren. Das müsste bei gutem Willen machbar sein, dürfte auch der formelle Beschluss erst in der Ratssitzung am 23. Juni getroffen werden. Wichtige Vorbereitungen könnten nach einem deutlichen (einstimmigen) Signal aus dem Kulturausschuss sofort beginnen.   

Aber es geht nicht allein um einen Franz-Cestnik-Platz. Der ursprüngliche Antrag von Ratsherr Alexander Kloss geht deutlich weiter, möchte er doch eine Namensliste mit Einbecker Persönlichkeiten erstellen, nach denen neue Straße künftig benannt werden können. Und wer die Unterlagen für die Kulturausschusssitzung sorgfältig liest, entdeckt einen Hinweis, dass sich die Stadtverwaltung damit nicht zufrieden geben will.

Ich begrüße ausdrücklich die Ankündigung aus der Verwaltung, einmal alle vorhandenen Straßennamen auf ihre Entstehung zu überprüfen. Schon vor einiger Zeit habe ich mir so etwas gewünscht, auch nochmals im Zusammenhang mit dem Ehrenmal am Kirschenberg im vergangenen Jahr. Vielleicht waren einige schon zu matt und müde geworden, um eine solche Debatte noch anzustoßen. Und mit dem neu gewählten Stadtrat im Herbst kommt dann vielleicht zusätzlich ein bisschen frischerer Wind auf für dieses Thema. Klar ist: Einfach wird eine Diskussion über Straßennamen nicht. Es wird Widerstände geben. Je mehr mächtige Menschen in von einer möglichen Umbenennung betroffenen Straßen wohnen, desto ungemütlicher könnte die Diskussion werden. Muss sie natürlich nicht. Vielleicht wird sie von Anwohnern sogar inhaltlich bereichert.

Schnell wird in der Öffentlichkeit nun das Argument auftauchen: Gibt es aktuell nichts Wichtigeres als Straßennamen? Doch, es gibt viele wichtige Themen in dieser Stadt. Aber Kommunalpolitik besteht nun mal nicht nur aus Feuerwehr, Kita, Schule und Straßenbau. Es muss auch möglich sein, über Themen zu sprechen, die über den Tag hinaus gehen. Ansonsten kann sich der Kulturausschuss gleich komplett abschaffen.

In Mode sind nach Persönlichkeiten benannte Straßen übrigens erst seit dem 19. Jahrhundert. In dieser Zeit wuchsen die Städte über ihre Mauern hinaus, neue Wohngebiete und Chausseen wurden angelegt, auch in Einbeck. Bis dahin hießen die Wege und Plätze nach Gemarkungen, nach ihrer Funktion oder nach Pflanzen oder Tieren. Die Ehre, einer Person eine Straße zu widmen, gibt es erst seit gut 150 Jahren. Die Motivationen waren dabei durchaus unterschiedlich.

Es wird über einige Namen zu sprechen sein. Ich nenne nur mal beispielhaft ein paar Persönlichkeiten, nach denen in Einbeck und in seinen Ortschaften Wege und Straßen benannt sind. Welche mal mehr oder mal weniger auch zweifelhafte Episoden in ihrem Leben hatten, die aus heutiger Sicht kritikwürdig sein können oder müssen. Dr. Kurt Heinrichs, Paul von Hindenburg, Fritz Mackensen, Carl Diem, Agnes Miegel, Hermann Löns, Heinrich Sohnrey  – bei all diesen Beispielen werden sich Schriften, Äußerungen oder Taten finden lassen, die aus dem Blickwinkel von heute nicht mehr zu einer Straßenbenennung führen würden. Ein Blick in die Wikipedia-Enzylopädie (bei aller Vorsicht) hilft hier auf die Schnelle bereits weiter.

Aber es wäre mir viel zu billig, nun in Bilderstürmerei zu verfallen und einfallslos das Abnehmen der Straßenschilder zu verlangen. Niemand würde auf den Gedanken kommen, Martin Luther von Straßen- oder Platznamen zu verbannen. Obwohl Luther heftig antisemitische Schriften verfasst hat, aber eben nicht nur. Sondern er war vor allem ein Reformator, der die Welt aus ihren damaligen Angeln hob.

