Einbecker SPD: MdB-Bewerberin stellt sich digital vor

In einer gut vorbereiteten und technisch optimal verlaufenen zweistündigen Online-Versammlung der Einbecker SPD hat sich die designierte Bundestagskandidatin der Sozialdemokraten, Frauke Heiligenstadt, den Mitgliedern im Einbecker Ortsverein vorgestellt. Wobei: Eigentlich kennen die hiesigen Genossen ja “ihre Frauke” schon seit langem. Die bald 55-jährige ist nicht nur seit 2003 Landtagsabgeordnete im benachbarten Northeimer Wahlkreis, seit 2019 ist die ehemalige Kultusministerin auch SPD-Unterbezirksvorsitzende im Landkreis Northeim. “Wir wollen den Wahlkreis direkt gewinnen”, gab Frauke Heiligenstadt für die Bundestagswahl im September als Ziel aus. “Das wird eine schwere und große Aufgabe.” Offiziell zur MdB-Kandidatin gekürt werden soll die Gillersheimerin am 20. März in Osterode. Es gibt keine Gegenkandidaten.

Frauke Heiligenstadt in der Videokonferenz des SPD-Ortsvereins Einbeck. Screenshot

Frauke Heiligenstadt präsentierte sich den Mitgliedern als thematisch breit aufgestellte Politikerin mit viel Erfahrung und einem großen Netzwerk. “Das ist meine Stärke”, sagt die SPD-Politikerin. Zurzeit ist die ehemalige Wirtschaftsförderin der Stadt Northeim in der SPD-Landtagsfraktion in Hannover haushalts- und finanzpolitische Sprecherin. Aber auch die Themen duale Ausbildung und Berufsausbildung liegen ihr nach eigenen Worten unvermindert am Herzen, sagte die ehemalige Kultusministerin. Und als Frau in der Politik kümmere sie sich natürlich automatisch um Frauen- und Gleichstellungspolitik.

Vor allem aber möchte Frauke Heiligenstadt als Bundestagsabgeordnete der SPD “eine Anwältin der Region” sein. Nicht nur bei Infrastruktur-Themen gebe es eine große Palette – vom Breitbandausbau über den Straßen- und Radwegebau bis zur Digitalisierung der Schulen – wo dieses notwendig sei. “Diese Region hat eine verlässliche Vertretung in Berlin verdient”, sagte sie – und in unmissverständlicher Anspielung auf den Northeimer CDU-Bundestagsabgeordneten “nicht einen, der von Veranstaltung zu Veranstaltung hüpft und Schokoweihnachtsmänner verteilt”. Am Wahlkreis sei in den vergangenen vier Jahren, in denen es keinen MdB der SPD mehr gebe, “leider ziemlich viel vorbei gelaufen”, sagte Heiligenstadt. “Das müssen wir beenden.” Sie wünscht sich, dass mehr Pilotprojekte und Fördermittel in den Wahlkreis fließen, dafür wolle sie gerne ihre Kontakte nutzen und sich in Berlin stark machen. “Ich möchte mit meiner politischen Erfahrung punkten.”

Es werde ein anderer Wahlkampf als vor vier Jahren, sagte Frauke Heiligenstadt. Und sie meinte damit nicht nur die Umstände in der Corona-Pandemie. Bei den politischen Mitbewerbern seien bislang nur die Kandidaturen von Dr. Roy Kühne (CDU) und Karoline Otte (Grüne) bekannt. Die SPD liege bundesweit in den Umfragen bei 16 Prozent, im Land bei gut 25 Prozent. Mehr als 35 Prozent seien jedoch für ein Direktmandat notwendig, weiß sie um ihre große Aufgabe dieses Sommers. Sie habe mit Marcus Seidel gesprochen, der vor vier Jahren kandidiert hatte. Das sei ein guter Austausch gewesen, und er unterstütze sie nicht nur als stellvertretender Unterbezirksvorsitzender, berichtete sie den Mitgliedern. “Danke, dass Du dich in den Dienst der Partei stellst.”

