Bürgermeisterin beim Osterempfang: Sabine Michalek über den Schatz der Vielfalt und Gemeinschaft

(c) Foto: Frank Bertram

Wie vertraut ihr das Terrain im Gartensaal des Gemeindehauses mit Blick auf den Chor der Münsterkirche St. Alexandri ist, verrät sozusagen das Terroir des Weinpräsents: Ein guter Tropfen, sagt Sabine Michalek allein nach kurzem Blick aufs Etikett der Weinflasche, die ihr Kirchenvorstand Thomas Borchert gerade zum Dank für das Impulsreferat beim Osterempfang überreicht hat. Kein Wunder: Mit dem Winzer hat die 58-Jährige gemeinsam studiert, wie sie sagt. Angekündigt war Sabine Michalek als scheidende Bürgermeisterin auf Abschiedsrunde, die eine besondere Gelegenheit nutzt, ihre Erfahrungen, Einsichten und persönlichen Geschichten aus vielen Jahren kommunaler Arbeit zu erzählen. Am Ende stand ein Appell, alles daran zu setzen, miteinander im Gespräch zu bleiben „raus aus unseren Blasen zu kommen“. Die digitalen Netzwerke seien ein Teil des Diskurses, ein nicht unproblematischer, wie Michalek anmerkte, aber eben immer nur ein Teil, nicht alleiniger Ort des Austauschs.

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Dr. Sabine Michalek im Gespräch mit Thomas Borchert beim Osterempfang der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde.

Kirchenvorstand Thomas Borchert versuchte Sabine Michalek im vollbesetzten Gartensaal vor dem Impulsvortrag, ein paar unbekannte Aussagen zu entlocken. Beide kennen sich seit vielen Jahren, duzen sich. Dennoch oder deshalb: Die 58-Jährige verriet freimütig, dass die Umsetzung der vom Land oder Bund beschlossenen Corona-Maßnahmen oft innerhalb weniger Stunden zu den schwersten Entscheidungen ihrer Amtszeit gehört habe. Wie sie ihren 60. Geburtstag feiern möchte, dann nicht mehr im Amt: „gesund, glücklich und zufrieden“, sagte Michalek. Wenn sie sich eine Superkraft auswählen dürfte, dann wäre sie gerne Friedensstifterin. Bei einer Zeitreise in die Vergangenheit wäre die Bürgermeisterin gerne einmal kurz nach dem verheerenden Stadtbrand von 1540 in Einbeck zu Besuch. Und wen sie einmal zum Essen treffen möchte? Altkanzlerin Angela Merkel bei einer leckeren Kartoffelsuppe.

Als Bürgermeisterin beschäftige sie sich täglich mit zahlreichen ganz unterschiedlichen Themen und Nachrichten. Manchmal, oftmals am Abend eines Tages, an dem vieles auf sie eingeprasselt sei, sitze sie in ihrem Büro und frage sich: Sind wir noch auf dem richtigen Weg? „Mir hilft es dann ungemein, mich mit anderen auszutauschen – sei es mit den Kollegen im Rathaus, mit politischen Vertretern, aber auch mit Freunden und Mitbürgern“, erzählt Dr. Sabine Michalek über ihren Alltag im Amt seit 2013. „Was ich dabei erlebe, ist viel gesunder Menschenverstand, eine große Vielfalt von Ansichten und Einsichten, viele gute Ideen und jede Menge Pragmatismus.“ Das sei ein großer Schatz für sie, der durch Vertrauen und Gemeinschaft entstehe.   

