Demokratie-Stresstest vor Ort

„Die Formen der Demokratie müssen jünger und inklusiver werden“, sagte Arnd Henze.

Seine Worte haben Eindruck hinterlassen, das wurde in vielen Gesprächen beim Osterempfang der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Einbeck und der Superintendenten deutlich, der zum dritten Mal in der Jugendkirche Marie, der 50 Jahre alten Neustädter Kirche in Einbeck stattfand. Arnd Henze, Fernsehkorrespondent im Hauptstadtstudio der ARD in Berlin und dort vor allem für Außenpolitik zuständig, hat über den „Stresstest für die Demokratie“ gesprochen. Und dabei deutlich gemacht, dass dieser Stresstest nicht allein weit weg bei Trump, Erdogan und Co. bestanden werden muss, sondern vor allem direkt vor Ort. „Wir müssen die Demokratie barrierefreier machen“, forderte Henze, der 1961 in Einbeck geboren und in der Münsterkirche St. Alexandri getauft wurde. Sein Vortrag war gewissermaßen in doppeltem Sinn ein Heimspiel, hat doch der studierte Theologe schon als Fünfjähriger bei Predigten von Pastor Wolfgang Kloppmann in der Münsterkirche rhetorisch gemeinte Fragen im Gottesdienst lautstark beantwortet, wie er schmunzelnd erzählte.

Der Demokratie-Stresstest finde unter Realbedingungen und nicht im Labor statt, und er sei sich nicht sicher, ob er scheitern werde oder ob die Demokratie widerstandsfähig genug sei, habe doch die Strahlkraft von Demokraten nachgelassen. Die Resilienz bröckele, in einigen Landstrichen gebe es Umfragen, bei denen die Mehrheit eine Sehnsucht nach der einen, starken Partei hat, die alles regelt. Arnd Henze appellierte, kämpferische Demokraten zu sein, wie dies der Bundespräsident gefordert hatte. „Diese Demokratie ist noch nicht auf dem Sterbebett“, sagte Henze seinen Zuhörern, sie sei jedoch längst nicht mehr so gefestigt, wie viele denken, „lassen Sie uns den Stresstest bestehen, es geht ums Ganze“.

TV-Korrespondent und studierter Theologe mit Wurzeln in Einbeck: Arnd Henze auf der Kanzel der Neustädter Kirche.

Mehrere Vorschläge machte Arnd Henze, wie die Gesellschaft den Demokratie-Stresstest bestehen kann. „Die Formen der Demokratie müssen jünger und inklusiver werden“, sagte der TV-Journalist, und blickte dabei auch auf die Zuhörerreihen in der Neustädter Kirche beim Osterempfang, in denen niemand unter 40 war. Hier sollten beim nächsten Mal Jugendliche gezielter angesprochen werden. Und das bedeute nicht, einfach den Einladungsverteiler zu vergrößern, mahnte Henze. Jugendliche müssten sich auch im Programm des Empfangs wieder finden. Und so wie bei diesem Beispiel müsse sich auch in Gremien wie beispielweise dem Stadtrat die vorhandene Vielfalt der Stadtgesellschaft wiederfinden. Arnd Henze nannte ein Beispiel aus Berlin: Was für ein Signal sei das, wenn die einzige mit Migrationshintergrund in der Bundesregierung inklusive der Staatssekretäre Justizministerin Katarina Barley sei, „und die hat einen englischen Vater“. Das lässt sich einfach auf Einbeck übertragen, da muss man sich nur mal die stockenden Vorstöße ansehen, jünger und bunter in der politischen Beteiligung zu werden.

„Wir brauchen eine Entgiftung der öffentlichen Debatte“, forderte Arnd Henze. Im Netz sei so viel Hass, und es dürfe nicht akzeptiert werden, dass zu viele Verfahren von Staatsanwaltschaften eingestellt werden. Notwendig sei eine neue Atmosphäre der Solidarität und der Wertschätzung, auch gegenüber Lokalpolitikern. Denn auch diesen schlage vielerorts der Hass entgegen. Nach dem Anschlag auf den Bürgermeister von Altena im Sauerland hätte er sich gewünscht, dass der Bundespräsident zur nächsten Stadtratssitzung spontan gefahren wäre, sich in die Zuschauerreihen  gesetzt und gesagt hätte: „Ich sitze hier stellvertretend für die hunderttausenden ehrenamtlichen Politiker, denen möglichweise ähnliches passiert. Der demokratische Teil unserer Gesellschaft ist an ihrer Seite.“

„Zur Kultur der Wertschätzung gehört eine Kultur des Streites“, meinte Arnd Henze. Es gelte, das Streiten wieder neu zu lernen. Streit bedeute Verständigung über die Fakten. Und es sei mehr denn je die Aufgabe von Medien, die Faktengrundlage sicher zu halten. Denn was viele bei Diskussionen als Fakt bezeichnen, biete nur dem Argument einen emotionalen Drive. Entschieden müsse man denen entgegen treten, die behaupten: Das darf man ja nicht mehr sagen. Meistens allerdings werde es gesagt – in TV-Talkshows mit mehreren Millionen Zuschauern…

Seine fünfjährige Tochter habe ihm als Elternvertreter in der Kita für einen Brief an die anderen Kita-Kinder und deren Eltern das Urvertrauen der Demokratie quasi in den Block diktiert. Die Spülmaschine im Kindergarten war kaputt. „Wollen wir es den Erziehern sagen?“, habe seine Tochter formuliert. „Ich möchte das. Wenn ihr das auch möchtet, dann könnt ihr mir das sagen. Und wenn ihr es nicht wollt, dann könnt ihr es mir auch sagen, dürft eure Meinung sagen, egal welche.“ Das sei die Demokratie auf wenige Sätze konzentriert beschrieben.

Wo das Vertrauen einer Fünfjährigen in die Elternvertretung noch vorhanden sei, könne es bei einer Erstklässlerin leicht in Gefahr geraten, berichtete Arnd Henze von einer Erfahrung mit seiner anderen Tochter. Die Schüler der 1. Klasse hätten jeder der Bürgermeisterin einen Brief geschrieben, weil es im Herbst auf dem Schulweg eine dunkle Ecke gebe. Zwei Tage vor den Weihnachtsferien habe ihm seine Tochter berichtet, immer noch keine Antwort zu haben. Da habe er im Bürgermeisterin-Büro angerufen. Die Kinder lernen gerade, dass es den Weihnachtsmann und den Osterhasen nicht gibt, versuchte er zu argumentieren, und wenn sie nicht ganz schnell reagieren, dann lernen sie auch, dass es die Bürgermeisterin nicht gibt. Ein Urvertrauen wäre zerstört. Zwei Wochen nach den Ferien sei die Lampe eingeweiht worden.

