Kreis-FDP wählt erstmals eine Doppelspitze

(c) Foto: Frank Bertram

Kann man da vom Ende einer Ära sprechen? Nach 21 Jahren als Vorsitzender hat Christian Grascha (46) nicht wieder für das Amt des Vorsitzenden der FDP im Landkreis Northeim kandidiert. Erstmals haben die Mitglieder im Kreisverband der Freien Demokraten eine Doppelspitze gewählt: Dr. Marion Villmar-Doebeling aus Einbeck und Torge Gipp aus Bad Gandersheim stehen nun an der Spitze der Kreis-FDP. Und das zu einer Zeit, in der die Partei um ihr politisches Überleben kämpft, nachdem sie weder im Landtag noch im Bundestag vertreten ist. Wodurch viel Infrastruktur auch für Kommunalpolitik wegbricht. Kein leichter (ehrenamtlicher) Job, das ist beiden neuen Vorsitzenden bewusst. Eine Zäsur, gut ein Jahr vor der nächsten Kommunalwahl.

„Da hab‘ ich Lust drauf“, begründete Torge Gipp seine Kandidatur. Er habe eine „Jetzt-erst-recht-Mentalität“, sagte der Bad Gandersheimer – und mit Augenzwinkern, er sei auch HSV-Fan. 2013 war er in die FDP eingetreten, da hatte die Partei gerade schon einmal den Einzug in den Bundestag verpasst. Seit 2015 ist Torge Gipp im Kreisvorstand aktiv, seit 2021 sitzt er für die FDP im Stadtrat Bad Gandersheim. „Ich liebe die Freiheit und die Demokratie“, sagte Dr. Marion Villmar-Doebeling, die es als ihre Aufgabe im neuen Amt sieht, beides zu stärken. „Und Demokratie ist mehr als Social Media“, appellierte die Einbeckerin daran, die junge Generation adäquat anzusprechen. Dafür brauche es nicht allein Tiktok, sondern Veranstaltungen und attraktive so genannte Vorfeldorganisationen, die den Einstieg in die Parteiarbeit erleichterten. Über mehr Frauen in der FDP würde sich die Einbeckerin ebenfalls freuen. Villmar-Doebeling hat 15 Jahre in den USA gelebt und dort promoviert, ist seit 2014 Mitglied der FDP. Vor einer Pause in der Parteiarbeit aus familiären Gründen war sie von 2016 bis 2021 Ratsmitglied in Einbeck und von 2017 bis 2022 Vorsitzende der FDP Einbeck.

Christian Grascha, der es 2022 nicht wieder in den Landtag geschafft hatte, in dem er 15 Jahre lang Abgeordneter war, sortiert nach eigenen Angaben sein ehrenamtliches Engagement zurzeit: Momentan ist er Landes-Schatzmeister, FDP-Bezirksvorsitzender und Fraktionschef im Northeimer Kreistag. Alles wie früher sei jedoch mit seinem Job bei der IHK zeitlich nicht mehr vereinbar. „Das ist zu viel, die Rahmenbedingungen haben sich geändert.“ Deshalb habe er Ende des Jahres bereits im Kreisvorstand informiert, nicht wieder anzutreten. Der FDP-Kreisverband nimmt durch eine beschlossene Satzungsänderung eine dadurch eröffnete Option wahr, eine Doppelspitze wählen zu können, aber nicht zu müssen. Bei jeder Wahl kann das neu entschieden werden. Unumstritten war die Satzungsänderung nicht, es gab drei Gegenstimmen.

Grascha dankte für mehr als zwei Jahrzehnte an der Spitze seiner Partei, 2004 habe er den Vorsitz von Manfred Matthies aus Northeim übernommen. Die Unterstützung mit teilweise 100 Prozent Zustimmung in den zurückliegenden Jahren, merkte der Salderheldener an, sei letztlich die Grundlage für 15 Jahre politische Arbeit im niedersächsischen Landtag gewesen. Viele Wahlkämpfe habe er während seiner Zeit als Kreisvorsitzender bestritten, sein eigener im Landratswahlkampf 2021 sei jedoch „das Highlight“ gewesen – selbst wenn es nicht gereicht habe, Amtsinhaberin Astrid Klinkert-Kittel abzulösen. Und wer weiß, im kommenden Jahr könnte sich eine neue Chance bieten. Für den Kreistag möchte der Einbecker 2026 auf jeden Fall wieder kandidieren.

Die rund 20 beim Parteitag anwesenden Mitglieder führten eine teils emotionale, engagierte Diskussion über die Gründe, warum es die FDP nicht mehr in den Bundestag geschafft hat. „So ist die Lage jetzt“, rief Christian Grascha noch einmal seine Partei auf, tiefere Ursachenforschung zu betreiben, immerhin sei die FDP nach 2013 nun zum zweiten Mal unter die Fünfprozent-Hürde gerutscht. Auch er suche noch nach vielen Antworten, warum der Einzug verpasst wurde. Drei mögliche Gründe nannte er: Die FDP müsse sich fragen lassen, warum sie beide Male nach Regierungsbeteiligung den Einzug in den Bundestag verpasst habe; zu einer professionalen Art zu regieren gehöre auch der Kompromiss. Hinzu komme die Frage nach einem glaubwürdigen Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit: Wer als Spielertyp wahrgenommen werde, könne nicht als ernsthafter Protagonist sympathisch wirken. Und schließlich müsse die FDP überlegen, ob ihr Programm die richtigen Antworten auf die aktuellen gesellschaftlichen Fragen gebe.

Zu stellvertretenden Vorsitzenden des Kreisverbandes wählten die Mitglieder beim Kreisparteitag Eckhard Ilsemann (Northeim) und Micha Spallek (Dassel). Schatzmeister bleibt Burkhard Grube, neuer Schriftführer ist Maximilian Tolle. Geschäftsführerin bleibt Antje Zacharias. Beisitzer sind Magdalena Gruber, Kornelia Ilsemann, Alexander Hartmann, Dr. Christian Eberl, Lasse Stöckemann, Lennart Jörn, Vittorio Emmermann, Marcel Bufi, Björn Singbeil und Christian Grascha.

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Dr. Marion Villmar-Doebeling, Christian Grascha, Torge Gipp.
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Doppelspitze und Dank (v.l.): Torge Gipp, Dr. Marion Villmar-Doebeling, Antje Zacharias, Christian Grascha, Kornelia und Eckhard Ilsemann.