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Gut erreichbar und optimal ausgestattet: Ein neues Gebäude für den Fall der Fälle?

Im Fall der Fälle zeigt sich, ob der Landkreis Northeim gut vorbereitet ist. Ob er auf Krisen reagieren und die Bevölkerung schützen kann. Und Krisen gibt es immer häufiger – vom Hochwasser über Starkregen-Ereignisse, Wald- und Großbrände oder andere Naturkatastrophen bis hin zu Szenarien, falls einmal großflächig die Strom- und Wasserversorgung unterbrochen sein sollte. Dann braucht es ein sofort einsatzbereites Krisenzentrum, eine koordinierende Schaltstelle, in der im Krisenfall alle relevanten Akteure zusammenkommen – von Fachbereichen der Kreisverwaltung über den Krisenstab bis hin zu externen Beratern. Landrätin Astrid Klinkert-Kittel schlägt nun der Politik vor, von einer Investorengruppe aus dem Landkreis ein Multifunktionszentrum Bevölkerungsschutz (MFZ) in Northeim errichten zu lassen und dieses dann langfristig zu mieten. Die Konzeption des MFZ soll der Kreispolitik in einer gemeinsamen Sitzung der Ausschüsse für Bauen und Verkehr sowie für Brand- und Katastrophenschutz am 11. Juni vorgestellt werden. Eine abschließende Entscheidung durch den Kreistag strebt die Landrätin für den 19. September an, sagte sie in einem Pressegespräch. Dann könnte das MFZ Ende 2028 stehen.

Der Kreistag hatte im Dezember vergangenen Jahres beschlossen, die Kreisverwaltung mit der Planung für ein Katastrophenschutzzentrum zu beauftragen. Dieses soll ausreichend Büroräume für Verwaltung, Sachgebiete sowie Fachberater und Verbindungsbeamte, Schulungsräume für Stabstrainings und Weiterbildungen, Lagerflächen für Technik und Einsatzmaterialien, technische Infrastruktur zur Sicherstellung autarker Stabsarbeit in entsprechenden Lagen (z.B. Katastrophenfall) umfassen. Die bis dato geprüften Standorte konnten die Kriterien für ein entsprechendes Krisenzentrum jedoch nicht erfüllen. Im Untergeschoss des Kreishauses ist es zu eng, zu schlecht belüftet, in der heutigen Feuerwehrtechnischen Zentrale (die perspektivisch ohnehin neu gebaut werden soll, dafür wird eine Machbarkeitsstudie erstellt) ist die Technik nicht mehr auf dem Stand für viele mögliche Krisenfälle, sind die Versorgungsmöglichkeiten in Großschadensfällen nicht gegeben. Der zeitweilig vorgesehene Übergangsstandort Kreisabfallwirtschaft an der Matthias-Grünewald-Straße in Northeim wird wegen des sich verzögernden Neubaus in Moringen nicht so schnell frei wie gedacht. Der nächste angedacht Interimsstandort an der Oberschule/Hallenbad liegt im Überschwemmungsgebiet – für Hochwasserlagen kein guter Standort. Und jedes Provisorium kostet Geld.

Als Jörg Seraphin in seiner Arztpraxis unterhalb des Helios-Klinikums davon in der Zeitung las, kam ihm ein Gedanke, den er kurz vor Weihnachten gemeinsam mit seinen Geschäftspartnern der Landrätin vortrug: die SKV Immomed GmbH könnte am Albert-Schweitzer-Weg zwischen Krankenhaus und Bundesstraße 3 wie gefordert ein Krisenzentrum bauen und dem Landkreis vermieten. Die SKV Immomed (das sind die Gesellschafter Jörg Seraphin, Rainer Koch und Dr. Gisbert Vogt) hat gerade mit der Univeritätsmedizin Göttingen in unmittelbarer Nachbarschaft ein Strahlentherapiezentrum gebaut, plant außerdem in der Nähe ein Hotel. Ein Krisenzentrum als MFZ an diesem Standort sei gut erreichbar und gut vernetzt, neben der Klinik mit Hubschrauberlandeplatz in unmittelbarer Nähe gebe es den nahen Segelflugplatz, die Autobahn in Sichtweite, neben dem Klinikum außerdem das Ärztehaus und den Notarzt-Standort, zählt Seraphin auf. Kurzum: Viele der im Krisenfall notwendigen Menschen sind in der Nähe und schnell vor Ort, die anderen (wie die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk oder die Bundeswehr) könnten das MFZ gut erreichen.

