Keine Tische in Einbeck?

Gildentag 2019: Kreishandwerksmeister Ulrich Schonlau am Rednerpult in der Northeimer Stadthalle, in der die Gäste an Tischen sitzen.

Für kurzzeitige Irritationen hat bei einigen die Einladung zum Gildentag 2020 der Kreishandwerkerschaft Northeim-Einbeck gesorgt. Denn das Treffen der Handwerker mit den Jubilaren und Gewinnern findet am 27. Januar erneut in Northeim statt – wie bereits in diesem Jahr. Seit der Fusion der Kreishandwerkerschaften Northeim und Einbeck galt eigentlich als vereinbart, die Großveranstaltung immer alternierend in Northeim und Einbeck zu organisieren. In Einbeck fand der Gildentag dann traditionell im BBS-Forum statt. Wie aus der Kreishandwerkerschaft zu hören ist, war der Wunsch, an Tischen zu sitzen für Northeim und die Stadthalle ausschlaggebend. Denn im BBS-Forum, das vom Landkreis gemanaget wird, seien wegen der großen Teilnehmerzahl nur Stuhlreihen möglich. Andere Veranstaltungsorte in Einbeck hätten sich nicht angeboten, würden aber für 2021 gesucht, hieß es. Eigentlich bietet sich die PS-Halle an… und nicht nur, weil Kfz-Mechatroniker auch Handwerker sind.

Zum Gildentag 2020 in der Stadthalle Northeim wird am 27. Januar als Festredner Burkhardt Balz, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Bundesbank, erwartet. Seine Banker-Wurzeln hat der mehrere Jahre auch als EVP-Europaabgeordneter aktive Jurist und Bankkaufmann übrigens bei der Commerzbank Hannover.

Minister statt Ministerpräsident

Kreishandwerksmeister Hermann-Josef Hupe und Geschäftsführer Hans-Joachim Nüsse begrüßten Finanzminister Peter-Jürgen Schneider (r.).

Kreishandwerksmeister Hermann-Josef Hupe und Geschäftsführer Hans-Joachim Nüsse begrüßten Finanzminister Peter-Jürgen Schneider.

Eigentlich sollte und wollte der Chef selbst kommen. Hatte er vor über einem Jahr schon versprochen. „Und mir persönlich im Sommer bei einem Treffen in Berlin nochmal bekräftigt“, sagt Kreishandwerksmeister Hermann-Josef Hupe. Und klang ein wenig verschnupft: „Nun hat er kurzfristig seine Prioritäten anders gesetzt.“ Statt Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sprach Finanzminister Peter-Jürgen Schneider (SPD) beim Gildentag des heimischen Handwerks im Landkreis Northeim im Forum der BBS Einbeck. Weil musste am Montag zum Windenergie-Gipfel nach Wismar mit seinen Ministerpräsidenten-Kollegen der Nordländer. „Die Absage kam gerade noch so rechtzeitig, dass wir die Einladungen nochmal neu drucken konnten“, berichtet Hupe von den Vorbereitungen der Veranstaltung. Verschickt waren die Briefe an die Teilnehmer des Gildentages gottseidank noch nicht, sie erhielten gleich die richtige Einladungskarte mit Peter-Jürgen Schneider als Festredner. Schneider referierte auführlich zur Situation des Landeshaushalts unter dem Eindruck der aktuellen Flüchtlingssituation, ging aber auch auf das Handwerk interessierende Aspekte ein. Bei einer steuerlichen Förderung des sozialen Wohnungsbaus müsse man darauf achten, dass es keine Mitnahmeeffekte durch Luxus-Wohnungsbau gebe. Der Finanzminister, der auch für den Hochbau in Niedersachsen zuständig ist, sprach sich für Modernisierung von Landesgebäuden aus. „Wenn wir nicht sanieren ist das wie Schulden machen, das holt uns irgendwann ein.“ Außerdem: „In Finanzämter darf es nicht hineinregnen, weil ja sonst die Steuererklärungen nass werden“, scherzte der Finanzminister. Schneider erhielt aus den Händen des Kreishandwerksmeister als Dank für seinen Besuch eine XXL-Flasche Hardenberg-Korn. „Damit kann ich das ganze Finanzministerium besoffen machen“, witzelte der Minister.

Kreishandwerksmeister Hermann-Josef Hupe (r.) begrüßte die Landratskandidanten Jörg Richert und Astrid Klinkert-Kittel.

Kreishandwerksmeister Hermann-Josef Hupe (r.) begrüßte die Landratskandidanten Jörg Richert und Astrid Klinkert-Kittel.

