Ausgekreiselt

Freie Fahrt nach vier Monaten Bauzeit.

Freie Fahrt nach vier Monaten Bauzeit.

Auffällig war das schon. Zumal es in der Kommunalpolitik in Zeiten knapper Kassen so viele Gelegenheiten ja nicht mehr gibt, neue Straßen oder wenigstens Straßenabschnitte einzuweihen. Ohne Vertreter der Politik, des Einbecker Stadtrates, ist gestern der Kreisverkehr an der Hullerser Landstraße freigegeben worden. Kein Vorsitzender des Bauausschusses, überhaupt gar kein Ratsmitglied war beim symbolischen Durchschneiden eines Bandes in den Stadtfarben Rot und Gelb dabei oder beteiligt, andere „Offizielle“ dagegen in großer Zahl. Obwohl es die Politik war, die diesen neuen Kreisverkehr beschlossen hat. Rund 310.000 Euro hat der Kreisverkehr mit einem Durchmesser von 30 Metern und einer Fahrspurbreite von sechs Metern gekostet. Er ist der letzte Baustein des benachbarten, vor drei Jahren eröffneten Poser-Parks, dessen Investor an den Kosten beteiligt ist. Der Kreisel war Bestandteil der Vereinbarung mit dem Poser-Park-Investor; Marcus Schlösser durfte dann auch mit der Bürgermeisterin gemeinsam die erste Fachwerk-Fünfeck-Eiche in der Mitte des Kreisverkehrsplatzes pflanzen.

Wenn die Politik dabei gewesen wäre, hätte sie vielleicht auch den einen oder anderen kritischen Kommentar von Anliegern und Verkehrsteilnehmern hören können, die genervt waren von vier Monaten Umleitung und schwerer Erreichbarkeit einige Gewerbebetriebe. Aber das kann man ja nachholen…

Vielen waren beim Durchschneiden dabei, allerdings kein einziger Kommunalpolitiker des Stadtrates.

Vielen waren beim Durchschneiden dabei, allerdings kein einziger Kommunalpolitiker des Stadtrates.

(Fast) alle da

Sie bringen Einbeck voran: Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek bei der Eröffnung mit Matthias Nünemann (r.) und Marcus Schlösser (2.v.r.) sowie Vertretern des Stadtrates.

Sie bringen Einbeck voran: Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek bei der Eröffnung mit Matthias Nünemann (r.) und Marcus Schlösser (2.v.r.) sowie Vertretern des Stadtrates.

Er will nicht klagen. Schließlich hat er gerade mit seinem Team das 20-Millionen-Euro-Projekt Poser-Park gestemmt, wurde vielseits gelobt als zuverlässiger Motor und Entwickler. Und er fühle sich heute auch, sagte Marcus Schlösser selbst, zufrieden wie ein Wanderer auf dem Gipfelkreuz lächelnd. Doch als Investor habe es man schon nicht leicht, erwähnte Schlösser am Abend bei der offiziellen Eröffnungsfeier des neuen Kaufland-Marktes im Poser-Park vor Vertretern der kommunalen Politik und Verwaltung mit einer Prise Humor. Als Investor sei man ein Sandwich, das versucht zwischen den Brötchenhälften, zwischen den verschiedenen Ansprüchen von Mietern, Technikern, Ingenieuren, Bauplanern und Verwaltungen allen gerecht zu werden. „Man versucht mit aller Kraft, nicht als Majonaise herausgedrückt zu werden“, schmunzelte Schlösser. Mit viel Gefühl für alle Beteiligten habe das der Vertreter des Investors Fahrenkamp & Gärtner geschafft, sagte Matthias Nünemann, Expansionsleiter bei Kaufland. Zutaten, Belag, Würze, alles stimme und bringe im Poser-Park ein geschmackvolles Erlebnis, lobte der Kaufland-Manager.

Bei allem Lob: Marcus Schlösser erinnerte auch an die nicht immer einfache Planungs- und Bauphase. Das, was unter dem damaligen Bürgermeister Ulrich Minkner erfolgreich begonnen habe, sei jetzt abgeschlossen. Letztlich habe der überwiegende Teil des Einbecker Stadtrates dem Investor die Kraft gegeben, das Risiko einzugehen. In der Tat: Alle waren es nicht. Und auch bei der Eröffnung des Kaufland-Marktes fehlte heute als einzige Ratsfraktion diejenige, aus der die Gegenstimmen und Enthaltungen bei der damaligen Poser-Park-Ratsentscheidung kamen: die GfE. Schade…

Bei Poser kommt der Patriarch persönlich

Marcus Schlösser (l.) und der Seniorchef des Investments, Wilhelm Fahrenkamp (82).

Marcus Schlösser (l.) und der Seniorchef des Investments, Wilhelm Fahrenkamp (82), bei der heutigen Eröffnung des Poser-Parks in Einbeck.

Wenn 20 Millionen Euro in einer Stadt wie Einbeck investiert werden, dann sind es gerne die ganz großen Worte, mit denen Politik das Engagement der Wirtschaftsunternehmen lobt, die dieses tun. Und so ist der Poser-Park, der heute eröffnet wurde und deren erste Märkte heute öffneten, ein „Zukunftsprojekt“, eines, das Arbeitsplätze schafft. Eines, das einen ganzen Stadtteil verändert. Und eine neue Straße hat die Stadt auch noch geschenkt bekommen.

