Update | Kritik an Schließung der Ärztlichen Bereitschaftsdienstpraxis in Einbeck

(c) Foto: Frank Bertram

Hat jemand bei den für diese Entscheidung Verantwortlichen ehrlicherweise den Gedanken gehabt, die Schließung der Bereitschaftsdienstpraxis in Einbeck würde ohne Protest verlaufen? Das wäre durchaus naiv zu nennen, zumal viele Menschen von dem bereits zum 31. Januar praktizierten Schritt bislang vermutlich noch nichts wissen und erst in diesen Tagen erfahren: Per Aushang an der Eingangstür kündigt die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) an, ihre Bereitschaftspraxis in Einbeck zum 31. Januar zu schließen. Informationen auf anderen Wegen? Bis Freitag: Fehlanzeige. Ab Februar gibt es in Einbeck keinen Bereitschaftsdienst an Wochenenden und Feiertagen oder abends mehr, der früher „Sonntagsdienst“ genannte Notdienst der niedergelassenen Ärzte wird ab 1. Februar von der dafür zuständigen KVN in Northeim konzentriert. Die Notdienstpraxis der Ärzte darf dabei nicht mit der Notaufnahme der Klinik verwechselt werden, sie bleibt in Einbeck am Bürgerspital unverändert.

(Aktualisiert 19.01.2026, 13:10 Uhr)

Hauptgründe für die Zusammenlegung der Bereitschaftsdienstpraxen Einbeck und Northeim am Standort Northeim sind nach Angaben der KVN von Freitag Nachmittag auf Anfrage gewesen, dass die Bereitschaftsdienstpraxis Einbeck zuletzt insgesamt niedrige Patientenbehandlungszahlen verzeichnet habe. Meine Frage, wann denn die KVN die Entscheidung kommuniziert hätte (außer durch Aushang), ließ die KVN zunächst unbeantwortet. Nach Analyse der Patientenbehandlungszahlen sei bereits über einen längeren Zeitraum ein abnehmendes Patientenaufkommen festzustellen. Aktuell liege die durchschnittliche Anzahl der Patienten pro Stunde noch bei rund zwei Behandlungsfällen. Aufgrund dieser niedrigen Behandlungszahlen erfolge bereits zum aktuellen Zeitpunkt montags, dienstags und donnerstags eine Versorgung der Patienten aus dem Raum Einbeck in der Bereitschaftsdienstpraxis Northeim. Dies verlaufe sehr erfolgreich und habe bisher zu keinerlei Beschwerden der betroffenen Bevölkerung geführt, schreibt Dr. Philip Degener, Geschäftsführer der KVN-Bezirksstelle Göttingen, heute in einer Pressemitteilung. „Entgegen Meldungen in lokalen Medien hat die Zusammenlegung aus Sicht der Bezirksstelle Göttingen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen nichts mit der Mietkonditionen mit dem Einbecker Bürgerspital zu tun – im Gegenteil. Diese Meldungen beruhen auf einem Kommunikationsfehler innerhalb der KVN.“

Die Entfernung zwischen den beiden Bereitschaftsdienstpraxen Northeim und Einbeck sei im Landesvergleich äußerst gering. Im Regelfall betrage die Autofahrtzeit zwischen den beiden Bereitschaftsdienstpraxen 20 Minuten. Aufgrund der guten Verkehrsanbindung der Bereitschaftsdienstpraxis in Northeim werden auch künftig alle Patienten des Landkreises Northeim in unter 30 Minuten Autofahrt im Regelfall eine Bereitschaftsdienstpraxis erreichen. Durch die Reduzierung der Bereitschaftsdienstbelastung der Ärztinnen und Ärzte in Einbeck könne zudem die notwendige Niederlassungsbereitschaft der Ärztinnen und Ärzte in der Region aktiv gefördert werden, meint die KVN.

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Eingang zur Ärztlichen Bereitschaftsdienstpraxis am Einbecker Krankenhaus.