Den Verächtern der Demokratie müsse man den Resonanzraum nehmen, den sie brauchen für ihre Parolen. „Demokratie muss jeden Tag Lösungskompetenz beweisen“, sagte Arnd Henze. Wie bei der Straßenlaterne. Und wie nach einer Diskussion beispielsweise, die er in Uslar geführt hat, dort habe sich eine Ampelschaltung als großes Problem erwiesen, das trotz Briefen bis dahin nicht gelöst werden konnte. Er habe damals gegen das Gefühl appelliert, die zu entscheiden haben „sind so weit weg“. Entscheidend sei doch zu klären: Wie können wir Uslarer uns so stark machen, die Lösung für die konkrete Sorge zu erreichen. Und das habe am Ende funktioniert, weil sich mehrere und am Ende auch die Landrätin um das Problem gekümmert hätten.

Bei Elftklässlern könne das Vertrauen in die Demokratie schon verloren sein, wenn man nicht aufpasse. Das habe er bei der Diskussion an seiner alten Schule in Garbsen erfahren, berichtete Arnd Henze. Die Oberstufenschüler hätten ihm berichtet: Auch wenn wir alle Probleme des Ortes hier diskutieren und lösen würden – dafür interessiert sich dann doch kein Politiker. Damit wollte sich Arnd Henze nicht zufrieden geben: „Bis zum Beweis des Gegenteils möchte ich, dass ihr es ausprobiert.“

Osterempfang in Einbeck: Superintendentin Stephanie von Lingen mit Gastredner Arnd Henze.

 

Arnd Henze machte sich in seinem Vortrag beim Osterempfang auch für Heinrich Keim stark, der 1945 in die amerikanischen Stellungen gefahren war, um eine Zerstörung Einbecks zu verhindern. Nach ihm soll ein Weg benannt werden. Wenn die Bundesverteidigungsministerin mal wieder eine Kaserne umbenennen wolle, wäre ja vielleicht auch Heinrich Keim der richtige Name, sagte Henze. Denn dessen Zivilcourage habe Einbeck viel zu verdanken, die Stadt wäre sonst vielleicht eine der langweiligen Fünfziger-Jahre-Orte, die nach Zerstörung im Krieg wieder aufgebaut wurden. Dass es 70 Jahre brauche, das zu erkennen, wundere ihn schon sehr. Und es freue ihn, dass es nun erkannt wurde.

Haus der Jugend am Kohnser Weg

Ort des neuen Hauses der Jugend: das Flüchtlingswohnheim am Kohnser Weg. Archivfoto

Ort des neuen Hauses der Jugend: das einstige Flüchtlingswohnheim am Kohnser Weg. Archivfoto

Wie tief die Verunsicherung nach den Debatten und mehrfachen Kurswechseln der vergangenen Monate offenkundig bei einigen ist, zeigte eine Wortmeldung heute in der Bürgerfragestunde zu Beginn der Sondersitzung des Einbecker Stadtrates: Ob denn die Entscheidung, die der Rat zum künftigen Standort des Hauses des Jugend heute treffe, auch nun endgültig sei… Die Bürgermeisterin sorgte für Klarheit: Ratsentscheidungen sind verbindlich. Und so ist, nach etwa eineinhalb Jahren öffentlicher Diskussion über den Zukunftsort des städtischen Jugendzentrums, mit der heute vom Rat getroffenen Entscheidung die Sache klar, erwartungsgemäß auch in der vom Verwaltungsausschuss vergangene Woche vorgegebenen Richtung.

Der Stadtrat hat sich einstimmig dafür ausgesprochen, mit der sofortigen Umsetzung einer detaillierteren Planung und eines Umzugs des Hauses der Jugend in eines der ehemaligen Flüchtlingswohnheime am Kohnser Weg zu beginnen. Der Beschluss beinhaltet den Auftrag an die Verwaltung, auf dem dortigen Gelände mit einem Anbau auch ein künftiges neues Jugendgästehaus zu planen und zu realisieren, dies allerdings unter dem Vorbehalt, dass Finanzierung und Betrieb sichergestellt sind. Das DRK hat laut Bürgermeisterin weiterhin Interesse, beteiligt sich aber nicht an Umbau- und Sanierungskosten. Damit ist dieses zunächst erst einmal nur eine Zukunftsoption. Denn für diese Komplett-Lösung (HdJ und Jugendgästehaus) werden rund 1,086 Millionen Euro kalkuliert, als Verkaufserlös des bisherigen HdJ-Standorts stehen aber lediglich 560.000 Euro sowie eine 100.000-Euro-Spende der AKB-Stiftung zum 90. Geburtstag von Johanne Büchting zur Verfügung, also insgesamt rund 660.000 Euro.

Fünf Ratsmitglieder haben sich bei der Abstimmung enthalten (und das in Wortbeiträgen auch erläutert). Weder für noch gegen den Standort Kohnser Weg votierten Bernd Huwald, Antje Sölter, Beatrix Tappe-Rostalski und Willi Teutsch – und damit sämtlich CDU-Ratsmitglieder. Enthalten hat sich auch Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek. Sie konnte sich mit der bis zuletzt von ihrer Verwaltung vertretenen Präferenz am Ende nicht durchsetzen, das Haus der Jugend an den Sülbecksweg umzusiedeln und dort kommunale und kirchliche Jugendarbeit (evangelische Jugendkirche St. Marien) zu vereinen.

Tappe-Rostalski, Sölter und Teutsch sehen eine Chance vertan, Jugendarbeit in Einbeck an einem Standort zu bündeln, dort Jugendliche unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schichten zu integrieren, für Teutsch rückt das Haus der Jugend am Kohnser Weg an den Rand der Stadt, dort gehöre es nicht hin: „Wenn es zum Schwur kommt, kapitulieren wir vor der ausgeprägten Doppelzüngigkeit.“ Auch Huwald sieht das Jugendzentrum mit dem Beschluss nun an den Rand gedrängt, und zudem: „In ein abrissfähiges Gebäude zu investieren, halte ich für einen groben Fehler.“

Gefreut habe ich mich während der heutigen Ratsdebatte darüber, dass trotz des hinter den Kulissen zwischen den Fraktionen vorbereiteten, letztlich einstimmigen und einmütigen Beschlusses zumindest in guten Ansätzen noch einmal die Diskussion der vergangenen Monate deutlich wurde und die Versäumnisse benannt wurden. Und auch die Bürgermeisterin hat heute nicht – wie öfter zuvor – ihre leitenden Mitarbeiter sprechen lassen, sondern selbst die Haltung des von ihr geführten Rathauses öffentlich erläutert. Auch wenn sie damit eine Niederlage eingestehen musste.


