Einbecker Bierorden an deutsch-französisches Bürgermeister-Doppelpack verliehen

(c) Foto: Frank Bertram

Schon so einige Politiker haben im vergangenen Vierteljahrhundert den Einbecker Bierorden erhalten, viele davon sind inzwischen nicht mehr in ihren Ämtern oder Mandaten – von Stephan Weil über Bernd Busemann bis zu Konstantin Kuhle, um nur einige Beispiele zu nennen. In diesem Jahr haben die Gesellschaft der Karnevalsfreunde Einbeck und das Einbecker Brauhaus erstmals ein deutsch-französisches Bürgermeister-Doppelpack mit der närrischen Ehrung ausgezeichnet: die Einbecker Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek und ihren Amtskollegen aus der Partnerstadt Thiais, Richard Dell’Agnola. Michalek konnte sich für die Ordensverleihung persönlich bedanken, zitierte mit närrischem Augenzwinkern einen Spruch ihrer Mutter: „Endlich hat sie’s zu etwas gebracht.“ Richard Dell’Agnola musste kurzfristig wegen eines beruflichen Termins mit dem Minister in Paris absagen, die Ehrung nahm in Vertretung sein Vize, Dany Beucher, entgegen, der im Namen Dell’Agnolas „merci“ für den Orden sagte und das Lied „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ anstimmte.

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Bierorden-Verleihung (v.l.): Karnevalspräsident Jan Störmer, Till (Markus Henze), Brauhaus-Vorstand Marc Kerger, Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, Vize-Karnevalspräsident Philipp Jörns, Dany Beucher in Vertretung für Maire Richard Dell’Agnola, Ehrenpräsident Rainer Lieske.

Dr. Sabine Michalek dankte der Gesellschaft der Karnevalsfreunde und dem Einbecker Brauhaus für die Entscheidung, den Bierorden an Richard Dell’Agnola und sie gemeinsam zu verleihen. „Ich bin sehr berührt, sehr dankbar und auch sehr stolz, diesen Orden tragen zu dürfen.“ Mit Richard Dell’Agnola verbinde sie mehr als die Leidenschaft fürs Bürgermeisteramt. „Uns verbindet das Interesse an und die Neugier auf Menschen, auf die Kultur und die Traditionen der jeweils anderen Stadt.“ Gemeinsam ausgelassen zu feiern, anderen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und die jeweiligen Spezialitäten der Länder zu teilen – das verbinde Einbecker und Thiaiser nicht nur im Karneval, aber hier eben ganz besonders. Im Karneval den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten sei ein Jahrhunderte altes Ritual, das die Einbecker Karnevalsfreunde im Ehrenamt trefflich leisteten. Der Karneval pflege Gemeinschaft, verbreite dadurch Hoffnung, Zuversicht und gute Laune – „davor verneige ich mich tief, liebe Närrinnen und Narren“, sagte Michalek.

Die Bürgermeisterin, geboren in der bayerischen Landeshauptstadt, stellte ein Gerücht klar, das sich hartnäckig halte, wie sie lächelnd sagte: Nein, sie sei nicht die Retourkutsche der Münchener für die Einbecker, die einstmals den Bayern das Bockbier brauen beigebracht hatten… Die lokalen (Weiß-)Biere ihrer Jugend- und Studienzeit hätten sie natürlich geprägt, und zugegeben: anfangs habe sie mit dem herberen, untergärigen Einbecker Bier gefremdelt. Doch das sei lange vorbei. Trinkfest sei sie allerdings nicht geworden, bei zwei Pils sei Schluss. Bis heute tue sie sich schwer mit dem Anstechen von Bierfässern. „Das ist wirklich nicht meine Kernkompetenz.“ Ob sie den Bierorden trotz oder gerade wegen der vielen versemmelten Bieranstiche bekommen habe? „Beides“, schallte es da aus dem Saal. Vielleicht werde sie nach ihrer Amtszeit eine Selbsthilfegruppe für Cenosillicaphobie gründen, das sind Menschen mit Angst vor dem leeren Bierglas.

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Laudatoren Till Eulenspiegel (Markus Henze) und Marc Rudloff.

Zur Laudatio auf die beiden Preisträger traten Till (Markus Henze) und Marc Rudloff in die Bütt, letzterer kümmerte sich auch um die Übersetzung ins Französische. Er hat vor drei Jahren von Dell’Agnola die Partnerschaftsmedaille in Thiais erhalten, kennt ihn seit 1997. Damals habe er in Thiais seinen Geburtstag gefeiert und sei dazu gebracht worden, eine Champagner-Flasche zu schütteln und dann das edle Getränk nicht aus einem Glas, sondern gleich aus der Flasche zu trinken. Monsieur le Maire, der gerne das französische „Savoir-vivre“ zelebriere und mit Freude die französische Esskultur vermittle, habe nur irritiert geschaut, ihm aber trotzdem gratuliert, erinnerte sich Marc Rudloff.

