Bei Cappuccino und Einbecker Brauwasser

Morgens um 10 in Einbeck: Über den Marktplatz schlendert ein gut gelaunter Stephan Weil, winkt Leuten zu, die ihn erkennen. Der Ministerpräsident und SPD-Landesvorsitzende ist an diesem Vormittag auf Stippvisite in Einbeck, um den Bürgermeisterkandidaten seiner Partei im Wahlkampf für den 1. November zu unterstützen. Ein paar Tipps als ehemaliger Oberbürgermeister von Hannover hat er dann auch noch im Gepäck. Bei Cappuccino und Einbecker Brauwasser plaudert Weil mit Dirk Heitmüller und anderen SPD-Politikern in der Einbecker Kaffeerösterei von Alexander Pohl.

SPD-Bürgermeisterkandidat Dirk Heitmüller (r.) mit Ministerpräsident Stephan Weil.

Doch die Gespräche drehen sich schnell um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Wirtschaft, auf Einzelhandel und Gastronomie in Einbeck. Dirk Heitmüller hatte den Ort der Begegnung vorgeschlagen, weil Kaffeeröster Alexander Pohl auch Kreisvorsitzender der Dehoga ist, des Hotel- und Gaststättenverbandes. Pohl registriert inzwischen wieder eine stärkere Frequenz, die “heißeste Phase des Jahrhunderts” habe man durchlebt, als junges, knapp vier Jahre altes Unternehmen sei das schon haarig gewesen, sagt Pohl. Inzwischen schätzten aber viele Einbecker den Qualitätskaffee. Pohls Partner im Kaffee-Geiste, Andreas Berndt aus Hannover, kennt Stephan Weil schon seit dessen Zeit beim Einbecker Brauhaus und jetzt aus Hannover. Beim Brauhaus war Pohl auch vor seiner Kaffee-Selbstständigkeit beschäftigt. Das sei offenbar eine gute Wertschöpfungskette, erst Bier, dann Kaffee, scherzt der Ministerpräsident.

Dirk Heitmüller schildert Stephan Weil, wie Einbecker Einzelhändler in Zeiten von Corona gut zusammen gehalten haben. Beruflich als Mediaberater habe er bei den Aktionen ein starkes Gemeinschaftsgefühl erlebt, sagt der Bürgermeisterkandidat. Der Einzelhandel in Zukunft müsse stationären und Internet-Handel verbinden, sind sich Heitmüller, Pohl und Weil schnell einig. Corona habe Online-Shops von stationären Einzelhändlern durchaus beschleunigt, berichtet Heitmüller. Online dürfe die Ladenlokale jedoch nicht killen, das sei seine Sorge, sagt Stephan Weil. Touristisch habe der PS-Speicher Einbeck belebt, das merke man auf dem Marktplatz, aber auch in Hotellerie und Gastronomie ingesamt, sagt Alexander Pohl.

Einmal noch dieses Jahr werde er nach Einbeck kommen, verrät der Ministerpräsident, das habe er Karl-Heinz Rehkopf versprochen, bei einer der Depot-Eröffnungen des PS-Speichers dabei zu sein. Weil: “Ich bin ein echter Fans von ihm.”

Fotostopp vor dem Historischen Rathaus in Einbeck (v.l.): SPD-Bürgermeisterkandidat Dirk Heitmüller, Ortsverein-Vorsitzender Marcus Seidel, Ministerpräsident Stephan Weil und SPD-Pressesprecher Peter Traupe.
Im Gespräch mit Alexander Pohl (Einbecker Kaffeerösterei, vorne): SPD-Bürgermeisterkandidat Dirk Heitmüller, Ministerpräsident Stephan Weil und SPD-Ortsverein-Vorsitzender Marcus Seidel (v.r.)
Durch die Gasse zum Pfänderwinkel kam Ministerpräsident Stephan Weil mit SPD-Bürgermeisterkandidat Dirk Heitmüller auf den Einbecker Marktplatz.

Der Ministerpräsident und die Maske

Auch der Ministerpräsident musste Ankunftzeit und Adresse angeben, sich die Hände desinfizieren und bekam dann beim Unternehmen Hahnemühle (Einbeck/Relliehausen) die neu entwickelte Einmal-Maske aus Papier gereicht. Stephan Weil war erstmals bei Hahnemühle zu Gast und informierte sich über die Entwicklungen der Papierspezialisten in der Corona-Pandemie.

Passt für jede Kopfgröße: Stephan Weil bereitet sich die Mund-Nase-Einmalmaske vor.

Hahnemühle hat die HaMuNa® Care entwickelt, eine Einweg-Bedeckung aus hochreinem Filterpapier. „Die ist noch niedrigschwelliger“, freute sich Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bei seinem Besuch des Unternehmens im Dasseler Ortsteil Relliehausen über die einfache Handhabung. Die Form der Papiermaske lässt nicht die Gläser der Brille beschlagen, das Atmen fällt leichter, bemerkte Brillenträger Weil sofort selbst. Die optimale Passform ermöglicht den perfekten Sitz bei jeder Kopfgröße.

Die HaMuNa® Care wird in Relliehausen unter hohen hygienischen Standards produziert. Deshalb durfte Ministerpräsident Stephan Weil bei seinem Besuch auch nur kurz durch die Scheibe in die Produktionsräume schauen, ein Rundgang war nicht möglich. Derzeit stellen die Mitarbeiter etwa eine Million Mund-Nase-Bedeckungen aus Filterpapier pro Woche her. Hahnemühle kann bei entsprechender Nachfrage seine Kapazität auf eine Million HaMuNa® Care pro Tag ausweiten, sagt Hahnemühle-Geschäftsführer Jan Wölfle.

Der Ministerpräsident erfuhr, dass mittelfristig ein in der Maske integrierter Covid-19-Test entwickelt werden soll. „Wir arbeiten daran“, sagte der Hahnemühle-Geschäftsführer. „Sie sind ein echter hidden champion“, lobte Weil das Unternehmen. Der Regierungschef war durch einen Medienbericht auf die seit März als systemrelevant klassifizierte Traditionsfirma aufmerksam geworden, die außerdem Spezialpapier-Filtermedien aus Glasfaser für Corona-Schnelltests produziert.

