Karnevalsfreunde stürmen das Rathaus und übernehmen den Stadtschlüssel früher als bislang

Sie sind früh dran, die Narren der Gesellschaft der Karnevalsfreunde Einbeck. Zwei Jahre lang konnten sie nicht das Rathaus stürmen und den Schlüssel fordern, letztmals war das im Januar 2020 möglich, kurz vor Corona. Da wollten sie nun nicht lange zögern und bis zum Januar warten, sondern zogen die närrische Schlüsselübernahme auf dem Rathausbalkon gleich am Tag nach dem 11.11. durch. So war das allerdings auch schon vor einem Jahr gedacht, bis Corona wieder dazwischen regierte. „In den vergangenen zwei Jahren haben sich nicht nur einzelne Menschen verändert, nein, die ganze Welt hat sich leider verändert“, begrüßte Karnevalspräsident Henry Peter nach dem Umzug durch die Innenstadt auf dem Marktplatz sein Narrenvolk. „Umso wichtiger ist der Karneval in dieser Zeit,  damit wir ein Zeichen setzen können für Geselligkeit, für das Miteinander, für eine vernünftige Kommunikation untereinander und für Lebensfreude.“ Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek und die Ratsmitglieder dürfen sich freuen, sie haben die närrische Schlüsselgewalt länger als bisher abgegeben, denn erst am 22. Februar mit Aschermittwoch ist wieder alles vorbei. Bis dahin regiert der Karneval in Einbeck.

Die Karnevalisten um Prinzessin Carina I. haben von Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek den Stadtschlüssel übernommen.

Die Rathauschefin hatte das natürlich durchschaut und reimte im karnevalistischen Sinne: „Zu kapern den Schlüssel zur Macht, das wird jetzt ganz leicht, habt Ihr Narren gedacht? Im November ist die Bürgermeisterin noch mit dem Haushalt befasst, und bei den erschreckenden Zahlen ist regieren nur Last. Den Schlüssel bekommen wir somit im Handumdreh‘n, das wird ein Kinderspiel, Ihr werdet’s sehn.“ Doch ob sich die Karnevalsfreunde das gut überlegt haben, fragte sie. „Seid Ihr Euch sicher, dass Ihr den Schlüssel wollt?“ – „Die Weltenlage lädt derzeit nicht dazu ein, fröhlich, ausgelassen und unbeschwert zu sein“, reimte Michalek weiter. „Dazu kommt in Einbeck des Neustädter Kirchplatz unendliche Geschicht‘, da ging die Politik mit mir zu Recht hart ins Gericht. Besser zu werden ist ganz klar meine Pflicht, dagegen wehre ich mich auch nicht.“

Wenn aber ein Bürger sie beschimpfe und öffentliche der Lüge bezichtige, gehe das aus ihrer Sicht deutlich zu weit, sagte Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek bei der Karnevalsveranstaltung. „Was muss einen wohlsituierten Menschen reiten, in einer Anzeige über einen anderen Menschen Unrat auszubreiten? Das muss auch ein Narr nicht versteh‘n, dennoch will ich nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen. Dem Nächsten mit Respekt begegnen, das sollte unser Anspruch sein, und auch wenn man and‘rer Meinung ist, macht man sein Gegenüber nicht klein. Wer glaubt, als Einziger im Besitz der Wahrheit zu sein, ist unfähig zum Dialog und letztlich allein“, sagte sie nachdenklich narhalesend. Und erhielt dafür Zwischenapplaus von den Zuhörenden auf dem Marktplatz.

Mahnende Worte bei der Schlüsselübergabe: Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek.

„Nur mit Menschen, die freundlich zueinander sind und auch zusammen lachen, können wir gemeinsam unsere Heimat noch viel schöner machen“, reimte die Bürgermeisterin. Deshalb wolle sie sich bei den Karnevalsfreunden nicht länger wehren und gebe den Schlüssel. Nun, mit dem eroberten Rathausschlüssel als Zeichen der Macht, dürfe der Karneval den Regierenden den Spiegel vorhalten und auch mit Spott nicht sparen. „Erfreut uns ab jetzt mit Humor und Heiterkeit, und vertreibt uns so manche Sorge in der dunklen Zeit“, sagte die Bürgermeisterin. Sie hoffe sehr, dass es den Karnevalsfreunden wieder gelinge, zu regieren die Stadt mit närrischem Plan, damit sie ausgeruht und beschwingt, „am besten einen fertigen Neustädter Kirchplatz und eine gefüllte Stadtkasse vorfinden kann“. Zaubern, entgegnete Präsident Henry Peter lachend, das könnten aber auch die Narren nicht.

„Für die Bürgermeisterin und alle Ratsherren heiß es nun, husch, husch, packt schnell Eure Sachen, bis zum Aschermittwoch könnt Ihr jetzt Urlaub machen“, reimte Kinderprinzessin Lena-Sophia I. Einige hatten das wohl schon gemacht, denn die politische Entourage der Verwaltungschefin vor dem Rathaus war dünn, bestand nur aus klaren, kantigen Liberalen und Genossen. „Die Welt tut sich gerade sehr schwer, deshalb muss wieder etwas Frohsinn her“, ergänzte Prinzessin Carina I. „Wir nehmen uns einfach mal wieder die Zeit, und setzen uns zusammen, mindestens zu Zweit. Genießen das Leben bei einem Bier, ohne Politik und schönen Gesprächen ohne Kritik. Wir sollten mal wieder über schöne Dinge sprechen, und dieses Trübsal einfach durchbrechen.“

Die Gesellschaft der Karnevalsfreunde Einbeck sammelt in dieser 75. Jubiläumssession bei ihren Veranstaltungen für ein Quad bei der Einbecker Feuerwehr, damit diese im Notfall im unwegsamen Gelände schneller vor Ort sein kann.

Schlüssel an den Karneval übergeben: Zu regieren die Stadt mit närrischem Plan…

Die Narren haben den Schlüssel: Prinzenpaar Sabrina I. und Michel I., Kinderprinzessin Madita I. (mit dem Schlüssel), Kindertill Stella und Till Markus Henze, Adjutantin Lina.
Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek mit dem symbolischen Schlüssel der Macht.