Die Einbecker SPD bereitete in der Online-Versammlung auch die Delegiertenwahlen für verschiedene Aufstellungsversammlungen vor. Bestimmt werden mussten die Einbecker Delegierten für die Wahlkreiskonferenz zur Bundestagswahl am 20. März, für den Unterbezirksparteitag am 17. April sowie die Unterbezirksvertreterversammlung und außerdem für die Kreiswahlkonferenz zur Nominierung der Landratskandidatin und der Aufstellung der Kreistagslisten am 5. Juni. “Unsere politische Arbeit muss auch während der Corona-Pandemie weitergehen”, sagte Ortsverein-Vorsitzender Marcus Seidel. Nachdem eine Verordnung beschlossen worden sei, die es für die Wahl von Delegierten ausdrücklich erlaube, von dem in der Parteisatzung und der Wahlordnung definierten Verfahren abzuweichen, hat der Ortsvereinsvorstand nach den Worten Seidels dieses sichere, gesetzeskonforme und hygienisch unbedenkliche Verfahren gewählt. In der Video-/Telefonkonferenz am Freitag wurden die Delegiertenvorschläge erarbeitet, alle Mitglieder konnten schließlich am Sonntag in einer Urnenwahl in verschiedenen Wahllokal schriftlich ihre Stimmen abgeben. Seidel: “So können sich trotz der Widrigkeiten alle Mitglieder an der Willensbildung beteiligen.”

SPD-Versammlung als Videokonferenz am 5. März 2021. Screenshot

Runde 2 für die drei SPD-Bewerber

Mehr Fragen, mehr Diskussion: die drei Bewerber stellten sich in Iber ihren Parteifreunden.

Lag’s am näher rückenden Termin der Entscheidung? Lag’s an der diskussionsfreudigeren Zuhörerschaft? Die zweite, wieder knapp zweistündige Vorstellungsrunde der drei sich um die SPD-Bürgermeisterkandidatur Bewerbenden am Donnerstag Abend in Iber im gut besuchten Saal des Gasthauses Arndt bot Beobachtern mehr als in Billerbeck eine Woche zuvor. Mehr über die Bewerber. Mehr und andere Themen. Mehr Debatte. Mehr Unterschiede zwischen den drei Bewerbern. Die Spannung für die entscheidende Runde am 19. März steigt.

Der formale Ablauf war vergleichbar: Wieder durfte jeder Bewerber fünf Minuten über seine Person erzählen, nach einer ersten Fragerunde folgten je weitere fünf Minuten über die Themen und dann wieder die zweite Fragerunde. SPD-Ortsvereinsvorsitzender Marcus Seidel hatte zu Beginn erneut das Kandidatenauswahlverfahren skizziert, zur Transparenz die Medienvertreter begrüßt, SPD-Fraktionschef Rolf Hojnatzki wieder am Beispiel des Stadtradio-Interviews die Frontalattacke auf die Bürgermeisterin geritten – aktualisiert nur um Bemerkungen zum Bund der Steuerzahler, der sich in den Regress-Streit um die 380-kV-Klage eingemischt hatte. Da werde „ein Mysterium aufgebaut, die Beigeordneten hätten sich selbst entlastet“. Die Klage sei notwendig und rechtmäßig und im Interesse der Bürger gewesen, unbeanstandet auch von der Bürgermeisterin, die damit in Mithaftung sei. Und im Verwaltungsausschuss hätten sich eben nicht die selben Ratsherren des VA entlastet, wie der Steuerzahlerbund unterstelle.

Dann konnten diejenigen, die den Vergleich aus persönlicher Anschauung anstellen können, Unterschiede zwischen den drei Bewerbern bemerken, die für die SPD in die Bürgermeisterwahl am 13. September ziehen wollen.