Bei der einstündigen MP-Visite auf dem Hof der Produktionshalle unter freiem Himmel mit viel Abstand untereinander trugen alle Beteiligten Masken zum Infektionsschutz. Mit dabei waren der Northeimer Bundestagsabgeordnete Dr. Roy Kühne (CDU), Landrätin Astrid Klinkert-Kittel (SPD) und Dassels Bürgermeister Gerhard Melching (SPD).

Mit Maske und Abstand (v.l.): MdB Dr. Roy Kühne, Landrätin Astrid Klinkert-Kittel, Ministerpräsident Stephan Weil, Hahnemühle-Geschäftsführer Jan Wölfle, Vize-Regierungssprecher Dr. Gert Hahne, Dassels Bürgermeister Gerhard Melching.

Das weltweit agierende Unternehmen Hahnemühle unterstützt in einer großangelegten Aktion Schulen, Universitäten, Vereine und öffentliche Einrichtungen mit HaMuNa® Care Einweg-Mund-Nasen-Bedeckungen aus Filterpapier – regional, national und international. Mehr als 50.000 Masken sind bereits im Landkreis Northeim gespendet worden. Hahnemühle hat mit dem Northeimer Verpackungsspezialisten Thimm ein Display für die HaMuNa® Care-Packungen entwickelt, die im Eingangsbereich von Museen, Behörden oder Geschäften platziert werden können.

„Unsere Papiertechnologen haben in nur zwei Wochen die Mund-Nasen-Bedeckungen aus hochreinem Filterpapier entwickelt“, sagte Jan Wölfle, der Geschäftsführer der Hahnemühle-Gruppe. Das sehr saugfähige Papier verhindere die Ausbreitung von mit Viren belastetem Tröpfensekret. „Tropfen werden direkt vor Mund und Nase beim Atmen, Sprechen, Niesen oder Husten aufgesaugt und so Corona-Viren an der Ausbreitung gehindert“, erläuterte Wölfle.

HaMuNa® Care-Masken erfüllen die strengen Standards für Papiere, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen. Das bedruckbare Papier besteht aus 100 Prozent natürlichen Rohstoffen: Die Papiermasken können mehrere Stunden getragen, dann im Altpapier entsorgt und anschließend recycelt werden. Preislich liegen sie laut Hahnemühle deutlich unter den so genannten OP-Einweg-Masken. Das Unternehmen bietet die HaMuNa® Care zum Selbstkostenpreis an und möchte damit nach eigener Darstellung seiner gesellschaftlichen Verantwortung zur schnellen Eindämmung der Corona-Pandemie nachkommen.

Stephan Weil mit der HaMuNa® Care von Hahnemühle.

Einbecker SPD feiert in unruhigen Zeiten

Stephan Weil als Festredner in der Rathaushalle.

Die Zeiten waren schon mal besser für die SPD. Ein voller Marktplatz, sagt Landesvorsitzender und Ministerpräsident Stephan Weil und blickt dabei auf die Ausstellungswand mit einem Besuch Willy Brandts in Einbeck 1974, sei bei SPD-Veranstaltungen ja heute sicherlich eher selten. Die Rathaushalle jedoch ist gut gefüllt an diesem Abend, 150 Jahre Einbecker SPD gilt es zu feiern. In unruhigen Zeiten mit schlechten Wahlergebnissen. Und langen Personal-Debatten. Festredner Stephan Weil versteht sich auch als Mutmacher für seine Genossen, gehe es doch immer darum, nicht die Asche zu bewahren, sondern die Glut zu entfachen. Das, was diese Partei, die größte und älteste in Deutschland, ausmache, das habe er stets bei Jubiläen mit ihren spannenden Geschichten gelernt, sagt Weil. Viele Frauen und Männer habe er da getroffen, an denen er immer eines beneidet habe: das sichere Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein. Seitdem wisse er noch viel besser, dass er bei seiner SPD richtig sei.

Stephan Weil skizzierte das Wertegerüst der Sozialdemokraten als roten Faden mit mehreren Knoten: Freiheit und Demokratie, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit, Arbeit und Bildung, Frieden und Internationalismus. Und die SPD sei die Partei des Zusammenhalts. Daran dürfe sie sich manchmal gerne erinnern, es würde schließlich schon oftmals helfen, wenn sich die Partei nicht immer selbst demontiere. Das Dichter-Wort Wilhelm Raabes sei imgrunde eine ziemlich perfekte Beschreibung seiner Partei, die in der Gesellschaft unverzichtbar sei: “Blick auf zu den Sternen und gib Acht auf die Gassen.” Er habe auch nichts dagegen, zu den Sternen zu streben – wenn man sich gleichzeitig weiterhin um die Gassen kümmere, um die Alltagsprobleme der Menschen also, sagte Weil. Die SPD müsse Schwerpunkte definieren – und dann auch durchhalten. Damit die Menschen wüssten, woran sie seien.

In den 39 Jahren seiner Mitgliedschaft in der SPD habe sich eines verändert, bedauerte Stephan Weil: Echte persönliche Begeisterung für politisches Engagement. “Mir macht Politik Spaß”, sagte der Landesvorsitzende. Also, natürlich nicht immer und zu allen Zeiten, vergangenen Sonntag bei den Wahlergebnissen in Thüringen und Hannover selbstredend nicht. “Aber heute Abend schon wieder.” Auszustrahlen, dass politisches Engagement keine Strafe sei, sondern eine Freude, dass Politiker nicht unter der Last der politischen Verantwortung zusammenbrechen, das wünschte sich Weil. Und er appellierte an seine “lieben Genossinnen und Genossen in Einbeck: Wenn jeder von Euch mit einem strahlenden Lächeln Kollegen, Freunden und Nachbarn berichtet, ihr seid Mitglieder der Einbecker SPD, bin ich sicher, wird die Einbecker SPD einen rasenden Zulauf erhalten.” Weil gute Laune nun einmal ansteckend sei.