Die Narren haben jetzt den Schlüssel. Sie regieren bis Aschermittwoch, wenn Kappen und Orden wieder abgelegt werden. Im Jahr der Bürgermeisterwahl lassen sich die letzten Worte von Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, bevor sie heute Mittag den Rathaus-Schlüssel und damit die politische Macht an den Karneval abgab, nicht nur als Ansage mit Augenzwinkern verstehen: Bis Aschermittwoch räume sie zwar das Feld und freue sich auf das Katerfrühstück Ende Februar, „danach, da könnt Ihr aber sicher sein, dann steige ich gern wieder in die Arbeit ein“.

Nun aber starte die fünfte Jahreszeit, wollten die Narren das Rathaus entern. Doch so leicht wolle sie es ihnen nicht machen, sagte Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek auf der Rathaustreppe. „Davon könnt Ihr lange träumen, ich werde meinen Platz nicht räumen. Ich will das Rathaus beschützen vor Krach und Tumult, denn geht was zu Bruch, wer hat dann die Schuld? In Wahlkampfzeiten noch umso eher, da wird nicht toleriert der kleinste Fehler. Ihr kommt hier nicht rein, das Rathaus, das bleibt mein. Mal eben so zu kapern den Schlüssel zur Macht, das mach ich Euch nicht so leicht wie Ihr vielleicht gedacht.“

Prost Einbecker! Heidrun Hoffmann-Taufall (CDU), Alexander Kloss (SPD), Dr. Reinhard Binder (FDP), Sabrina I. und Michel I. Ihrke, Karneval-Präsident Henry Peter und Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek (v.l.).

Einbeck sei eine schmucke Stadt, und natürlich könne manches besser sein. „Bei Breitband, Kirchplatz, Bürgerhaus, da sieht es noch nicht so wirklich prächtig aus. Hier brauchen wir noch etwas Zeit, bis es dann endlich ist soweit: Mit neuen Fenstern, schmuckem Pavillon und schnellem Internet, ich bin sicher, Einbeck wird dann noch mal so nett.“ Die Rathauschefin gab aber auch eine Mahnung mit auf den Weg: „Was andres liegt mir noch am Herzen, und dabei ist mir’s wahrlich nicht zum Scherzen: In Einbeck können wir immer dann viel erreichen, wenn wir auf Parteigrenzen pfeifen, wenn wir achten die Ideen und Worte der anderen Fraktion, und uns nicht vergreifen im Ton, wenn nicht Misstrauen und Streit walten im Rat, sondern bei uns Herz und Verstand regieren anstatt! Denn nur mit Menschen, die freundlich zueinander sind und auch mal zusammen lachen, können wir alle zusammen unsere Heimat noch viel schöner machen.“

Am Ende ergab sich Dr. Sabine Michalek dann doch und rückte den Schlüssel raus, mit dem Wunsch auf ihn gut Acht zu geben. „Die zweite Bitte ist, das Rathausschiff sicher zu lenken, ohne gleich die ganze Mannschaft zu versenken. Und zum dritten bitte ich sehr, dass es Euch gelingt, zu regieren die Stadt mit närrischem Plan, damit ich am Aschermittwoch – ausgeruht und beschwingt – ein wohlgeordnetes Rathaus und eine geeinte Politik vorfinden kann.“

Der Tollitäten-Orden Niedersachsen in dieser Session mit Einbecker Stadtwappen.

Jetzt aber hat das Prinzenpaar Sabrina I. und Michel I. mit seinem Gefolge die närrische Macht in Einbeck übernommen. „Ich als Taxifahrer fordere ein System, mit dem will ich nur noch grüne Ampeln sehn“, sagte Prinz Michel. Er kündigte an, die ernsten Themen ab jetzt ruhen zu lassen. „Lasst uns diese Zeit genießen und die schlechte Laune mit dem Schlüssel einschließen.“ Kinderprinzessin Madita I. freute sich schon auf die neue Multifunktionshalle, wollte aber nicht so viele Worte machen, sondern lieber ihren Traumprinzen suchen. Erstmals grüßte der neue Präsident der Gesellschaft der Karnevalsfreunde Einbeck, Henry Peter, vom Rathausbalkon. Mit Spaß und Geselligkeit wolle man regieren. Er dankte allen Teilnehmern des bunten Umzugs durch die Stadt vor der Schlüsselübergabe. Peter überreichte der Bürgermeisterin den Tollitäten-Orden des Karnevals im Land Niedersachsen, auf dem in diesem Jahr das Wappen der Stadt Einbeck zu sehen ist. „Das ist für uns und die Stadt eine große Ehre, darauf darf man ruhig stolz sein.“

Wenige Wochen vor der Bürgermeisterwahl in Einbeck am 13. September und wenige Tage vor dem Bewerberschluss bei der SPD war es natürlich besonders aufschlussreich zu beobachten, wer auf dem Rathausbalkon stand (und wer nicht), wer die Nähe der Macht geradezu suchte (und wer nicht), besonders von potenziellen Kandidaten. Die Fotos zeigen es gut, auch hier. Ein Kommentar ist da gar nicht erforderlich.

Da hat sie ihn noch, den Stadtschlüssel, auf den vermutlich auch andere als nur die Narren schielen: Dirk Heitmüller (SPD), Dr. Sabine Michalek (CDU) und Alexander Kloss (SPD) (v.l.).

Es ist Karneval: Till und Bierkutscher teilen politisch aus

Prost, Kutscher! Albert Eggers betritt die Narhalla in der Rathaushalle bei der Bierorden-Verleihung 2019.