Jeder Weg und jede Straße wurden zu bestimmten Zeiten benannt, diesen zeithistorischen Zusammenhang muss man in der Diskussion unbedingt berücksichtigen. Und vor Ort vielleicht vielfach nur durch ergänzende Informationen der Umstände erläutern. Die für 2022 von der Stadtverwaltung angekündigte Übersicht wird das wahrscheinlich gut deutlich machen. Der Carl-Diem-Weg beispielsweise wurde angelegt, weil sich die Sportanlagen in der Nähe befinden und der Weg den Sportfunktionär ehren soll. Dass Diem im Nationalsozialismus flammende Reden und Durchhalteparolen ausgab, gehört auch zu seinem Leben. Die Agnes-Miegel-Straße ist nur in einer Reihe zu sehen mit den benachbarten Dichter-Straßen, benannt nach Klopstock, Hölderlin und Uhland. Dass Agnes Miegel treueste Gefolgschaft für Hitler gelobte, gehört aber eben auch zum Leben der Schriftstellerin aus Ostpreußen. Die Dr.-Heinrichs-Straße in Andershausen ist nach dem Einbecker Landrat der Nazizeit benannt, weil er sich für die Straße nach Andershausen eingesetzt hat, die 1935 vom Reichsarbeitsdienst gebaut wurde.

Über Hindenburg hat der Zeithistoriker Hans-Ulrich Thamer einen bemerkenswerten Aufsatz geschrieben (hier im Orignal zu lesen). Der Professor aus Münster, bei dem ich selbst noch studieren durfte, äußert sich auf acht lesenswerten Seiten zur Debatte in Münster und die Benennung (und letztliche Umbenennung) des großen Hindenburgplatzes vor dem Schloss. Dabei muss man wissen, dass der Aufsatz, der auch im benachbarten Northeim jüngst gerne in der Diskussion über deren Hindenburgstraße zitiert wurde, inzwischen zehn Jahre alt ist. Und vor allem ist Thamers Aufsatz kein eindeutiger Kronzeuge – und zwar weder für eine Umbenennung noch für eine Beibehaltung des Hindenburg-Straßennamens. Leider haben Kommunalpolitiker in Northeim immer nur die Passage zitiert, die ihnen politisch in den Kram passte. Hans-Ulrich Thamer spricht sich gerade nicht für oder gegen Umbenennungen aus. Sein Schlusssatz lautet: „Bei beiden Varianten bestünde die Chance, aus der Geschichte von Straßennamen so etwas wie ein begehbares Geschichtsbuch zu machen, wohlwissend, dass Geschichtsbewusstsein immer auch zeitgebunden und ambivalent ist.“

Nachtrag 17.03.2021: Der Kulturausschuss hat nach kurzer Aussprache einstimmig empfohlen, den öffentlichen Parkplatz in der Judenstraße in der Kernstadt als Franz-Cestnik-Platz mit Blick auf das laufende Cestnik-Jahr schnellstmöglich zu benennen. Bei der Vergabe neuer Straßennamen sollen Einbecker Persönlichkeiten künftig stärker berücksichtigt werden, die Verwaltung ist beauftragt, bis 12/2021 einen Katalog mit potenziellen Namensgebern zu erstellen. Zudem sollen laut der Beschlussempfehlung des Kulturausschusses bereits existierende Straßennamen in Kernstadt und Ortschaften historisch-kritisch anhand eines Kriterienkatalogs geprüft werden; dazu soll es im Laufe des Jahres 2022 einen Ergebnisbericht geben. Abschließend muss über diese Ausschussempfehlung nun noch der Stadtrat entscheiden. René Kopka und Joachim Dörge als Vertreter von SPD und CDU hatten vor dem Beschluss Rückenwind für den Antrag signalisiert. Antragsteller Alexander Kloss (parteilos) freute sich über das einstimmige politische Signal. Die Vorschlagsliste mit Namen könne „eine fundierte Grundlage sein, aus der wir schöpfen können“, und er sei gespannt, welche Namen dort auftauchen werden. Von der historisch-kritischen Überprüfung erhofft sich Alexander Kloss für den künftigen Stadtrat „eine fundierte Handlungsempfehlung“, wie beispielsweise Possen wie in Northeim vermieden „und gleichzeitig historisch bedenkliche Namen aus unserem Straßenregister verbannt werden können“, sagte Kloss.