Unterbezirksvorsitzende Frauke Heiligenstadt gratulierte der Einbecker SPD und warb dafür, weiter zu kämpfen. “Die Geschichte der Freiheit in Deutschland ist nicht von der der SPD zu trennen.” Die linke Volkspartei SPD dürfe nicht dem Mainstream hinterherlaufen. Heiligenstadt appellierte: “Haltung bewahren, das Gesicht in den Wind halten, auch wenn das nicht immer angenehm ist. Ich weiß, wovon ich spreche”, sagte die einstige Kultusministerin.

Gastgeschenk für den Bierordenträger: Stephan Weil bekam natürlich Einbecker Bier.

Landrätin Astrid Klinkert-Kittel, erst seit wenigen Monaten selbst Genossin, gratulierte ebenfalls – und ermunterte ihre Parteifreunde, auch in Zukunft aktiv zu bleiben und um Lösungen und Antworten in der Gesellschaft zu ringen: “Macht bitte weiter so, unser Gemeinwesen braucht Menschen, die sich einsetzen.”

Unter den Gästen der Geburtstagsfeier waren nicht nur viele Sozialdemokraten aus Stadt und Umgebung. Weil der ursprünglich geplante vorherige Empfang der Bürgermeisterin aus Zeitgründen ausfallen musste, nahm Dr. Sabine Michalek (CDU) an der SPD-Festveranstaltung teil und nutzte im Anschluss die Möglichkeit zum kurzen fröhlichen Plaudern mit dem Ministerpräsidenten.

Abschied vom klassischen Sozialdemokraten

Wenn der Landesvorsitzende überraschend vorbei kommt… Uwe Schwarz mit Stephan Weil.

Wenn der Landesvorsitzende zu einem Parteitag in die Provinz kommt, dann stehen nicht Alltäglichkeiten auf der Tagesordnung. Bei der SPD war das am Sonnabend Vormittag der Fall. Stephan Weil, niedersächsischer SPD-Vorsitzender und Ministerpräsident, hatte sich die Überraschung nicht nehmen lassen, zur Ehrung des nach 26 Jahren aus dem Parteiamt als Landkreis-Vorsitzender der SPD scheidenden Uwe Schwarz persönlich aufzutauchen. Im Gepäck hatte Weil für den 62-jährigen Bad Gandersheimer nicht nur die Willy-Brandt-Medaille, die höchste Auszeichnung in der SPD, und den Dank der rund 56.000 niedersächsischen SPD-Mitglieder. Sondern auch viele persönliche Worte der Würdigung. „Deswegen bin ich heute hierher gekommen, weil ich das gerne mal loswerden wollte“, sagte Stephan Weil. In der Fraktion sitze man zwar nebeneinander. „Aber da sagen wir uns ja nicht ständig, wie toll wir uns gegenseitig finden.“

Stehende Ovationen für den scheidenden Vorsitzenden von den 110 Delegierten und Gästen.

Dafür war die Würdigung beim Unterbezirksparteitag mit 110 Delegierten in der Kultur- und Begegnungsstätte in Hilwartshausen vorgesehen, einer traditionellen SPD-Hochburg. „Uwe ist ein richtig klassischer Sozialdemokrat“, sagte Stephan Weil über Uwe Schwarz, der seit 46 Jahren SPD-Mitglied ist, 40 Jahre im Unterbezirksvorstand tätig war und nach 26 Jahren als Unterbezirksvorsitzender nun abtrat. „Es gibt keinen Sozialdemokraten, der unsere Sozialpolitik in Niedersachsen über die Jahre so geprägt hat wie Uwe Schwarz, insbesondere im Bereich Gesundheit und Pflege“, sagte Weil. „Uwe tritt immer ein für Leute, die es nicht alleine schaffen, ihre Interessen zu vertreten. Die jemanden brauchen, der sich für ihre Interessen einsetzt.“ Und der SPD-Landesvorsitzende und Ministerpräsident nutzte die Würdigung für eine grundsätzliche Positionierung seiner Partei. Es gebe ein tiefes Bedürfnis nach Solidarität. „Die SPD ist die Partei des gesellschaftlichen Zusammenhalts.“ Weil: „Das ist die ureigenste Aufgabe der deutschen Sozialdemokratie. An der Person Uwe Schwarz sieht man, wie man das macht.“

Ein Insektenhotel für den Garten gab’s als Abschiedsgeschenk für Uwe Schwarz: Mit roter Einflugschneise, damit die schwarzen Brummer draußen bleiben.

Laut Umfragen würden viele Menschen zwar grundsätzlich eher SPD wählen, aber denen sei momentan nicht klar, für was die Partei eigentlich stehe. An Uwe Schwarz‘ Beispiel könne man gut ableiten, was die Menschen möchten: Haltung und Grundsätze. „Was erwarten die Leute von uns?“, fragte Weil seine Genossen in Hilwartshausen und gab die Antwort gleich mit: „Die wollen nicht, dass wir beliebig sind. Im Kern erwarten sie von der SPD, dass wir die Stimme der arbeitenden Menschen in dieser Gesellschaft sind und derjenigen, die die Unterstützung des Gemeinwesens brauchen.“ Das sei die historische Aufgabe der SPD und die sei es auch heute unverändert.

Die SPD sei die Partei eines aktiven Sozialstaates. Bei der Absicherung von Lebensrisiken  wie Arbeitslosigkeit, Altersversorgung, Gesundheit und Pflege, aber auch beim Thema Wohnen sei die SPD gefragt, eine Position zu haben und zur Sache zu stehen. „Das ist das Brot-und-Butter-Geschäft der Sozialdemokratie, davon dürfen wir uns nicht ablenken lassen.“

Stephan Weil beim Unterbezirksparteitag der SPD in Hilwartshausen.