Dell’Agnola könne seine Leidenschaft für Einbecker Bratwurst nicht verbergen, die könne er zu jeder Tag- und Nachtzeit essen. Gerüchteweise halte er den Rekord, die meisten Bratwürste an einem Pfingst-Wochenende genussvoll konsumiert zu haben, berichtete Marc Rudloff. Richard Dell’Agnola ist seit 1984 Bürgermeister des Pariser Vororts, begleitet und gestaltet seit dieser Zeit auch die Städtepartnerschaft mit Einbeck. „Monsieur le Maire“ beschreibe die seit 1962 währende Freundschaft wie einen Baum, der inzwischen ein prachtvoller Baumriese mit vielen Ästen, Verbindungen und Kontakten sei, die ihn stärken. Der aber immer weiter gepflegt und gehegt werden wolle, damit er in vollem Glanz erstrahle. Die Städtefreundschaft sei mittlerweile in die Familie des Bürgermeisters hinein gewachsen, berichtete Rudloff, des Bürgermeisters Tochter Laurenne Dell’Agnola habe vor einigen Jahren den damaligen Einbecker Ratsherren Rainer-Michael Hartje kennengelernt. Inzwischen sind sie verheiratet, leben in Paris und haben Richard Dell‘Agnola französisch-deutsche Enkelkinder beschert.

2018 hat der Thiaiser Bürgermeister seine Amtskollegin privat zum 100. Gedenktag anlässlich des Endes des Ersten Weltkrieges nach Thiais eingeladen und Sabine Michalek ermöglicht, einige Worte zu diesem Anlass am Ehrenmal zu sprechen. Das sei ein riesengroßer Freundschaftsbeweis gewesen, den die Einbeckerin überwältigt und zu schätzen gewusst habe. Unter anderem dies zeige, welch großer Europäer „Monsieur le Maire“ sei – aber auch zusammen mit Dr. Sabine Michalek ein würdiger und verdienter Träger des diesjährigen Bierordens.

Eine Laudatio, also eine Lobrede, das sei nicht gerade seine Kernkompetenz, sagte Till (Markus Henze). Halte er doch gerne im rot-gelben Narrengewand anderen den Spiegel vor und den Finger in die Wunde. Sabine Michalek kenne er seit 2011, als er in seine Rolle des Till geschlüpft sei, erzählte Markus Henze, und schon damals habe ihm gefallen, dass die Bürgermeisterin den Karnevalsfreunden den Stadtschlüssel erst nach humorvollen Reden voller Wortwitz und in Reimform überlassen habe. „Als Karnevalsjeck ist man unglaublich dankbar und glücklich, wenn das Oberhaupt der Stadt, viel Spaß und Freude an der fünften Jahreszeit hat.“ Die gebürtige Münchnerin sei eine bayerische Frohnatur, die schon während eines Studienpraktikums in Frankreich in die französische Aperitifkultur eingeweiht worden sei und von Freunden seitdem gerne „Mademoiselle Pastis“ genannt werde. Nun bahne sich so langsam das Ende ihrer Amtszeit an, und was dann? Sabine Michalek werde sicherlich viel Zeit mit ihrem Outdoor-Hobbys (Bergwandern, Ski und Fahrrad fahren) verbringen. Und „ein Talent, vor dem ich mich wirklich verneige, man kann sagen, zu Hause spielt Sabine immer die erste Geige“, sagte Till. Noch sei es aber nicht so weit, „bis dahin hält so manche Ratssitzung noch ordentlich Zündstoff bereit“. Vor jeder Sitzung des Stadtrates würden alle Beteiligten inständig beten, dass die Bürgermeisterin zuvor genügend esse, verriet er augenzwinkernd „einen Insider“. Wenn der Blutzuckerspiegel sinke, könne die harmonische Sabine auch ganz schnell anders, während einer aus dem Ruder zu laufen drohenden Sitzung hätten eigens Schokoriegel beschafft werden müssen.

Zum Abschluss des gut dreistündigen närrischen Programms in der Multifunktionshalle mit rund 250 Gästen unter anderem mit Gardetanz, Funkenmariechen und Prosecco-Schwalben trat dann noch ein karnevalistisches Urgestein in die Bütt, die politisch Mächtigen im Stadtrat närrisch zu kritisieren, wie es sich für den Karneval gehört: der Bierkutscher alias Albert Eggers. Er verstehe ja, dass beim städtischen Haushalt gespart werden müsse, aber deswegen das Osterfeuer auf „Sparflamme“ umstellen? „Da ist wohl operative Hektik durch geistige Windstille ersetzt worden“, machte der Bierkutscher humorig deutlich. Im Stadtrat grassiere bei einigen Ratsmitgliedern offenbar das Bahlsen-Syndrom: „Einen an der Waffel haben und anderen auf den Keks gehen“. Wenn er morgens mit dem „Bockbringer“ vom Brauereihof fahre, denke er frei nach Heinrich Heine immer: „Seh‘ ich den Neustädter Kirchplatz, wenn der Morgen graut, dann ist der ganze Tag vollkommen versaut“. Und jetzt komme da noch „dieser vergläserte, rostbraune Plattdachbungalow“ hinzu. Diese „städtebauliche Kostbarkeit“ soll ein Regenerationszentrum für gestresste städtische Mitarbeiter werden, habe er aus gut unterrichteten Quellen gehört, mit Fontänenfeld werde das sogar eine Wellness-Oase, kommentierte der Bierkutscher närrisch.

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Langte närrisch zu: Bierkutscher Albert Eggers.
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Mit einem karnevalistischen Programm feierten rund 250 Gäste in der Multifunktionshalle die Bierorden-Verleihung.