Nur ein paar Beispiele und Anmerkungen:

Ulrike Schwartau präsentierte sich deutlich persönlicher, beschrieb ihren Lebensweg von Einbeck nach Göttingen und wieder zurück in ihre Heimatstadt emphatischer, mit mehr Details und Motiven. Jetzt wissen wir, dass sie nicht ewig „die Tochter vom Lehrer“ sein wollte und deshalb nach Göttingen ging, dass sie Leistungssportlerin und Turniertänzerin war und ihren langen Atem schon in zwei OB-Wahlkämpfen in Göttingen auch politisch eingebracht hat. Und sie verriet auf Nachfrage zur Leerstelle im Lebenslauf, dass sie ledig ist und keine Kinder hat. Trennschärfer ebenfalls ihr Bekenntnis zur Sozialdemokratie: Sie möchte den Schwächeren eine Chance geben, ihnen helfen. „Zuerst bin ich Christin, als Zweites bin ich Gewerkschafterin und als Drittes SPD.“ Wer Nächstenliebe befürworte, könne nur in dieser Partei sein. Ihr Motto sei, nah an die Leute heran zu gehen, ihnen zuzuhören und dann deren Probleme durch aktive Taten zu lösen.

Dirk Heitmüller wirkte ebenfalls lockerer als bei Runde 1, vom Rednerpult mochte er sich im Gegensatz zu seinen zwei Mitbewerbern allerdings nicht lösen und war so ehrlich, das dortige Gefühl von Sicherheit nicht zu verschweigen. Er hielt sich oft auch enger an seine thematischen Stichworte – und begründete, warum er noch nicht so viel zum Programm aufgeschrieben habe. Zum einen solle man nicht alles jetzt schon verpulvern, „wir würden es ihr zu einfach machen“, sagte Heitmüller in Richtung Bürgermeisterin, die sich sonst zu früh auf Themen der Gegner einstellen könne. Zum anderen werde das Programm natürlich in Zusammenarbeit mit der Partei aufgestellt. Beim mehrfach thematisierten Verhältnis Kernstadt/Ortschaften monierte er, dass die Amtsinhaberin es in den vergangenen Jahren bis heute trotz mehrfacher Einladung nicht geschafft habe, eine Ortsratssitzung in Salzderhelden zu besuchen – wie auch nicht in anderen Orten. Da könne man sich schon abgehängt fühlen. Heitmüller will bei allem Verständnis für die Belange der Kernstadt, denen er ebenfalls Rechnung tragen möchte, das Ohr deutlich öfter an der Bevölkerung in den 46 Ortschaften haben.

Alexander Kloss zeichnete seine Person ebenfalls mit weiteren Details – vom erfahrenen Gästeführer über den Münzsammler bis zum Naturliebhaber mit eigener Hütte am See im Solling. Kloss gab sich deutlich kantiger, sagte bei aller „Moderation statt Konfrontation“ auch Sätze, die den Willen zum Wechsel an der Rathausspitze eindeutiger auf den Punkt brachten. Auf Nachfrage, was denn seine Formulierung bedeute, er begleite die Arbeit der Partei und Fraktion „kritisch von der Seitenlinie“, wo er als Ratsherr doch eigentlich Mitspieler sei, machte Kloss deutlich, dass es bei allem Bekenntnis zur Sozialdemokatie auch in der SPD erlaubt sein müsse, kritische Fragen zu stellen. Das werde er sich bewahren. Die SPD müsse sich moderner aufstellen, sich anderen Themen als der „reinen Lehre“ öffnen. Unverändert empfinde er außerdem das Abserviert-worden-sein als Vize-Bürgermeister nach der jüngsten Kommunalwahl als menschlich nicht fair abgelaufen.

Einen Überraschungsmoment gab es kurz, als sich SPD-Fraktionschef Rolf Hojnatzki zur Frage von Dorferneuerungsprogrammen meldete, länglich antwortete und auch prompt die Bemerkung erntete: Bist Du der Kandidat? Nein, nein, wiegelte er ab.

Zweite Vorstellungsrunde der SPD-Bewerber, diesmal in Iber im Gasthaus Arndt.

