Update | Ärztlicher Notdienst in Einbeck: Thema durch – oder doch nicht?

(c) Foto: Frank Bertram

Für einen Gast im Einbecker Stadtrat wählte Detlef Rengshausen am Ende der rund einstündigen Debatte über die Schließung der Ärztlichen Bereitschaftsdienst-Praxis in Einbeck ziemlich drastische Worte. Das Dasseler Ratsmitglied (Perspektive Dassel) ging den sich der Kritik stellenden Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) in Göttingen, Dr. Philip Degener, persönlich an: „Mit Teflon eingeschmiert“ sei der KVN-Vertreter offenbar, jede Äußerung perle in der Diskussion an diesem ab. Die Wortwahl mögen sich vermutlich nicht alle zueigen machen, im Ergebnis aber hatten sicherlich viele einen ähnlichen Eindruck. Die Debatte mit gut einem Dutzend Wortbeiträgen war zwar im Stadtrat lebendiger. Wie aber schon im Kreistag-Fachausschuss vor einer Woche konnten Beobachter am Ende mit dem Gefühl nach Hause gehen: Schön, dass wir unseren Frust mal artikulieren konnten und nochmal darüber gesprochen haben, aber der Drops ist gelutscht, die Praxis in Einbeck ist und bleibt geschlossen.

Wenn da nicht ein insistierender CDU-Fraktionschef gewesen wäre, der das Thema nicht abhaken will: „Nehmen sie es nicht auf die leichte Schulter“, sagte Dirk Ebrecht am Ende dem Kassenärzte-Vertreter. „Wir werden uns auch weiterhin wehren und darum kämpfen.“ Die Politik wolle ja gerne ihren Teilbeitrag leisten zu einer Lösung, aber eben nicht allein, wohl aber gemeinsam. „Was können wir tun?“ Von der KVN habe man ein frühzeitiges Signal vermisst, sagte Ebrecht. Unterm Strich werde die medizinische Versorgung im Nordkreis schlechter. „So geht es einfach nicht.“

Neues sagte Dr. Philip Degener im Stadtrat nicht, in den er wegen der im Januar verabschiedeten Resolution eingeladen worden war. Er erläuterte erneut Strukturen und Abläufe des Notdienstes, sprach wieder von Sitzdienst, Fahrdienst und erfolgreicher Telemedizin, die 80 Prozent der Fälle abschließend behandeln könne. Räumte ein, dass die zentrale Notdienst-Telefonnummer 116117 besser kommuniziert werden müsse. Und wiederholte die Argumente, die für die KVN zur Entscheidung geführt haben: Eine zu geringe Patienten-Frequenz in Einbeck, die Schonung der „ärztlichen Ressource“ in Zeiten weniger werdender Ärzte. Und überhaupt seien die Patienten offenkundig zufrieden, wie es jetzt gekommen ist: „Wir haben keinerlei Beschwerden“. In Northeim sei eine höhere Frequenz spürbar, auch wenn es für konkrete Zahlen noch zu früh sei.

Weitere Redebeiträge waren bemerkenswert. Gleich zwei Mal machte Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek deutlich, dass sie nicht wie von Degener behauptet direkt von der KVN informiert worden sei, sondern dass sie im vergangenen Jahr über den Geschäftsführer des Einbecker Bürgerspitals Kenntnis von den Plänen erlangt habe. Daraufhin habe sie gemeinsam mit Michael Abert einen Brief an die KVN geschrieben, mögliche Angebote skizziert (Mieterlass, gemeinsamer Tresen für Notaufnahme und Notdienst). Eine Antwort habe es auf den Brief nicht gegeben, lediglich eine Reaktion, dass man „mal telefonieren könne“. Sie stehe „als Vertreterin der Patienten“ nach wie vor bereit, gemeinschaftlich für die Patienten eine Lösung auf den Weg zu bringen.

Gerhard Melching, SPD-Kreistagsabgeordneter und ehemaliger Bürgermeister von Dassel, bemängelte, die Sollingstadt sei gar nicht vorab informiert worden. Dabei seien gerade die Menschen in Dassel und seinen Ortschaften extrem betroffen, weil weiter entfernt von Northeim als Einbecker. Die KVN habe einen Sicherstellungsauftrag als Körperschaft des öffentlichen Rechts, müsse als Dienstleister nicht die Wirtschaftlichkeit, sondern das Patientenwohl im Auge haben. Warum bekommen die Ärzte für einen Bereitschaftsdienst kein Zusatzhonorar, fragte Melching, Degener schob diesen schwarzen Peter weiter an die Kostenträger Krankenkassen. „Wir würden höhere Leistungen nehmen.“ Statistisch gebe es doch mit 120 Prozent Ärzten eine Überdeckung in der Region – und dann finde sich niemand für die Bereitschaftsdienste, wunderte sich Melching.