Sie sind das Salz in der Karnevalssuppe, ich hab das hier ja schon mal erwähnt. Und sie wollen gekonnt sein, wenn sie mit dem verbalen Narrenflorett treffen möchten: die Büttenreden im Karneval. Seit Jahren feste Größen in Einbeck in der Bütt sind der Bierkutscher (seit 40 Jahren Albert Eggers) und der Till Eulenspiegel (den seit einigen Jahren Markus Henze verkörpert). Bei der Verleihung des 25. Bierordens an Bundesarbeitsminister Hubertus Heil musste nicht nur der SPD-Politiker humorvoll gereimten Spott über sich ergehen lassen (wobei der Peiner auch humorvoll antwortete). Auch die Kommunalpolitik in der Bierstadt traf’s ziemlich – aber immer bis Aschermittwoch dran denken: Es ist Karneval. Offenbar ist ja manchmal ganzjährig Karneval, bekannte „Bierkutscher“ Albert Eggers neulich, seit 2016 kann der Mann das bestens beurteilen, ist er doch selbst Ratsherr in der CDU-Fraktion: „Ich kann Ihnen versichern, der Unterschied zwischen einer Karnevalssitzung und einer Ratssitzung ist manchmal gar nicht so groß!“

Markus Henze ist im Karneval Till Eulenspiegel.

Till Eulenspiegel hielt den Menschen bei der Bierorden-Verleihung wieder deutlich den Spiegel vor. „Sind Sie wirklich der Heilsbringer für unsere Stadt“, fragte Markus Henze im Narrenkostüm den Bierorden-Träger Hubertus Heil. „Da Einbeck nach langen Mühen jetzt endlich wieder einen neuen Baudirektor hat.“ Denn der Herr Mertens sei doch zuletzt in Peine tätig gewesen, wo der Herr Heil ja auch herkomme. „Sei es wie es ist, jetzt haben wir einen studierten Architekt, man sehen was alles so in ihm steckt“, formulierte Till in Richtung des (abwesenden) neuen Baudirektors im Einbecker Rathaus. „Schlimmer kann es definitiv mit dem neuen Baudirektor nicht werden, als wie mit Herrn Look, dem Alten, das sei an dieser Stelle mal festzuhalten.“ Auch Christian Grascha (FDP) knöpfte sich der Till närrisch vor, weil dieser für die Abgabe des Jugendfreizeitheims Silberborn sei. „Viel Ärger hätte sich der Landkreis sparen können, die Sache mit dem Bürgerbegehren wäre nie passiert, hätte man im Zuge der Abtretung gleich einen neuen Investor präsentiert“, meinte Till Eulenspiegel, der keinen Hehl daraus machte, dass sein Herz für einen Weiterbetrieb schlägt. Auch die seit Dezember reaktivierte Bahnstrecke nahm sich der Spaßmacher vor. „Die armen Kollegen der KWS, geraten seit diesem Datum völlig in Stress“, reimte Till. „Tja, den eigenen Bahnsteig hätte die KWS jetzt sofort so gerne, doch auf Grund von Verfahrensfehlern liegt der noch in weiter Ferne.“ Einbeck, so richtete Till seinen Blick wieder an den neuen Bierordenträger und Arbeitsminister, trage zur Reduzierung der Arbeitslosenzahl bei, „jetzt nicht erschrecken, denn der Stadtrat ist für die hoffnungslosen Sorgenfälle ein ganz hervorragendes Auffangbecken“. Und natürlich musste die neue Skulptur von Timm Ulrichs an der Marktkirche das Ziel von Spott sein. „Berichten zufolge wird durch im Erdreich verborgene, wartungsfreie Motoren das Kunstwerk zum langsamen Rotieren gebracht, na da hab ich aber neulich lautstark gelacht. Nach nur wenigen Wochen hatte sie sich ausgedreht, die Skulptur – Ende vom Lied, die erste teure Reparatur!“ Und was soll das Ding überhaupt sein, fragte sich der Till: „Beobachtet man die Skulptur ganz genau und in der Stille, kommt man zu dem Entschluss, das Ding sieht aus wie eine Brille.“ Vielleicht sei „Von Null bis unendlich“ einfach eine riesengroße Werbeaktion eines örtlichen Brillen-Händlers.

Die Skulptur nahm sich natürlich auch „Bierkutscher“ Albert Eggers vor. Auch er dachte zunächst an eine Optiker-Werbung. „Und dann ist das auch noch rot angestrichen, soll damit die rote Fraktion im Rathaus den besseren Durchblick beim Ausbau der Tiedexer Straße bekommen?“ Der „Bierkutscher“ berichtete aus dem „Club der Einbeck-Verbesserer“, dem Stadtrat, und vertraulich vom „Münchner Kindl“ im Rathaus, der Bürgermeisterin, dass geplant sei, Rolf Hojnatzki, Dirk Ebrecht, Albert Thormann, Reinhard Binder und Dietmar Bartels, „also alle Fraktionsgockel zu einem Stuhlkreis ins Kloster Loccum einzuladen, um in tiefentspannenden meditativen Übungen das gemeinsame Wir-Gefühl für Einbeck zu stärken“.

Am Neustädter Kirchplatz habe RTL-Dschungelcamp übrigens kein Interesse mehr als Drehort, erzählte der „Bierkutscher“, weil durch den Beschluss des Stadtrates zu befürchten sei, dass der einzigartige Urwald-Charakter des Platzes beseitigt werde. „Wir möchten aber unser Interesse am Möncheplatz für unsere neue Serie anmelden, der Platz mit seinem naturbelassenen Grünbewuchs und dem wild wuchernden Baumwerk sowie der faszinierenden Waschbeton-Romantik der 70-er Jahre bietet beste Voraussetzungen“, schreibt der Fernsehsender in der Büttenrede des Einbecker Bierkutschers. „Na, ob das so alles richtig ist?“

„Prost, Einbecker! – Prost Kutscher!“

Reha für den Rat

Bianca I. hat den Schlüssel von der Bürgermeisterin entgegen genommen, rechts Prinz Claus III.

Wieder etwas politisch-kritischer als im Vorjahr ist Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek heute in die symbolische Karnevalsbütt auf dem Rathausbalkon gestiegen, bevor sie ordensgeschmückt den Stadtschlüssel an die Karnevalisten freiwillig und kampflos für die nächsten Wochen abgab. „Jetzt will ich mich nicht mehr länger wehren, und nachkommen Eurem närrischen Begehren.“ Leicht werde es aber nicht, warnte die Rathauschefin die holden Narren, viel Arbeit stehe ihnen bevor, die entmachtete Bürgermeisterin aber wünschte: „Regiert die Stadt mit viel Frohsinn und Humor.“ Mit großer närrischer Unterstützung befreundeter Karnevalsgesellschaften und verbundener Vereine sowie lautstark und meisterhaft spielender Fanfaren- und Spielmannszüge war die Gesellschaft der Karnevalsfreunde Einbeck (GdKE) durch die Stadt vor das Alte Rathaus gezogen. Ihr Ziel: der Schlüssel.