Runde 1 für die drei SPD-Bewerber

Sie wollen Bürgermeisterkandidat/in werden (v.l.): Alexander Kloss, Ulrike Schwartau, Dirk Heitmüller, hier vor einem Banner mit den bisherigen SPD-Bürgermeistern in Einbeck.

Runde 1 für die drei Bewerber um die SPD-Kandidatur für die Bürgermeisterwahl: Im gut besuchten Saal der „Schinkenscheune“ in Billerbeck stellten sich am Donnerstag Abend bei einer rund zweistündigen parteiinternen Veranstaltung Dirk Heitmüller, Alexander Kloss und Ulrike Schwartau den Mitgliedern vor. Die Sozialdemokraten wollen – nach einer weiteren Vorstellungsrunde in Iber – am 19. März ihren Kandidaten oder ihre Kandidatin aufstellen. In Einbeck finden am 13. September Bürgermeisterwahlen statt.

SPD-Ortsverein-Vorsitzender Marcus Seidel skizzierte in seiner Begrüßung die seit langem vorbereitete Form der Nominierung, die bereits seit 2018 mit jeweils einstimmigen Parteibeschlüssen untermauert worden sei. Jedes Mitglied habe sich bewerben können, bis zum Stichtag hätten sich die drei Genannten gemeldet. An drei Abenden habe jedes Mitglied die Möglichkeit, die drei Bewerber kennenzulernen und ihnen Fragen zu stellen. Seidel: „Das ist ein ehrliches, offenes und transparentes Verfahren, das Maßstäbe setzt in der Region.“ Dadurch, dass man die Medien zu den parteiinternen Veranstaltung einlade, zeige man auch, dass man nichts zu verbergen habe. Der Vorsitzende der gastgebenden SPD-Abteilung Kreiensen/Auf dem Berge, Frank Doods, nannte es ein „Statement in dieser Zeit“, in der Kommunalpolitiker vielfach angefeindet würden und nicht immer alles Freude bereite, mit gleich drei Bewerbern aufwarten zu können.

Ortsverein-Vorsitzender Marcus Seidel (stehend) sammelte die Fragen der Mitglieder an die drei Bewerber um die Bürgermeisterkandidatur.

Jeweils fünf Minuten hatten die drei Bewerber Zeit, ihre Person vorzustellen. Nach einer ersten Fragerunde folgten weitere je fünf Minuten pro Bewerber, um inhaltliche und programmatische Aussagen treffen zu können. Auch daran anschließend waren Fragen möglich. Jeder Bewerber hatte die Möglichkeit, den anwesenden Mitgliedern in einem mehrseitigen Bewerbungspapier ausführlicher Infos zu Person und Programm mitzugeben.

Wer bewirbt sich?

Hier die „Basisdaten“ der drei Bewerber (wie immer genannt ohne Wertung in alphabetischer Reihenfolge, die Reihenfolge, in der die Bewerber sprechen durften wurde für das erste Statement ausgewürfelt):

Dirk Heitmüller, Jahrgang 1969, verheiratet, 1 Sohn, 1 Tochter, SPD-Mitglied seit 2010, seit 2013 Ratsherr: Der gelernte Kommunikationselektroniker ist seit 2013 Mediaberater beim Verlag Wolff & Sohn (Die Eule) und dort verantwortlich für den Anzeigen- und Beilagenverkauf. Neben seinen biografischen Daten des Lebenslaufs nannte er in der Vorstellungsrunde sein Elternhaus mit teilweise vier Generationen unter einem Dach als prägend. Zu seinen Hobbys zählt er Multimedia/Social Media sowie Kochen insbesondere Grillen und die mittelalterliche Geschichte der Heldenburg Salzderhelden. Seit 2013 ist er Vorsitzender des dortigen Fördervereins, an dieses Amt habe ihn Vorgänger Helmut Giesel herangeführt, ebenso wie an den Ortsrat, in dem er seit 2006 zunächst parteilos saß.