Uwe Schwarz dankte Stephan Weil für dessen Worte. Man sei sich nicht immer und bei allem einig, aber könne sich über Themen offen und ehrlich austauschen und wisse, dass es unter vier Augen bleibe. „Das ist ein tolle Eigenschaft von Dir, die hat nicht jeder Ministerpräsident in den 33 Jahren gehabt“, erinnerte sich Schwarz an seine Zeit im Landtag.

Willy-Brandt-Medaille für Uwe Schwarz, Landesvorsitzender Stephan Weil überreichte sie.

Uwe Schwarz: „Ich habe in all den Jahren nie versucht, mich anzubiedern und habe zu meinen Positionen gestanden, allerdings habe ich mich anderen Argumenten auch nicht verschlossen und sie übernommen, wenn sie mich überzeugten.“

Der scheidende SPD-Chef im Landkreis Northeim zog Bilanz: Seit er sich 1993 in einer Kampfkandidatur gegen die damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Edith Niehuis (im inzwischen abgerissenen Poser-Casino in Einbeck) durchsetzen konnte und Nachfolger des 22 Jahre amtierenden Axel Endlein wurde, hat der Bad Gandersheimer als UB-Vorsitzender 40 Wahlkämpfen vorgestanden – und bis auf zwei seien alle erfolgreich gewesen, erinnerte er.

Uwe Schwarz: „Liebe Genossinnen und Genossen, ich war immer stolz darauf, Mitglied, Funktionär und Mandatsträger dieser geschichtsträchtigen Partei zu sein, sie hat unglaublich viel für dieses Land und die Menschen in diesem Land erreicht, und sie verkauft sich gerade leider deutlich unter Wert. Mich hat mein ganzes Leben die sozialdemokratische Idee von Solidarität und Gerechtigkeit immer fasziniert, sie ist für mich so aktuell wie eh und je, und sie ist nicht von einzelnen Personen abhängig. Ich war in diesen 26 Jahren gerne Euer Vorsitzender, ich danke Euch für diese tolle Zeit.“

Hat schwere Aufgaben zu knacken: Frauke Heiligenstadt (53) aus Gillersheim ist neue SPD-Vorsitzende im Landkreis Northeim und Nachfolgerin von Uwe Schwarz.

Frauke Heiligenstadt (Gillersheim) wurde mit 123 Ja-Stimmen (von 132) bei sechs Nein-Stimmen und drei Enthaltungen gewählt, das sind 93,2 Prozent. „Ich bin froh, denn 100 Prozent wären nicht ehrlich“, sagte die 53-Jährige. Ob sie so lange an der SPD-Spitze bleiben werde wie ihre zwei Vorgänger, bezweifelte die gerade Gewählte: „In 26 Jahren wäre ich 79“, lachte Frauke Heiligenstadt.

Den neu gewählten Unterbezirksvorstand nannte Heiligenstadt „eine Mischung aus frischem Wind und Erfahrung“. Mit jetzt vier Stellvertretern (statt bisher zwei) ist die Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt. 18 Jahre lang war Frauke Heiligenstadt Stellvertreterin von Uwe Schwarz. „Ich habe viel von dir gelernt“, sagte sie. „Wir konnten uns immer aufeinander verlassen.“ Die neue SPD-Vorsitzende machte eine erste politische Ansage mit Blick auf die nächsten Kommunalwahl 2021: „Wir wollen stärkste Partei im Landkreis bleiben.“

Unter den 110 Delegierten stellte der Ortsverein Einbeck mit 21 Delegierten die größte Gruppe. Bei den Wahlen zu den vier stellvertretenden Unterbezirksvorsitzenden musste der Einbecker SPD-Chef Marcus Seidel dennoch einen Dämpfer einstecken: Mit nur 58,3 Prozent erzielte Seidel das mit Abstand schlechteste Ergebnis aller Stellvertreter: Katrin Fröchtenicht (Echte) wurde mit 68,9 Prozent, Sonja Gierke (Uslar) mit 79,5 Prozent und Simon Hartmann (Northeim) mit 81,8 Prozent gewählt.

Uwe Schwarz wurde vom Parteitag einstimmig zum Ehrenvorsitzenden gewählt.

110 Delegierte trafen sich zum SPD-Parteitag in Hilwartshausen.

Beschlossen hat der Parteitag außerdem, sich zu verkleinern und sich damit den gesunkenen Mitgliederzahlen anzupassen: Nur noch 90 statt 110 Delegierte treffen sich künftig alle zwei Jahre zum Unterbezirksparteitag. Ein Delegierter repräsentiert unverändert 18 Mitglieder. Zum Stichtag 31. März hatte die SPD im Landkreis Northeim 1605 Mitglieder, der Altersdurchschnitt liegt bei 64 Jahren. Das spiegele nicht mehr die Bevölkerung wider, appellierte Uwe Schwarz in seiner Abschiedsrede einmal mehr zu stärkerer Mitgliederwerbung. „Leute, wir müssen da wirklich was machen.“ Der Parteitag in der SPD-Hochburg Hilwartshausen (wo der Ortsrat ausschließlich aus SPD-Mitgliedern besteht) könnte dafür ein Anfang sein.

Roter Gürtel mit Innensafe für den Finanzverantwortlichen Rolf Hojnatzki – um das Geld vor weiblicher List seiner Nachfolgerin zu schützen, spottete Uwe Schwarz.

Er habe drei Schriftführer, drei Schatzmeister und vier hauptamtliche Büroleitungen genervt, schmunzelte Uwe Schwarz zum Abschied nach 26 Jahren. Ein Vorstand könne politische Ideen, Flausen und Utopien entwickeln, aber anpacken und umsetzen könne er sie nur, wenn die Kasse stimmt. Rolf Hojnatzki (Einbeck) sei 18 Jahre “sein” Schatzmeister gewesen, Hojnatzki wurde wiedergewählt. „Wir haben so manchen Machtkampf gemeinsam durchgestanden, haben durchaus gefochten, wenn es darum ging, sich nicht wieder so knauserig anzustellen“, sagte Uwe Schwarz und überreichte einen roten Gürtel mit Geldsafe auf der gesamten Innenseite. Der solle “unser Geld vor der weiblichen List in Zukunft sichern helfen”, scherzte Schwarz.