So soll das MFZ Bevölkerungsschutz von der B3 aus aussehen, links die Büroräume, rechts die großen Räume für Lagezentrum und Krisenstab, im Untergeschoss die technischen Anlagen. (c) Architekturbüro Freienberg

Wie Projektarchitekt Rainer Freienberg erläuterte, ist ein dreigeschossiger Neubau vorgesehen. Das Gebäude mit einer Nutzfläche von rund 2000 Quadratmetern und gut 40 Stellplätzen im Außengelände würde die Hanglage des Grundstücks nutzen: Das Untergeschoss wäre für technische Anlagen vorgesehen, darüber befänden sich Stabs- und Besprechungsräume sowie Büros. Maximal 80 Menschen könnten hier im Krisenfall koordinierend arbeiten. Was auch bedeutet, dass diese rund um die Uhr versorgt werden können, es gibt eine Küche und Schlafmöglichkeiten. Ansonsten könnten einige der Büroräume ständig von entsprechenden Fachreferaten der Kreisverwaltung genutzt werden, das Gebäude würde im Normalfall also nicht leer stehen. Besonderes Augenmerk legt die SKV Immomed auf eine nachhaltige Bauweise: Das Untergeschoss soll in Massivbauweise entstehen, die Obergeschosse im energieeffizienten Holzrahmenbau nach KfW-40-Standard. Damit habe man gute Erfahrung gemacht, sagte Freienberg. Photovoltaik und Wärmepumpen sorgen für regenerative Energie, redundante Systeme sichern für einige Tage die Autarkie bei einem Ausfall öffentlicher Infrastruktur (Strom, Wasser).

Für Landrätin Astrid Klinkert-Kittel wäre ein solcher Neubau, der im Fall der Fälle alle unter einem Dach versammeln könnte, effektives Krisenmanagement, wie sie sagte: „Das vorgeschlagene Modell eröffnet uns die Möglichkeit, zeitnah und ressourcenschonend eine zukunftsfähige Lösung umzusetzen – ohne eigene personelle Ressourcen im Baubereich binden zu müssen.“ Das MFZ würde als zentrales Element die Sicherheitsarchitektur des Landkreises modernisieren: Bestehende Strukturen bündeln und gleichzeitig neue Standards in der Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure setzen. Gemeinsame Lagebeurteilung, verlässliche Kommunikation und kurze Wege – all das könne im MFZ räumlich wie technisch konsequent abgebildet werden, schwärmt die Landrätin.

Die aus dem Landkreis Northeim stammende Investorengruppe verweist auf wirtschaftliche und organisatorische Vorteile ihres Konzepts: Der Mietvertrag soll auf einer detaillierten Baubeschreibung basieren, was der öffentlichen Hand eine verlässliche Kostenplanung ermöglichen würde. Aktuell wird die Investition auf rund 14 Millionen Euro geschätzt. Die Ausschreibung der Bauleistungen würde durch den Vermieter SKV Immomed GmbH erfolgen – mit dem Ziel, möglichst regionale Handwerksbetriebe zu beteiligen. Beim Neubau für die Universitätsmedizin Göttingen konnten auf diesem Weg über 95 Prozent der Leistungen regional vergeben werden, erläuterte Rainer Koch. Zudem würde das Modell die Kreisverwaltung entlasten, da Planung, Ausschreibung und Bau vollständig in der Verantwortung des Investors liege. Aufwändige Änderungen von Bebauungsplänen sind ohnehin nicht notwendig, das Areal steht für gesundheitsnahe Dienstleistungen bereit.

Präsentierten die Pläne (v.l.): Rainer Koch (SKV Immomed GmbH), Erster Kreisrat Jörg Richert, Jörg Seraphin (SKV Immomed GmbH), Landrätin Astrid Klinkert-Kittel, Rainer Freienberg (Projektarchitekt) und Fabian Hesse (Landkreis Northeim, Fachbereich Brand- und Katastrophenschutz). Foto: Frank Bertram
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