An der Spitze des Trosses in einer Kutsche kam aus Hullersen das Prinzenpaar Bianca I. und Claus III. mit Bauernschläue nach Einbeck, um der Bürgermeisterin den Schlüssel zu entreißen. „Der kleine Bauer und seine große Frau“, wie sich das Duo selbst nennt, konnten dabei geradeaus fahren, wie die zwei in ihrer närrisch-kritischen Rede lobten, sie mussten nicht mehr wegen der Umleitung durch die Bauarbeiten auf der Hullerser Landstraße über Juliusmühle nach Einbeck fahren. „Einbecks Straßen werden in Ordnung gebracht, und zwar kostenlos, das wäre doch gelacht“, versprach das Karnevalsprinzenpaar. Wie soll das gehen?

„Dem Einbecker Stadtrat wird Reha-Sport verschrieben, glaubt mir, ihr Räte, ihr werdet den Straßenbau lieben“, reimte Bianca I. „Denn unser Prinz, der liebe Claus, holt Spaten und Schaufel aus der Scheune raus. Jeden Morgen um 6 Uhr geht die Reha los, der Enthusiasmus des Rates ist sicherlich groß. Mit der Chefin an der Rüttelplatte legen wir hoch die Leistungslatte. Denn die Tiedexer Straße wird als erste in Angriff genommen, damit die Anwohner endlich Ruhe bekommen.“ Mit Parkbuchten schräg und Beeten versehen, könne man vom PS-Speicher dann in Schlangenlinien zum Marktplatz gehen. Bianca I. und Claus III.: „Dort wird man von einem Kunstwerk in Empfang genommen, was das nun sein soll ist uns noch nicht gekommen. Ein Unendlichkeitszeichen hat man uns gesagt, wir haben es nicht mehr hinterfragt. Fest steht, hätte man das Geld für die Tiedexer Straße genommen, hättet Ihr bei der Wahl mehr Stimmen bekommen“, sagte das Prinzenpaar unter dem Beifall der Menschen auf dem Marktplatz. „Jetzt ist es genug mit der Meckerei, wir machen Euch von Sorgen frei. Mit dem Rathausschlüssel in der Hand, sind alle Gefahren erstmal gebannt. Bis Aschermittwoch seid ihr sorgenfrei.“

Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek auf dem Einbecker Rathausbalkon bei ihrer Rede.

Das freute die Bürgermeisterin: „Den neuen Baudirektor konnte ich kürzlich begrüßen, ich hoffe er lässt sich nicht verdrießen, wenn es in mancher Ratssitzung heftig kracht, und auch mal Worte fallen ohne Bedacht, wenn auch noch bevor die Diskussion beginnt, eine Fraktion urplötzlich verschwindt“, spielte die Bürgermeisterin auf die Debatte über die Zukunftsstrategie an, bei der die SPD-Fraktion die Ratssitzung spontan bei diesem Tagesordnungspunkt verließ. „Wenn gesucht wird in der Suppe nur das einzelne Haar, dann wird einem doch sehr schnell klar, in den Blick gerückt soll werden nur das Negative und eingeengt soll werden unsere Perspektive. Nicht die Sitzungsvorlagen das Gefährliche sind, gefährlich wird’s, wenn wir werden blind, wenn unser Blick verloren geht für das Schöne und Gute, dann verlieren wir unseren fröhlichen Mute, wenn wir übersehen allzu leicht, was wir miteinander haben schon erreicht.“ Die Bürgermeisterin forderte in ihren Reimen, stärker das Positive zu sehen. „Blicken wir besser auf das, was uns vorwärts bringt, denken wir in Chancen, auf das es gelingt.“

Drei Projekte zählte die Bürgermeisterin auf, die auf dem 2019-er Plan stehen: Der Kindergarten-Neubau in Vogelbeck, der in die Höhe wächst und im Sommer eröffnet werden soll, für die Mehrzweckhalle neben dem Haus der Jugend rollen die Bagger bald an. Und der Neustädter Kirchplatz wird in diesem Jahr umgestaltet: „Auch die Sanierung am NKP kann nun endlich starten, Zeit wird es – ich kann es kaum noch erwarten“, reimte die Verwaltungschefin.

Kinderprinzessin Lina I. (nur „ein bisschen“ aufgeregt vor der Ansprache, als sie von Präsident Albert Eggers danach gefragt wurde) forderte mehr Spielplätze für Einbeck „das wäre doch fein, und wenn ich länger darüber nachdenke, kann doch die Umsetzung auch nicht so schwer sein“. Dem Stadtrat und der Bürgermeisterin rief sie zu: „Husch, husch packt Eure Sachen, bis Aschermittwoch könnt Ihr Urlaub machen“. Mit Humor und Frohsinn werden Bianca I. und Claus III. in der fünften Jahreszeit bis Aschermittwoch nun regieren.

Die Narrenschar hat das Rathaus erobert und den Schlüssel der Stadt Einbeck mitgenommen.

Schlüsselübergabe mit milden närrischen Geleitworten

Da ist das Ding: Auf dem Rathausbalkon haben die Karnevalisten den Schlüssel von der Bürgermeisterin übernommen.

Karnevalsprinz Jonas I. erhält von der Bürgermeisterin den Stadtschlüssel.