Vertikaltanz ohne Präsident

Katarzyna Gorczyca und Patryk Durski von „LineAct“ aus Polen proben für den „Jedermann“ den Vertikaltanz an der Stiftskirche.

Den Vertikaltanz beim “Jedermann” an der Fassade der Stiftskirche in Bad Gandersheim wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in diesem Theater-Sommer höchstwahrscheinlich nicht live sehen. Der Schirmherr der 60. Gandersheimer Domfestspiele wird das Jubiläum wohl nicht besuchen, sagte Uwe Schwarz beim Begrüßungsfest. Wohl. Ein letztes Hintertürchen ließ sich Schwarz offen. Der SPD-Landtagsabgeordnete und Aufsichtsratsvorsitzende der Festspiel-GmbH hatte Steinmeier persönlich eingeladen, hatte einen Präsidentenbesuch auch zwei Mal in Aussicht gestellt bekommen. Man kennt sich. Letztlich wird offenbar der enge Terminplan eines Staatsoberhauptes verhindern, dass die Tradition der 60-jährigen Festspiele fortgesetzt werden kann. Wobei auch vor zehn Jahren schon kein Bundespräsident in der Festspielstadt empfangen werden konnte. Johannes Rau war 2003 der letzte amtierende Bundespräsident, der vor der Stiftskirche zu Besuch war. Von ehemaligen Bundespräsidenten soll hier heute nicht die Rede sein.

Intendant Achim Lenz erinnerte in seinen Worten beim Begrüßungsfest an zwei Bundespräsidenten-Visiten in der Theaterstadt. 1988 habe Richard von Weizsäcker gesagt, dass Gandersheim schon auf den Landkarten verzeichnet gewesen sei als Berlin noch gar nicht existierte. Die geschichtsträchtige Stadt, für die jetzt auch schon seit 60 Jahren die Domfestspiele ihren Beitrag geleistet hätten, sei ohne die hier lebenden Menschen nicht denkbar, erklärte Lenz. “Alles ist fest ineinander unüberwindbar verwoben und verstrickt.” Ein Netz, das über die Zeiten klar mache, warum dieser Festspielort so bekannt und beliebt sei. Und Walter Scheel habe 1978 erklärt, er wolle Bad Gandersheim ja nicht zu nahe treten, aber ohne Domfestspiele wäre der Ort ebenso ungenau bekannt wie andere deutsche Landstädte. Die Idylle schätzt der Schweizer Lenz an Bad Gandersheim. Ein idealer Festspielort mit Ruhe und Kraft, ein Rückzugsort abseits von “gewinnmaximierender Selbstüberschätzung und individualistischer Netflix-Amazon-Gesellschaft”. Und dann wurde der Domfestspiel-Intendant hochpolitisch, nahm in der auch öffentlich längst das Freilichttheater in Deutschland erreichten Meetoo-Debatte eine unmissverständliche Haltung ein: “Ich will ein Ensemble, das respektvoll miteinander umgeht, wo es keinen Platz für persönliche Eitelkeiten und falsch verstandene Kollegialität gibt”, sagte Achim Lenz. “Ich lasse hier in meiner Funktion als Intendant und als Regisseur keine Halbwahrheiten zu, ich verurteile aufs Schärfste jede Art von Respektlosigkeit, Sexismus, Ausnutzung und Missbrauch. Vorkommnisse dieser Art hat es unter meiner Intendanz nie gegeben und wird es nie geben.” Kunst sei nur im Kontext von gegenseitigem Respekt, Anerkennung und Verständnis möglich.

Statt Bundespräsident wird in Bad Gandersheim aus der ersten Politik-Reihe Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil vor der Stiftskirche erwartet: Am 30. Juni ist er bei der Verleihung des Roswitha-Literaturpreises und dann abends beim “Jedermann” dabei, kündigte Uwe Schwarz an. Der stapelte bei der Begrüßung des Ensembles am Montag ein bisschen tief. Er könne das “schon ein bisschen einschätzen”, sagte der Landtagsabgeordnete mit Blick auf die Historie der vergangenen Jahrzehnte – von Euphorie bis Überlebenskampf sei da schon alles dabei gewesen. Schwarz ist seit 1986 MdL, von 1986 bis 1991 und von 1996 bis 2001 war er auch ehrenamtlicher Bürgermeister in Bad Gandersheim. Seit 1981 habe er jede Inszenierung der Domfestspiele gesehen, berichtete der 61-Jährige. Zehn Jahre zuvor hatte Schwarz als Schülerzeitungsredakteur seine erste Begegnung mit dem Theater vor dem Dom, er musste eine Kritik über das Samuel-Beckett-Stück schreiben. Grandios sei die Inszenierung gewesen, erinnert er sich noch heute. Gewaltig seien in den vergangenen Jahren auch die Kraftanstrengungen vor allem im politischen Raum gewesen, die Festspiele am Leben zu erhalten. 2010 stand es auf der Kippe, musste die hochverschuldete Stadt die Domfestspiele an eine GmbH abgeben.

An der Schwelle zur Reaktivierung

Neue Schwellen vor dem Bahnhof Einbeck-Mitte.