Alexander Kloss, Jahrgang 1976, verheiratet, keine Kinder, SPD-Mitglied seit 1995, seit 2001 Ratsherr: Der gelernte Sparkassenkaufmann ist seit 2011 bei der Kulturstiftung Kornhaus (PS-Speicher) tätig, aktuell als Leiter Marketing/Vertrieb/Shop. Die Funktion des Pressesprechers habe er mit Beginn seiner Bewerbung dauerhaft und unabhängig vom Ausgang des Verfahrens abgegeben, um Spekulationen vorzubeugen, er nutze seine berufliche Position für Wahlkampf. Er stehe mit ganzem Herzen für die Kandidatur und sei auch nicht käuflich, dementierte er offensiv Spekulationen, Karl-Heinz Rehkopf finanziere seinen Wahlkampf. Es seien Vorbilder wie Paul Traupe oder Burghard Jablonski als aufrichtige, glaubhafte Kommunalpolitiker gewesen, warum er sich politisch engagiere, sagte er.

Ulrike Schwartau, Jahrgang 1966, keine Angaben zum Familienstand, SPD-Mitglied seit 2005: Die gelernte Verwaltungsfachangestellte ist seit 2006 in unterschiedlichen Fakultäten der Universität Göttingen tätig. Seit 2017 lebt die gebürtige Einbeckerin wieder in Einbeck. Ursprünglich habe sie Tanzlehrerin werden wollen, sie habe sich dann aber doch zum Studium der Fächer BWL, VWL, Sozialwissenschaften, Politikwissenschaften, Pädagogik und Germanistik entschlossen und dieses erfolgreich abgeschlossen. Tanzen ist heute ihr Hobby, sie ist Dozentin und Trainerin. In die SPD eingetreten sei sie, um das linke Profil der Partei zu schärfen. Sie war in der Friedensbewegung aktiv, ebenso bei Robin Wood und Greenpeace. Zeitweilig habe sie zu den Grünen tendiert, die seien ihr aber damals zu zerstritten gewesen.  

Aufmerksam hörten die Bewerber die Fragen aus der anwesenden Mitgliedschaft.

Folgende inhaltlichen Schwerpunkte setzten die drei Bewerber in den ihnen zur Verfügung stehenden fünf Minuten:

Ziele der Bewerber

Dirk Heitmüller: Er konzentrierte sich auf drei Themen aus seinen sieben aufgeschriebenen Zielen. Zum einen auf gleichwertige Lebensverhältnisse in den Ortschaften und in der Kernstadt. Als Ortsbürgermeister wisse er da, wo der Schuh drücke. Die Themen Friedhöfe und Feuerwehr seien in den Dörfern sensibel. Formulierungen wie „Alt-Kreiensen“ und „Alt-Einbeck“ müssten sieben Jahre nach der Fusion der Vergangenheit angehören. Zum anderen möchte er stets ein offenes Ohr für Bürger, Mitarbeiter der Stadt, Fraktionen und Medien auf Basis einer vertrauensvollen Zusammenarbeit und transparenter Kommunikation haben – und dies besser umsetzen als die jetzige Bürgermeisterin, bei der sich die Sozialdemokraten von Infos stark abgeschnitten fühlten, wie er sagte. Wirtschaftsförderung und die Stärkung des Tourismus sind für ihn Chefsachen, bei denen sich die Verwaltung als Dienstleister sehen müsse.

Alexander Kloss: Er griff aus seinem aufgeschriebenen 20-Punkte-Arbeitsprogramm zwei Themen beispielhaft heraus. Zum einen „Moderation statt Konfrontation“: In den vergangenen Jahren sei viel Porzellan zerschlagen worden zwischen den politischen Gruppierungen und der Verwaltung. Als Verwaltungschef möchte er seinen Beitrag dazu leisten, Gräben wieder zuzuschütten. Das sei ein großes Stück Arbeit, das nicht per Knopfdruck geschehen könne. Streit sei natürlich in der Sache notwendig, aber es müsse Vertrauen und Verlässlichkeit vorhanden sein. Zum anderen nannte er einen „Masterplan Dorfinfrastruktur“: Einbeck verliere jedes Jahr so viele Einwohner wie etwa Vardeilsen Bewohner habe. Notwendige Einschnitte in den 46 Ortschaften möchte er durch Schwerpunktsetzung begegnen, es werde nicht mehr überall alles möglich sein.