„Die Nachrichten haben wir alle satt, der wahre Regierungswechsel findet in Einbeck statt“: Auch wenn Prinz Jonas I. die närrische Schlüsselübergabe heute auf dem Rathausbalkon meinte, bis Aschermittwoch hat die Bürgermeisterin mit ihrem Stadtrat jedenfalls das Zepter an die Tollität und seine Lieblichkeit Suliana I. abgegeben, regieren jetzt die Karnevalisten. Und das in der 70. Session. „Liebe Freunde, ich will Euch was sagen, die Bürgermeisterin, die werden wir aus dem Rathaus jagen“, reimte Einbecks junger Karnevalsprinz. Dr. Sabine Michalek ergab sich kampflos. Beinahe. Ein paar Worte „zum närrischen Geleit“ reimte die Rathauschefin dann doch, allerdings deutlich milder als in den vergangenen Jahren. „Macht diese Rede noch Sinn, viele hör’n ja gar nicht hin?“

Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek hatte einen Wunsch an die Karnevalsfreunde: „Mögt Ihr in der fünften Jahreszeit mit Freude und Humor, all das erledigen, was zuvor, trotz aller behördlichen Kunst und List, uns bisher nicht gelungen ist.“ Und mit Menschen, die zusammen lachen, könne man Heimat viel schöner machen. Noch schöner, als sie ohnehin schon sei. Die Rathauschefin appellierte an die Politik: „Mehr das große Ganze seh’n und auch mehr Mut, zu Beschlüssen zu steh’n, das wäre gut. Zusammen eine Strategie entwickeln für unsere Stadt, für das, was werden soll nach dem Zukunftsvertrag.“ Mit einem solchen Zukunftsplan und schnellem Internet werde Einbeck dann noch mal so nett. „Ein stabiler Haushalt dank guter Konjunktur, von Trübsal blasen also keine Spur“, sagte Michalek. „Ja, freut Euch mal, wir haben doch Glück“, rief sie. Große Einigkeit herrsche meist in der Einbecker Politik, deshalb nur spärlich sei in diesem Jahr ihre Kritik. „Prioritäten setzen und Entscheidungen fällen, Einbeck in den Mittelpunkt der Diskussion stellen“, reimte die Bürgermeisterin, „und nicht sich selbst oder die Parteidoktrin. Das wär‘ mein Wunsch an schwarz, rot, gelb, blau und grün.“ Am Ende war Dr. Sabine Michalek zufrieden: „Den Rathausschlüssel hab ich nun überreicht, ich fühl mich auf einmal so froh, so leicht.“ Sie wünsche sich viel Freude in der dunklen Jahreszeit in Einbeck. „Und uns, den Regierenden, den Spiegel vorhalten und mit Spott nicht zu sparen, denn nach diesem guten Brauch wird von Euch seit Jahrhunderten verfahren“, richtete sie ihre Worte an die Narrenschar.

Wenn übrigens der Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz morgen weg sein sollte, dann waren es bestimmt die Ratsherren. Karnevalspräsident Albert Eggers jedenfalls hatte dahinter närrisch eine Finte vermutet, dass die Tanne immer noch dort steht, und gesagt, dass nach der Schlüsselübergabe bestimmt die Ratsmitglieder den Baum kleinmachen und zum Bauhof bringen sollten, wo die Weihnachtsbäume ja heute kostenlos angenommen wurden.

Präsident Albert Eggers, Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, das Prinzenpaar Suliana I. und Jonas I. mit dem Stadtschlüssel und Kinderprinzenpaar Jeremy I. und Stella I. und Kindertill Lotte I.

Sprachlos nach dem Orden

Rolf Hojnatzki, Dietmar Bartels, Dirk Ebrecht.

Ein paar Tage lang hat die Bürgermeisterin den Schlüssel der Stadt noch, die närrische Schlüsselübergabe und die Abgabe der Macht an die Karnevalisten ist erst am nächsten Sonnabend. Drei Fraktionsvorsitzende des Stadtrates waren jedoch schon jetzt sprachlos und ließen sich beim Jubiläumsempfang in der Rathaushalle bereitwillig vom närrischen Prinzen mit seinem Gefolge mit dem Sessionsorden (in Form einer „70“) auszeichnen. Nachdem Rolf Hojatzki (SPD), Dirk Ebrecht (CDU) und Dietmar Bartels (Grüne) der Orden umgehängt worden war, wollte niemand der drei etwas sagen. Ob sie schon ahnen, dass die kommunale Politik auch in der 70. Session von den Karnevalsfreunden in mancher Büttenrede humoristisch aufs Korn genommen werden wird und dafür keine Vorlage mehr liefern wollten? Oder, weil mit Karnevalspräsident Albert Eggers ein Narr mit im Rat sitzt, wie der CDU-Kommunalpolitiker mit der Karnevalskappe auf dem Kopf selbst augenzwinkernd sagte? Warum auch immer: So schnell dürfte sich eine Gelegenheit vor versammelter Narrenschar nicht mehr ergeben. Ist der Stadtschlüssel erst weg, haben bis Aschermittwoch die Narren das Sagen.

Gute Stimmung bei der Ordensverleihung an die drei Fraktionschefs Rolf Hojnatzki, Dietmar Bartels und Dirk Ebrecht durch Prinz Jonas I. (links) und Präsident Albert Eggers (r.), der ja selbst Ratsherr ist.

Sommer in der Stadt

Rund 150 Gäste kamen zum ersten Sommerempfang ins Alte Rathaus, die Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek begrüßte.

Premiere gelungen: Rund 150 Gäste haben beim erstmals von der Stadt Einbeck organisierten Sommerempfang die von Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek formulierte Bitte erfüllt und den neu geschaffenen sommerlichen Raum für Begegnungen, Informationen und Gespräche in angenehmer Atmosphäre genutzt. „Wir wollen uns auf diesem Wege bedanken bei denen, die sich für und in unserer Stadt engagieren“, begründete die Rathauschefin im mit Sonnenblumen geschmückten Ratssaal die Idee Sommerempfang. Hinter der Idee stecke, dass sich die Stadtverwaltung gerne einmal im Jahr mit Freundinnen und Freunden der Stadt treffen möchte, „mit Menschen, die Einbeck Gutes getan haben und Gutes tun, mit Menschen, deren Herz für Einbeck schlägt“, wie es Michalek formulierte. Eingeladen waren neben Vertretern aus Politik und Verwaltung auch Gäste aus den Schulen und Kindergärten, aus Unternehmen, Verbänden und Kirchen. Dazu Menschen, die schon früher Ehrennadel oder Ehrenring von Stadt Einbeck und Gemeinde Kreiensen erhalten haben.

Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek hat Jörg Meister die Ehrennadel in Silber ans Revers gesteckt.