Wird nach dem Maler Franz Cestnik zum 100. Geburtstag ein Weg benannt?

Am 3. August jährt sich der Geburtstag des Einbecker Malers Franz Cestnik zum 100. Mal. Wird nach dem 2011 verstorbenen Künstler pünktlich zu diesem runden Geburtstag ein Weg in Einbeck benannt? Ratsherr Alexander Kloss (parteilos) hat jedenfalls die Initiative dazu ergriffen – sozusagen als aktuelles Update zu seinem bereits in der Beratung befindlichen Antrag, Straßen in Einbeck künftig mit lokalen Namen zu benennen. Die Verwaltung hat er gebeten, sich zu der Idee eines Franz-Cestnik-Weges in der nächsten Sitzung des Kulturausschusses am Dienstag zu äußern.

Der heutige Mahlerweg mit Baustelle für ein neues Mehrfamilienhaus. Foto: Alexander Kloss

„Die Idee kam mir, während ich mir die Sitzungsunterlagen durchlas und im Tätigkeitsbericht der Wirtschaftsförderung auf den Mahlerweg stieß, an dem derzeit ja ein Mehrfamilienhaus gebaut wird“, erzählt Alexander Kloss. Im Kultur- und Wirtschaftsförderung-Fachausschuss hat das Ratsmitglied ohne Fraktionszugehörigkeit das einzige Grundmandat, das ihm zusteht. In anderen Ausschüssen kann Alexander Kloss nur als Gast teilnehmen.

Das Thema, Straßennamen nach Einbecker Persönlichkeiten zu benennen, eile imgrunde natürlich nicht. „Wobei ich mir persönlich schon wünsche, dass wir es schaffen, im 100. Geburtsjahr Franz Cestniks eine Straße nach dem vermutlich bedeutendsten Maler unserer Stadt zu benennen“, sagt Kloss. Neue Straßenbenennungen stehen ansonsten vermutlich erst mit dem Neubaugebiet am Deinerlindenweg an, was noch etwas dauern werde. Und beim Mahlerweg auf der Kühner Höhe gebe es den Vorteil, dass dieser heute gar keine Anlieger hat. Niemand müsse also seine Ausweise ändern lassen oder Ähnliches. „Wie wäre es, wenn die Straße bis zu deren Fertigstellung umbenannt und künftig den Namen Franz-Cestnik-Weg tragen würde?“, fragt Ratsherr Kloss. Zwischen den nach den Komponisten Telemann, Hindemith und Orff benannten Nachbarstraßen wäre der Franz-Cestnik-Weg außerdem würdig eingebettet, findet Kloss.

Im Juni vergangenen Jahres erfolgte am Mahlerweg der symbolische erste Spatenstich, mit dem die Bauarbeiten für das Haus begannen, die Ende dieses Jahres abschlossen sein sollen. Bis dato firmiert das Bauprojekt der Volksbank unter der Adresse „Paul-Hindemith-Straße 84“. Was der Bauherr zu der Idee sagt, ist bislang noch nicht bekannt. Die Gelegenheit ist aber in der Tat günstig, in diesem Jahr einen Weg zu benennen, bevor dann zum Jahreswechsel die ersten Mieter im neuen Mehrfamilienhaus einziehen. Ich bin mal gespannt, wie flexibel und spontan die Einbecker Politik und die Verwaltung sein können. Und der unverändert zweifellos notwendigen Grundsatz-Diskussion über Einbecker Straßennamen würde das auch gar nicht vorgreifen.

Mein Video über den Auftakt zum Cestnik-Jahr in Einbeck

Nachtrag 20.01.2021: In der Kulturausschuss-Sitzung gestern Abend wurde die Anfrage von Ratsherrn Kloss sehr kurz von der Verwaltung dahin gehend beantwortet, dass sein ursprünglicher Antrag zu den Straßennamen in der März-Sitzung des Ausschusses (geplant am 16. März 2021) ausführlich behandelt werden soll und die Verwaltung dieses wichtige Thema jetzt vorbereite, sagte der neue Museumsleiter Marco Heckhoff.

