Vom Preis und vom Wert des Neustädter Kirchplatzes

(c) Foto: Frank Bertram

Was bleibt nach zwölf Jahren Debatte über den Neustädter Kirchplatz? Kaum ein Projekt hat in den vergangenen Jahren Rat und Verwaltung und Öffentlichkeit so beschäftigt wie die Neugestaltung des Innenstadtplatzes vor Brauerei und Amtsgericht. Die Chronik der Diskussion habe ich hier mal zusammengestellt. Sie bringt manche, längst vergessene Details wieder ins Gedächtnis, macht deutlich, wie lange bereits über diesen Platz gesprochen wird. Die Umgestaltung des Neustädter Kirchplatzes war in der gesamten, knapp 14-jährigen Amtszeit von Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek ein Thema und ist mit ihr verbunden. Es war auch ihr Projekt – das wurde nicht zuletzt durch die offizielle Eröffnung des Platzes kurz vor dem Ende der Amtszeit noch einmal überdeutlich.

(c) Foto: Frank Bertram
Das neue Wasserspiel wird besonders im Sommer sehr gefragt sein.

Die politischen Mehrheiten haben sich in den vergangenen 15 Jahren im Stadtrat und gegenüber der Bürgermeisterin verändert. Anfangs kämpfte die SPD dagegen, brachte preisgünstigere Varianten ins Spiel. Die es auch davor und danach immer mal wieder von mehreren Seiten gab; meist jedoch als planiertes Mineralgemisch wie auf einem Festplatz. Zur Halbzeit der vorvergangenen Wahlperiode haben die Sozialdemokraten noch davon gesprochen, dass hier Millionen verschleudert werden und dass man sich nicht das Recht nehmen lasse, schlechte Beschlüsse auch so zu nennen. Nicht zuletzt der damalige SPD-Fraktionschef Rolf Hojnatzki prophezeite eine jahrelange Bauzeit und hohe Kosten für die Stadt. Er hat damit am Ende Recht behalten.

Die Grundsatzentscheidung fiel Ende 2014, also vor zwölf Jahren! Damals wurde die Entscheidung pro Platz getroffen. Wer heute noch einmal in den Unterlagen des Architektenwettbewerbs blättert und die anderen Entwürfe von damals betrachtet, würde heute auch hier würdige Sieger finden. Heute würde die Jury, würde sich Politik vielleicht anders entscheiden, heute sind Begriffe wie Schwammstadt oder klimagerechte City-Plätze aber auch stärker in der Diskussion als vor über zehn Jahren. Heute würde eine Entscheidung anders getroffen. Aber selbst bei den billigen Mineralgemisch-„Lösungen“ für den Platz wäre dieser heute nicht grüner, auf jeden Fall nur staubiger.

Ein Gedankenspiel sprach die Bürgermeisterin bei der Eröffnung an: Hätte sich der Stadtrat damals für eine Bebauung des Platzes mit einem Geschäftshaus ausgesprochen und vor allem wäre der Investor damals bei der Sache geblieben, hätte Einbeck wahrscheinlich heute zwei große leer stehende Innenstadt-Einzelhandelsflächen, weil großflächiger Einzelhandel heute nicht mehr gefragt ist, die damals genannten Ankermieter auf dem Rückzug sind.

Ja, die Kostensteigerungen waren in dieser Dimension nicht vorauszusagen. Ebenso wenig wie eine Pandemie und ein Ukraine-Krieg mit allen wirtschaftlichen Auswirkungen auch auf ein solches Projekt. Wer etwas anderes behauptet, sagt schlicht und ergreifend nicht die Wahrheit und darf sich nicht wundern, wenn das Populismus genannt wird, der am Internet-Stammtisch stets gut ankommen mag.