Wer mit einem feierlichen Spatenstich und mit ministeriellen Weihen gerechnet hatte, wurde enttäuscht: Vergleichsweise unspektakulär haben vor einigen Tagen die Bauarbeiten auf der Bahnstrecke zwischen den Bahnhöfen Einbeck-Mitte und Salzderhelden begonnen. Die Reaktivierung der Bahnstrecke für den regelmäßigen Personenverkehr ist mit mindestens acht Millionen Euro eine der größten Investitonen der vergangenen Jahre in Einbeck. Das dachten sich vermutlich auch die Sozialdemokraten, verschickten eine Pressemitteilung (PM_Baubeginn_Schiene SPD) und begrüßten den Baustart. Selbstverständlich nicht ohne unerwähnt zu lassen, wer denn ihrer Auffassung nach die Väter der Reaktivierung sind (Ministerpräsident, Minister, Landtagsabgeordnerter, alle SPD). Das darf schließlich bis zu der bereits am Horizont aufziehenden Landtagswahl niemand vergessen. Schon ganz aufgeregt bin ich, wenn der Zeitplan eingehalten werden kann und dann vermutlich im Dezember kurz vor Weihnachten kurz vor der Landtagswahl im Januar 2018 die erneuerte Bahnstrecke feierlich freigegeben werden kann. Da sollte schon mal jemand genügend gleiche Scheren kaufen, damit diese dann nicht in Einbeck ausverkauft sind, weil so viele gleichzeitig das Band durchschneiden möchten.

Spannend bleibt ja außerdem die Frage, ob die Strecke für die stets genannten acht Millionen Euro erneuert und reaktiviert werden kann. Oder ob es teurer wird. Und vor allem: wer das dann bezahlt. Bereits vor einigen Monaten hatte sich ja Streit entzündet an Mehrkosten. Seitdem war davon im politischen Raum nichts mehr zu hören, wer wo wie die knappe Million zusätzlich bezahlt für die Bahnübergänge, und wie das ausgeht mit den teils denkmalgeschützten Bahnbrücken über die Leine. Spätestens aber mit der Einweihung wird das gesamte Thema inklusive Finanzierungsanteile wieder auf die politische Agenda kommen, da bin ich mir ganz sicher.

Die 4,4 Kilometer lange Bahntrasse wird in den nächsten Monaten komplett erneuert und dann reaktiviert, in Zukunft sollen wieder regelmäßig Personenzüge auf dem Abschnitt zwischen Salzderhelden und der Kernstadt verkehren können. Zurzeit wurden und werden gut 7000 Schwellen und Schienen abgeladen, an den Bahnübergängen kommt es deshalb zu längeren Wartezeiten. Mindestens zwei Monate wird für die Erneuerung des so genannten Oberbaus der Schienenstrecke gerechnet. Das Ziel bleibt: Es sollen wieder regelmäßig Personenzüge vom Einbecker Bahnhof in Hauptverkehrszeiten ohne Umstieg bis Göttingen fahren; gerechnet wird mit 600 Fahrgästen pro Werktag.

Womit die Sozialdemokraten unzweifelhaft recht haben in ihrer Pressemitteilung ist die der Stadt Einbeck zukommende Pflicht, im Umfeld des Bahnhofs Einbeck-Mitte ein bedarfsgerechtes Angebot von Parkplätzen und einen nahtlosen Übergang an die bestehenden Buslinien auf dem ZOB zu gewährleisten. Dabei, meint SPD-Kreistagsabgeordneter Peter Traupe, “helfen keine auf Kosten der Steuerzahler erstellten Planungen, die anschließend in der Schublade verschwinden, sondern es müssen auch Taten folgen”. Die Umbaupläne für den ZOB, der anfangs pünktlich zum Bahnstart erneuert sein sollte, waren auf 2020 verschoben worden, weil zunächst das neue Mobilitätskonzept vorgelegt werden sollte, bevor Investitionen in der kalkulierten Höhe von drei Millionen Euro für den ZOB in Angriff genommen werden. Das Mobilitätskonzept liegt dem Stadtentwicklungsausschuss am 24. April in seiner nächsten Sitzung vor.

Die neuen Schwellen liegen bereit für die 4,4 Kilometer lange Bahnstrecke von Salzderhelden nach Einbeck.

Politische Bünde trauen

Ministerpräsident Stephan Weil und Karl-Heinz Rehkopf (im Hintergrund).

Ministerpräsident Stephan Weil und Karl-Heinz Rehkopf (im Hintergrund) mit Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens.

Koalitionen, so heißt es in der Politik immer gerne, seien keine Liebesheirat, sondern Zweckbündnisse auf Zeit. Als Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) jetzt im Trauzimmer des PS-Speichers in Einbeck hoch über den Dächern der Stadt dem Motor des Oldtimer-Ausstellungshauses und vieler anderer Engagements, Karl-Heinz Rehkopf, das Verdienstkreuz verliehen hat, bot Rehkopf den Hochzeitsraum dem Ministerpräsidenten für politische Gespräche an. Wie wäre es denn, hier die nächste Koalition zu besiegeln?, fragte der 79-Jährige den Regierungschef. Oder aber die nächsten Koalitionsgespräche nach der Landtagswahl 2018 in Abgeschiedenheit vom hannoverschen Politikrummel hier im Trauzimmer zu führen? Der Ministerpräsident lächelte und merkte sich das schon mal…

Seine Heimatstadt hat Karl-Heinz Rehkopf die höchste Ehre angetragen: Nach dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Niedersächsischen Verdienstordens wird Karl-Heinz Rehkopf in wenigen Wochen auch den Ehrenring der Stadt Einbeck erhalten. Der Stadtrat hat einstimmig ohne Aussprache beschlossen, den 79-Jährigen mit der höchsten Würdigung, die die Stadt zu vergeben hat, zu ehren. Der Ehrenring ist bislang noch nie verliehen worden. Er geht an Menschen für hervorragende Verdienste um die Stadt Einbeck. Die Verleihung des Ehrenringes soll im Dezember bei einem Festakt in der Halle des Alten Rathauses in Einbeck stattfinden.

„Eine solche Wahnsinns-Auszeichnung, für mich?“, fragte Karl-Heinz Rehkopf bei der Aushändigung des Verdienstkreuzes im Trauzimmer des PS-Speichers Ministerpräsident Stephan Weil. Die Ehrung freue ihn riesig und mache ihn maßlos stolz, auch dass der Regierungschef dafür eigens nach Einbeck gekommen sei. „Diese Auszeichnung ist Ansporn, dass wir in der Erfolgsspur bleiben“, sagte Rehkopf. Die Würdigung gelte dem gesamten Team, den insgesamt 3000 Mitarbeitern in all seinen Unternehmungen. „Ich bin die Unruhe in meinen Vereinen, mehr nicht“, erklärte Karl-Heinz Rehkopf bescheiden. Die aus der 1972 gegründeten Teppich-Domäne Harste hervorgegangene Tedox-Gruppe beschäftigt heute in 100 Filialen rund 2400 Mitarbeiter.