Und noch ein Kloss-Antrag

Wenn er in dieser Schlagzahl weitermacht, besteht die Tagesordnung der nächsten Ratssitzung ausschließlich aus seinen politischen Initiativen. Doch Spaß beiseite: Der jetzt parteilose Ratsherr Alexander Kloss wirkt seit seinem SPD-Austritt wie entfesselt von parteipolitischen Zwängen, hat er binnen weniger Tage doch jetzt schon seinen zweiten Antrag für die nächste Sitzung des Stadtrates vorgelegt, die am 9. September stattfinden wird. Der 44-Jährige möchte in Zukunft bei der Vergabe von Straßennamen vor allem Einbecker Persönlichkeiten berücksichtigt sehen, begründet Alexander Kloss seinen Vorstoß, über den nach eigenen Angaben er sich schon länger Gedanken macht, und stellt diesen Ratsantrag, wie er das angekündigt hat, weit vor der Sitzung zum erwünschten öffentlichen Diskurs.

Symbolbild/Archiv.

Der Kloss-Antrag wird voraussichtlich zur weiteren Diskussion in den Kulturausschuss überwiesen. Der bisherige SPD-Ratsherr möchte die Stadtverwaltung eine Konzeption ausarbeiten lassen, damit man bei der Vergabe von Straßennamen in Zukunft auf eine bereits vorberatene Liste von in Frage kommenden Namen zurück greifen kann. Alexander Kloss nennt als Beispiele Einbecker Persönlichkeiten die Namen von August Wenzel (u.a. früherer NFV-Fußballpräsident, nach ihm ist bereits das Stadion benannt), Wilhelm Dörge (langjähriger Bürgermeister und CDU-Landtagsabgeordneter) und Franz Cestnik (Maler, der im kommenden Jahr 100 Jahre alt geworden wäre und der bis dahin mit einem Kulturjahr bereits gedacht wird). Kloss möchte jedenfalls in Zukunft nicht die x-te Straße „nach nationalen oder internationalen Prominenten“ benennen, sondern viel lieber lokale Größen mit Strahlkraft berücksichtigen.

Das ist lobenswert und genau das, was ich bereits vor Jahren u.a. anlässlich der Einweihung des Heinrich-Keim-Weges thematisiert hatte – und auch zuletzt beim Thema Ehrenmal. Denn in dem Zusammenhang würde es auch Sinn machen, einmal politisch vor Ort zu diskutieren, wie mit einigen bestehenden Straßennamen umgegangen werden soll, deren Namen man heute nicht mehr so für Straßen vergeben würde, die nur im zeitgeschichtlichen Zusammenhang verstanden werden, beispielsweise der Carl-Diem-Weg oder die nach dem Nazi-Landrat benannte Dr.-Heinrichs-Straße in Andershausen oder auch die Agnes-Miegel-Straße. Eine solche Debatte ist nicht einfach, und vor allem müssen die Anwohner in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mitgenommen werden. Aber es kann sehr lohnenswert sein, sich mit der Geschichte einiger Straßen und Wege auseinander zu setzen. Ein einfaches Schilder-Austauschen nicht mehr oportuner Namen ist damit selbstverständlich nicht gemeint. Bilderstürmerei ist keine historische Beschäftigung mit der Vergangenheit.

Heinrich-Keim-Weg eingeweiht

Heinrich Keim war von 1946 bis 1981 Stadtdirektor in Einbeck, der Fehler auf dem Erläuterungsschild wird noch beseitigt.