Aktualisiert 14.05.2014, 22:55 Uhr:
In einer ersten Version dieses Beitrages hatte ich versehentlich auch CDU-Ratsfrau Heidrun Hoffmann-Taufall zum Kreis der Enthaltungen gezählt.

Letzte Drehung

Die Häuser des ehemaligen Flüchtlingswohnheims am Kohnser Weg

Die zwei Häuser des ehemaligen Flüchtlingswohnheims am Kohnser Weg.

Das dürfte jetzt dann wirklich die letzte Drehung gewesen sein im seit Monaten nicht enden wollenden Gezerre um den künftigen Standort des Einbecker Jugendzentrums, das dem PS-Speicher weichen muss: Der Verwaltungsausschuss des Stadtrates hat in dieser Woche einstimmig bei zwei Enthaltungen empfohlen, das Haus der Jugend am Kohnser Weg auf dem Gelände des ehemaligen Flüchtlingswohnheims anzusiedeln. Das sagte Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek heute auf meine Anfrage. Abschließend wird jetzt der Rat in seiner eigens für dieses Thema angesetzten Sondersitzung am 14. Mai (Mittwoch, 17 Uhr, Rathaushalle) entscheiden. In den Beratungsunterlagen für diese Stadtratssitzung ist noch weiterhin von der Verwaltungsvorliebe für den Standort am Sülbecksweg im Gemeindezentrum der Neustädter Kirche St. Marien die Rede. Mit dem VA-Beschluss dürfte die Variante nun allerdings vom Tisch sein, die Politik kehrt zur Empfehlung des Fachausschusses zurück. Wobei das zuletzt in den Unterlagen auftauchende Argument, dass noch völlig offen sei, wie sich die Ganztagsschulen ab dem Sommer auf das Haus der Jugend auswirken werden, nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist, will man betrachten, ob und wie ein solitäres Jugendzentrum Zukunft haben kann bei rückläufigen Zahlen von Jugendlichen in Einbeck.

Spannend wird nun sein, wie und ob sich die kommunale Politik in der Sondersitzung auf eine inhaltliche Diskussion des zuletzt vor allem emotional heftig ventilierten Themas einlässt. Beobachter rechnen damit, dass die Entscheidung flott über die Bühne gehen soll. Ob es dazu kommt, ist freilich offen. Ich finde, man darf von der Politik durchaus erwarten, dass sie sich inhaltlich positioniert und gerade bei diesem die Ratsarbeit, die Verwaltung und die Menschen in Einbeck seit vielen Monaten beschäftigenden Thema erläutert, wer was wann warum gewollt, versäumt, verworfen und doch wieder favorisiert hat. Die Chronik der Ereignisse dürfte da aufschlussreich sein, schauen wir mal, ob sie die Politik erzählen will…

In den vergangenen Wochen war es öffentlich zu dem Thema still geworden, verdächtig still. Sicheres Anzeichen, dass viel hinter den Kulissen gesprochen wurde. Das Ergebnis könnte am Ende der für viele Seiten akzeptable Kompromiss sein.

Positionen gefragt

Podium

Acht auf dem Podium (v.l.): Fachbereichsleiter Albert Deike, Stadtjugendpfleger Henrik Probst, Haus-der-Jugend-Mitarbeiterin Kerstin Hillebrecht, Fachausschuss-Vorsitzende Margrit Cludius-Brandt, Polizeichef Peter Volksmar, Kirchenvorstand Thomas Borchert, Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, Superintendent Heinz Behrends.

Das war – wie gesagt bzw. hier bereits beschrieben – eine denk- und merkwürdige Diskussion bei der „Informationsveranstaltung“ zum Haus der Jugend. Jugendliche nahezu ausschließlich als Störfaktor mit Lärmpotenzial zu beschreiben, den man nicht in seiner Nähe haben möchte, ist für eine sachliche Debatte nicht förderlich gewesen, hat ja auch zu vielfachen Emotionen geführt und hat Jugendlichen gezeigt, welche Wertschätzung sie von einigen erfahren. Hoffentlich bedenken die Jugendlichen, dass nicht alle so denken. Die Frage ist ja auch: Sind die Kritiker, die sich zu Wort melden, die Mehrheit der Nachbarn, oder nur eine lautstarke Minderheit? Wohltuend sachlich hat Polizeichef Peter Volkmar ein Vorurteil zerstört: In den vergangenen fünf Jahren ist die Polizei nach seinen Worten zu zehn Einsätzen am Tiedexer Tor (jetziger Standort Haus der Jugend) gewesen, eine angesichts der Gesamtkriminalität in Einbeck verschwindend kleine Zahl, polizeilich „uninteressant“. Alkohol und Drogen spielten dort keine Rolle, sagte Volkmar.

Was ich bei der „Informationsveranstaltung“ noch besonders auffällig empfand: Das Podium war mit acht Personen sehr üppig besetzt, da konnte bei einer zwei Stunden dauernden Diskussion imgrunde keiner einen ähnlich großen Redeanteil haben wie die anderen. Dass jedoch die Bürgermeisterin vor allem ihrem Fachbereichsleiter und außerdem dem Stadtjugendpfleger verbal oftmals den Vortritt ließ, fiel nicht nur mir negativ auf, wie ich nach mehreren Gesprächen inzwischen weiß. Da ist mehr Führung und Positionsbestimmung durch die Chefin gefragt, wenn sie denn schon auf dem Podium vertreten ist. Nicht nur ein „im Dialog den besten Standort finden“ und eine Vertrauensaussage, die beste Entscheidung für die Stadt zu finden. Zumal ihre Verwaltung das Gemeindezentrum favorisiert. Auch die – wenn man so will – einzige Politik-Vertreterin auf dem Podium, die Fachausschuss-Vorsitzende Margrit Cludius-Brandt (SPD), war an dem Abend verhalten in ihren Äußerungen und widerstand der Versuchung, die (viel zu) lange dauernde Standortsuche-Debatte zu geißeln, Verantwortliche dafür zu benennen und den Finger in die politische Wunde zu legen. Das mag richtig gewesen sein, weil es ja eine „Informationsverstaltung“ sein sollte. Von Politik erwarte ich aber noch vor der Entscheidung eine deutliche Positionierung. Wer hat was wann angekündigt, wer hat welchen Standort wann favorisiert? Vielleicht folgt diese politische Diskussion ja aber auch erst am 14. Mai in der Stadtratssitzung…

