Runde 1 für die drei SPD-Bewerber

Sie wollen Bürgermeisterkandidat/in werden (v.l.): Alexander Kloss, Ulrike Schwartau, Dirk Heitmüller, hier vor einem Banner mit den bisherigen SPD-Bürgermeistern in Einbeck.

Runde 1 für die drei Bewerber um die SPD-Kandidatur für die Bürgermeisterwahl: Im gut besuchten Saal der „Schinkenscheune“ in Billerbeck stellten sich am Donnerstag Abend bei einer rund zweistündigen parteiinternen Veranstaltung Dirk Heitmüller, Alexander Kloss und Ulrike Schwartau den Mitgliedern vor. Die Sozialdemokraten wollen – nach einer weiteren Vorstellungsrunde in Iber – am 19. März ihren Kandidaten oder ihre Kandidatin aufstellen. In Einbeck finden am 13. September Bürgermeisterwahlen statt.

SPD-Ortsverein-Vorsitzender Marcus Seidel skizzierte in seiner Begrüßung die seit langem vorbereitete Form der Nominierung, die bereits seit 2018 mit jeweils einstimmigen Parteibeschlüssen untermauert worden sei. Jedes Mitglied habe sich bewerben können, bis zum Stichtag hätten sich die drei Genannten gemeldet. An drei Abenden habe jedes Mitglied die Möglichkeit, die drei Bewerber kennenzulernen und ihnen Fragen zu stellen. Seidel: „Das ist ein ehrliches, offenes und transparentes Verfahren, das Maßstäbe setzt in der Region.“ Dadurch, dass man die Medien zu den parteiinternen Veranstaltung einlade, zeige man auch, dass man nichts zu verbergen habe. Der Vorsitzende der gastgebenden SPD-Abteilung Kreiensen/Auf dem Berge, Frank Doods, nannte es ein „Statement in dieser Zeit“, in der Kommunalpolitiker vielfach angefeindet würden und nicht immer alles Freude bereite, mit gleich drei Bewerbern aufwarten zu können.

Ortsverein-Vorsitzender Marcus Seidel (stehend) sammelte die Fragen der Mitglieder an die drei Bewerber um die Bürgermeisterkandidatur.

Jeweils fünf Minuten hatten die drei Bewerber Zeit, ihre Person vorzustellen. Nach einer ersten Fragerunde folgten weitere je fünf Minuten pro Bewerber, um inhaltliche und programmatische Aussagen treffen zu können. Auch daran anschließend waren Fragen möglich. Jeder Bewerber hatte die Möglichkeit, den anwesenden Mitgliedern in einem mehrseitigen Bewerbungspapier ausführlicher Infos zu Person und Programm mitzugeben.

Wer bewirbt sich?

Hier die „Basisdaten“ der drei Bewerber (wie immer genannt ohne Wertung in alphabetischer Reihenfolge, die Reihenfolge, in der die Bewerber sprechen durften wurde für das erste Statement ausgewürfelt):

Dirk Heitmüller, Jahrgang 1969, verheiratet, 1 Sohn, 1 Tochter, SPD-Mitglied seit 2010, seit 2013 Ratsherr: Der gelernte Kommunikationselektroniker ist seit 2013 Mediaberater beim Verlag Wolff & Sohn (Die Eule) und dort verantwortlich für den Anzeigen- und Beilagenverkauf. Neben seinen biografischen Daten des Lebenslaufs nannte er in der Vorstellungsrunde sein Elternhaus mit teilweise vier Generationen unter einem Dach als prägend. Zu seinen Hobbys zählt er Multimedia/Social Media sowie Kochen insbesondere Grillen und die mittelalterliche Geschichte der Heldenburg Salzderhelden. Seit 2013 ist er Vorsitzender des dortigen Fördervereins, an dieses Amt habe ihn Vorgänger Helmut Giesel herangeführt, ebenso wie an den Ortsrat, in dem er seit 2006 zunächst parteilos saß.