Ulrike Schwartau: Sie nannte einen ganzen Strauß von Themen aus ihren sechs aufgeschriebenen Punkten für ein „Einbeck lebenswert mit Zukunft“. Eine älter werdende Bevölkerungsstruktur mit vielen allein Lebenden erfordere andere Konzepte für Wohnquartiere und deren Versorgung dort auf kurzen Wegen. Sie plädierte für einen auf den Prüfstand zu stellenden Denkmalschutz mit Augenmaß, um Leerstand und Gebäudeverfall zu verhindern, und möchte einen Runden Tisch mit Gewerbetreibenden und Hausbesitzern initiieren, um Sanierungskonzepte zu entwickeln. Sie sprach sich für ein aktives Anwerben von Unternehmen aus und möchte ein Quartier für junge Startup-Unternehmen einrichten. Günstiger Wohnraum solle in Zusammenarbeit mit der EWG entstehen. Für Attraktivität von Arbeitsplätzen seien neben Wohnungen auch ausreichende Kitas notwendig, die oftmals am Ende über Unternehmensansiedlungen entscheiden könnten.

Alle drei Bewerber nannten die soziale Gerechtigkeit als zentrales Motiv für sie, Bürgermeisterkandidat der SPD werden zu wollen. Ulrike Schwartau, die erst seit knapp drei Jahren wieder in Einbeck lebt, wurde als „Überraschungskandidatin“ gezielt nach ihrer Motivation für eine Kandidatur gefragt: Als sie nach 27 Jahre in ihre Geburtsstadt zurück gekommen sei, hätten ihr viele Dinge nicht gefallen, die sie gesehen habe. So wie vorher in Göttingen sei für sie daraus die Konsequenz, sich nun in Einbeck zu engagieren und zu versuchen, die Stadt zukunftsfähig zu gestalten.

Kritik an Bürgermeisterin

Die Aufgabe Attacke übernahm vor der Bewerbervorstellung der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion, Rolf Hojnatzki. Die Bewerber selbst hielten sich mit Bemerkungen zur amtierenden Bürgermeisterin weitestgehend zurück. Hojnatzki hingegen kritisierte am Beispiel eines Interviews der Bürgermeisterin mit Stadtradio Göttingen zum Jahreswechsel ausführlich eine „verschönernde Sichtweise“ von Amtsinhaberin Dr. Sabine Michalek. Diese lebe wohl in einem „Paralleluniversum“, denn so prima wie sie in dem Radiointerview vorgebe sei nicht alles gelaufen. Zur Wahrheit und Aufrichtigkeit gehöre einzugestehen, wie Projekte in Wirklichkeit zustande gekommen seien. An der Reaktivierung der Bahnstrecke etwa sei die heutige Bürgermeisterin gar nicht beteiligt gewesen, im Gegenteil wäre diese an ihr beinahe gescheitert, erklärte Hojnatzki mit Hinweis auf den Denkmalschutz für eine Bahnbrücke, für den sie ihren damaligen Baurat losgeschickt habe. „Die eigentlichen Väter sind ganz andere“, nannte er den einstigen Bürgermeister Martin Wehner und den SPD-Minister Olaf Lies. Den Kindergarten-Neubau in Vogelbeck habe damals erst der von der SPD-Fraktion auf den Weg gebrachte Nachtragshaushalt ermöglicht. Rolf Hojnatzki: „Kaum auszumalen, wenn die Verwaltung allein unterwegs gewesen wäre.“ Auch bei der Strategie-Debatte habe erst die SPD für ein transparentes Verfahren gesorgt, durch das die Abstimmung in öffentlicher Ratssitzung erfolgt sei. Und beim Ausbau der Tiedexer Straße habe die SPD ja viel Verständnis für die Einsicht, den Ausbau von der Tagesordnung zu nehmen, die Pirouetten der Bürgermeisterin bei dem Thema seien jedoch nicht mehr nachvollziehbar. Sie halte den Stadtrat wohl für „die letzten Deppen“, die das nicht merken würden. Hojnatzki: „So funktioniert das nicht.“ Einbeck brauche einen neuen Bürgermeister, eine bessere Debattenkultur und Stimmung im Stadtrat, und die SPD könne diesen Wechsel herbeiführen, sagte der SPD-Fraktionschef.