Im Beisein der Tochter und der Enkeltochter von Heinrich Keim, Angelika und Petra Domeier, ist heute der Weg zwischen der Rabbethgestraße und dem Ostertor offiziell nach dem langjährigen Einbecker Stadtdirektor benannt worden. Das Schild „Heinrich-Keim-Weg“ ist nun an beiden Seiten des bislang zum Langen Wall gehörenden Weges angebracht, inklusive einer Erläuterungstafel (auf der sich ein kleiner Fehler bei einer Jahreszahl eingeschlichen hat, der noch korrigiert wird). Der Stadtrat hatte sich einstimmig für die Umbenennung ausgesprochen, geklagt hatte nach der öffentlichen Auslegung der Pläne niemand der drei Anlieger. Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek dankte Erika Rau für die Initiative zur Umbenennung, und zwischen Goetheschule (das damals Lazarett war, in dem sich Heinrich Keim aufhielt) und Rathaus sei der Weg auch an der richtigen Stelle. Als Soldat sei Heinrich Keim 1945 in den letzten Kriegstagen ein hohes Risiko eingegangen. Das würdigte auch Erika Rau, die damals als Fünfjährige bei Kriegsende erleben musste, wie bei Beschuss der Stadt Einbeck eine Eingang-Säule in der nahen Rabbethgevilla einkrachte. Damals seien alle ja nicht so gut über das Geschehen um sie herum informiert gewesen wie das heute im Handy-Zeitalter der Fall sei, deshalb habe viel Mut dazu gehört, den ersten Schritt zu gehen und im April 1945 den amerikanischen Truppen entgegen zu fahren. Dieser Mut sei entscheidend, und der habe Vorbild-Charakter, den man heute jungen Menschen nahe bringen solle, sagte die Einbeckerin. Der Mut, für eine gute Sache einzutreten.

Der nach Heinrich Keim (um-)benannte Weg ist nun eingeweiht. Hoffentlich wird die Anregung doch noch zeitnah aufgegriffen, einen Vortrag über Heinrich Keim, sein Leben und sein Wirken in Einbeck anzubieten, das ja aus deutlich mehr bestand als der Tat, für die ihm nun gedankt wird. Es war beispielsweise Heinrich Keims Verdienst, nach dem Zweiten Weltkrieg die Stadtverwaltung wieder aufzubauen, neu zu organisieren und in den Wirtschaftswunderjahren den Unternehmen in Einbeck eine (teilweise neue) Heimat zu schaffen – im besten Sinne des Wortes Wirtschaftsförderung. Hinzu kam der Wohnungsbau und die Unterbringung der Vertriebenen und Flüchtlinge in Einbeck. Das war nicht alles Heinrich Keim, natürlich nicht, aber eben auch. Und das darf, finde ich, bei der Verehrung für die zweifellos waghalsige Tat im April 1945 bei der Gesamtschau auf das Leben des langjährigen Stadtdirektors nicht zu kurz kommen.

Ein Vortrag mit mehr Informationen über Heinrich Keim könnte etwa vom Einbecker Geschichtsverein organisiert werden, denn heute sagt nur noch wenigen Menschen der reine Name auf dem Straßenschild etwas (selbst wenn unter dem Namensschild eine kleine Erläuterungstafel montiert ist). Die Vorsitzende des Geschichtsvereins, Dr. Elke Heege, dankte für die bei der Einweihung erneut vorgebrachte Anregung, einen Vortrag anzubieten. Das Programm des nächsten Jahres stehe allerdings schon fest.

Und ich bleibe auch bei meiner Hoffnung, dass es im Einbecker Stadtrat noch ein paar Kulturpolitiker gibt, die eine Diskussion über Straßennamen nicht scheuen. Die Diskussion über den Heinrich-Keim-Weg war kurz, schnell war man sich einig, wenn sie auch im falschen Fachausschuss stattfand (im überflüssigen Kernstadt-Ortsrat). Es war wieder mal nur eine Einzelfallentscheidung. Ich bin bekanntlich ja kein großer Anhänger von Konzepten, aber ein paar grundsätzliche Gedanken über Straßennamen dürfen sich auch ehrenamtliche Kommunalpolitiker gerne einmal machen. Baustellen gibt es hier genug, das erweiterte Wohngebiet am Weinberg benötigt mittelfristig neue Straßennamen. Ich würde mir regionale Namen dort wünschen, und nicht eine Fortsetzung von Nobelpreisträgern ohne lokalen Bezug, die es so in jeder beliebigen Stadt geben kann.

Und schließlich gibt es noch ein paar vorhandene Straßennamen, über die man gerne einmal nachdenken und diskutieren darf – der Nazi-Landrat Dr. Heinrichs in Andershausen beispielsweise wäre so ein Fall, aber auch Carl Diem oder Agnes Miegel. Es lohnt sich, dabei durchaus auch mal das Risiko einer Debatte einzugehen. Davon lebt Demokratie. Je mehr Anwohner betroffen sind, desto mehr Meinungen, das mag sein. Geschichte kann man auch nicht entsorgen, indem man Straßenschilder auswechselt. Aber man kann diese wenigstens erläutern und dadurch Historie sichtbar machen. Erläutern, warum damals Straßen nach Dr. Kurt Heinrichs, Carl Diem oder Agnes Miegel benannt worden sind. Und warum das heute vielleicht nicht mehr angebracht sein könnte.