Die jährlichen Gildentage des Handwerks sind immer auch politische Veranstaltungen. Wer ist da? Wer fehlt? Seit einiger Zeit schon werden gottlob bei der Begrüßung auf meine vor Jahren geäußerte Kritik hin nicht mehr alle Ehrengäste namentlich willkommen geheißen, sondern eine Liste mit allen Namen der Personen, die zugesagt haben, liegt für Interessierte aus. Das spart Zeit. Da in wenigen Wochen Landratswahlen stattfinden, war mit besonderem Interesse beobachtet worden, ob alle Kandidaten anwesend waren. Sie waren. Der Kreishandwerksmeister ließ gar alle drei bei seiner Rede einmal kurz aufstehen, damit die Festgäste die Kandidaten sehen und applaudieren konnten. „Das Handwerk ist gespannt, wie sie sich zur Zukunft unseres Landkreises aufstellen werden, denn das hat direkt Auswirkungen auf unsere Handwerksorganisation“, sagte Hupe.

Auffällig war, dass niemand das „offizielle Einbeck“ beim Gildentag in Einbeck vertreten hat. Zwar saßen mehrere Ratsmitglieder (vor allem der SPD) im BBS-Forum und wertschätzten damit die Arbeit des Handwerks. Doch während beispielsweise Bürgermeister aus Dassel, Moringen, Nörten-Hardenberg und Kalefeld vor Ort waren, fehlte die Rathauschefin aus Einbeck. Auch kein ehrenamtlicher Stellvertreter oder sonstiger offizieller Vertreter aus dem Rathaus konnte gesichtet werden, trotz Anmeldung und daher in der ausliegende Liste notiert. Freilich hatte auch die Kreisstadt keinen Vertreter zur Festkundgebung der Handwerksorganisation entsandt.

Großen Respekt für einen besonderen Premiere-Marathon: Erstmals wurden beim Gildentag die Reden (und auch die Musiktexte) von einer Dolmetscherin in Gebärdensprache übersetzt, sie hielt die komplette gut zweieinhalbstündige Veranstaltung nonstop durch.

Elektrotechniker bei den Handwerkern

Finanzminister Peter-Jürgen Schneider (links), hier mit seinem Staatssekretär Frank Doods aus Kreiensen im Ministerium in Hannover. Archivfoto.

Finanzminister Peter-Jürgen Schneider (SPD, links), hier mit seinem Staatssekretär Frank Doods (SPD) aus Einbeck-Kreiensen im Finanzministerium in Hannover. Archivfoto 2013.

Die ersten Einladungen für 2016 sind längst eingegangen, die ersten Termine des neuen Jahres im Kalender fixiert. Beim Gildentag in Einbeck erwartet das heimische Handwerk in diesem Jahr einen Handwerker. Einen gelernten Handwerker jedenfalls, einen Mann vom Fach der Elektrotechnik, der heute über die niedersächsischen Euro wacht: Finanzminister Peter-Jürgen Schneider ist der Festredner beim Gildentag 2016 am 25. Januar im Forum der BBS Einbeck. Der 68-jährige SPD-Politiker, seit 2013 im Kabinett Stephan Weil für den niedersächsischen Landeshaushalt zuständig, ist staatlich geprüfter Elektrotechniker. Nun, nach beruflichen Stationen im Stahlwerk Salzgitter-Peine, beim SPD-Bezirk Braunschweig, beim DGB, im Landtag und als Regierungspräsident in Braunschweig ist zwar diese handwerkliche Berufserfahrung schon Jahrzehnte vergangen. Vor dem Wechsel ins Ministeramt war Schneider zehn Jahre lang Vorstand Personal und Dienstleistungen bei der Salzgitter AG. Und in seinem Festvortrag ist Peter-Jürgen Schneider auch nicht mit handwerklicher Expertise gefragt, sondern der Finanzminister soll über das sprechen, über das er immer spricht. „Aktuelle Herausforderungen niedersächsischer Finanzpolitik“, nennt sich dies dann im Programm. Das Handwerk setzt mit dem Gast aus Hannover gewissermaßen wenige Wochen vor der Landratswahl einen politischen Proporz-Ausgleich zum Landtagspräsidenten Bernd Busemann (CDU), der ein paar Tage zuvor in Einbeck mit dem karnevalistischen Bierorden ausgezeichnet wird. Bei beiden Veranstaltungen dürfte in diesem Jahr die Politikerdichte wieder sehr hoch sein.

