Martin Wehner (1945-2025)

Stadtkirche und Stiftskirche waren wichtige Wegmarken in seinem Leben. Mehr als 50 Jahre war er Lektor und Mitglied des Kirchenvorstandes in St. Alexandri. Später, nach seiner Bürgermeisterzeit, engagierte sich Martin Wehner als Patronatsvertreter der Stadt Einbeck im Kirchenvorstand der Marktkirche, hier hat er seine Ehefrau Rosemarie geheiratet. Am Gründonnerstag ist Martin Wehner im Alter von 79 Jahren gestorben, in der Marktkirche St. Jacobi hat heute die Trauerfeier für den Mann stattgefunden, der 15 Jahre Bürgermeister der Stadt Einbeck war. Auf Wunsch des Verstorbenen, der Zeit seines Lebens auf Gott vertraut hat („Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, Hiob 19,25), war nicht allein die Totenglocke zu hören, sondern das volle Geläut der Marktkirche. Einer der prägenden Kommunalpolitiker der Nachkriegszeit in Einbeck ist tot.

„Einbeck hat ihm viel zu verdanken“, schreiben Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek und Ratsvorsitzender Frank Doods im Nachruf der Stadt Einbeck. Das Wohl der Menschen in der Stadt und den Ortschaften habe Martin Wehner immer am Herzen gelegen, viele wichtige Entscheidungen für die Stadt Einbeck seien in seine Amtszeit als Bürgermeister gefallen. Internationale Partnerschaften waren Wehner wichtig: 1992 hat er als Bürgermeister die Städtepartnerschaft mit dem polnischen Paczkow begründet, 2002 konnte er in Keene/USA die Partnerschaftsurkunde unterzeichnen. Die Bürgermeisterin sprach bei der Trauerfeier nicht allein das Mitgefühl im Namen von Rat und Verwaltung der Stadt Einbeck aus, sondern auch im Namen aller Partnerstädte. Regional verwurzelt, leidenschaftlich, meinungsstark, aber immer mit Augenmaß – so habe sie Wehner erlebt und von seinem reichen Erfahrungsschatz profitieren dürfen, sagte Michalek. Sie habe sich vor wichtigen Entscheidungen mit Martin Wehner persönlich austauschen können, dafür sei sie dankbar, erst vor wenigen Wochen hätten sie noch miteinander telefoniert.

„Wir verlieren mit Martin Wehner einen kraftvollen und motivierenden Gestalter unseres Gemeinwesens sowie einen aufrechten Streiter für die Sache der deutschen Sozialdemokratie. Er wird uns als Freund und als Berater fehlen“, schreiben SPD-Unterbezirk und Kreistagsfraktion in einem Nachruf. Wehner habe sich immer besonders für die Menschen eingesetzt, die keine Stimme haben, sagte SPD-Unterbezirksvorsitzende Frauke Heiligenstadt MdB bei der Trauerfeier. „Es ging ihm immer um die Schwächeren in unserer Gesellschaft.“ Mit seiner gesamten Lebenserfahrung und mit seiner politischen Erfahrung habe er sich für diese Menschen und die Verbesserung von deren Lebensverhältnissen eingesetzt, vor allem für Kinder und Jugendliche. Gerechtigkeit, Demokratie und Solidarität seien seine Leitplanken gewesen, sagte Heiligenstadt. „Martin war ein Vorbild für viele, so auch für mich.“

Geboren in Einbeck nur wenige Monate nach Kriegsende, machte Martin Wehner Ostern 1965 sein Abitur an der Goetheschule. Er begann zunächst Theologie zu studieren, doch die alten Sprachen waren seine Sache nicht. Nach Abschluss der gehobenen Verwaltungsausbildung arbeitete er erst in Hannover und ab 1974 als Kämmerer in Katlenburg-Lindau.