„Mir persönlich ist der unmittelbare Austausch, das unmittelbare Gespräch, Aug in Aug, immer noch am liebsten“, bekannte Sabine Michalek. Dazu brauche es Gelegenheiten und Orte für Begegnungen und Gespräche, um gemeinschaftlich an Dingen zu arbeiten, die für die Gesellschaft wichtig seien. Das könnten Räume wie der Gartensaal oder die Multifunktionshalle sein, das Stadtmuseum oder das Alte Rathaus sein – oder der neue Pavillon auf dem Neustädter Kirchplatz, in den eine inklusive und barrierefreie Begegnungsstätte einziehen soll. „Wir brauchen dazu eine Gesprächskultur und Gesprächsatmosphäre, in der wir freimütig mitteilen und dem Gegenüber wohlwollend zuhören“, meint Michalek. „Wir brauchen Gespräche, in denen wir uns für die Standpunkte des anderen wirklich interessieren und wiederum unsere Überlegungen anbieten.“

Bei den Gesprächen wünscht sich Michalek, besser auf unsere Sprache zu achten. Das gezielte Nutzen von Metaphern in digitalen Netzwerken, das so genannte Framing, biete gern bei politischen Inhalten die Möglichkeit, diese langfristig im Gehirn zu platzieren. Es mache einen Unterschied, ob Menschen als Geflüchtete, als Flüchtlinge oder als Flüchtlingsströme, die über uns hereinbrechen, bezeichnet werden. Es mache einen Unterschied, ob sie eine Abstimmung im Rat beschreibe als „mit Mehrheit abgelehnt“ oder als „abgebügelt“. Alle, besonders aber diejenigen mit politischer Verantwortung sollten sich der Wirkung von Sprache bewusst sein.

Werte wie Verständnis, Toleranz und Offenheit seien wichtig im Umgang miteinander. „Wir dürfen nicht aufhören, uns umeinander zu kümmern, auch wenn wir unterschiedliche Positionen vertreten“, sagte Michalek. „Dann werden Menschen weiterhin den Mut haben, sich nicht nur mit Umsicht in die Diskussion einzubringen, sondern sich weiter füreinander zu engagieren und unsere Gesellschaft vital zu halten.“ Am Ende seien es immer engagierte Menschen, die andere mitreißen und damit eine ganze Bewegung auslösen könnten.  

Die Gesellschaft brauche das Ehrenamt, müsse die Menschen, die sich engagieren, stärker würdigen. „Was die Bürger freiwillig einbringen, das ist kein nettes Plus, es ist ein unverzichtbarer Bestandteil unsereres Gemeinwesens und macht uns und unsere Demokratie stark, lebendig und zukunftsfähig“, sagte die Bürgermeisterin. Es müsse alle aufrütteln, wenn das gesellschaftliche Engagement zurückgehe und viele sich nicht mehr trauten, ihre Meinung zu sagen.  „Wenn der Einzelne verstummt oder sich zurückzieht, dann verliert unsere Gesellschaft nicht nur an Lebendigkeit und Vielfalt, wir verlieren auch unsere Fähigkeit, durch Gespräche und Diskussionen neue Erkenntnisse zu gewinnen und uns weiterzuentwickeln.“

Die angespannte Finanzlage der Kommunen schränke die Gestaltungs- und Handlungsfähigkeit ebenso ein wie das Vertrauen in politische Gestaltungskraft vor Ort. „Wer kaum gestalten kann und wachsende finanzielle Engpässe verantworten muss, braucht eine große Frustrationstoleranz“, weiß die Bürgermeisterin. Angriffe gegen Menschen, die sich kommunalpolitisch engagieren, seien keine Einzelfälle mehr, weiß Michalek. Wer sich engagiere, mache sich angreifbar. Sie könne gut nachvollziehen, dass viele, die Anfeindungen wie Beleidigungen, Beschimpfungen bis hin zu Bedrohungen erlebt hätten, sich beim nächsten Mal zurückhalten, nicht aus der Deckung kommen und sich scheuen, den eigenen Standpunkt mutig für neue Erkenntnisse zu öffnen, formuliert es Michalek. „Aber es ist notwendig, dass konstruktive Akteure immer wieder dagegenhalten, damit man nicht einer kleinen Zahl an Miesepetern die Hoheit über die Gesamtstimmung gibt.“

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Im Gartensaal beim Osterempfang im Gespräch mit Thomas Borchert verriet die Bürgermeisterin, in welche Zeit sie sich gerne einmal zurückversetzen lassen würde.

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