Wie sich gefällte Bäume skandalisieren lassen, zeigen derzeit die Einbecker Grünen beispielhaft. Wobei nicht nur angesichts der Wortwahl in ihren Presseinformationen die Frage erlaubt sein muss, ob es der Partei wirklich um die Bäume geht – oder eher darum, einen Ortsrat an den Baum zu stellen. Ich schreibe das bewusst so deutlich, weil auch die Grünen in ihren Stellungnahmen wenig zimperlich bei Formulierungen sind. Zitat: „Wie so oft in dieser Zeit werden wir Grünen an den Pranger gestellt für den Mut, etwas auszusprechen, was andere verbockt haben.“ Eine Nummer kleiner geht es offenbar nicht, auch ihren grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zitieren die Einbecker Grünen in diesem Zusammenhang und sehen sich angesichts sie kritisierender Leserbriefe als „Prügelknabe der Nation“. Aller Unmut werde auf die Grünen projiziert, egal ob sie damit etwas zu tun haben oder nicht, beklagen sie sich. Puh.
Worum geht es eigentlich? Vier etwa 40 Jahre alte Linden im Einbecker Ortsteil Stroit sind vor einigen Tagen gefällt worden. Die etwa 80 Zentimeter dicken, gesunden Bäume am Heukenberg sind auf Grundlage eines einstimmigen Ortsratsbeschlusses „Auf dem Berge“ vom 22. Februar entfernt und die Stuken ausgefräst worden. Als Ersatz sollen vier Säulenhainbuchen gepflanzt werden. Die Aktion ist mit der Verwaltung abgesprochen worden. Die Kosten belaufen sich auf 2250 Euro. Alles nachzulesen im Ortsratsprotokoll.
Nun ist es erwartbar, dass es Menschen gibt, die eine solche Aktion schlecht finden („Mein Freund der Baum“). Andere freuen sich möglicherweise, weil die Linden bisher Laub oder Verschattung boten, von klebrigen Filmen auf Autos oder Gehweg und Einfahrt ganz zu schweigen. Und natürlich ist es legitim, dass sich die Grünen darüber ärgern und für den Erhalt von Bäumen kämpfen. Das erwarte ich sogar – und nicht nur von den Grünen.
Doch schon in ihrer ersten Presseinformation zu dem Thema schießen die Einbecker Grünen verbal weit über das Ziel hinaus. Denn bei der offenbar mit der Streitaxt geschlagenen Stellungnahme der Einbecker Grünen steht neben der „Tat“ besonders der Ortsrat „Auf dem Berge“ und ein namentlich genanntes Mitglied im Fokus: Dieter Scholz, Sprecher der einzigen Fraktion, der Wählergemeinschaft. „Wann fällt beim Ortsrat endlich der Klimagroschen?“ fragen die Grünen in ihrer Presseinfo. Welches Klima die Grünen meinen, ist klar. Doch mit solchem Krawall reagieren sie selbst nicht gerade klimafreundlich im übertragenden Sinne. Wer glaubt eigentlich, dem (politischen wie dem ökologischen) Klima etwas Gutes zu tun, indem die Mitglieder des demokratisch gewählten Ortsrates als eine Gruppe sturer und selbstherrlicher Ignoranten hingestellt werden, bei denen der Klimagroschen angeblich pfennigweise fällt? Und während die Grünen in ihren Texten traditionell im basisdemokratisch anmutenden anonymen Kollektiv schreiben (ganz ohne Namen von Vorsitzenden oder Ratsherren), zielt ihre Kritik mit Namensnennung auf einen einzigen. Entweder hat da jemand bei den Grünen keine Ahnung, wie Diskussionen in Ortsräten ablaufen, oder aber es wird mit Verweis aufs Ortsratsprotokoll bewusst einseitig dargestellt.
Die Rede ist weiter von an die Grünen herangetragener Empörung der Einwohner von Stroit über die Fällung in Zeiten von Stürmen, Hochwasser, Hitze und Trockenheit, die das Ökosystem in Schieflage bringen, von „offensichtlicher Gedankenlosigkeit“ des Ortsrates, der (übrigens nach langer, mehrfacher Diskussion in den vergangenen vier Jahren) beschlossen hatte, die vier Linden jetzt zu fällen und nicht mehr nur zurückzuschneiden. Gut, das saloppe Wort „Dauerbaustelle“ im Ortsratsprotokoll ist wenig gelungen. Aber Gedankenlosigkeit kann dem Ortsrat nicht vorgeworfen werden, denn er hat sich vorher ausführlich und fachlich ein Bild und Gedanken gemacht.