Neu in diesem Kreis ist seit dem Sommerempfang jetzt Jörg Meister, dem die Bürgermeisterin die Ehrennadel in Silber ans Revers heftete, das hatte der Stadtrat im Mai einstimmig beschlossen. „Wir würdigen damit ein Leben für den Sport, für seinen Heimatort Salzderhelden und die Region Einbeck“, sagte Dr. Sabine Michalek. Der 73-Jährige habe sich vielfältig ehrenamtlich im Sport, für die Städtepartnerschaft mit Keene/USA und im Karneval engagiert. Unter anderem ist Jörg Meister seit mehr als 25 Jahren Obmann für das Sportabzeichen in Einbeck. Der Salzderheldener dankte für die silberne Ehrennadel mit einem Appell, sein Ziel bleibt, in diesem Jahr die Zahl von 2000 absolvierten Sportabzeichen zu erreichen: „Das ist mein großer Wunsch“, sagte Meister, „seien sie sportlich, gehen sie auf die Sportplätze, machen sie mit, erwerben sie das Sportabzeichen“. Da blickte so mancher betreten zum Boden. Die Bürgermeisterin jedenfalls signalisierte Bereitschaft: „Ich bemühe mich.“

Mit dabei im Rathaus waren Frauen und Männer aus Stadtrat, Ortsräten, Kreistag und auch aus dem Jugendortsrat Vardeilsen-Avendshausen. „Sie übernehmen, aus der Mitte der Bürgerschaft gewählt, Verantwortung auf Zeit – und das im Ehrenamt“, dankte die Verwaltungschefin. Dass auch einige Besucher aus Nachbarkommunen der Einladung gefolgt waren, wertete die Bürgermeisterin als Abkehr vom Kirchturmdenken, in vielen Dingen sei man heute dabei, an einem Strang und sogar in eine Richtung zu ziehen. Gäste des Sommerempfangs waren auch Vertreter von Schulen, Kindergärten, Unternehmen, Vereinen, Verbänden und Kirchen. „Sie leisten einen unersetzlichen Beitrag zum Funktionieren unseres Gemeinwesens und bereichern unser Leben“, sagte Michalek. „Sie sorgen sich um unsere Kinder und um unsere ältere Generation, sie kümmern sich liebevoll und zugewandt um Kranke, Einsame oder auch die Menschen, die zu uns geflüchtet sind.“ Beeindruckt zeigte sich die Bürgermeisterin vom Zusammenspiel Hand in Hand von Polizei, Feuerwehr, DRK und THW, und sie dankte für den Besuch beim Sommerempfang. „Sie sind immer da, wenn akute Gefahren drohen oder konkret Menschen in Gefahr sind.“

Alle Besucher des Sommerempfangs hätten sich in ihrer ganz eigenen Weise um die Stadt Einbeck verdient gemacht, sagte die Bürgermeisterin. „Sie alle helfen mit, unsere Stadt voran zu bringen. Sie alle haben mit geholfen, die Stadt Einbeck zu der zu machen, die sie heute ist: Eine Stadt, die mit Selbstvertrauen getrost und zuversichtlich in die Zukunft blicken kann, eine Stadt, die wirtschaftlich und gesellschaftlich gut aufgestellt ist, eine Stadt, die immer mehr auch zu einem Anziehungspunkt für Touristen aus Nah und Fern wird.“ Schließlich dankte die Rathauschefin ihren Mitarbeitern in der Verwaltung. „Sie leisten viel und sind hoch motiviert.“ Durchaus dürfe man ein wenig stolz sein auf das Erreichte und mit gutem Mut nach vorne blicken. „Lassen Sie unser Ziel nicht aus den Augen verlieren, Einbeck gut zu positionieren und unsere Stadt gemeinsam nach vorne bringen.“

Frische Ideen wie die des Sommerempfangs sind ja immer gut. Frisch war auch der neue Reiseführer des Fachwerk-Fünfecks, der auf große Resonanz bei den Besuchern stieß und den Juliane Hofmann von der Geschäftsstelle des Fachwerk-Fünfecks kurz vorstellte. Überhaupt ist die Resonanz bei der Sommerempfang-Premiere eine gute gewesen, auf 231 Einladungen gab’s 146 Zusagen, am Ende dürften es etwa 150 Menschen im Saal gewesen sein. Ein paar Dinge kann man immer verbessern, nach Premieren sowieso: zum Beispiel vielleicht beim nächsten Mal eine Möglichkeit zu schaffen, im Rathausinnenhof ein wenig auch in lauer Sommernacht zu plaudern, und nicht allein in der akustisch ja immer schwierigen Rathaushalle. Hoffentlich ist dann allerdings auch Sommer…

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Wenn’s in der Bütt politisch wird…

Till Eulenspiegel (Markus Henze) in der Narren-Bütt beim Karneval.

Till Eulenspiegel (Markus Henze) in der Narren-Bütt beim Karneval. Links Albert Eggers als Karnevalspräsident.

…dann ist die Fähigkeit gefragt, über sich selbst lachen zu können. Denn wie bei der Bierorden-Verleihungsfeier sitzen die Objekte des närrischen Spotts oftmals im Publikum. Politische Büttenreden aber sind das Salz der Narrensuppe. Die mit der Narrenkappe dürfen das, sie haben seit der Schlüsselübergabe bis zum Aschermittwoch die spöttische Macht auch im Rathaus, gegen die Obrigkeit mit Humor aufzubegehren. Das ist Karneval. In der fünften Jahreszeit möge man nicht alles auf die Goldwaage legen, bat beispielsweise Till Eulenspiegel (Markus Henze). „Einbeck kann alles und noch viel mehr, nur zu Ende zu bringen fällt oft sehr schwer“, reimte er. Über die Elbphilharmonie und den Berliner Flughafen könne man hier nur lachen, schließlich müsse man sich in Einbeck um mindestens drei Projekte Sorge machen. „Während sich beim Möncheplatz und Neustädter Platz schon lange nichts mehr regt, wurde jetzt auch noch das Projekt ZOB auf Eis gelegt.“ – „Nichts ist umsonst – selbst der Tod kostet das Leben“. Diese Redensart bezog Till auf die neue Friedhofsgebühren-Kalkulation. Die Steigerung sei unglaublich hoch, über 100 Prozent. Tja, es ist wie es ist – der Till resignierte mit närrischem Schalk. „Einbeck kann alles und noch viel mehr, nur das eigene Begräbnis zu bezahlen fällt ab sofort schwer.“