Bei der Einweihung des Heinrich-Keim-Weges (v.l.): Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, Kernstadt-Ausschuss-Vorsitzender Rolf Hojnatzki, Heinrich Keims Tochter Angelika Domeier, Bauamtsmitarbeiter Ralf Köhler, Heinrich Keims Enkeltochter Petra Domeier, der stellvertretende Bauamtsleiter Bernd Müller, das frühere SPD-Ratsmitglied Irmela Kirleis, SPD-Ratsfrau Eunice Schenitzki und Initiatorin Erika Rau.

Straße oder nicht Straße?

Sieht aus wie eine öffentliche Straße, ist aber keine.

Der Name würde ja durchaus zu Einbeck passen, erst recht seitdem der PS-Speicher der Stadt unbestreitbar einen Schub gebracht hat. Das Problem ist nur: Die Straße ist gar keine Straße, auch wenn das Straßennamenschild so aussieht, jedenfalls keine öffentliche. Die „Straße der Mobilität“ verbindet die Barumstraße mit der Straße Am Kälbertalsgraben im Osten der Stadt. Das Schild ist ohne Genehmigung durch den Eigentümer des Privatgeländes aufgestellt worden, die Straße ist nicht gewidmet (also nicht öffentlich) und auch nicht vom Stadtrat benannt worden, der dafür einzig zuständig wäre. Das erklärte Bauamtsleiter Frithjof Look mir heute auf meine Nachfrage, nachdem im Stadtentwicklungsausschuss Wolfgang Sckopp (SPD) als hinzugewähltes Mitglied dieses Fachausschusses darauf aufmerksam gemachte hatte. Sckopp ist auch Anlieger in Sichtnähe der neuen Privatstraße, an der gerade ein Autohaus und eine Bäckerei neu gebaut haben. Als dort kürzlich die Wirtschaftsförderung und die Bürgermeisterin zu Besuch waren, stand das Schild noch nicht, auch nicht das „Tempo 10“-Schild. Ob das Straßennamenschild wieder entfernt werden muss, weil es beispielsweise irreführend für Rettungs- und Einsatzkräfte sein könnte, wenn jemand einen Notruf absetzt und eine Straße nennt, die in keinem Stadtplan steht und die kein Navi kennt, ist bislang noch offen.

Nachtrag 27.04.2017: Wie heute der Sachgebietsleiter Sicherheit und Ordnung im Rathaus, Thomas Eggers, ergänzte, sieht die Stadt Einbeck zwar „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ keine negative Auswirkung der Straßennamensschilder auf den öffentlichen Verkehr (das darf nämlich nicht sein). Maßgebend sei das Gesamtbild des flüchtigen Betrachters. Durch das Straßennamensschild besteht aber nach Auffassung der Stadt die „Gefahr“, dass die Privatstraße zum tatsächlich öffentlichen Verkehr genutzt wird. Dies gehe allerdings zu Lasten des Straßeneigentümers, der das Straßennamensschild selbst aufgestellt habe und sich somit auch die Auswirkungen selbst zuzuschreiben habe, argumentiert Eggers. Von Seiten der Stadt bestehen keine Bedenken, das Straßennamensschild aufzustellen, es bedürfe dafür aber der Genehmigung und Anordnung durch die StVO-Behörde, das ist die Stadt. Der Eigentümer der „Straße der Mobilität“ werde von der Bauaufsicht im Rahmen des Baugenehmigungsverfahrens auf die Problematik hingewiesen, erklärte Thomas Eggers in einer Stellungnahme.

Die Privatstraße verbindet Barumstraße und Am Kälbertalsgraben in Einbeck.