Als er 1963 in die SPD eingetreten ist, motiviert durch Helmut Schmidt, sei er in der Arbeiterpartei ein Exot gewesen, hat Martin Wehner einmal erzählt: Bürgerlich-christliches Elternhaus, Gruppenführer in der evangelischen Jungenschaft, bei der er später den internationalen Jugendaustausch mit Dänemark prägte, Mitglied bei Einbeck 05 und beim TCE – für einige alte Genossen sei das damals schwer zu verstehen gewesen. War doch die SPD der 1960-er Jahre noch klassische Partei der Arbeiter, und Sport wurde deshalb eigentlich im SV Eintracht betrieben. Heute sind diese klar definierten Milieus kaum noch vorstellbar. Die Zeit des innerparteilichen Umbruchs zu einer Volkspartei sei nicht immer friedlich gewesen, erinnerte sich Wehner. Er habe seine Aufgabe gesehen, aufgerissene Gräben wieder zuzuschütten, zumindest teilweise sei ihm das gelungen. 1973 bis 1994 war er Vorsitzender der Einbecker SPD.

1971 zog Martin Wehner erstmals in den Einbecker Stadtrat ein, zehn Jahre später wurde er SPD-Fraktionsvorsitzender, weitere zehn Jahre später Bürgermeister. Zunächst ehrenamtlich, ab 1998 erster hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Einbeck, bis 2006. Seitdem war er bis 2016 Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion in Northeim. Von 1978 bis 1982 war Martin Wehner Mitglied des Niedersächsischen Landtages – in einer Zeit der Opposition der SPD, als gerade Ernst Albrecht erster CDU-Ministerpräsident in Niedersachsen geworden war. Bis zuletzt engagierte sich Wehner im Vorstand der Arbeiterwohlfahrt, war bis zu seinem Tode mehr als 52 Jahre Mitglied im Verwaltungsrat der Sparkasse Einbeck, deren Eigenständigkeit ihm Zeit seines Lebens immer am Herzen gelegen hat.   

Von vielen politischen Entscheidungen in einem lange politischen Leben sind (mindestens) diese im Gedächtnis geblieben und mit dem Namen Martin Wehner untrennbar verknüpft: In den 1990-Jahren die Konzentration der städtischen Verwaltung im ehemaligen Heidemann-Verwaltungsgebäude, dem heutigen Neuen Rathaus, in den 2000-er Jahren die Abwehr des Verkaufs der Einbecker Wohnungsbaugesellschaft (EWG) an einen Finanzinvestor, eine „Heuschrecke“ (Wehner war vor seiner Bürgermeister-Zeit 1988 bis 1997 Geschäftsführer der EWG), die EWG blieb in kommunaler Hand, sowie in einem langen Kampf der Erhalt der Ilmebahn-Schienenstrecke zwischen Salzderhelden und Einbeck-Mitte, durch den eine Reaktivierung der Bahnstrecke 2018 überhaupt erst möglich wurde. Als 1999 das Eicke’sche Haus vom Einsturz bedroht war, half er mit, die Stiftung zum Erhalt zu gründen und sorgte später maßgeblich dafür, dass mit der Nutzung als Tourist-Information das national beachtete Renaissance-Denkmal erhalten werden kann.

Der gebürtige Einbecker und an lokaler Geschichte stets interessierte Martin Wehner hat 2002 anlässlich des 750-jährigen Stadtjubiläums nicht nur zusammen mit einigen Ratsmitgliedern historische Gewänder für den Umzug durch Einbeck angezogen. Wehner zitierte auch gerne seinen Ur-Ur-Großvater, den Stiftskantor und Geschichtsschreiber Heinrich Ludolph Harland (1813-1884). Beim Festakt zum Stadtjubiläum vor mehr als 20 Jahren wagte Martin Wehner einen Blick in die Zukunft, ins Jahr 2052, und hatte wie einst Martin Luther King einen Traum („I have a dream“), für den es sich zu arbeiten lohne: Nämlich in Gedanken mit seinen Eltern, Großeltern und Urahnen durch Einbeck zu gehen, durch die Tiedexer Straße, wo der Vater aufgewachsen war, über den Marktplatz, hier wohnten Großmutter und Urgroßmutter, vorbei am Rathaus durch die Münsterstraße hinauf zum Stiftplatz, wo Harland wirkte, „hinein in unsere herrliche Münsterkirche – die Keimzelle unserer Stadt“. Und dass dann die Vorfahren sagten: „Ja, das ist unsere Stadt, genauso liebens- und lebenswert wie wir sie erlebt haben“.

Martin Wehner 2013 im Northeimer Kreistag.