Emotion statt Information

Ein Podium mit sehr unterschiedlichem Redeanteil (v.l):

Ein Podium mit sehr unterschiedlichem Redeanteil vor interessierten Bürgern in der Neustädter Kirche (v.l): Moderator Dennie Klose, Fachbereichsleiter Albert Deike, Stadtjugendpfleger Henrik Probst, Haus-der-Jugend-Mitarbeiterin Kerstin Hillebrecht, Fachausschuss-Vorsitzende Margrit Cludius-Brandt, Polizeichef Peter Volkmar, Kirchenvorstand Thomas Borchert, Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek und Superintendent Heinz Behrends.

Wer nach einer zweistündigen Veranstaltung mit rund 180 Menschen und lebendiger Debatte ein Fazit ziehen möchte, muss sich seine Erwartungen vor Beginn des Abends bewusst machen. Und genau hier liegt meiner Meinung nach das Problem der als Informationsveranstaltung von Stadt und Kirche angekündigten Diskussion über das Gemeindezentrum am Sülbecksweg, das als möglicher neuer Standort für das Haus der Jugend (wieder) im Gespräch ist. Gab es Informationen? Neue, bisher unbekannte Fakten in der Diskussion Zukunftstandort Haus der Jugend? Selbst für diejenigen, die die seit fast eineinhalb Jahren dauernde, quälend lange Debatte auch nur teilweise verfolgen, tendierte der Informationsgehalt der Veranstaltung in der Neustädter Kirche gegen Null.

Die Fakten liegen längst auf dem Tisch, lange genug hat es ja gedauert, aber spätestens seit der Fachausschuss-Sitzung am 1. April ist alles bekannt (und für jeden nachlesbar), was für eine Entscheidung notwendig ist. Selbst die Erkenntnis, dass beide in Rede stehenden Lösungen in etwa gleich viel Geld kosten würden, ist so taufrisch nicht. Und dass viele Anwohner rund um das Gemeindezentrum am Sülbecksweg gegen eine gemeinsame Nutzung des Kirchengeländes durch die Jugendkirche Marie und das städtische Jugendzentrum Haus der Jugend sind, ist auch keine Erkenntnis dieses Abends, das konnte jeder in den vergangenen Tagen in den Leserbriefspalten bereits lesen. Man muss diese dort und gestern Abend angeführten Argumente nicht teilen, aber man muss sie zur Kenntnis nehmen.

Wie so manches in dieser Debatte war die Informationsveranstaltung gut gemeint, aber mehr leider auch nicht. Wenn ich Anwohner frühzeitig informieren will, wenn ich ihre Wünsche und Anregungen ernsthaft aufnehmen will, wie dies als Ziel des Abends gestern so noch einmal erklärt wurde, dann darf ich nicht erst dann zuhören, wenn der Fachausschuss bereits empfohlen und der Verwaltungsausschuss entschieden hat. Dann ist es zu spät, dann sind die (Vor-)Urteile gefasst. Jugend-Fachbereichsleiter Albert Deike gab denn auch zu, die Diskussion „ein Stückchen unterschätzt“ zu haben, eigentlich habe man gedacht, so der Verwaltungsmann, für das Stadtviertel etwas Positives zu schaffen, wenn man das Haus der Jugend an den Sülbecksweg in die Nähe der Jugendkirche Marie verlege.

Und wenn ich als VA doch noch eine Infoveranstaltung möchte, weil ich weiterhin den vom Fachausschuss schon beiseite geschobenen Standort im Rennen halten will (und um ein Alibi zu haben), dann doch bitte aber eine Diskussionsveranstaltung über die beiden, politisch aktuell noch zur Debatte stehenden möglichen Standorte: Sülbecksweg und Kohnser Weg. So hatte der Abend in der Neustädter Kirche eine Schieflage, die ein Fazit nicht erleichtert.

Großes Interesse hatten die Anwohner rund um das Gemeindezentrum am Sülbecksweg, rund 180 Menschen waren gestern in der Neustädter Kirche.

Großes Interesse hatten die Anwohner rund um das Gemeindezentrum am Sülbecksweg, rund 180 Menschen waren gestern in der Neustädter Kirche.

Wenn die Veranstaltung gestern Abend schon keine neuen Fakten geliefert hat, so hat sie Emotionen dokumentiert. Falls auch nur die Hälfte von dem richtig ist, was die sich zu Wort meldenden Anwohner vorgebracht haben, dann herrscht offenbar zwischen den Nachbarn und der Jugendkirche Marie nicht immer eitel Sonnenschein. Und hat die Kirche vor allem dringenden Handlungsbedarf, was die Fremdvermietung ihrer Räumlichkeiten anbetrifft. Dieses deutlich zu machen, war jedoch überhaupt nicht der Sinn der Veranstaltung. Und das hat auch mit dem Haus der Jugend nichts zu tun. Akzeptanz und Toleranz sind Bausteine für jede gute Nachbarschaft. Diese Bausteine müssen aber auf beiden Seiten verwendet werden: Jugendliche ausschließlich als Lärm-Faktoren zu sehen, ist schon eine ziemlich reduzierte Sicht der Dinge.

Für kein Ratsmitglied ist die Entscheidung am 14. Mai in der Sondersitzung leicht, das wurde mehrfach betont. Beide Standorte, die jetzt noch zur Wahl stehen, haben Vor- und Nachteile, auch das wurde mehrfach erwähnt. Vieles mag für die inhaltliche Verbindung von kommunaler und kirchlicher Jugendarbeit sprechen. Vieles mag für einen Standort in freier Lage mit Erweiterungspotenzial sprechen.

Wer hat den politischen Mut, gegen den geballten Anwohner-Zorn zu entscheiden?