Der SPD-Landtagsabgeordnete René Kopka hat am Freitag die Entscheidung der KVN deutlich kritisiert. „Eine wohnortnahe Versorgung auch im Bereitschaftsdienst ist unabdingbar. Auch wenn die KVN die Schließung mit niedrigen Patientenzahlen begründet, stellt die jetzige Entscheidung nun einen Einschnitt in die ärztliche Versorgung dar“, bedauert der Einbecker Landtagspolitiker, der auch SPD-Kandidat für die Bürgermeisterwahl in Einbeck in diesem Jahr ist. „Eventuell hätte eine bessere Bewerbung des Angebotes und eine Ausweitung der Öffnungszeiten zu einem höheren Zuspruch geführt“, schreibt Kopka in einer Pressemitteilung. „Leider war die KVN nicht bereit dazu.“ Laut Kopka habe sich die Entscheidung in den vergangenen Monaten bereits angedeutet. Er habe daher auch den Kontakt mit der KVN gesucht und für die Beibehaltung geworben, berichtet Kopka heute. Die als Begründung angegebene geringe Auslastung der Praxis sei nicht haltbar und sicherlich auch auf die schon in der Vergangenheit heruntergefahrenen Öffnungszeiten zurückzuführen. Völlig abzulehnen sei die Vorgehensweise der KVN, ausschließlich anhand von statistischem Zahlenmaterial Entscheidungen zu treffen. „Das geht völlig an der Lebenswelt der Menschen vorbei“, ärgert sich Kopka. „Viele Beteiligte sind bemüht, die Region attraktiv und lebenswert zu erhalten und weiter auszubauen. Derartige kurzsichtige Maßnahmen konterkarieren diese Bemühungen.“

Einwohner des Altkreises Einbeck hätten ab Februar nun unverhältnismäßig lange Anfahrtswege an Wochenenden und Feiertagen im Falle einer medizinisch erforderlichen Versorgung, weil sie nach Northeim fahren müssen. Insbesondere bei den Witterungsverhältnissen wie jüngst werde der Weg zur Bereitschaftsdienstpraxis oft unmöglich und damit die Gesundheit der betroffenen Menschen unnötig gefährdet, erklärte der Landtagsabgeordnete aus Einbeck.

„Mit der jetzt getroffenen Entscheidung ist zu befürchten, dass die Notaufnahme des EBS und die Rettungsdienste nun zusätzlich mit Bagatellfällen belastet werden, die eigentlich nicht in eine Notaufnahme gehören“, schreibt der SPD-Politiker. „Dies kann nicht Sinn der Sache und die nun vorangetriebene Zentralisierung nicht die Lösung für alles sein. Das EBS hatte Alternativen aufgezeigt, um den Bereitschaftsdienst vor Ort zu halten. Den Verantwortlichen möchte ich dafür ausdrücklich danken. Ich erwarte von der KVN, dass sie die zukünftige Entwicklung im Blick behält und bei Bedarf nachsteuert. Dafür werde ich mich mit Nachdruck einsetzen.“

Der gesetzliche Sicherstellungsauftrag liege bei der KVN, aber gesellschaftliche Entwicklungen müssten dringend bei den Entscheidungen eine stärkere Gewichtung bekommen als es aktuell der Fall sei, fodert Kopka. „Die jetzt getroffene Entscheidung ist eine Schwächung der Versorgung im ländlichen Raum. Die nun entstandene Situation werde ich erneut zum Anlass nehmen, um das Thema mit Sozialminister Dr. Andreas Philippi zu erörtern und Möglichkeiten zu prüfen.“ 

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Kommunikation per Aushang: Am 31. Januar ist Schluss mit dem Bereitschaftsdienst in Einbeck.