Vorstellungsrunde 1 in der Billerbecker “Schinkenscheune”, die zweite folgt in Iber.

SPD feiert sich in der Kreisstadt

Martin Wehner (Mitte) war einer der Einbecker Besucher zur Eröffnung der SPD-Ausstellung im Kreishaus zu Northeim.

Martin Wehner (Mitte) war einer der Einbecker Besucher zur Eröffnung der SPD-Ausstellung im Kreishaus zu Northeim.

Die SPD feiert ihre Geschichte als älteste deutsche Partei. Die hiesigen Genossen haben das am Freitagabend mit einem Geschichtsabend im Northeimer Kreishaus getan, dort ist noch bis 6. Mai eine interessante Wanderausstellung zu sehen über 150 Jahre SPD im Allgemeinen, ohne lokale Bezüge.

Auch Einbecker Spitzengenossen waren vor Ort, beispielsweise Urgestein Paul Traupe (langjähriger Geschäftsführer der SPD in Northeim) oder Martin Wehner (früher Bürgermeister in Einbeck, jetzt Kreistagsfraktionsvorsitzender). Elegant umschifft wurde in den Lobreden die Klippe, dass die Einbecker SPD älter ist als die Northeimer SPD. Der Ortsverein Einbeck ist bereits 1869 belegt, der in Northeim wurde erst 1918 gebildet.

Da wurde lieber an Georg Diederichs erinnert: Der Northeimer war nach dem Zweiten Weltkrieg Bürgermeister der heutigen Kreisstadt, 1949 auch einer der Väter des Grundgesetzes und später niedersächsischer Ministerpräsident (bis 1970). Northeims ehemaliger Stadtdirektor Werner Hesse berichtete in einem interessanten Video-Interview, aufgenommen von den Jusos Christoph Brodhun und Sebastian Penno, über seine Begegnungen mit Diederichs, mit dem Mann, der zu Zeiten der Kreisreform in den beginnenden 1970-er Jahren mächtiger Northeimer Lobbyist in der Landeshauptstadt war.

“Unsere Partei ist alt, aber nicht vergreist”, sagte der SPD-Unterbezirksvorsitzende Uwe Schwarz. Anhand der SPD lasse sich deutsche Geschichte nacherleben. “Wir sind stolz auf die Geschichte unserer Partei.” Die SPD freue sich über kritische Geister, lebhafte Demokratie profitiere von denjenigen, die sich engagieren, die mitmachen, sagte Schwarz. Und Landrat Michael Wickmann (SPD) empfahl die Wanderausstellung allen Schulklassen zum Besuch. 150 Jahre alt sei keine andere Partei, wer so alte Wurzeln habe, könne auch wie ein alter Baum im Wind bestehen.

Einen kleinen Seitenhieb konnten sich SPD-Chef Uwe Schwarz (Bad Gandersheim) und Landrat Michael Wickmann (Hevensen) nicht verkneifen. Als sie die Ausstellung im Kreishaus anmeldeten, sei von einem CDU-Mann die Frage gestellt worden, ob denn jetzt jeder Gruppierung und Bürgerinitiative im Kreishaus ausstellen dürfe, berichteten Schwarz und Wickmann: Da sei offenbar noch ein wenig Nachhilfe in deutscher Geschichte notwendig, so die beiden Spitzen-Sozialdemokraten…