Und auch andere fragten scharf nach. Einzelratsherr Helmar Breuker (parteilos) hat sich offenbar vorgenommen, unter anderem dem Landtagsabgeordneten und SPD-Bürgermeisterkandidaten René Kopka die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen, früh informiert gewesen, aber nicht aktiv geworden zu sein. Wobei sich ja auch andere Parteilose rühmen, mit denen Breuker bald unabhängig zusammenarbeiten will, früh informiert gewesen zu sein und hinter den Kulissen nach Lösungen gesucht zu haben, wobei auch hier das „wann genau?“ interessant wäre. Denn bei seinem „Verhör“ blieb Breuker auf halber Strecke stehen, konkrete Daten wären für eine Rekonstruktion hilfreicher als parteipolitisches Geraune. Wann konkret hat die KVN „politische Entscheidungsträger informiert“, wie Degener sagte? Und welche waren das?

Interessant auch die Nachfrage, wer denn die Schließung von Einbeck wann beschlossen habe und auf welcher Grundlage? Degener nannte keinen konkreten Zeitpunkt in 2025, aber entschieden habe der Bezirksausschuss der KVN Göttingen gemeinsam mit der Verwaltung. Grundlage seien die Abrechnungsdaten der vergangenen zwei Jahre gewesen. Wer im Bezirksausschuss sitzt, kann jeder hier nachlesen.

Das Thema „Ärztlicher Notdienst“ dürfte eines werden, das im aufziehenden Kommunalwahlkampf eine Rolle spielen wird.

Bemerkenswert war, dass die zwei Ratsmitglieder, die als Kassenärzte beruflich mit der KVN zu tun haben, an der Sitzung nicht teilgenommen haben.

Nachtrag 13.03.2026: Der Einbecker Landtagsabgeordnete René Kopka (SPD) betont in einer Reaktion auf die jüngsten Diskussionen, auch er sei wie die Einbecker Bürgermeisterin nicht direkt von der KVN in Kenntnis gesetzt , sondern sei ebenfalls durch den Geschäftsführer des Einbecker Bürgerspitals informiert worden. „Daraufhin habe ich der KVN auch einen Brief geschrieben“, erklärte Kopka. Wer in Hannover informiert worden sei, entziehe sich seiner Kenntnis. Kopka erinnerte an seine Stellungnahme vom 4. Februar. Eine proaktive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit seitens der KVN habe leider nicht stattgefunden. Auch ihm gegenüber sei das Vorhaben nicht direkt kommuniziert worden, erst auf Nachfrage. Kopka in der Stellungnahme wie bereits ähnlich am 16. Januar: „Ich selbst wurde auch nur über Dritte über die Pläne informiert und habe mich dann sofort an die KVN und das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung und Minister Dr. Andreas Philippi gewandt. Unterstellungen von einzelnen Akteuren, ich wäre informiert worden und untätig geblieben, weise ich als Frechheit und grobe Unterstellung hiermit entschieden zurück.“ Die Entscheidung habe die KVN getroffen und müsse dafür auch die Verantwortung übernehmen, schreibt René Kopka aktuell. Ob der Sicherstellungsauftrag der KVN mit der Entscheidung noch erfüllt werde, sei zumindest anzuzweifeln. Um bei diesem Thema wirklich weiterzukommen ist aus seiner Sicht die gemeinschaftliche Geschlossenheit wichtig und sollte dringend beibehalten werden, fordert der Landtagsabgeordnete.

Die KVN ist von mir heute nochmals zu dem Aspekt angefragt worden, wen sie wann vorab über die Schließung informiert hat und wann genau die Entscheidung getroffen worden ist. Bis dato liegt noch keine Antwort von Dr. Philip Degener vor.

Nachtrag 16.03.2026: Wie Dr. Philip Degener von der KVN Göttingen auf meine Anfrage heute mitteilte, sei die Entscheidung über die Schließung der Bereitschaftsdienstpraxis Einbeck in der ersten Jahreshälfte 2025 erfolgt. Daraufhin sei der Geschäftsführer des Einbecker Bürgerspitals von ihm informiert und der Mietvertrag fristgerecht gekündigt worden. Die Klinik-Geschäftsführer habe die Information über die Kündigung und die damit einhergehende Schließung der Bereitschaftsdienstpraxis Einbeck an Einbecks Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek und den Landtagsabgeordneten René Kopka weitergegeben. „Beide nahmen daraufhin schriftlich Kontakt mit der KVN auf und erhielten Schreiben mit den Beweggründen für die Schließung der Bereitschaftsdienstpraxis Einbeck zurück. Dies erfolgte Mitte letzten Jahres“, erklärte Degener.  

2 Kommentare zu „Update | Ärztlicher Notdienst in Einbeck: Thema durch – oder doch nicht?

  1. Die unzureichende Kommunikation der KVN ist hinreichend beschrieben, aber nur eine Seite der Medaille. Dass bspw. Dassel im Vorfeld garnicht informiert war, sollten auch die hauptamtlichen Akteure aus Einbeck eingestehen. Hierzu würde dann auch das Eingeständnis gehören, dass die Bedeutung des Themas für die Bevölkerung und Region von den professionellen Akteuren unterschätzt wurde.

  2. Hallo. Was ist denn mit einem möglichen MVZ in Einbeck wie es vor Jahren schon mal am Walkemühlenweg geplant war? Ist das ganz vom Tisch oder gibt es dazu eventuell doch noch Überlegungen eins zu bauen? Oder auch an einem anderen Ort?
    Wäre ganz interessant zu wissen und würde für Einbeck auf jeden Fall eine notwendige Bereicherung bedeuten.
    Matthias Meyer

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