Da sind’s wieder zwei…

Die Standortsuche für das Haus der Jugend bleibt politisch spannend: Der Verwaltungsausschuss des Stadtrates hat gestern beschlossen, dass bis zu einer Sonder-Ratssitzung Ende des Monats sowohl der mögliche Standort im ehemaligen Flüchtlingswohnheim am Kohnser Weg als auch das Gemeindezentrum am Sülbecksweg (Jugendkirche Marie) von der Verwaltung auf Machbarkeit weiter zu prüfen sind – und zwar ohne eine Priorisierung. Das sagte Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek mir heute auf Anfrage. Der Fachausschuss hatte am Dienstag noch empfohlen, vorrangig den Standort am Kohnser Weg zu untersuchen und hier auch die bereits beiseite gelegte Option eines Jugendgästehauses zu reaktivieren.

Da sind’s also jetzt wieder zwei Standorte, die zur Auswahl stehen werden. Aber es bleibt dabei, dass am Ende der Stadtrat in einer Sondersitzung entscheiden wird, welche Variante realisiert wird. Der genaue Sitzungstermin steht noch nicht fest, er soll aber nach den Osterferien Ende April liegen. Zuvor wird es laut Bürgermeisterin noch eine Anwohner-Informationsveranstaltung für die Anlieger rund um das Gemeindezentrum am Sülbecksweg geben, voraussichtlich am 22. April. Hier wollen Stadt und Kirche näher informieren, was genau vor Ort geplant ist, falls sich der Rat für diesen Standort entscheiden sollte und kirchliche und kommunale Jugendarbeit an einem Ort vereint werden sollen.

Nachtrag 11.04.2014: Die gemeinsame Infoveranstaltung von Stadt und Kirche für Anwohner und Anlieger rund um das Neustädter Gemeindezentrum am Sülbecksweg findet am Dienstag, 22. April, um 17 Uhr in der Neustädter Kirche St. Marien statt. „Bitte kommen Sie zahlreich, denn mit vielen beratenden Stimmen können wir gemeinsam dem Rat der Stadt Einbeck, der diese schwierige und weitreichende Zukunftsentscheidung zu fällen hat, wertvolle Hinweise für die Entscheidung und Gestaltung geben“, heißt es in der von Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, Kirchenvorstand-Vorsitzenden Thomas Borchert und Superintendent Heinz Behrends gemeinsam unterzeichneten Einladung (Wortlaut: 2014 04 22 Einladung Infoveranstaltung Neustädter Kirche). Die Sonder-Ratssitzung ist für den 14. Mai terminiert.

Nachtrag 16.04.2014: Heute berichtet auch der Pressedienst des evangelischen Kirchenkreises Leine-Solling über die bevorstehende Anwohner-Versammlung; Moderator ist Dennie Klose. Sicherlich ist es in einer Einladung zu einer solchen Infoveranstaltung nicht zwingend notwendig, dennoch aber wie ich finde sehr auffällig, dass hier wie auch bereits in der von der Stadt herausgegebenen Einladung einzig von einem möglichen HdJ-Standort Gemeindezentrum am Sülbecksweg die Rede ist. Der jüngst vom VA wieder ins Spiel gebrachte ebenso mögliche Standort ehemaliges Flüchtlingswohnheim am Kohnser Weg kommt weder hier noch dort mit einem Wort vor…

Guter Rat

Die zwei Gebäude des ehemaligen Flüchtlingswohnheimes am Kohnser Weg, im Vordergrund der Festplatz an der Twetge.

Die zwei Gebäude des ehemaligen Flüchtlingswohnheimes am Kohnser Weg, im Vordergrund der Festplatz an der Twetge.

Da wurde offenbar im Vorfeld der für heute geplanten Haus-der-Jugend-Entscheidung intensivst hinter den Kulissen in den verschiedensten Kreisen telefoniert, diskutiert und ventiliert. Dass der Drops schon gelutscht sein könnte, wohin das dem PS-Speicher weichende Jugendzentrum umziehen soll, möchten manche nicht akzeptieren. Was zweifellos ihr gutes Recht ist.

Und auf den ersten Blick sieht die heutige Entscheidung des Fachausschusses für Jugend auch wie eine Kehrtwende aus. Mit sieben Ja-Stimmen gegen zwei Nein-Stimmen von Antje Sölter (CDU) und Dr. Ursula Beckendorf (GfE) bei einer Enthaltung von Heidrun Hoffmann-Taufall (CDU) hat der Ausschuss die Verwaltungs- und Bürgermeisterin-Empfehlung für das Gemeindehaus am Sülbecksweg (Jugendkirche Neustädter Gemeinde St. Marien) außer acht gelassen und stattdessen das ehemalige Flüchtlingswohnheim am Kohnser Weg als neuen Standort des Hauses der Jugend empfohlen. Für diesen Standort soll die Verwaltung jetzt auch noch mal die zwischenzeitlich verworfene Idee prüfen, ob dort nicht doch noch außerdem das Jugendgästehaus des DRK eine neue Heimat finden kann. Ob diese Entscheidung das letzte Wort bleiben wird, ist offen. Die so quälend lange Debatte scheint noch nicht am Ende, auch wenn die Jugendlichen längst eine verlässliche Entscheidung verdient hätten.

Völlig zu recht und vorausschauend hat Jugend-Fachbereichsleiter Albert Deike darauf hingewiesen, dass mit dem Grundstückseigentümer am Kohnser Weg die Kaufverhandlungen noch nicht abgeschlossen sind. Die Kaufpreis-Vorstellungen, die in öffentlicher Sitzung nicht genannt werden können, sollen kaum akzeptabel hoch liegen. Eine getroffene Entscheidung für den Haus-der-Jugend-Standort Flüchtlingswohnheim drücke da den Preis nicht gerade, warnte Deike. In der Tat könnte genau das jetzt das Problem für den imgrunde guten, großräumigen, weiterentwicklungsfähigen Standort am Kohnser Weg werden. Da sollten die Verantwortlichen einen „Plan B“ in der Hinterhand haben, ob das der erst im Februar und nur halbherzig ins Spiel gebrachte Standort an der Walkemühle/Kolberger Straße sein könnte, sollte wenigstens nochmal geprüft werden. Bevor man am Ende mit leeren Händen da steht und noch erbitterter die von mir schon länger ins Spiel gebrachte normative Kraft des Faktischen zuschlägt. Weil man dann eventuell nämlich gar keine Wahl mehr hat.

