Einbeck besteht aus der Kernstadt und 46 Ortschaften. Wer in Einbeck Bürgermeisterin oder Bürgermeister werden möchte, sollte alle Dörfer kennen und auch schon einmal persönlich besucht haben. Das war sozusagen die Versuchsanordnung der beiden Kandidaten Antje Sölter (CDU) und René Kopka (SPD), bevor sie in den vergangenen Wochen auf Tour gegangen sind – Kopka mit dem Fahrrad, Sölter mit dem Auto. Sölter lebt in Vardeilsen, Kopka ist in Andershausen aufgewachsen, lebt aber seit vielen Jahren in der Kernstadt. Ich habe beide Kandidaten ein kurzes Stück auf ihrer Tour begleitet und beobachtet. Um ein möglichst unverzerrtes Bild und einigermaßen Chancengleichheit erreichen zu können, habe ich meine Besuche/Begleitung nicht vorher bei den Kandidierenden oder deren Parteien angekündigt, habe ich darauf geachtet, dass niemand „Heimspiel“ haben konnte. Ansonsten galt: Hinfahren, zuschauen, fragen und schreiben, was ist. Was mir aufgefallen ist.

Ich stehe an der kleinen Kapelle im kleinsten Einbecker Ortsteil (36 Einwohner) in Hallensen und warte. Der Rasen ist offenbar frisch gemäht worden. CDU-Kandidatin Antje Sölter hat sich angesagt. Rechtzeitig ist sie vor Ort, lädt mit wenigen Handgriffen ihren Stehtisch aus dem Auto aus, drappiert Flyer mit Kugelschreiber, Müsliriegel, Flaschenöffner und kleine Seifenblasen-Röhrchen auf der Tischdecke. Eine Blumenvase darf nicht fehlen. Hinzu kommen Getränke made in Einbeck, Mischbier ohne Alkohol und Brause. „Zisch, klack, Kreuz gemacht“ steht auf den Aufklebern der Kandidatin, von Hand auf die Flaschenhälse geklebt. Es ist ein Freitag Nachmittag, Erntezeit. Der örtliche Landwirt lässt sich in Sichtweite deshalb auch nicht aus der Ruhe bringen, als die CDU-Frau, unterstützt vom CDU-Fraktionschef Dirk Ebrecht, Position bezogen hat. Kurzerhand schnappt sie sich Flyer und Kugelschreiber, eine erfrischende Getränkeflasche und geht auf den Weizen in den Silo schiebenden Mann zu. Man kennt sich. Mehr passiert im kleinen Hallensen nicht. Antje Sölter betrübt das nicht. Die Zahl der Kontakte sei nicht entscheidend, die Qualität der Gespräche sei es, sagt sie später.
Im nächsten Dorf, in Voldagsen, wäre sie vielleicht am Feuerwehrgerätehaus auch allein geblieben. Mit einem Mal aber steht Dieter Scholz neben ihr. Der kandidiert selbst für den Stadtrat. Für die SPD. Doch das ist in diesem Moment zweitrangig, viel lieber sprechen sie über die Sorgen und Nöte der Feuerwehr in kleinen Ortschaften wie Voldagsen (86 Einwohner). Das Fahrzeug, Baujahr 1978, hat schon bei manchem Feuer durch seine Pumpleistung die Wasserversorgung gesichert. Voldagsen ist der einzige Ort im Stadtgebiet, der noch eine eigenständige Abwassergenossenschaft hat. Vor 27 Jahren gegründet, auch in dem Bewusstsein, in einer Flächenstadt wie Einbeck könne nicht alles zentral geregelt werden. Wie lange die Voldagsener noch selbst ihr Abwasser entsorgen, ist indes offen, die Bürokratie ist inzwischen das teuerste an der Abwassergebühr, erfährt die Kandidatin – auch aus familiären Gründen ist die Vardeilsenerin im Thema.
Letzte Orte dieses Tages sind für Antje Sölter Andershausen und Kuventhal, beide Dörfer bilden zwar einen gemeinsamen Ortsrat, sind aber nicht immer beste Freunde. In Andershausen parkt die CDU-Kandidatin unweit eines Laternen-Plakats ihres Mitbewerbers, René Kopka stammt aus Andershausen. Und so geben die zwei munteren Senioren, die sich vor der Kulisse des historischen Glockenturms mit der Kandidatin eine lebendige Diskussion über das Leben an sich und im Besonderen liefern, offen zu: Bei René waren wir auch schon hier. In Kuventhal kommt Antje Sölter in einem etwas größeren Kreis dazu, die Beweggründe ihrer Kandidatur zu erläutern. Sie möchte die Zusammenarbeit mit dem Ehrenamt und die Kommunikation aus dem Rathaus mit den Bürgern verbessern, macht die CDU-Frau deutlich.