Liberaler Handwerksgast

Grascha, Villmar-Doebling, Lindner

FDP-Bundesvorsitzender Christian Lindner (r.), hier mit den Einbecker FDP-Mitgliedern Christian Grascha, Dr. Marion Villmar-Doebeling und Claudius Weisensee. Foto: FDP

Die Gelegenheit ist nochmal günstig: Keine Wahl steht unmittelbar bevor. Und so gönnen sich die Handwerker im Landkreis Northeim bei ihrem nächsten Gildentag am 26. Januar 2015 wie schon in diesem Jahr mit Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) einen politischen Gast als Festredner. Diesmal also kein Sportler oder Wirtschaftsvertreter, der in Vorwahlzeiten gerne für die notwendige Neutralität des heimischen Handwerks herhalten muss. Beim Gildentag, der abwechselnd in Northeim und Einbeck stattfindet, haben schon Politiker fast aller Bundestagsparteien gesprochen, in diesem Jahr ist in der Northeimer Stadthalle der Bundesvorsitzende der FDP zu Gast, Christian Lindner. „Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft“ heißt das Thema des Liberalen-Chefs, dessen Partei ja nicht mehr im Bundestag vertreten ist. Deshalb wird interessant sein, wie Lindner seine sich im Neuerfindungsmodus befindliche Partei präsentieren wird, die in Niedersachsen und auch im Landkreis eine letzte Bastion hat. Und ob Vertreter anderer Parteien liberal genug sind und trotzdem zum Gildentag 2015 zusagen, oder aber mit mehr oder weniger großem Bedauern sich entschuldigen.

Geistreiche Handwerks-Herzensbildung

Hochprozentiger Dank für den Geistlichen: Hardenberg-Korn in der XXL-Flasche gab's für Superintendent Heinz Behrends (l.) von Kreishandwerksmeister Hermann-Josef Hupe zum letzten geistlichen Gildentagswort.

Hochprozentiger Dank für den Geistlichen: Hardenberg-Korn in der XXL-Flasche gab’s für Superintendent Heinz Behrends (l.) von Kreishandwerksmeister Hermann-Josef Hupe zum letzten geistlichen Gildentagswort.

Es legte sich schon kurzzeitig ein wenig auf seine Stimme: Mit am Ende hörbarer Bewegung im Timbre hat Superintendent Heinz Behrends beim Gildentag in Einbeck sein letztes geistliches Wort vor den Handwerkern gesprochen. Der evangelische Pastor geht im September in den Ruhestand. Behrends sprach sich für den Erhalt des Religionsunterrichts an Berufsbildenden Schulen aus. „Wir wollen nicht nur Fachleute haben“, sagte der scheidende Superintendent und bekam dafür Beifall. Überhaupt sei neben der Wissensbildung auch eine Herzensbildung notwendig.

Einbecks Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek recycelte beim Gildentag ein wenig ihr Grußwort – und nutzte die Gelegenheit, wenn schon einmal die Kultusministerin in der zweitgrößten Stadt Südniedersachsens vor Ort war. Bereits beim Neujahrsempfang der Einbeck Marketing GmbH hatte Michalek in nahezu identischer Wortwahl 350.000 Euro genannt, die die Stadt Einbeck für Ganztagsschulen in die Hand nehme, „richtig viel Geld“, so die Rathauschefin. „Ich erwarte, dass von der Landesregierung die Versprechen eingehalten werden und keine Lippenbekenntnisse bleiben.“

Eine direkte Antwort darauf bekam Michalek von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt in der Festrede zwar nicht. Die SPD-Ministerin breitete aber unter anderem vor der CDU-Bürgermeisterin das Bildungs-Regierungsprogramm der Landesregierung aus und nannte Zahlen, Zahlen, Zahlen: 420 Millionen Euro mehr für den Bildungsetat, 260 Millionen für einen „ordentlichen“ Ganztag in Schulen, alles in allem in den nächsten vier Jahren insgesamt eine Milliarde Euro in Bildung. Und die dürfe nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen, sagte Heiligenstadt. Sie selbst sei als Jugendliche mit dem Fahrrad vom heimischen Gillersheim nach Northeim zum Corvinianum gefahren, um das Geld für die Busfahrkarte zu sparen und sich Bücher leisten zu können, erzählte sie.

Kreishandwerksmeister Hermann-Josef Hupe hatte beim Gildentag für die Politiker noch einen guten Tipp parat, den ich unterschreiben kann. Der oberste Handwerker empfahl den politischen Gremien der Region, häufiger mal ein Projekt mit nur 80-prozentiger Sicherheit zu genehmigen, als es immer bis zur hundertprozentigen Perfektion auszudiskutieren. Wichtig sei, dass die Richtung stimme. Die imaginären 100 Prozent führten häufig zu einer Verschleppung des Projekts und verhindere Wachstum und Wohlstand. So ganz unrecht hat er nicht.