Ich finde es richtig, dass am Ende jetzt der Stadtrat in einer für Ende April nach den Osterferien geplanten Sondersitzung über den Standort entscheidet. So wird das Votum der Politik auf eine breite Basis gestellt, noch dazu eine öffentliche. Nicht allein der nicht-öffentlich tagende Verwaltungsausschuss entscheidet. Besonders in den Reihen der CDU, das wurde heute im Ausschuss sichtbar, sind die Meinungen uneinheitlich, wohin das Haus der Jugend umziehen soll. Die Ausschussmitglieder fühlten sich nicht repräsentiv für ihre gesamte Fraktion. Und auch wenn in der SPD heute im Ausschuss die Reihen geschlossen waren, könnte bei einer freigebenen Entscheidung im Rat eine bunte, nicht vorher berechenbare Mehrheit für die zur Wahl stehenden Varianten zusammen kommen. Wäre das schlimm? Ich finde, nein.

Das, was man als eine inhaltliche Chance begreifen kann, nämlich kirchliche und kommunale Jugendarbeit zueinander zu bringen, lässt sich natürlich ebenso trefflich als potenzielle Gefahr darstellen, die scheitern könnte. Natürlich weiß niemand, ob das Experiment, zwei durchaus heterogene Jugendgruppen an einem Standort benachbart zu vereinen, gut gehen wird. Experten glauben, es könnte gelingen. Experten können aber selbstverständlich auch irren. Antje Sölter (CDU) sagte richtigerweise, dass ja am Sülbecksweg nicht geplant sei, die Jugendkirche Marie und das Haus der Jugend unter ein gemeinsames Dach zu zwingen. Theoretisch könnten beide Einrichtungen im Gemeindehaus auch nebeneinander existieren. Falls es nicht gut geht, das Experiment. Ist es aber nicht wenigstens einen Versuch wert?

Sabine Schmidt (r.) überreichte heute Unterschriften der Anlieger des Butterbergsweges an die Bürgermeisterin.

Sabine Schmidt (r.) überreichte heute über 100 Unterschriften der Anlieger des Butterbergsweges an die Bürgermeisterin.

Gegen den Standort am Sülbecksweg gibt es allerdings nicht nur ersten Anliegerprotest, auch wenn mehrere Politiker betonten, dass mit dem Haus der Jugend ja keine tägliche Diskothek neuer Nachbar werde. Bei diesem Standort scheinen auch längst nicht alle Beteiligten so mitgenommen worden zu sein, wie öffentlich dargestellt worden ist: Im kirchlichen Gemeindehaus heute etablierte Gruppen beispielsweise haben die Nachricht von dem möglicherweise in ihre Räume einziehenden Haus der Jugend aus den Medien erfahren. Das sind in der ohnehin schwierigen Diskussion alles keine vertrauensbildenden Maßnahmen.

Gut finde ich die Botschaft, dass die zunächst allein an den Standort Sülbecksweg gekoppelte 100.000 Euro-Drittmittelzusage von interessierten Unbekannten inzwischen offen und transparent dargestellt wird. Und dass diese Mittel scheinbar aus nun anderer Hand stammen. Das Geld kommt jetzt, das sagte Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, von der AKB-Stiftung zum 90. Geburtstag der Ehrenvorsitzenden der Friedland-Hilfe, Johanne Büchting. Und es sei nicht an einen Standort gebunden.

Auch da haben offenbar einige Herren miteinander gesprochen.

Eine Anmerkung zum Schluss kann ich mir nicht verkneifen: Mit der spontanen Umdisposition der Ausschuss-Sitzung aus dem ursprünglich vorgesehenen engen Sitzungssaal in die Rathaushalle haben die Verwaltungs-Verantwortlichen im Rathaus zwar gerade so eben noch die Kurve bekommen. Was der Veranstaltung aber gut getan hätte, wäre eine installierte Mikrofonanlage gewesen. Das Zuschauerinteresse bei diesem Thema war schließlich erwartbar groß, die Akustik in der Halle ist bekanntermaßen suboptimal…

Großes Interesse: Volle Zuhörerreihen bei der Ausschuss-Sitzung, bis zuletzt mussten Stühle nachgestellt werden.

Großes Interesse: Volle Zuhörerreihen bei der Ausschuss-Sitzung, bis zuletzt mussten Stühle nachgestellt werden.

Gemeindehaus als Chance?

Die Sache ist entschieden. Der Drops gelutscht. Dass der Fachausschuss für Jugend des Einbecker Stadtrates in seiner nächsten Sitzung am 1. April ohne Scherze mit Mehrheit die Zukunft des dem PS-Speicher weichenden Jugendzentrums Haus der Jugend im bisherigen Gemeindezentrum der Neustädter Kirchengemeinde St. Marien am Sülbecksweg suchen wird, ist klar, weil nach der ewig langen Debatte inzwischen längst die normative Kraft des Faktischen zugeschlagen hat. Über ein Jahr lang quälte sich die Standortsuche durch den Fach-Fachbereich im Rathaus, dann durften drei Monate die Bauexperten rechnen, und am Ende hatte die Politik nur noch drei Wochen Zeit, über etwas zu entscheiden, was imgrunde durch die vorgelegten Zahlen und Fakten entschieden war. Darüber ist hier schon ausreichend geschrieben worden. Im Bürgerinformationssystem der Stadt sind für die April-Fachausschuss-Sitzung (17 Uhr, Rathaushalle) jetzt alle Unterlagen hinterlegt worden, die im Rathaus entstandenen Überlegungen mit Zahlen, Plänen und Kosten können von jedem eingesehen werden.

Interessant wird nun am 1. April nur noch sein, wie sich die Fraktionen zu dem Thema positionieren werden. Und ob über alle Diskussionen der vergangenen Monate der politische Mantel des Schweigens gelegt wird. Oder ob das Haus der Jugend doch noch als Thema genutzt wird, politische Gefechte zu führen. Zwischen den Fraktionen und auch zwischen Politik und Rathaus(-Spitze).

Die SPD hat zwar bereits einmal aufgemuckt, aber im grunde nur zaghaft die Standortsuche kommentiert und das Handeln der Akteure im Rathaus kritisiert. Die CDU hatte sich früh auf einen Standort im Herzen der Stadt, an der Stadtbibliothek festgelegt, war dann offenbar (und ohne große öffentliche Kommentierung) zuletzt auf eine Variante am Baudenkmal Walkemühle umgeschwenkt, die aber nicht finanzierbar scheint. Ich bleibe auch dabei: Die Stadtbibliothek mit einem Anbau wäre die optimalste Lösung gewesen. Bücherei und Haus der Jugend hätten gemeinsam das Jugendzentrum in Einbeck werden können. Die für eine solche Lösung notwendigen Steine, die vorher aus dem Weg geräumt hätten werden müssen, wären nicht unüberwindbar, wenn es dafür Zeit gegeben hätte. Davon bin ich fest überzeugt.