Ehre für en plattdüütschen Schriever

Dass die Kommunalpolitiker in Einbeck beim Thema Straßennamen zurzeit etwas reserviert sind, ist nachvollziehbar. Durch die Fusion mit Kreiensen und die seit 2013 einheitliche Postleitzahl waren mehrere Straßennamen doppelt vergeben, Umbenennungen mit anfänglichem Adressenchaos waren die Folge. Doch für Friedrich Wille, den in diesem Jahr verstorbenen Kenner des ostfälischen Platt, sollte sich bitte bald eine passende Straße oder ein würdiger Platz finden lassen, die oder der nach ihm benannt werden kann. Und am Besten in Brunsen, dem Ort, aus dem Wille stammte. Der Kulturausschuss hat jetzt den Wunsch geäußert, dass sich der Ortsrat Auf dem Berge mit dem Vorschlag befassen solle. Friedrich Wille war Träger des Niedersächsischen Verdienstordens am Bande, der ihm für seine Verdienste um die ostfälisch-niederdeutsche Mundart verliehen wurde. Der 1925 in Brunsen geborene Wille war der Verfasser zahlreicher  Bücher und übertrug Literatur, Märchen, Gesangbuchtexte und schließlich die gesamte Bibel ins Plattdeutsche. Auch um die Erinnerung an NS-Zwangsarbeiter hat sich Wille mit mehreren Buch-Veröffentlichungen verdient gemacht. Die Bitte des Friedrich Wille langjährig freundschaftlich verbundenen Ortsheimatpflegers in Brunsen, Richard Hartwig, einen dauerhaften ehrenden Platz in der Geschichte der Stadt zu geben, sollte zeitnah erfüllt werden.

Eine Straße weniger

Ist ab 1. Januar keine öffentliche Straße mehr: die bisherige Raiffeisenstraße zwischen PS-Speicher und Haus der Jugend.

Ist ab 1. Januar keine öffentliche Straße mehr: die bisherige Raiffeisenstraße zwischen PS-Speicher (im Hintergrund) und dem derzeitigen Haus der Jugend.

Ist schon die Neubenennung und Einweihung von neuen Straßen eine Seltenheit in einer Stadt, so ist die Tatsache, dass Einbeck ab dem 1. Januar 2014 eine Straße weniger zu verzeichnen hat, mindestens ebenso selten. Die Stadt Einbeck zeigt förmlich an, dass die in der Gemarkung Einbeck, Flur 4, Flurstück 36/29, Stadt Einbeck, Landkreis Northeim, gelegene Raiffeisenstraße mit Wirkung vom 01.01.2014 dem öffentlichen Verkehr entzogen wird. Ab Neujahr ist keine Durchfahrt mehr vom Tiedexer Tor zur Jahnstraße möglich und umgekehrt.

Was ist geschehen? Ist Raiffeisen nicht mehr würdig, das nach einem der Gründer der Volks- und Raiffeisenbanken eine Straße benannt werden kann? Es ist viel einfacher. Der PS-Speicher im alten Kornhaus braucht mehr Platz. Das ursprünglich geplante Ausstellungsareal, das 2014 seine Pforten öffnen will, wird größer. Das hatte nicht nur die Debatte über einen neuen Standort für Haus der Jugend und Jugendgästehaus zur Folge. Auch die Raiffeisenstraße „störte“ bei den Planungen für das Gesamtgelände. Hier sollen bald Parkplätze entstehen für die Besucher.

Die Einziehung der Raiffeisenstraße wurde im Bebauungsplan Nr. 77 „PS.Speicher“ der Stadt Einbeck, der am 27. September 2013 in Kraft getreten ist, „aus überwiegenden Gründen des öffentlichen Wohls gemäß § 8 Abs. 5 des Niedersächsischen Straßengesetzes (NStrG) vom 24.09.1980 (Nds. GVBl. S. 359) in der zur Zeit geltenden Fassung verfügt“, wie es in der öffentlichen Bekanntmachung der Stadtverwaltung heißt.

Was passiert nun mit dem „frei werdenden“ Straßennamen Raiffeisen? Soll der in Einbeck andersorts zum Einsatz kommen, um an Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu erinnern? Oder bleibt der in Reserve, wenn nach der nächsten Fusion mal wieder neue Straßennamen gesucht werden?

Gesperrt: die ehemalige Raiffeisenstraße, Aufnahme vom 11.01.2014.

Gesperrt: die ehemalige Raiffeisenstraße, Aufnahme vom 11.01.2014.

Nachtrag 14.01.2014: Die Straße ist inzwischen für den Straßenverkehr gesperrt.