Volles Haus beim Gildentag im Forum des Berufsbildenden Schulen in Einbeck.

Volles Haus beim Gildentag im Forum des Berufsbildenden Schulen in Einbeck mit Polit-Prominenz in der ersten Reihe.

Einbecker Gildentag-Bildung

Zum Fotografieren mit dem roten Handy kommt sie als Ministerin nur noch selten: Frauke Heiligenstadt. Archivfoto

Zum Fotografieren mit dem roten Handy kommt sie als Ministerin nur noch selten: Frauke Heiligenstadt. Archivfotos

Gildentag 2013: Frauke Heiligenstadt, Christian Grascha, Kreishandwerksmeiser Hermann-Josef Hupe.

Gildentag 2013: Frauke Heiligenstadt, MdL Christian Grascha, Kreishandwerksmeiser Hermann-Josef Hupe.

Das alte Jahr neigt sich dem Ende, da trudeln die ersten Einladungen für das neue Jahr ein. Ein fester Termin seit Jahren mit durchaus politischer Note ist der Gildentag der Kreishandwerkerschaft Northeim-Einbeck, stets Ende Januar und abwechselnd zwischen Einbeck und Northeim verortet. 2014 ist Einbeck Gastgeber. Und der Blick auf die Rednerliste zeigt bekannte, seit Jahren bei dieser Veranstaltung vertraute Namen – auch solche, die Abschied nehmen. Aber vor allem bietet der Gildentag in Einbeck 2014 neue, frische Rednerinnen-Power.

Den Festvortrag übernimmt Frauke Heiligenstadt (SPD), die als niedersächsische Kultusministerin noch kein Jahr im Amt ist und der der Gegenwind der Lehrer kräftig ins Gesicht bläst. „Gute Bildung – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ ist ihr Thema vor den Handwerkern. Beim vergangenen Gildentag in Northeim war sie zwar seit neun Tagen in den Landtag wiedergewählt, aber (offiziell zumindest) noch keine Ministerin. Blumen gab’s vom Kreishandwerksmeister Hermann-Josef Hupe trotzdem.

Dr. Sabine Michalek mit Superintendent Heinz Behrends.

Dr. Sabine Michalek mit Superintendent Heinz Behrends.

Grußworte sprechen beim Gildentag 2014 zwei in diesem Jahr neu Gewählte: Michael Wickmann als Landrat (und Gastgeber im BBS-Forum) und Dr. Sabine Michalek als neue Bürgermeisterin der Gildentags-Gastgeberstadt Einbeck. Vor einem Jahr war die neue Rathauschefin frisch gewählt und konnte beim Gildentag in Northeim die Glückwünsche entgegen nehmen. Der Landrat ist zwar wohl so lange schon Gast bei einem Gildentag wie kaum ein anderer (schließlich ist er bereits seit 2002 Landrat). Mit seiner Wiederwahl im Oktober ist Wickmann noch acht Handwerkertage im Dienst.

Und ein letztes geistliches Wort bei einem Handwerkertag spricht Heinz Behrends – jedenfalls als Northeimer Superintendent. Als solcher geht er nämlich im Spätsommer in den Ruhestand.

Die Kreishandwerkerschaft, die sonst schon öfter ob der bemühten politischen Neutralität in Wahljahren auf politisch unverdächtige Festredner (beispielsweise solche aus der Wirtschaft oder aus dem Sport) ausgewichen ist, kann 2014 trotz der im Mai anstehenden Europawahl und mehrerer Bürgermeisterwahlen (u.a. in Dassel und Bad Gandersheim) befreit agieren. Alle auf der RednerInnen-Liste stehenden PolitikerInnen sind jüngst 2013 in ihre Ämter gekommen, selbst der Präsident der Handwerkskammer, Delfino Roman (Hildesheim), ist erst seit diesem Jahr im Amt, nachdem der Einbecker Jürgen Herbst im Januar den Präsidenten-Posten nach Vorwürfen hingeworfen hatte. Für den Steinmetz aus Hildesheim ist der Einbecker Gildentag 2014 Premiere.

Übrigens: Auch den Handwerkerball  als das gesellschaftliche Event des Jahres haben viele schon jahrelang genossen. Moderiert wird die 2014-er Veranstaltung – natürlich – von einem Einbecker: Dennie Klose.