Nachdem es nun vor allem Leserbriefe hagelte, die die Grünen kritisieren und die Aktion verteidigen, legten die Grünen gestern nach. „Getroffene Hunde bellen – Protest im Dorf gegen Lindenfällung geht derweil weiter“ ist die neueste Presseinformation flott getextet überschrieben. Die anhaltenden Leserbriefe auf ihre ursprüngliche Mitteilung zeigten, „dass wir einen wunden Punkt getroffen haben“. Während immer mehr Bürger im Dorf das Fällen der Linden klar verurteilten und dies mit weiteren Plakaten (an Kastanien, die mutmaßlich als nächste fallen könnten, was Ortsrat und Rathaus eindeutig dementieren) und Leserbriefen unterstützten, versuchten andere, die Fällung kleinzureden, schreiben die Grünen.
„Klimaschutz fängt im Kleinen an – dabei zählt jede Linde und jeder weitere Baum“, schreiben die Einbecker Grünen. „Wir werden nicht müde werden, auf Missstände hinzuweisen und für die Sicherung unserer Zukunft und der unserer Kinder und Enkelkinder einzutreten. Den Gegenwind halten wir aus.“
Wo waren eigentlich die Einbecker Grünen, als im Januar in der Kernstadt zwei markante, fast 100 Jahre Buchen gefällt wurden? Oder jetzt auf dem alten Münsterfriedhof? Das habe ich wahrscheinlich einfach nur überlesen.


Sehr guter Bericht
Was mir neben der Ausgewogenheit und den lokalen Infos an dem Artikel gefällt, ist die realistische Darstellung der Grünen als Wölfe im Schafspelz. Was sicher nicht auf jeden Einzelnen ihrer Wähler zutrifft. Aber ihr wahres Gersicht als Partei haben sie spätestens ab 2020 gezeigt. Angeblich heute die Opfer ewig Gestriger, erinnere ich mich gut, wie grüne Politiker noch vor kurzer Zeit während der Corona-Pandemie nicht genug von gewaltvollen Äußerungen und Maßnahmen gegen Andersdenkende kriegen konnten. Beugehaft, Pfefferspray, Schlagstöcke – jeder, der nicht mitmachte, war ein potentieller Nazi. (siehe z.B. https://www.fr.de/politik/gruene-kritik-corona-boris-palmer-beugehaft-schlagstoecke-massnahmen-querdenker-rentenzahleung-91199562.html)
Richtig ist, dass jeder Baum zählt, wie die Einecker Grünen zitiert werden. Diese Rigorosität fehlt mir allerdings bei ihrem Demokratieverständnis ganz entschieden. Und jetzt so zu tun, als wäre Stroit quasi am Klimawandel Schuld … vielleicht mal Energiesparen beim Auf-andere-Zeigen und selbst ein paar mehr Bäume pflanzen, z.B. mit „Einbeck natürlich“ (https://einbeckaktuell.blog/2021/02/24/baeume-aktion-von-einbeck-natuerlich-kaufe-einen-pflanze-zwei/).
Ganz so „schief“ liegen dürften die Bündnisgrünen doch nicht. Denn:
Ein Ensemble an dorfbildprägenden Bäumen ist mitunter ein Fall für die Überprüfung, inwieweit eine Kreisverordnung zum Biotopschutz das Ganze vor Abholzung ohne vernünftigen Grund bewahrt. Unweit der Turnhalle Dörrigsen sind vor Jahren Birken auf Geheiß des Ortsrats entfernt worden – den Schutzstatus hat man in der Kernstadt akzeptiert und im zuständigen Gremium die Baumfällaktion für nicht umsetzbar erklärt. Was den Ortsrat nicht davon abhielt, später im Rahmen eines (unzulässigen) Umlaufbeschlusses ein unsinniges Votum pro Abholzung auf den Weg zu geben. Wohl mit Fürsprache des Kommunalen Bauhofes, dem das Protokoll zur Sitzung in der Kernstadt, in der festgehalten wurde, dass das Abholzen zu unterbleiben habe, wohl irgendwie „durchgerutscht“ war. Nachdem vollendete Tatsachen geschaffen wurden, hieß es im Neuen Rathaus nur lapidar: „Nun ist es so passiert“ …