Baudirektor Gerald Strohmeier sagte gar, da sei ja gar nicht auf der Grünen Wiese gebaut worden, sondern „im Bestand“, also in der bereits vorhandenen Stadt. Das mag formal ja richtig sein, und auch war die Wiese niemals grün, auf der jetzt Kaufland, Expert, Möbel-Boss & Co. ihren Umsatz und Gewinn machen wollen. Es war eine verfallende alte Teppichfabrik, die größtenteils leer stand und die für die Stadt Einbeck noch hätte teuer werden können. Ein Projekt der Grünen Wiese ist der Poser-Park aber dennoch, denn die neu entstandene Verkaufsfläche wäre in anderer, innenstadtnäherer Lage gar nicht in dieser Konstellation und Ballung realisierbar.

Am goldenen Band (v.l.) Norbert Mischer (Bürgerspital), Ulrich Schellien

Am goldenen Band (v.l.) Norbert Mischer (Bürgerspital), Ulrich Schellien (Filialleiter Möbel-Boss), Beatrix Tappe-Rostalski, Marcus Schlösser, Wilhelm Fahrenkamp, Achim Fahrenkamp.

Welche Bedeutung das Projekt auch für den Investor, das Unternehmen Fahrenkamp & Gärtner aus dem Ostwestfälischen haben muss, konnte jeder beim offiziellen Start beobachten. Da waren nicht „nur“ die Geschäftsführer der jetzt mit Einbeck 100 Märkte großen Firma Möbel-Boss vor Ort. Die gehört zur Porta-Gruppe, mit ihren 7000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Euro ein Big Player der Branche. Sondern da war auch derjenige persönlich dabei, der alles vor 47 Jahren begonnen hat: Seniorchef und Porta-Patriarch Wilhelm Fahrenkamp, heute 82. Auch er schnitt das goldene Band neben der stellvertretenden Bürgermeisterin Beatrix Tappe-Rostalski mit durch, genauso wie der Geschäftsführer der Einbecker Investition, Marcus Schlösser, für den an einem nasskalten Novemberabend das Abenteuer Einbeck begonnen hat. Sogar der Geschäftsführer des Krankenhauses, Norbert Mischer, durfte zur Schere greifen, nachdem er eine Spende für das Bürgerspital vom Möbel-Boss erhalten hatte. Eine mit cleverem Hintergedanken: Engagement am Standort in Form eines Einkaufsgutscheins… natürlich von Möbel-Boss.

Eine neue Straße, drei Bürgermeister

Beatrix Tappe-Rostalski, Alexander Kloss, Cornelia Lechte.

Beatrix Tappe-Rostalski (l.), Alexander Kloss und Cornelia Lechte.

Solche Gelegenheiten hat Kommunalpolitik in diesen Zeiten nur noch selten: einmal nicht über die leeren Kassen herrschen und überlegen, wo man sparen kann, sondern neue Straßen einweihen, die ein neu strukturiertes Stadtviertel neu erschließen. So geschehen heute bei der Freigabe der Walter-Poser-Straße, die nach dem Gründer der Teppichfabrik benannt ist. Die einmal in boomenden Wirtschaftswunderzeiten 850 Menschen Arbeit gebende Fabrik stand dort, wo bald drei Märkte eröffnen.

Zu dieser feierlichen Enthüllung des Straßenschildes, nach der dann der Verkehr über die neue, 367 Meter langen Straße fließen durfte, hatte sich die Lokalpolitikprominenz aus den Fraktionen vor Ort versammelt. Das 20-Millionen-Euro-Projekt Poser-Park ist politisch von einer breiten Mehrheit im Stadtrat getragen worden, nur die GfE war damals dagegen.

Heute waren gleich drei Bürgermeister vor Ort, alle ehrenamtlichen Stellvertreter der erkrankten Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek. Cornelia Lechte ist zwar Mitglied der GfE-Fraktion, als die Poser-Park-Beschlüsse gefasst wurden, saß sie aber noch nicht im Stadtrat. Wie sie wohl abgestimmt hätte?

Marcus Schlösser, der vor fünf Jahren erstmals an einem nassen Novemberabend nach Einbeck kam, um nicht das Poser-Gelände zu begutachten, sondern das benachbarte Areal, auf das bald ein Aquaristik-Fachmarkt umziehen wird, erinnerte sich in seiner heutigen Ansprache ganz genau an die zurück liegenden Monate. Was macht Mut zu der Investition in dieser Stadt? „Mut, so viel, wie hier vonnöten war, macht selbst ein außergewöhnlicher Stadtrat noch nicht“, sagte er. „Der sich bis auf ein paar Ausnahmen immer aufgeschlossen, entschlossen und geschlossen diesem Projekt gegenüber gezeigt hat.“ Mut hätten vor allem die Einbecker Bürger gemacht, die vom allerersten Tag an entspannt freundlich und offen für Argumente gewesen seien, die Veränderung in ihrer Stadt wollten.

Dass noch nicht alle Kritik am Projekt ausgestanden sein könnte, deutete Schlösser dezent an, als er den Baufirmen für gute und zügige Arbeit dankte: „Danke für die großzügige Duldsamkeit der Nachbarn, der meisten jedenfalls.“