Seit vielen Jahren ist auch „Bierkutscher“ Albert Eggers eine unterhaltsame Figur im Einbecker Karneval, die gerne die kommunalpolitischen Verhältnisse aufs Korn nimmt. Er kommt halt beim Bier ausfahren viel herum und schnappt so manches auf, was in der Bütt zu Reimen wird. Prost, Kutscher! Seit diesem Jahr aber ist ein bisschen etwas anders, Eggers sitzt selbst im Stadtrat. Was ihn nicht davon abhält, gewohnt bissig närrisch zu spotten. „Na, wenn das mal alles so richtig ist…“ Der Stadtrat sei ein Haufen tollkühner Frauen und Männer mit hoher kreativer und innovativer Veranlagung, habe er nicht erst erkannt, seitdem er selbst dabei sei. „Da kannste sogar mit fast 80 Jahren noch zur dritten Politkarriere durchstarten und zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt werden“, formulierte Eggers in der Narrenbütt. „Das ist übrigens ganz praktisch, denn bei der Einweihung von Kindergärten oder Spielplätzen bist du dann auch gleich der liebe Opi von nebenan.“

Albert Eggers als Bierkutscher.

Albert Eggers als Bierkutscher.

Bei der ersten Ratssitzung sei es gleich hoch her gegangen, da sei mit vielen Tricks um Posten und Pöstchen gerungen worden, „die Politiker standen sich in verbaler Kampfeshaltung gegenüber“. Die vielen Löcher in der Stadt, die angeblich für schnelles Internet gegraben werden, hätten damit zu tun, enthüllte der Bierkutscher. Aus gut unterrichteten Kreisen wisse er, dass dort die politischen Grabenkämpfe zwischen SPD und CDU fortgesetzt worden seien. Dass Bier eine politische Bedeutung habe, sei ihm klar geworden, seitdem er im Stadtrat dabei sei, erklärte der Kutscher im Karneval. „Am Rotbier berauschen sich die Roten von der SPD, die von der CDU bevorzugen Schwarzbier, da kann man gut im Dunkeln munkeln, die Grünen begeistern sich an Green-Lemon, denn damit fühlen sie sich an den Kneipentischen alternativlos grün, die FDP fühlt sich bei der satten gelben Farbe des Kellerbiers sehr gut aufgehoben, zumal der Begriff Keller den Gelben sehr vertraut ist. Wenn man dann zuviel Bier getrunken hat, wird man besoffen, also blau, aber blau will niemand werden, also fällt die AfD hintenrunter.“ Ganz vergessen hätte er beinahe die GfE, erinnert sich schelmisch der Bierkutscher gerade noch rechtzeitig. „Für die habe ich kein Bier gefunden, die sind ja so farblos.“

Vergangenen Sommer hat der Bierkutscher von einem Geheimplan erfahren, „einer verdeckten Operation unserer Bürgermeisterin“. Der Aussichtsturm im Wald solle als Horch- und Guckstation für Northeim ausgebaut werden, „damit aufziehendes Unheil aus dem Northeimer Kreishaus rechtzeitig gesichtet werden kann.“ Die neue rote Lady Landrätin komme ja aus dem Schatten der Schnapsbrennerei Hardenberg. Immer wenn er am Kreishaus vorbei komme, müsse er an den Brexit denken, formulierte der Bierkutscher launig. „Was die Engländer können, das können wir doch auch. Wir sind doch die größte Stadt im Landkreis, wir haben doch die meisten Bahnhöfe, hier wird das beste Bier gebraut, und wir sind die Stadt mit der größten Friedhofsdichte in Südniedersachsen.“ Was brauche man in Einbeck da den Landkreis, „machen wir den Noxit“.

Bürgermeisterin närrisch: Politik-Pein

Bürgermeisterin im Kreise der Karnevalisten.

Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek vor dem Rathaus im Kreise der Karnevalisten.

Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek hat auch in diesem Jahr die Chance genutzt, ein paar unbequeme Wahrheiten auszusprechen, für die sie zu anderen Zeiten von der Politk sicherlich so manche verbale Prügel einstecken müsste. Aber es ist Karneval, Aschermittwoch noch weit, da ist so manches mehr erlaubt als sonst, und die Rathauschefin hat heute Mittag vor dem Alten Rathaus die Stadtschlüssel an die Narren abgegeben. Das Prinzenpaar Aileen I. und Maurice I. schwingt jetzt das Karnevalszepter. „Nehmt den Schlüssel als Zeichen der Macht, ich bitt‘ Euch diesmal wieder, gebt gut auf ihn Acht!“, reimte die Bürgermeisterin in ihrer Entmachtungsrede auf dem Rathausbalkon. Bei klirrender Kälte hatten sich zahlreiche Zuschauer auf dem Marktplatz versammelt, um der närrischen Schlüsselübergabe beizuwohnen.

Da hat sie ihn noch, den Schlüssel: Bürgermeisterin wartet auf die Narren.

Da hat sie ihn noch, den Schlüssel: Bürgermeisterin wartet auf die Narren.

