„Die jagdliche Nutzung geht mit Ablauf des derzeit geltenden Jagdpachtvertrages auf den Eigenjagdbezirk über. Sie können darüber hinaus nicht mehr über diese Flächen als Jagdgenossenschaft verfügen und diese auch nicht mehr verpachten.“ Der Brief des Landkreises Northeim flatterte der Jagdgenossenschaft Immensen vor einer Woche ins Haus – kurz nach ihrer Jahresversammlung, bei der das nüchterne Behördenschreiben noch kein Thema war. „Es wird über unsere Köpfe hinweg entschieden“, ärgert sich Stefan Cramm, Vorsitzender der Jagdgenossenschaft des Einbecker Ortsteils Immensen. „Wir fühlen uns willkürlich behandelt.“ Kurz vor Beginn des neuen Jagdjahres am 1. April hat der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) den Jägern rund um den Polder in Edesheim, Drüber, Hohnstedt, Hollenstedt, Immensen, Salzderhelden, Stöckheim, Sülbeck und Vogelbeck mitteilen lassen, dass das Land Niedersachsen die im Poldergebiet liegende Fläche als Eigenjagdbezirk ausweisen und damit selbst übernehmen werde.
Damit würden die betroffenen, in Jagdgenossenschaften zusammengeschlossenen knapp 500 Grundeigentümer der an das Gebiet des Hochwasserrückhaltebeckens bei Salzderhelden angrenzenden Gemarkungen nicht nur einen Großteil der seit Jahrzehnten angestammten Jagdflächen verlieren, sondern auch gewachsene Reviere zerschlagen – weil sie dann eventuell zu klein werden. Wie Immensen geht es allen insgesamt neun Jagdgenossenschaften rund um den 1000 Hektar großen Leinepolder, alle haben ohne Vorwarnung den Brief erhalten, betr.: Errichtung eines Eigenjagdbezirks Hochwasserrückhaltebecken Salzderhelden.
„Das ist ein respektloser Umgang der Behörde“, sagt Herbert Schütte, Revierpächter aus Hollenstedt. Ihn stört vor allem auch die fehlende Begründung – und das Briefe schreiben ohne vorherige Kommunikation mit den Betroffenen. Im Gegenteil werde gar noch mit rechtlichen Mitteln gedroht, „ohne dass wir wissen, was wir überhaupt verkehrt gemacht haben sollen“, sagt Christian Frohme von der Jagdgenossenschaft Hollenstedt.
Seit vielen Jahrzehnten kümmerten sich die Jagdpächter u.a. ebenfalls um Belange des Naturschutzes, auch um die Folgen von Wildunfällen rund um den Polder oder des Hochwassers. „Diese Arbeit richtet sich nicht nach Behörden-Dienstplänen“, spielt Schütte auf Einsätze in der Nacht oder am Wochenende an. Sven Börries, Revierpächter in Salzderhelden, ärgert sich ebenfalls, dass nicht vorher mit den Jägern gesprochen worden sei. Erst im vergangenen Jahr habe das Land Fallen zur Verfügung gestellt, damit die Jäger so genannte Prädatoren im Polderraum bejagen könne.
„Die jahrelange Zusammenarbeit und das Vertrauen in die Wahrung der gegenseitigen Interessen werden mit Füßen getreten“, sagen die Jagdpächter und Jagdgenossenschaften und sehen eine Zäsur. „Die immer wieder neuen Zugeständnisse seitens der Grundeigentümer führen jetzt in die Enteignung – dagegen wehren wir uns.“ Das überraschende Vorgehen des unter der Rechts- und Fachaufsicht des Umweltministeriums in Hannover stehenden NLWKN erfüllt für die Betroffenen alle Voraussetzungen, um angestammte und über Jahrzehnte gewahrte Eigentumsrechte Schritt für Schritt einzuschränken, perspektivisch abzuschaffen und sei respektlos.
CDU-Kreistagsabgeordneter Dirk Ebrecht (Stroit) betrachtet das Handeln des Landkreises Northeim im Auftrag des NLWKN als reichlich vorschnell, zumal er selbst die Landrätin erst wenige Tage vor dem Schreiben an die Jagdpächter gebeten hatte, die Angelegenheit zunächst im Kreisausschuss und damit politisch zu thematisieren. Das Vorgehen sei kein Geschäft der laufenden Verwaltung, sondern benötige eine politische Bewertung und Einordnung. Er kündigte an, nach dieser „Nacht- und Nebelaktion“ die örtlichen Landespolitiker einzuschalten, dass das Land Niedersachsen die Eigentumsrechte durch sein einseitiges Vorgehen nicht achte und quasi nebenbei noch das Vertrauen in staatliches Handeln erschüttere. Ebenso sollten die Stadträte in Northeim und Einbeck sowie der Kreistag sich mit dem fragwürdigen Vorgehen befassen, meint Ebrecht.

Das NLWKN verweist auf Nachfrage auf den Koalitionsvertrag der rot-grüne Landesregierung von 2022. In diesem heißt es: „Auf Landesflächen muss die Jagd ökologisch ausgerichtet werden und dies muss Eingang in die Pachtverträge finden. Dabei wird die Regiejagd über Begehungsscheine mehrjährigen Verpachtungen vorgezogen. Wir wollen auf Landesflächen die Pachtzeit reduzieren. Bei auslaufenden Verpachtungen werden räumlich sinnvolle Neuzuschnitte angestrebt.“ Die Flächen des künftigen Eigenjagdbezirks seien alle landeseigen, würden lediglich aus den vorhandenen Jagdbezirken herausgelöst.
