Von der normativen Kraft des Faktischen

Bevor die Bagger zum Abriss kommen: das Haus der Jugend mit Sperrmüll.

Bevor die Bagger zum Abriss kommen: das Haus der Jugend mit Sperrmüll.

Einen Monat nach der jüngsten Fachausschuss-Sitzung zum Thema Zukunft des Hauses der Jugend hat sich gestern der Arbeitskreis “Rettung der Einbecker Jugend” getroffen und dabei die drei als künftige Standorte für ein neues Jugendzentrum in Einbeck in Frage kommenden Immobilien genauer unter die Lupe genommen, sich im Gemeindehaus der Neustädter Gemeinde St. Marie am Sülbecksweg und im ehemaligen Flüchtlingswohnheim am Kohnser Weg auch vor Ort über die Objekte kundig gemacht (ein Ortstermin der Stadtbibliothek folgt am Freitag um 17 Uhr). Dabei waren Jugendliche, Stadtjugendpflege und Mitarbeiter des Jugendzentrums ebenso wie diejenigen, die es letztlich zu entscheiden haben: Ratsmitglieder von SPD, Grünen und GfE. Vertreter von FDP und CDU konnten es gestern offenbar nicht einrichten, durch ein Ratsmitglied vertreten zu sein, die CDU hatte sich ja auch bereits öffentlich für einen Favoritenstandort ausgesprochen. Vielleicht genügt ihnen das.

Dass mir das zu langsam mit diesem nächsten Arbeitskreis-Termin ging, habe ich hier schon erwähnt.

Jetzt kommt Tempo in die Sache, nächste Arbeitskreis-Sitzung im Haus der Jugend ist bereits am kommenden Sonnabend um 17 Uhr. Bis dahin sollen die räumlichen Anforderungen für ein Jugendzentrum in die vorhandenen Grundriss-Pläne der infrage kommenden Objekte eingezeichnet werden: als ein Teil für die Entscheidungsgrundlage der Politik, wohin das Haus der Jugend umziehen kann und soll. Eine zweiter, nicht ganz unwichtiger Teil werden die entstehenden Kosten sein, die derzeit ermittelt werden.

Die Entscheidung über den Zukunftsstandort wollen die Politiker in ihrer Fachausschuss-Sitzung am 25. März treffen. Damit ist kundigen Beobachtern klar, dass imgrunde nur noch Zeit bleibt bis Anfang März, um die Entscheidung vorzubereiten bzw. zu beeinflussen. Denn im Vorfeld der Ausschuss-Entscheidung läuft wie immer das normale Politik-Procedere: Diskussionen in den Fraktionen, Fristen für Vorlagen sind einzuhalten. Auch das bedarf Zeit.

Dass es dabei zu einem großen Teil nur noch um eine Auswahl unter dem Eindruck der normativen Kraft des Faktischen gehen wird, dürfte allen klar sein, die eine Antwort auf die Frage finden: Wie schnell kann die neue Immobilie bezugsfertig sein? In wenigen Tagen schon werden die Bagger am alten Haus der Jugend anrollen und die leer stehenden Nebengebäude abreißen, um Platz zu schaffen für den Parkplatz des PS-Speichers. Dann spätestens ist das Jugendzentrum eine Großbaustelle mit begrenzten Möglichkeiten, die möglichst schnell eine neue Bleibe finden muss, um den Jugendlichen weiterhin ein gutes, attraktives Freizeit-Angebot machen zu können.

Stadtjugendpfleger Henrik Probst räumte ein, bei der Zukunftsplanung für das Haus der Jugend habe man sich lange auf den ursprünglich angekündigten Zeitraum von fünf Jahren verlassen, erst im vergangenen Oktober – als die Kornhaus-Stiftung ihre Pläne verändert habe – habe man an Tempo zulegen müssen und auch zugelegt.

Alle drei zur Diskussion stehenden Standorte haben Vor- und Nachteile. Unter dem Eindruck der anrollenden Bagger wird man freilich nicht mehr völlig frei, offen und unbeschwert die drei Objekte diskutieren können. Wollte man beispielsweise meinen Favoriten Stadtbibliothek auswählen, müsste man eigentlich sofort eine Lösung aus dem Ärmel ziehen, wohin denn die Bücherei ausweichen soll  – oder diese Lösung zumindest in kurzer Frist erzielen. Die Zeit hat man aber imgrunde nicht mehr. Das Gemeindezentrum am Sülbecksweg hätte Charme – auch in vielfältiger inhaltlicher Hinsicht mit Blick auf die dort bereits fest verankerte Jugendkirche Marie. Allerdings würden hier die Entscheidungswege komplexer (und damit zeitlich sehr sportlich), da bei einer Auswahl dieses Standortes die evangelisch-lutherische (Landes-)Kirche ein Wörtchen mitzureden hätte, inklusive des kirchlichen Bauamtes, ist doch das Ende der 1960-er Jahre erbaute Gemeindezentrum ein Ensemble unter architektonischem Schutz. Denn schließlich könnte das Haus der Jugend nicht einfach in vorhandene Räume einziehen, sondern müsste ein Teil-Neubau an die vorhandenen Gebäude angegliedert werden.

In der Ferne der PS-Speicher: das ehemalige Flüchtlingswohnheim am Kohnser Wegf.

In der Ferne der PS-Speicher: das ehemalige Flüchtlingswohnheim am Kohnser Weg.

Definitiv kürzer ist der Entscheidungsweg beim ehemaligen Flüchtlingswohnheim: Die zwei Gebäude am Kohnser Weg stehen leer, sie müssten saniert und umgebaut werden, aber das wäre bautechnisch möglich – das wurde gestern bekannt – soviel Substanz haben die Häuser noch. Dass die Gebäude sehr flexibel nutzbar wären für die räumlichen Anforderungen des Jugendzentrums, dass hier ein großer Außenbereich vorhanden ist und auch zusätzlich der Festplatz unmittelbar anliegt, käme noch hinzu.

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