Ministerpräsident Stephan Weil bekannte sich als „Teil der Fankurve des PS-Speichers“. Als er vor zwei Jahren das Oldtimer-Ausstellungshaus persönlich eröffnet habe, habe er kein Museum dieser Qualität und Brillianz erwartet. Mehr als 150.000 Besucher haben sich inzwischen die von Karl-Heinz Rehkopf in 50 Jahren zusammengetragene Sammlung historischer Motorräder und Automobile, auf der der PS-Speicher beruht, im alten Kornspeicher angesehen. Mehr als 90 Prozent der Finanzierung übernahm Rehkopf privat. Der 2009 von ihm gegründeten gemeinnützigen Kulturstiftung Kornhaus als Trägerin des PS-Speichers stellte der Unternehmer bisher rund 40 Millionen Euro aus seinem Vermögen zur Verfügung. Als Privatperson habe Karl-Heinz Rehkopf zudem erhebliche Beträge in die Erhaltung von Baudenkmälern investiert, sagte Weil. Der 79-Jährige engagiere sich im gesellschaftlichen Leben, beispielsweise beim Erhalt des Bürgerspitals oder bei dem sozialen Unternehmen Seminar- und Gästehaus Einbecker Sonnenberg in Negenborn, das auch behinderte Mitarbeiter beschäftige. Außerdem gehe die inzwischen überregional Nachahmer findende Aktion „Sch(l)aufenster”, die Leerstände in Einbecker Geschäften verschönert, auf seine Initiative zurück. „Einer Stadt, die solche Bürger hat, kann man nur gratulieren“, sagte der Ministerpräsident. „Sie haben viel für die Gemeinschaft getan.“ Da könne ein Orden wie das Verdienstkreuz nur ein kleines Dankeschön dafür sein.

Die Mitarbeiter des PS-Speichers gratulierten Karl-Heinz Rehkopf zum Vedienstkreuz. Der hatte zuvor die Mannschaftsleistung betont, ohne die er die Auszeichnung nie bekommen hätte.

Die Mitarbeiter des PS-Speichers gratulierten Karl-Heinz Rehkopf (Mitte, mit Ehefrau Gabriele sowie Ministerpräsident Stephan Weil und Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek) auch im Namen der anderen ingesamt 3000 Beschäftigten zum Verdienstkreuz. Der hatte zuvor die Mannschaftsleistung betont, ohne die er die Auszeichnung nie bekommen hätte.

Schirmherrn anlocken

Joachim Stünkel, Franziska Schwarz.

Joachim Stünkel, Franziska Schwarz bei Proben für die Gandersheimer Domfestspiele 2015.

Zur Eröffnung der Gandersheimer Domfestspiele (die vor 57 Jahren ihre Wurzeln übrigens im Einbecker Ortsteil Greene auf der dortigen Burg hatten) kommt er nicht, schickt seine Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajić (Grüne) vor: Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat wegen anderer Termine für Donnerstag und Shakespeares “Wie es euch gefällt” abgesagt, soll aber zu einem späteren Zeitpunkt noch zum Sommertheater vor die Stiftskirche gelotst werden. Diesen Wunsch hat jedenfalls Bad Gandersheims Bürgermeisterin Franziska Schwarz, wie sie mir sagte. Der Ministerpräsident ist immerhin der Schirmherr der bis 16. August währenden Kulturveranstaltung, das Land Niedersachsen hat in diesem Jahr außerdem 100.000 Euro mehr als sonst zum 1,4-Millionen-Euro-Etat beigesteuert, wie Schwarz und Intendant Christian Doll gestern sagten. Mehr als 32.000 Tickets sind bereits verkauft, allein 2300 in der vergangenen Woche seit dem Theaterfest – das ist Rekord!

Und genügend Lockmittel gibt es ja eigentlich, wenn nur der Terminkalender von Spitzenpolitikern nicht immer so prall gefüllt wäre… Nicht nur das Theaterprogramm vor dem Dom ist dieses Jahr verlockend: Jesus Christ Superstar, Comedian Harmonists, Judas, Wie es euch gefällt. Der bekennende Bierfreund Weil, Träger des Einbecker Karnevals-Bierordens, könnte nach der Vorstellung ein kühles Einbecker trinken wie weiland bei seiner Sommertour 2012, die ihn auch ins Festspielzelt führte, die Brauhaus AG ist Hauptsponsor der Festspiele. Ob der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Gandersheimer Domfestspiele gGmbH, Joachim Stünkel, in dieser Angelegenheit seine Kontakte nach Hannover spielen lässt, ist nicht überliefert. Der Lüthorster CDU-Kreistagspolitiker und Ex-MdL ist jedenfalls wegen der Erkrankung des Landrates (und Bierorden-Trägers) Michael Wickmann (SPD) in diesem Theatersommer besonders intensiv im Gandersheimer Festspieleinsatz. Für das Brunnenfest am 5. Juli in seinem Heimatdorf Lüthorst kündigte er gestern einen Überraschungsgast an. Weil wird es indes eher nicht sein, wahrscheinlicher ist ein Parteifreund des CDU-Mannes. Übrigens ist noch ein weiterer Bierorden-Träger in dieser Woche in der Region: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) besucht die Brauerei.

Im Pferdeland

Sabine Grafin von Hardenberg und Carl Graf von Hardenberg plaudern mit dem Ministerpräsidenten, links Polizeichef Hans Walter Rusteberg.

Sabine Grafin von Hardenberg (rechts) und Carl Graf von Hardenberg plaudern mit dem Ministerpräsidenten (2.v.r.),  Northeims Polizeichef Hans Walter Rusteberg (2.v.l.) ist auch dabei.