Wenn es denn nun das Gemeindehaus der Neustädter Kirchengemeinde St. Marien wird, dann sollten alle Beteiligten sich langsam, aber sicher damit anfreunden, diese Variante als Chance zu begreifen. Als inhaltliche Möglichkeit, Jugendarbeit ganz neu zu denken, vielleicht Vorreiter zu sein. Kirchliche (Jugendkirche Marie) und kommunale (Haus der Jugend) Jugend wären dort nicht nur räumliche Nachbarn, sondern Partner bei der sinnvollen Freizeitgestaltung für junge Menschen in Einbeck. Dass darauf die Kirche großen Wert legt und sogar ihren Kaufpreis für das Gemeindezentrum spürbar senkt, ist abseits aller pädagogischer Lyrik (AngebotKirchenkreisLeine-Solling) ein unmissverständliches Zeichen, dass die Hand der Einbecker Kirchengemeinde und des Kirchenkreises Leine-Solling ausgestreckt ist.

Was in jedem Falle aber bleibt, ist ein fader Nachgeschmack, dass diese (und nur diese) Lösung am Sülbecksweg mit 100.000 Euro von interessierten Dritten bezuschusst wird.

Drops gelutscht?

Das Gemeindezentrum St. Marien am Sülbecksweg mit der Jugendkirche deutet sich als neuer Standort für das Haus der Jugend an.

Das Gemeindezentrum St. Marien am Sülbecksweg mit der Jugendkirche deutet sich als neuer Wunsch-Standort der Verwaltung für das Haus der Jugend an.

Ist der Drops gelutscht? Beim heutigen Arbeitskreistreffen für den Zukunftsstandort des Hauses der Jugend hat der im Rathaus für das Thema Jugend zuständige Fachbereichsleiter Albert Deike die ermittelten Kosten für die verschiedenen Varianten so geschickt vorgetragen, dass alles auf das Gemeindezentrum der Neustädter Kirche St. Marie zulaufen musste. Das sei wegen der Möglichkeit der zukunftsweisenden Jugendarbeit der Favorit der Verwaltung und ebenso der der Bürgermeisterin, erklärte Deike. Und ließ im heute im Wesentlichen aus Ratspolitikern und Mitarbeitern bestehenden Arbeitskreis am Ende noch darüber abstimmen (breite Zustimmung für das Gemeindehaus), was ihm Rückendeckung für eine entsprechende Verwaltungsvorlage für die Fachausschuss-Sitzung am 1. April gibt. Die Rathauschefin, die den Arbeitskreis-Termin zweimal verschoben hatte, war heute selbst nicht dabei. Auch die FDP fehlte als einzige Ratsfraktion.

Seit Donnerstag Nachmittag liegen die Zahlen auf dem Tisch, sind die Kostenschätzungen des Bauamtes im Rathaus bekannt. Jenseits pädagogischer und konzeptioneller Vorlieben entscheiden am Ende nicht unerheblich die Kosten bei verschiedenen diskutierten Varianten, welche von ihnen letztlich realisiert wird. Der Zeitfaktor lässt längst keine vollkommen freie Wahl mehr. Das heutige Jugendzentrum ist eine Großbaustelle, die Nachbargebäude sind bereits abgerissen, Bagger bauen den Parkplatz der Erlebnisausstellung PS-Speicher, die noch dieses Jahr eröffnen will.

Kein Geheimnis mehr ist längst, dass die Stadt aus dem Erlös für Haus der Jugend und Jugendgästehaus rund 560.000 Euro zur Verfügung hat. Und dass zwischen 800 und 900 Quadratmeter Nutzfläche benötigt werden für ein neues Haus der Jugend.

Hörten heute die Kosten und die Favoritenlösung der Verwaltung: die Mitglieder des Arbeitskreises, rechts Stadtjugendpfleger Henrik Probst.

Hörten heute die Kosten und die Favoritenlösung der Verwaltung: die Mitglieder des Arbeitskreises, stehend Stadtjugendpfleger Henrik Probst.

Die heute präsentierten Kostenschätzungen liegen sämtlich über dieser Summe. Ein Neubau würde 1,6 Millionen Euro kosten. „Das können wir abhaken“, sagte Deike. Auch die gemeinsame Lösung mit einem vom DRK betriebenen Jugendgästehaus in einem dann um einen Anbau zu erweiternden Flüchtlingswohnheim habe sich vergangene Woche zerschlagen. Das auf der Suche nach einer neuen Heimat befindliche Rote Kreuz, das aus dem ehemaligen Schützenhaus neben dem Haus der Jugend ausziehen musste, weil dort die Kulturstiftung Kornhaus einzieht, möchte nicht sein neues Gästehaus am Kohnser Weg ansiedeln, berichtete Fachbereichsleiter Albert Deike. Aktuellste Idee für einen Standort des Jugendgästehauses ist offenbar das leer stehende Baudenkmal Walkemühle, erweitert um einen Neubau auf einem Nachbargrundstück. Das jedenfalls wurde am Freitag bei einem Umsetzungstreffen des IEK-Konzeptes bekannt.

Auch die Stadtbibliothek als möglicher zentraler Standort für das Haus der Jugend scheidet laut Deike aus: 786.000 Euro sind als Kosten kalkuliert, hinzu kommt aber die ungelöste Frage, wohin dann die Bücherei ausweichen könnte und was das zusätzlich kosten würde. Ebenso die Frage nach der Bebaubarkeit des von Kommerzienrat August Stukenbrok einst geschenkten Parkgrundstückes ist ungeklärt und ungewiss. Das Areal, so Deike, sei außerdem aufgeschüttet, was als Baugrund nicht günstig sei.