Alexander Kloss, Jahrgang 1976, verheiratet, keine Kinder, SPD-Mitglied seit 1995, seit 2001 Ratsherr: Der gelernte Sparkassenkaufmann ist seit 2011 bei der Kulturstiftung Kornhaus (PS-Speicher) tätig, aktuell als Leiter Marketing/Vertrieb/Shop. Die Funktion des Pressesprechers habe er mit Beginn seiner Bewerbung dauerhaft und unabhängig vom Ausgang des Verfahrens abgegeben, um Spekulationen vorzubeugen, er nutze seine berufliche Position für Wahlkampf. Er stehe mit ganzem Herzen für die Kandidatur und sei auch nicht käuflich, dementierte er offensiv Spekulationen, Karl-Heinz Rehkopf finanziere seinen Wahlkampf. Es seien Vorbilder wie Paul Traupe oder Burghard Jablonski als aufrichtige, glaubhafte Kommunalpolitiker gewesen, warum er sich politisch engagiere, sagte er.

Ulrike Schwartau, Jahrgang 1966, keine Angaben zum Familienstand, SPD-Mitglied seit 2005: Die gelernte Verwaltungsfachangestellte ist seit 2006 in unterschiedlichen Fakultäten der Universität Göttingen tätig. Seit 2017 lebt die gebürtige Einbeckerin wieder in Einbeck. Ursprünglich habe sie Tanzlehrerin werden wollen, sie habe sich dann aber doch zum Studium der Fächer BWL, VWL, Sozialwissenschaften, Politikwissenschaften, Pädagogik und Germanistik entschlossen und dieses erfolgreich abgeschlossen. Tanzen ist heute ihr Hobby, sie ist Dozentin und Trainerin. In die SPD eingetreten sei sie, um das linke Profil der Partei zu schärfen. Sie war in der Friedensbewegung aktiv, ebenso bei Robin Wood und Greenpeace. Zeitweilig habe sie zu den Grünen tendiert, die seien ihr aber damals zu zerstritten gewesen.  

Aufmerksam hörten die Bewerber die Fragen aus der anwesenden Mitgliedschaft.

Folgende inhaltlichen Schwerpunkte setzten die drei Bewerber in den ihnen zur Verfügung stehenden fünf Minuten:

Ziele der Bewerber

Dirk Heitmüller: Er konzentrierte sich auf drei Themen aus seinen sieben aufgeschriebenen Zielen. Zum einen auf gleichwertige Lebensverhältnisse in den Ortschaften und in der Kernstadt. Als Ortsbürgermeister wisse er da, wo der Schuh drücke. Die Themen Friedhöfe und Feuerwehr seien in den Dörfern sensibel. Formulierungen wie „Alt-Kreiensen“ und „Alt-Einbeck“ müssten sieben Jahre nach der Fusion der Vergangenheit angehören. Zum anderen möchte er stets ein offenes Ohr für Bürger, Mitarbeiter der Stadt, Fraktionen und Medien auf Basis einer vertrauensvollen Zusammenarbeit und transparenter Kommunikation haben – und dies besser umsetzen als die jetzige Bürgermeisterin, bei der sich die Sozialdemokraten von Infos stark abgeschnitten fühlten, wie er sagte. Wirtschaftsförderung und die Stärkung des Tourismus sind für ihn Chefsachen, bei denen sich die Verwaltung als Dienstleister sehen müsse.

Alexander Kloss: Er griff aus seinem aufgeschriebenen 20-Punkte-Arbeitsprogramm zwei Themen beispielhaft heraus. Zum einen „Moderation statt Konfrontation“: In den vergangenen Jahren sei viel Porzellan zerschlagen worden zwischen den politischen Gruppierungen und der Verwaltung. Als Verwaltungschef möchte er seinen Beitrag dazu leisten, Gräben wieder zuzuschütten. Das sei ein großes Stück Arbeit, das nicht per Knopfdruck geschehen könne. Streit sei natürlich in der Sache notwendig, aber es müsse Vertrauen und Verlässlichkeit vorhanden sein. Zum anderen nannte er einen „Masterplan Dorfinfrastruktur“: Einbeck verliere jedes Jahr so viele Einwohner wie etwa Vardeilsen Bewohner habe. Notwendige Einschnitte in den 46 Ortschaften möchte er durch Schwerpunktsetzung begegnen, es werde nicht mehr überall alles möglich sein.

