Ein junger, kleiner Verein hat sich viel vorgenommen: Im gesamten Landkreis Northeim möchte der 2016 gegründete, heute knapp 40 Mitglieder große Verein „Pro Inklusion“ die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen verbessern und damit ein Menschenrecht verwirklichen. Im Zentrum der Vereinsaktivitäten steht ein digitales Assistenz-Portal, das Ende Februar zunächst im Probebetrieb online gehen soll. Momentan wirbt ein überparteilich aufgestellter Vorstand gemeinsam mit den Vereinsmitarbeiterinnen in der Politik vor Ort und landesweit dafür, dass ab 2026 ein fünfjähriger Echtzeitbetrieb des Portals finanziert werden kann. Über die genaue Erhebung von Bedarfen und Angeboten sowie ein so genanntes Matching-System soll die Suche nach passgenauer Unterstützung im Alltag erleichtert werden, erläutert „Pro Inklusion“.

Und um die Schwelle so niedrig wie möglich zu machen, soll es das Portal in einfacher Sprache geben, außerdem auch auf Englisch, Arabisch und Ukrainisch. Wissenschaftlich begleitet wird das Portal-Projekt von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg sowie von der Helferportal gGmbH aus München, die die Technik programmiert. Während die Entwicklung und der Probebetrieb komplett gefördert sind, ist der Verein nun intensiv auf der Suche nach Geldgebern für den Echtbetrieb. Über das Forschungsprojekt „MEAPP – Mehrsprachiges und barrierearmes digitales Assistenz-Portal zur Unterstützung von Sorgegemeinschaften im Landkreis Northeim“ hat sich jüngst auch der niedersächsische Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, Dr. Andreas Philippi (SPD), vor Ort informiert.

In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zu 100 Prozent geförderten Projekt entsteht eine Webseite mit wichtigen Informationen zum Thema „Assistenz und Entlastung im Alltag”, die speziell auf den Landkreis Northeim zugeschnitten sind. Außerdem wird ein Vermittlungsportal für einfache Assistenz entstehen, das Assistenz-Suchende und Assistenz-Gebende im Landkreis Northeim über das digitale Portal oder per App zusammenführt. Der erst jüngst vorgelegte Pflegebericht für den Landkreis Northeim hat deutlich gemacht, das die meisten Menschen mit Pflegebedarf selbstbestimmt zuhause leben möchten. Mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen organisiert ihre Unterstützung ausschließlich privat ohne Pflegedienste. Weil das so ist, müssen die echten sozialen Netzwerke und Unterstützungsangebote im Alltag geschaffen oder verbessert werden.
Das afrikanische Sprichwort „Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf“ könne gut auf so genannte Sorgegemeinschaften umgemünzt werden, in denen Menschen mit Pflegebedarf und Behinderung leben, sagen die Vorstandsmitglieder Peter Traupe und Christel Eppenstein sowie die „Pro Inklusion“-Mitarbeiterinnen Susanne Grebe-Deppe und Mirte van de Griendt: Damit pflegebedürftige und behinderte Menschen sowie ihre Angehörigen ein selbstbestimmtes Leben in Würde führen können, wird neben professioneller Pflege und Hilfe vor allem die regelmäßige, flexible und unbürokratische Unterstützung und Entlastung im Alltag durch viele helfende Hände im Lebensumfeld der Beteiligten benötigt – die Assistenz. Es braucht Unterstützerkreise in der Nachbarschaft, im Quartier und im Dorf, flexible Alltags-, Fahr- und Einkaufshilfen, Begleitung zum Arzt oder zu Veranstaltungen sowie Menschen, die mit dem/der Angehörigen zuhause bleiben, wenn die Pflegeperson einen Termin hat oder aus gesundheitlichen Gründen ausfällt.
Das aktuell entstehende digitale Portal soll Angebot und Nachfrage effektiv zusammenbringen und die Verwaltung vereinfachen. Es bietet die technische Basis für das geplante Projekt. Damit das Portal erfolgreich genutzt werden kann, geht es „Pro Inklusion“ aber zusätzlich darum, ehrenamtliche und hauptamtliche Assistenzkräfte zu gewinnen, die Idee der Unterstützungs-Netzwerke in den Sozialraum zu bringen sowie Sorgegemeinschaften vor Ort aufzubauen, zu unterstützen und zu beraten. Neben der Vermittlung steht auch die Information mit im Vordergrund: Was ist Assistenz und Unterstützung im Alltag überhaupt, wer hat darauf einen Anspruch, wer kann wie Assistent werden (ehrenamtlich oder beruflich)?
Beim Landkreis Northeim hat „Pro Inklusion“ eine finanzielle Beteiligung am Echtbetrieb beantragt, insgesamt 55.000 Euro pro Jahr, also 275.000 Euro für den Projektzeitraum. Bislang habe man positive Rückmeldungen aus den Kreistagsfraktionen erhalten, heißt es vom Vorstand „Pro Inklusion“. Der Doppelhaushalt 2025/26 wird aktuell in den Fraktionen beraten, geht in den nächsten Woche in die Fachausschüsse des Kreistages. Eine weit größere Summe wird der Verein bei der Aktion Mensch beantragen: 445.000 Euro für die fünf Jahre, insgesamt 400.000 Euro von der Aktion Mensch, 45.000 Euro durch Eigenmittel. Beide Bausteine der Finanzierung funktionieren nur gemeinsam. Weitere Finanzierungsoptionen sucht der Verein. Und Mitglied kann in dem gemeinnützigen Verein ohnehin jeder werden, mehr hier.