Ich sitze auf der Holzbank vor dem ehemaligen Dorfladen in Immensen, der einst über Jahrzehnte eine beliebte Bäckerei war, und warte. SPD-Kandidat René Kopka hat in Einbeck seinen neunten von elf Tourabschnitten an diesem Sonnabend Mittag begonnen. Wer möchte, kann mitfahren, ein interessierter Neu-Stroiter schließt sich an, die meisten aber sind Sozialdemokraten, die in die Pedale treten. Mit insgesamt fünf Begleitern auf dem Fahrrad, darunter auch Ehefrau Julia, passiert Kopka das Ortsschild, macht Stopp am früheren Dorfladen. Drei Bürger aus dem Dorf sind gekommen, erinnern an die jüngste kurzzeitige Blüte des Ladens, vor dem auch schon mal Ex-Ministerpräsident Stephan Weil auf Sommerreise ein Eis schleckte. Heute ist das passé. Bevor Kopkas Tross mit den Rädern kommt, war das zweiköpfige Vorauskommando mit dem Auto in die Straße gebogen, hatte rasch einen kleinen Bistrotisch mit dem SPD-Sonnenschirm, den üblichen Give-aways und Flyern des Kandidaten aufgebaut, dazu Bananen und Kirschen für die Radler. Getränke vom Discounter in der Kühltasche stehen bereit. Der Kandidat erfährt, dass der Ort die Nähe zu Einbeck schätzt (die wahrscheinlich aber für den Dorfladen ein Handicap war), dass es mit florierender Kita, noch zu wenig bekanntem Blühfeld und vor allem von Nicht-Immensern genutztem Golfplatz keine nennenswerten Probleme gibt.
Höchste Zeit, nach Sülbeck weiterzuradeln. Die meisten sind mit E-Bikes unterwegs, ohnehin ist der Weg nicht weit entlang der Landesstraße. Im Sole-Dorf empfängt der Ortsbürgermeister auf dem riesigen Dorfplatz vor der Saline. Dort hatte auch die Vorhut den Bistrotisch aufgebaut, aber außer Andreas Mann stößt niemand zum SPD-Kandidaten mit seiner Gruppe. Er war über den Besuch informiert worden, nutzt die Gelegenheit, den Ort zu präsentieren, die Dorfmitte mit an Stelle des einstigen Dorfteichs errichteten Spielplatz, Bücherschrank und Kult-Gasthaus vorzustellen. Der mit privater Unterstützung und Fördergeldern gebaute Spielplatz soll zum Mehrgenerationen-Spielplatz werden, erfährt der Kandidat. Ortsbürgermeister Andreas Mann hat das Fahrrad dabei und schließt sich der Gruppe bis nach Drüber an, auch für diesen Ort ist er der Chef. Beide Dörfer im Leinetal zählen jeweils mehr als 400 Einwohner, aber zumindest an diesem Sonnabend Nachmittag sucht niemand das Gespräch mit dem SPD-Kandidat. Dafür erfährt er direkt vom Ortsbürgermeister die Probleme und Vorzüge, die Schule, Sportplatz und Grillplatz in Drüber bieten. Auf dem vom Landkreis erschlossenen Baugebiet steht bislang erst ein Haus, dennoch sind die Menschen im Ort froh, dass es Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Und ärgern sich, schildert Andreas Mann, über den Altkleidercontainer, der immer öfter überquillt, seit der Landkreis den Abbau der Textil-Container bekannt gegeben hatte – mit Ausnahme von drei Standorten, einer ist in Drüber. Alle 14 Tage wird der geleert, wahrscheinlich muss bald jede Woche aufgeräumt werden, steht der Container am Eingang zum Schulhof. Zum Schuljahresbeginn startet auf der Straße vor der Schule auch das Experiment eines absoluten Halteverbots schultags über, um die allzu aufdringlichen Elterntaxis einzudämmen, erfährt der Kandidat. Dann geht es für ihn weiter, bergauf. Buensen ist das letzte Ziel seiner Tour an diesem Tag, in dem kleinen Dorf (knapp 60 Einwohner) warten die meisten Interessierten an diesem Sonnabend auf den Kandidaten, gut ein Dutzend wollen mit ihm unter anderem über den geplanten Feuerwehrstützpunkt Süd sprechen – und was dann aus ihrem alten Feuerwehrhaus in Buensen werden kann, an dem sie gerade einen Dorftreffpunkt gebaut haben.

