Deutlich politischer als in den vergangenen Jahren war am Montag der Gildentag des Handwerks im Landkreis Northeim. Und das lag nicht an Christian Dürr. Oder doch? „In Wahljahren müssen wir noch einen Tisch mehr in die erste Tischreihe stellen“, merkte Kreishandwerksmeister Ulrich Schonlau an. In diesem Jahr war das nicht der Fall, es liegen keine Bundestags- oder Landtagswahlen an. Im Jahr einer Kommunalwahl kann man schon mal als Festredner einen Bundesvorsitzenden einer Partei einladen, noch dazu, wo die FDP aktuell weder in Bundestag und Landtag vertreten ist. Früher freilich haben die Handwerker sorgsam darauf geachtet, in Wahljahren eher Referenten aus anderen Berufszweigen als der Politik zum Vortrag zu bitten.
Götz Girmann, dem stellvertretenden Kreishandwerksmeister, kommt seit Jahren die eigentlich überflüssige Rolle des Schlusswortes zu, bei dem der Elektromeister aus Northeim dann regelmäßig nicht nur noch mal allen Anwesenden erzählt, was sie gerade bei dem Festakt selbst gehört und erlebt und welche Ehrengäste gesprochen haben. In diesem Jahr lederte Girmann besonders heftig gegen die Bundes- und Landespolitik, bemängelte das Fehlen der hiesigen Abgeordneten, die sich angeblich wegen Sitzungswochen entschuldigt hätten. „Ja, geht‘s noch?“, rief Girmann empört in den Saal. Das Handwerk sei immerhin die „Wirtschaftsmacht von nebenan“, wie ein bekannter Slogan lautete.
Kreishandwerksmeister Ulrich Schonlau war in seinem „Wort des Handwerks“ politisch deutlich zurückhaltender. Er interpretierte die unterschiedlichen Formen von Verantwortung: gesellschaftlich, politisch und handwerklich. Verbale Auseinandersetzung mit der Meinung anderer gleite regelmäßig in Tiefen ab, die dem demokratischen Diskurs nicht entsprechen, sagte Schonlau. „So weit sollten wir es für unsere Gesellschaft nicht kommen lassen, jeder Mitbürger, ob männlich oder weiblich, ob blond oder rothaarig, mit oder ohne Sommersprossen, mit heller oder dunkler Haut, egal ob er aus Hamburg, Florenz, Barcelona, Paris, Breslaut, Budapest, Siebenbürgen, Athen, Istanbul, Zypern, Asien oder Afrika kommt, hat den gleichen Stellenwert.“ Aus genau diesen Gründen gingen Handwerker seit Jahrhunderten auf die Walz – um andere Menschen, Länder, Lebens- und Arbeitsweisen kennen und schätzen zu lernen. Schonlau: „In jedem von uns steckt etwas Ausländisches.“ Er werbe für Toleranz, Akzeptanz und Menschlichkeit – das Handwerk sei dafür immer offen gewesen und sollte dieses bleiben. Der ständige Einfluss von außen präge das Handwerk seit Jahrhunderten, vielleicht sei es deshalb so anpassungsfähig. Trotz dieser Flexibilität benötige das Handwerk verlässliche Rahmenbedingungen. „Es ist Sache der Politik, für Konstanz und Planungssicherheit zu sorgen“, forderte der Kreishandwerksmeister. Er vermisse von der Politik Sparvorschläge, die gewaltige Summe der Steuereinnahmen von 947,7 Milliarden Euro reiche den Verantwortlichen nicht aus, die soziale Marktwirtschaft effektiv und fair am Laufen zu halten. Stattdessen würden lieber neue Schulden gemacht. „Sondervermögen – da hätte ich auch mal Bock drauf“, ironisierte Schonlau. Selbst der gut geölte Motor des Handwerks komme als Stütze der Wirtschaft ins Stottern. Unter anderem wegen überbordender Bürokratie und aufwändiger Genehmigungsverfahren. Das Handwerk hoffe, dass durch die neuen Vergaberichtlinien für öffentliche Aufträge künftig mehr Geld bei den Betrieben in der Region bleiben könne. „Es muss noch viel passieren, dass die Wirtschaft zu alter Frische zurück findet“, sagte Ulrich Schonlau.