„Im Neuen Rathaus geht es voran, hier ziehen wir alle an einem Strang“, lobte die Bürgermeisterin ihre Mannschaft – und ein bisschen auch die Ratspolitik. Zahlreiche Ratsmitglieder waren bei der Schlüsselübergabe dabei. „Zurück gezahlt sind die alten Schulden, übrig bleiben sogar ein paar Gulden, zu planen den Umbau von Straßen und Plätzen, oder um in den Schulen so manches Fenster zu ersetzen.“ Eigentlich müsse sie rundum zufrieden sein, dichtete die Rathauschefin, „bereitete mir da nicht unsere Politik so manche Pein.“ Mit großen Worten habe die Politik in der ersten Ratssitzung des neu gewählten Stadtrates angekündigt, gemeinsam zum Wohle der Stadt zu agieren – doch schon in der ersten Sitzung hätten sich manche nicht mehr daran gehalten. „Was vereinbart war in einmütiger Runde, es galt nun nicht mehr. Das Vertrauen war verspielt bereits zu früher Stunde, das erschüttert das Miteinander nun sehr.“ Die Bürgermeisterin nahm sich vor allem Sozialdemokraten und Wählergemeinschaft in ihren närrischen Reimen vor: „An die Frauen und Männer von SPD und GfE hier mein Rat, so macht man keine Politik zum Wohle dieser Stadt. Was abgesprochen ist, muss gehalten werden, oder wollt Ihr das Klima auf Dauer verderben?“

Die Bürgermeisterin setzt nun in den nächsten Wochen auf die Jecken, dass diese in der fünften Jahreszeit mit Freude und Humor das erreichen können, was in vielen Stunden und so mancher Sitzung mit Überlänge diskutiert und dann doch wieder verschoben worden sei. Ein Ende ohne Beschluss bereite schon ziemlich Verdruss, sagte Dr. Sabine Michalek. „Ihr Ratsleute gebt nun bitte Acht, verschieben auf den St. Nimmerleinstag hat noch nie was gebracht. Habt den Mut zur Entscheidung und packt die Dinge an. Nur so kommt Einbeck voran!“ Die schlüssellose Bürgermeisterin setzt auf die Karnevalisten „zu regieren die Stadt mit närrischem Plan, und ich am Aschermittwoch – ausgeruht und beschwingt – eine entscheidungsfreudige und geeinte Politik vorfinden kann.“

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Rathaus-Reime

Da hat sie ihn noch, den Schlüssel: Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek mit den Ratsmitgliedern Heidrun Hoffmann-Taufall, Beatrix Tappe-Rostalski und Eunice Schenitzki (v.l.).

Da hat sie ihn noch, den Rathaus-Schlüssel: Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek mit den Ratsmitgliedern Heidrun Hoffmann-Taufall, Beatrix Tappe-Rostalski (beide CDU) und Eunice Schenitzki (SPD, v.l.).

Im Karneval ist vieles erlaubt, was an weniger närrischen Tagen gar nicht gut käme. Warum sollten nur die Narren in der Bütt die Politiker derblecken dürfen? Geht das nicht auch mal anders, ist das nicht ebenso Politikern mal erlaubt? Das sagte sich offenbar die Bürgermeisterin und meinte sicherlich nicht allzu bierernst, was sie vom Rathausbalkon ins Mikrofon dichtete. Bei der närrischen Schlüsselübergabe an die Karnevalisten nutzte Dr. Sabine Michalek jedenfalls ihre Entmachtungsrede, um noch einmal mit närrischem Augenzwinkern auf die heftig diskutierte politische Entscheidung der jüngsten Wochen zurück zu blicken: den Kauf des Neuen Rathauses. Erst dann gab die Verwaltungschefin, die bekanntlich gegen den Kauf der Rathausimmobilie ist und stimmte und den von der Ratsmehrheit im Dezember beschlossenen Erwerb nun umsetzen muss, den städtischen Schlüssel für die nächsten 31 Tage bis Aschermittwoch an Maria II. und Michael II. und ihr Gefolge.

Sie gebe den Schlüssel ab, was solle das zaudern, aber ein wenig möchte sie schon noch plaudern über die Zeit, die gerade hinter der Politik in Einbeck liege. Bevor die Verklärung darüber obsiege, reimte die Bürgermeisterin in der Balkon-Bütt, wolle sie noch einmal sagen, dass es im Stadtrat jüngst so einige Narretei gegeben habe. „Schuldenberge, leere Kassen, aber neun Millionen soll ich jetzt verprassen für das Rathaus. Schön anzusehen, ein schmuckes Haus, doch schaut man auch mal hinter die Fassade, und betrachtet von allen Seiten die Lage, dann fällt mein Urteil leider anders aus. Heute sage ich es einmal noch: So viel ist es nicht wert.“ Einmal noch wolle sie es sagen, der Preis sei zu hoch. Leider sei ihre Idee, einen kleinen, funktionellen Neubau am ZOB zu errichten, auf dem Abstellgleis gelandet. „Die Mehrheit im Rat, ob sie wohl wusste was sie tat? Ob sie auch hätte gehoben die Hand in dieser Seelenruhe, wenn es ihr privates Geld gewesen wäre und nicht das aus der städtischen Truhe“. Die Antwort müsse jeder für sich finden, erklärte die karnevalistisch entmachtete Rathauschefin, ein bitterer Nachgeschmack bleibe, aber sie wolle sich ihr Herz nicht mehr schwer machen damit, die Entscheidung sei getroffen worden. Mit Humor lasse es sich besser regeln, und das zudem noch gesünder.

Apropos regeln: Als die Bürgermeisterin eher rhetorisch fragte, ob die Stadtrat-Mehrheit beim Rathauskauf auch die Hand gehoben hätte, wenn es ihr privates Geld gewesen wäre, fiel zweimal das Mikrofon aus… wer da wohl am Regler saß? Ein Narr? Ein Roter? So unkten jedenfalls sofort humorvolle Zeitgenossen. Schnell war ein Ersatzmikro bereit und die Bürgermeisterin konnte ihren Satz so verstärkt beenden, dass ihn jeder auf dem Marktplatz hören konnte.

Und nur, damit keine närrische Verwechslung aufkommt: Die Stadt kauft das Neue Rathaus, nicht das Alte, das gehört ihr nämlich schon. Und auf dessen Balkon standen Bürgermeisterin und Karnevalsfreunde, und alle hörten die Worte der Rathauschefin, man solle doch mal hinter die Fassade des schmucken Hauses werfen… das gilt allerdings auch für das Alte Rathaus. Einbecks Wahrzeichen am Marktplatz hätte es nötig, nicht nur im Karneval… aber da laufen ja auch schon Förderanträge, dann ist’s ja alles gut. Einbeck Helaaf!

Die Karnevalsfreunde haben den Schlüssel.

Die Karnevalsfreunde haben den Schlüssel erobert, mit ihnen ist jetzt bis Aschermittwoch die närrische Macht.