Ulrike Schwartau: Sie nannte einen ganzen Strauß von Themen aus ihren sechs aufgeschriebenen Punkten für ein „Einbeck lebenswert mit Zukunft“. Eine älter werdende Bevölkerungsstruktur mit vielen allein Lebenden erfordere andere Konzepte für Wohnquartiere und deren Versorgung dort auf kurzen Wegen. Sie plädierte für einen auf den Prüfstand zu stellenden Denkmalschutz mit Augenmaß, um Leerstand und Gebäudeverfall zu verhindern, und möchte einen Runden Tisch mit Gewerbetreibenden und Hausbesitzern initiieren, um Sanierungskonzepte zu entwickeln. Sie sprach sich für ein aktives Anwerben von Unternehmen aus und möchte ein Quartier für junge Startup-Unternehmen einrichten. Günstiger Wohnraum solle in Zusammenarbeit mit der EWG entstehen. Für Attraktivität von Arbeitsplätzen seien neben Wohnungen auch ausreichende Kitas notwendig, die oftmals am Ende über Unternehmensansiedlungen entscheiden könnten.

Alle drei Bewerber nannten die soziale Gerechtigkeit als zentrales Motiv für sie, Bürgermeisterkandidat der SPD werden zu wollen. Ulrike Schwartau, die erst seit knapp drei Jahren wieder in Einbeck lebt, wurde als „Überraschungskandidatin“ gezielt nach ihrer Motivation für eine Kandidatur gefragt: Als sie nach 27 Jahre in ihre Geburtsstadt zurück gekommen sei, hätten ihr viele Dinge nicht gefallen, die sie gesehen habe. So wie vorher in Göttingen sei für sie daraus die Konsequenz, sich nun in Einbeck zu engagieren und zu versuchen, die Stadt zukunftsfähig zu gestalten.

Kritik an Bürgermeisterin

Die Aufgabe Attacke übernahm vor der Bewerbervorstellung der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion, Rolf Hojnatzki. Die Bewerber selbst hielten sich mit Bemerkungen zur amtierenden Bürgermeisterin weitestgehend zurück. Hojnatzki hingegen kritisierte am Beispiel eines Interviews der Bürgermeisterin mit Stadtradio Göttingen zum Jahreswechsel ausführlich eine „verschönernde Sichtweise“ von Amtsinhaberin Dr. Sabine Michalek. Diese lebe wohl in einem „Paralleluniversum“, denn so prima wie sie in dem Radiointerview vorgebe sei nicht alles gelaufen. Zur Wahrheit und Aufrichtigkeit gehöre einzugestehen, wie Projekte in Wirklichkeit zustande gekommen seien. An der Reaktivierung der Bahnstrecke etwa sei die heutige Bürgermeisterin gar nicht beteiligt gewesen, im Gegenteil wäre diese an ihr beinahe gescheitert, erklärte Hojnatzki mit Hinweis auf den Denkmalschutz für eine Bahnbrücke, für den sie ihren damaligen Baurat losgeschickt habe. „Die eigentlichen Väter sind ganz andere“, nannte er den einstigen Bürgermeister Martin Wehner und den SPD-Minister Olaf Lies. Den Kindergarten-Neubau in Vogelbeck habe damals erst der von der SPD-Fraktion auf den Weg gebrachte Nachtragshaushalt ermöglicht. Rolf Hojnatzki: „Kaum auszumalen, wenn die Verwaltung allein unterwegs gewesen wäre.“ Auch bei der Strategie-Debatte habe erst die SPD für ein transparentes Verfahren gesorgt, durch das die Abstimmung in öffentlicher Ratssitzung erfolgt sei. Und beim Ausbau der Tiedexer Straße habe die SPD ja viel Verständnis für die Einsicht, den Ausbau von der Tagesordnung zu nehmen, die Pirouetten der Bürgermeisterin bei dem Thema seien jedoch nicht mehr nachvollziehbar. Sie halte den Stadtrat wohl für „die letzten Deppen“, die das nicht merken würden. Hojnatzki: „So funktioniert das nicht.“ Einbeck brauche einen neuen Bürgermeister, eine bessere Debattenkultur und Stimmung im Stadtrat, und die SPD könne diesen Wechsel herbeiführen, sagte der SPD-Fraktionschef.

Vorstellungsrunde 1 in der Billerbecker “Schinkenscheune”, die zweite folgt in Iber.