Dass FDP-Vertreter bei Gildentagen sprechen, habe eine gewisse Tradition, scherzte Christian Dürr. „Immer dann, wenn die FDP aus dem Bundestag fliegt, laden sie den FDP-Bundesvorsitzenden ein.“ 2015 war Christian Lindner beim Gildentag. Danach sei die FDP wieder ins Parlament eingezogen. „Ich mag Ihre Tradition.“ Ja, Deutschland brauche einen Neustart, es müsse sich etwas ändern, damit es besser werden könne. Dafür wolle er gerne Impulse geben, sagte Christian Dürr. Politik sei freilich nur für die verlässlichen Rahmenbedingungen da. Da sei in der „Ampel“ zuletzt ein falscher Eindruck entstanden, räumte Dürr selbstkritisch ein. Politik sollte nicht an die Stelle von unternehmerischer Entscheidung treten. Vor falschen Entscheidungen könne der Staat nicht schützen, er könne nicht das Risiko übernehmen. Dann würden Chancen und wirtschaftlicher Erfolg verloren gehen. Bürokratieabbau dürfe Politik nicht allein in Sonntagsreden fordern, sondern müsse sie von Montag bis Freitag leben. „Jede bürokratische Richtlinie kommt mit einer moralischen Begründung daher“, sagte Dürr. „Wir müssen es in Deutschland endlich schaffen, diese Hypermoral ad acta zu legen.“ Er teile viele der Ziele, sei selbstverständlich beispielsweise gegen Kinderarbeit. Mit dem Ausfüllen von Excel-Tabellen im Mittelstand sei dem Ziel nicht geholfen, das aber seien Wettbewerbsnachteile im Freihandel. Dürr schlug vor, alle seit 2000 erlassenen Regulierungen auslaufen zu lassen und dem Bundestag vier Jahre Zeit dafür zu geben, dasjenige neu zu beschließen, was wirklich wichtig sei.
Für einen „Neustart für Deutschland“, so der Titel seiner Rede, hatte der FDP-Bundesvorsitzende drei weitere Vorschläge dabei. Christian Dürr sprach sich für eine Erleichterung für ausländische Arbeitnehmer aus, nach Deutschland kommen zu können. Der unterschriebene Arbeitsvertrag könne hier beim Ausschluss sozialstaatlicher Unterstützung als Ticket gelten. So lasse sich richtige Migration organisieren. Sprache sei die Voraussetzung für gute Bildung, deshalb sollte es nach Auffassung des FDP-Politikers eine Einschulung nur noch mit ausreichenden Deutschkenntnissen geben. Zwei Jahre vor der Einschulung solle es einen Test geben, damit diese Deutschkenntnisse in dieser Zeit zwingend noch nachgeholt werden können. Schließlich forderte Dürr, überhaupt mehr Geld in die Grundschulbildung zu stecken. Heute gebe Deutschland 0,75 Prozent seiner Wirtschaftsleistung dafür aus, liege damit auf dem Level von Bulgarien, Norwegen gebe zwei Prozent dafür aus. Ein Zwanzigstel des Sondervermögens hätte in Deutschland schon ausreichende Wirkung.
Sven Wolter, Bürgermeister der Stadt Dassel, überbrachte in diesem Jahr die Grüße aller Bürgermeister im Landkreis beim Gildentag. Dabei verriet er seinen persönlichen Vorsatz für das noch junge Jahr: Kopf hoch, Rücken gerade! „Es gibt keinen Grund für schlechte Stimmung“, sagte Wolter und erzählte als positives Beispiel die Erfolgsgeschichte der Sanierung des das Ortsbild prägenden Ratskellers am Alten Markt in Markoldendorf. Hier seien Willen, Engagement, Schaffenskraft und handwerkliche Expertise zusammen gekommen und habe Stadtentwicklung ermöglicht.
Und wenn schon der Gildentag seit Jahren nicht mehr nach Einbeck kommt (angeblich wegen fehlender Räumlichkeiten zu akzeptablen Konditionen), dann kommt eben Einbeck zum Ort des Gildentags in der Stadthalle Northeim. Dort ist jetzt nämlich das Brodhaus-Team von Aneka und Sven Falke fürs Catering zuständig, bewirtete die 250 Gäste des Gildentags in der Halle und anschließend beim rustikalen Imbiss der Fleischer-Innung.