Am Sonnabend hat auch die Einbecker CDU die Schließung der Ärztlichen Bereitschaftspraxis in Einbeck „mit großer Sorge“ kritisiert, wie es in einer Pressemitteilung heißt und die Partei via Soziale Netzwerke verbreitete. Die Entscheidung stelle einen massiven Einschnitt in die medizinische Grund- und Notfallversorgung der Region dar und sei ein fatales Signal für den ländlichen Raum, heißt es in der Stellungnahme, die Praxis sei eine unverzichtbare Anlaufstelle. Besonders betroffen seien ältere Menschen, Familien mit Kindern, Menschen ohne eigenes Auto sowie Berufstätige. Für sie bedeuteten längere Wege zu entfernten Standorten nicht nur einen erheblichen Mehraufwand, sondern im Ernstfall auch ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko, meint die CDU. Zudem sei zu erwarten, dass die ohnehin stark belasteten Notaufnahmen der Krankenhäuser zusätzlich unter Druck geraten würden. Die CDU Einbeck fordert die zuständigen Stellen auf, die Entscheidung zu überdenken und gemeinsam mit der Kommune, der Ärzteschaft und dem Landkreis nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Eine Zentralisierung auf Kosten der wohnortnahen Versorgung lehnt die CDU ab, es brauche kreative Konzepte, um die medizinische Versorgung vor Ort dauerhaft zu sichern. CDU-Bürgermeisterkandidatin Antje Sölter: „Eine verlässliche ärztliche Bereitschaft ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Wer den ländlichen Raum stärken will, darf ihn nicht weiter ausdünnen.“ Die Bürgerinnen und Bürger in Einbeck hätten Anspruch auf eine erreichbare und funktionierende medizinische Versorgung – auch nachts, am Wochenende und an Feiertagen. Die CDU Einbeck will sich der Thematik weiterhin annehmen, gemeinsam mit Antje Sölter und Vertretern der Einbecker Ärzteschaft, heißt es in der Mitteilung.

Mit Empörung reagierte am Sonnabend die SPD-Kreistagsfraktion auf die Ankündigung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), die ärztliche Bereitschaftspraxis am Einbecker Bürgerspital kurzfristig zum 1. Februar zu schließen. Wie der Einbecker Kreistagsabgeordnete Peter Traupe laut einer Pressemitteilung erklärte, sei hier eine ausschließlich an Zahlen orientierte Entscheidung getroffen worden, die sich gegen die Interessen großer Teile der Bevölkerung richte. Die SPD erwartet eine Korrektur der völlig unverständlichen Entscheidung der Schließung dieser Praxis am Einbecker Krankenhaus. Traupe hebt hervor, dass es zum Beispiel den Menschen aus den Ortschaften nördlich und östlich der Einbecker Kernstadt bis hin zum Sollingrand nur schwer zuzumuten sei, im Falle einer behandlungsbedürftigen Erkrankung außerhalb üblicher ärztlicher Sprechstunden bis in die Kreisstadt fahren zu müssen. Insbesondere älteren Menschen dürfte es nahezu unmöglich sein, die dann einzige Bereitschaftspraxis im gesamten Kreisgebiet zu erreichen. „Eine fürsorgliche Daseinsvorsorge sieht für uns anders aus“, sagt Peter Traupe. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Uwe Schwarz ergänzt: „Das Verhalten der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung ist völlig inakzeptabel, insbesondere die fast handstreichartige Umsetzung innerhalb von 14 Tagen. Erst wurde der zeitliche Bereitschaftsdienst halbiert, dann mit nicht bedarfsgerechten Öffnungszeiten versehen, um letztendlich mit zu geringer Inanspruchnahme eine Schließung begründen zu können. Der vergangenes Jahr eingeführte ‚Fahrdienst‘ für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst wurde zwischenzeitlich von der KVN auch schon wieder eingestellt. Wenn die Kassenärztliche Vereinigung ihren gesetzlich verankerten Sicherstellungsauftrag nicht mehr wahrnehmen kann, dann muss das bundesgesetzlich geregelt werden, aber nicht mit dieser Salamitaktik zu Lasten der Patientinnen und Patienten“. Schwarz und Traupe betonen, dass für die Menschen im Landkreis Northeim ein wohnortnahes Angebot für eine ärztliche Versorgung auch an Wochenenden und Feiertagen vorgehalten werden müsse. Die Schließung der Praxis am Einbecker Bürgerspital führe dazu, dass der ohnehin schon mit Bagatellsachen belastete Rettungsdienst unter dem Notruf 112 einschließlich der Notfallambulanzen an den Schwerpunktkrankenhäusern noch stärker überflutet wird und seine Kapazitäten für die eigentliche Notfallrettung dadurch erneut weiter eingeschränkt werde. Für die SPD ist eine Zusammenführung des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes und der ambulanten Notfallversorgung unter einer Anlaufstelle „eine überfällige Notwendigkeit“, wie es in der Mitteilung heißt. Hilfe suchenden Patientinnen und Patienten seien die rechtlichen Zuständigen ohnehin egal und auch nicht vermittelbar.