Die beiden Varianten Gemeindehaus und ehemaliges Flüchtlingswohnheim seien als neuer Jugendzentrum-Standort finanziell auf einer Höhe und vergleichbar, berichtete der Jugend-Fachbereichsleiter. Seinen Angaben zufolge liegen die Kosten beim Gemeindehaus bei insgesamt 740.000 Euro plus 105.000 Euro für den Kauf des Gemeindezentrums von der Kirche. Für den Umbau des 400 Quadratmeter großen Gemeindehauses sind 292.000 Euro kalkuliert, für einen 25 x 14 Meter großen benachbarten Neubau (300 Quadratmeter Nutzfläche) kommen 448.000 Euro hinzu. Dieser Neubau könnte aber auch kleiner ausfallen, um Kosten zu sparen. Zur Verfügung für Veranstaltungen steht zusätzlich die 400 Quadratmeter große Kirche.

Beim ehemaligen Flüchtlingswohnheim sind die Sanierungskosten auf 630.000 Euro geschätzt. Hinzu kommt auch hier der Kaufpreis für das Grundstück in einer Höhe, die Deike nicht nennen wollte. Räumlich seien die zwei Gebäude des einstigen Wohnheims am Kohnser Weg (je 560 Quadratmeter) ein Stück weit überdimensioniert und teurer, was Bewirtschaftungskosten betrifft; auch mit dem vorhandenen Personal die großen Räumlichkeiten dort zu betreiben sei schwierig.

Was das Pendel zusätzlich in Richtung Gemeindehaus ausschlagen lässt: Mit einer Lösung im Gemeindehaus der Neustädter Kirche St. Marien ergebe sich eine große Chance, integrativ kirchliche und kommunale Jugendarbeit an einem Standort zusammen zu führen, sagte Stadtjugendpfleger Henrik Probst. Das könnte richtungsweisend und unter Umständen sogar deutschlandweit einzigartig sein. Die evangelische Jugendkirche Marie zieht aus dem Gemeindehaus in das benachbarte, jetzt leer stehende Pfarrhaus. Die Kirche können beide Jugendzentren dann gemeinsam nutzen.

Für die Lösung Gemeindehaus kündigte Albert Deike die Möglichkeit von Drittmitteln in Höhe von 100.000 Euro an, die zur Verfügung stehen könnten. Von wem, sagte er nicht. Reine Spekulation dürfte in diesem Zusammenhang sein, dass jemand das Geld für einen Standort geben könnte, weil er das Jugendzentrum nicht in seiner Nachbarschaft haben möchte.

Dass viele nicht glücklich sind, weil der Jugend-Fachbereich im Rathaus ein Jahr lang nach einem Standort suchen durfte, das Bauamt innerhalb von drei Monaten die Fakten errechnen musste und die Politik nun lediglich drei Wochen Zeit hat, um zu entscheiden, was faktisch entschieden ist, kann ich sehr gut verstehen.

Das Haus der Jugend am 14. März 2014, im Vordergrund die Baustelle PS-Speicher-Parkplatz.

Das Haus der Jugend am 14. März 2014, im Vordergrund die Baustelle PS-Speicher-Parkplatz.

Vergeudet, verzögert, vorgeprescht

Bald kommen die Bagger und reißen diese Häuser ab.

Bald kommen die Bagger und reißen diese Häuser des Hauses der Jugend in Einbeck ab.

Nach dem ersten Treffen der Arbeitsgruppe „Zukunftsstandort Haus der Jugend“ hat sich heute die Einbecker SPD zu dem Thema zu Wort gemeldet (Wortlaut: SPD_Presse HdJ 13.01.2014) und deutlich mehr Tempo bei der Standortentscheidung gefordert. Vertreter der sozialdemokratischen Ratsfraktion waren bei dem Ortstermin im Gemeindezentrum der Neustädter Gemeinde St. Marien am Sülbecksweg und im ehemaligen Flüchtlingswohnheim am Kohnser Weg vergangenen Sonnabend dabei – genauso wie Vertreter der GfE und der Grünen.

„Leider hat von Seiten der CDU und der FDP niemand an den Gesprächen teilgenommen“, bedauert SPD-Fraktionschefin Margrit Cludius-Brandt: „Diese Auseinandersetzung mit den Standorten ist zumindest für die CDU vermutlich auch nicht nötig, da von dort bereits vor Weihnachten ein Standort favorisiert wurde, ohne Konzepte, Maßnahmen und Kosten zu kennen. Das ist unverantwortlich und wenig hilfreich.“ Anstatt mit Presseartikeln vorzupreschen, wünscht sich die SPD-Fraktion vom politischen Wettbewerber eine zügige gemeinsame Arbeit, um schnell zu akzeptablen und umsetzbaren Ergebnissen zu kommen. Ich denke, dass wünschen sich auch die Jugendlichen, denn es wird ja in wenigen Tagen so sein, dass nach dem unmittelbar bevorstehenden Abriss der Nebengebäude vom jetzigen Haus der Jugend „nur noch der Rumpf übrig bleiben“ werde, wie die SPD in ihrer Mitteilung schreibt. Ein den Fortschritt bei der Suche blockierender politischer Streit wäre im Sinne der Sache nicht das, was aktuell notwendig ist.

Die SPD hätte sich im Vorfeld mehr Unterstützung (von Bürgermeisterin und Verwaltung) gewünscht, Politik und Beteiligte früher einzubinden. „Oder sind der CDU-Fraktion vielleicht schon Fakten bekannt, die den anderen Fraktionen noch vorenthalten werden?“, fragt Margrit Cludius-Brandt, die auch Vorsitzende des Jugendausschusses im Einbecker Stadtrat ist. „Auf meine wiederholten Anfragen im gesamten Jahr 2013 bekam ich jedenfalls nur vage Auskünfte.“

Die SPD-Fraktion hat in diesem Punkte recht: „Im letzten Jahr ist viel Zeit unnötig und sinnlos vergeudet worden, da verwaltungsinterne Abstimmungen zu lange gedauert haben. Das dann vorgelegte Ergebnis im Ausschuss ohne Kostenermittlungen konnte nur zu dem Ergebnis führen, dass zunächst Kosten ermittelt werden müssen. Das hätte aber auch schon weit früher geschehen können und auch müssen.“ Da muss jetzt wirklich mehr sorgfältige Eile ins Spiel kommen. Denn das entstehende Provisorium wird in der Tat vernünftige Jugendarbeit sehr schwer machen. Und auch, wenn die Mitarbeiter des Jugendzentrums engagiert und motiviert weitermachen werden: Wie lange kann man das durchhalten? Diese Frage, die der Einbecker SPD-Vorsitzende René Kopka in der heutigen Mitteilung stellt, ist durchaus berechtigt.

Die Zeit wird knapp.