Am Hardenberg wird am Rande des traditionsreichen Burgturniers durchaus auch Politik gemacht, während Denis Lynch, Meredith Michaels-Beerbaum & Co. die Hindernisse auf dem Parcours überwinden. Das war schon zu allen Zeiten des in diesem Jahr zum 37. Mal veranstalteten Reiturniers so. Am vergangenen Sonntag besuchte der Schirmherr die sportlich hochklassig besetzte Veranstaltung: Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) nutzte die Gelegenheit, nicht nur vor der Siegerehrung vom Pferdeland Niedersachsen zu schwärmen, sondern auch mit Größen der heimischen Wirtschaft zu sprechen. Seit zehn Jahren bereits loben 25 Unternehmen der südniedersächsischen Wirtschaft beim Hardenberg Burgturnier eine Springprüfung aus, unter den Sponsoren ist seit Jahren auch die MOD-Gruppe aus Einbeck. Die Pferdewirtschaft sei in Niedersachsen unverändert ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor. “Wo ich auch auf der Welt hinkomme: Pferde werden ganz oft mit Niedersachsen verbunden”, sagte Weil. “Hannoveraner und Oldenburger sind Aushängeschilder unseres Landes Niedersachsen, darauf sind wir stolz – und das wollen wir pflegen.” Ob der SPD-Politiker dem Hausherrn, Carl Graf von Hardenberg, zur jüngsten Wiederwahl als CDU-Vorsitzender in Nörten-Hardenberg gratuliert hat, ist nicht überliefert.

Seniorenpflege

Scheitert ein gutes Projekt am Geld – und an der Tatsache, dass der schwarze Zuständigkeits-Peter hin und her geschoben wird? Die Dorfassistenz sollte eigentlich von sechs Ortschaften in ihren Dörfern installiert werden. Eigentlich. Denn erstmals in der jüngsten Ortsratssitzung Mitte März in Garlebsen wurde bekannt, dass die Dorfassistentin keine Zulassung für den Bundesfreiwilligen Dienst bekommt und die Maßnahme über das Integrierte Entwicklungs-Konzept (IEK) nicht förderfähig ist. Es scheint in keinem Förderprogramm Geld vorhanden zu sein, das die sechs Ortsräte aufgestockt hätten. Denn alleine können sie das Projekt nicht bezahlen. Mit einem offenen Brief (Wortlaut: Offener Brief Ministerpräsident) hat sich Gerhard Leitz aus Ippensen jetzt an Ministerpräsident Stephan Weil gewandt. Und seinem Unmut Luft verschafft, warum mit großem Aufwand, auch unter Verwendung von Steuergeldern, ein solches Projekt angeschoben werde – “und wenn dann die Mittel verbraucht sind, verschwindet alles wieder in der Schublade”, schreibt Leitz. Er bittet den Ministerpräsidenten, dass die Dorfassistenz doch ins IEK aufgenommen wird.

Bereits vor einem Jahr habe auch ich schon davor gewarnt, dass am Ende das Geld nicht reichen könnte. Ich hätte mich gerne geirrt. Und ich habe mich für einen Gedanken, geäußert damals im Ortsrat von Kreiensen, erwärmt: Die Städte und Gemeinden leisten sich für Jugendliche, von denen es immer weniger gibt, nach wie vor eine Jugendpflege. Das ist gut so, wichtig und soll auch gerne so bleiben. Warum aber dann nicht ebenso selbstverständlich eine Seniorenpflege? Nicht im Sinne einer medizinischen Pflege, sondern einer Kontaktpflege. Eine Dorfassistentin eben. Das kann ich heute nur bekräftigen. Der Gedanke bleibt richtig.

Es ist für mich unbegreiflich: Wie kann ein solches Angebot mit öffentlichen Geldern angeschoben werden, und wenn es dann an die Umsetzung gehen soll, ist mit einem Mal das Geld alle. Nachhaltig geht anders.

Jutta Seiler.

Jutta Seiler.

Jutta Seiler hat sich zur Dorfassistentin ausbilden lassen. Sie hat zwischen März 2012 und September 2013 bei einer von der EU geförderten Maßnahme der DAA-Akademie das Projekt für sich entdeckt und zum Schluss in sechs Dörfern von Alt-Kreiensen angeboten. Seit dem Ende der Finanzierung bemüht sich die Heckenbeckerin seit Monaten, die ihr sehr wichtige Arbeit fortsetzen zu können. Sie habe während ihrer Tätigkeit viele allein und einsam lebende Senioren kennengelernt, für die sie oftmals die einzige Kontaktperson am Tag gewesen sei. „Manchmal musste ich tief durchatmen“, berichtete Jutta Seiler vor einem Jahr im Ortsrat Kreiensen. Im Gespräch mit den älteren Menschen zu bleiben, mit ihnen gemeinsam zum Beispiel Behördenanträge ausfüllen – das seien nur einige der Aufgaben einer Dorfassistentin. Seiler sieht die Position als netzwerkende, koordinierende Dienstleisterin, die es Senioren erlaubt, so lange es geht selbstbestimmt im eigenen Zuhause bleiben zu können. Der Bedarf sei dabei in jedem Dorf anders. In manchen Orte habe es länger gedauert, sich Kontakte zu erschließen und Vertrauen aufzubauen, in anderen sei man direkt auf sie zu gekommen. Die Dorfassistentin koordiniert und ist Dienstleisterin, die vorhandene Angebote bei den Senioren bekannt macht. Eine Netzwerk-Arbeiterin im besten Sinne.

Nachtrag 12.05.2015: Nach aktuellen Informationen gibt es offenbar doch eine Möglichkeit, das Projekt Dorfassistenz in den sechs Einbecker Ortschaften zu realisieren. Darüber ist vergangene Woche im Ortsrat Kreiensen und im Verwaltungsausschuss gesprochen worden. Nähere Einzelheiten sollen voraussichtlich kommende Woche bekannt gegeben werden.