Die Einbecker Grünen haben am Montag in einer Pressemitteilung die Schließung der Ärztlichen Bereitschaftsdienstpraxis als „klare Schwächung der medizinischen Versorgung in Einbeck und im gesamten Landkreis“ kritisiert. Sie fordern, dass begleitende Maßnahmen wie verlässliche Fahr- und Unterstützungsangebote zügig geprüft und umgesetzt werden, damit die Schließung nicht zu einer dauerhaften Verschlechterung der medizinischen Versorgung führt. „Gerade in Einbeck als bevölkerungsreichster Stadt des Landkreises müssen medizinische Versorgungsstrukturen erhalten bleiben“, fordrt der Einbecker Grünen-Kreistagsabgeordnete Hans-Joachim Nehring. „Die Verlagerung nach Northeim verschlechtert die Erreichbarkeit und trifft vor allem Menschen ohne eigenes Auto oder mit eingeschränkter Mobilität.“ Nehring warnt vor Folgewirkungen für das gesamte Gesundheitssystem: „Wenn der ärztliche Bereitschaftsdienst vor Ort wegfällt, werden Rettungsdienste und Notaufnahmen zwangsläufig häufiger in Anspruch genommen – auch dann, wenn es medizinisch eigentlich nicht notwendig wäre. Das kann dazu führen, dass diese Kapazitäten in echten Notfällen fehlen.“ Politik und Verwaltung stünden nun in der Verantwortung, zum einen konkrete Unterstützungsangebote für betroffene Bürgerinnen und Bürger in Einbeck und insbesondere auf den umliegenden Dörfern zu schaffen, erklärte Nehring. Zum anderen sollten die Fallzahlen in der Einbecker Notaufnahme in den kommenden Monaten regelmäßig beobachtet und dort rechtzeitig gegengesteuert werden, um eine weitere Überlastung der Notaufnahme zu verhindern. Auch das Einbecker Grünen-Ratsmitglied Marion Christ sieht die Entscheidung kritisch, insbesondere mit Blick auf ältere Menschen und Menschen ohne Auto: „Für viele bedeutet der Weg nach Northeim eine erhebliche Hürde. Insbesondere in den ländlichen Ortsteilen Einbecks ist die Anfahrt aus Dörfern wie z.B. Lüthorst nach Northeim mit dem Auto bereits mit einer Fahrzeit von 30 Minuten verbunden. Für Menschen ohne Auto ist die Erreichbarkeit an den Randzeiten und an Wochenenden nahezu unmöglich. Eine wohnortnahe medizinische Versorgung gehört zur öffentlichen Daseinsvorsorge – gerade für ältere Menschen im ländlichen Raum.“

Ein Kommentar zu „Update | Kritik an Schließung der Ärztlichen Bereitschaftsdienstpraxis in Einbeck

  1. Die Ankündigung der Schließung kommt keinesfalls unerwartet. Bereits bei der Beratung über die Aufgabe des Notarztstandortes in Bad Gandersheim im Kreis Brandschutzausschuss hatte ich gewarnt , dass die Umstellung der KV zu einer deutlichen Überlastung des Notarztsystems führen wird und daher in gar keinem Fall der Kreis seinen Plan zur Reduzierung der Standorte umsetzen darf. Die KV muss aufgefordert werden, diese erhebliche Verschlechterung der Versorgung unserer Bevölkerung umgehend zurück zu nehmen. Alle Beteiligten sind aufgefordert sich hierfür einzusetzen.

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