Hinterher ist man immer schlauer. Wer heute immer und immer wieder von Konsequenzen gegenüber den Verantwortlichen faselt, von zur Rechenschaft ziehen, der hatte in den vergangenen Jahren alle Möglichkeiten unseres Rechtsstaates. Und hat sie nicht genutzt. Sich jetzt hinzustellen und die großen Sprüche zu markieren, ist billig. Die Stadt Einbeck wird die für den größten Projektfehler zuständige Baufirma noch in Regress zu nehmen versuchen. Das Beweisverfahren läuft aber aktuell noch, sobald hier die Fakten klar sind, kann der nächste Stadtrat den nächsten Schritt gehen. Er tut gut daran, wenig nachgiebig gegenüber Verantwortlichen zu sein.

Seit gut fünf Jahren mit der SPD/CDU-Gruppe im Stadtrat im Rücken war eine Mehrheit für das Projekt imgrunde immer sicher, wenngleich die Überraschungen finanzieller und baulicher Art das Bündnis auf eine harte Probe gestellt haben.

Alle werden aus diesem Großprojekt ihre Lehren ziehen. Hoffentlich. Die gleichen Fehler dürfen nicht noch einmal gemacht werden. Die Politik hat dies, so mein Eindruck, erkannt. Besser muss die Kommunikation werden. Viel enger wird künftig das Controlling sein, viel früher werden heute Fragen nach Kostenentwicklungen gestellt. Gut so. Das alles ist jetzt auch eine organisatorische Aufgabe des neuen Bürgermeisters René Kopka.

Der Platz ist nun eröffnet, in den nächsten Monaten folgt dann eine Nutzung des Pavillons. Auch hier sehen die Pläne inzwischen vielversprechend aus, selbst wenn die Tinte unter den Verträgen noch nicht trocken sein mag. Gut, dass der Neustädter Kirchplatz ein Platz geworden ist, der nun vielseitig genutzt werden kann (und bitte auch soll). Hier kann beispielsweise eine Bühne beim Eulenfest stehen oder gleich das Riesenrad, hier kann die Brauerei endlich ihr Hoffest größer feiern. Hier können ganz neue Veranstaltungen kreiert werden. Ganz dringend muss bitte endlich das Geruchsproblem in dem Quartier gelöst werden, sonst sind alle anderen Anstrengungen vergebens!

Wie wäre es denn mit temporären Bäumen, deren Kübel problemlos zur Seite geschoben werden können, sobald der Platz gebraucht wird. Zu anderen Zeiten aber kann das Grün für mehr Schatten auf dem Platz sorgen. Ja, das kostet weiteres Geld. Aber es könnte Akzeptanz bringen und diejenigen mit dem Platz versöhnen, die jetzt schon höheren Puls bekommen, sobald sie allein den Namen Neustädter Kirchplatz lesen oder hören.

Beim Neustädter Kirchplatz ist manches schief gelaufen. Und seine Umgestaltung kostet auch deshalb fast sieben Millionen Euro, weil sich der Bau über mehr als ein Jahrzehnt (!) dahin geschleppt hat. Und nicht, weil es güldene Fontänen, silberne WC-Brillen oder exotische Pflastersteine gibt. Projekte werden wie das Leben vorwärts gedacht und rückblickend beurteilt. Einfacher gesagt: Im Nachhinein ist man immer klüger. Natürlich muss sorgfältig mit Steuergeld umgegangen werden. Stadtentwicklung hat jedoch mehrere Aufgaben, sie ist kein Profitcenter. Es gibt Menschen, die von allem den Preis wissen, aber den Wert nicht erkennen. Ich möchte solche städtebaulichen Bauprojekte niemals ausschließlich unter finanzieller Brille sehen. Den Wert für Einbeck wird der Neustädter Kirchplatz noch zeigen.

(c) Foto: Frank Bertram
Vielleicht verträgt der neue Neustädter Kirchplatz auch noch eine Kunst-Skulptur? Oder ein Bronzemodell der Stadt für die hier ankommenden Bustouristen?
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Rund 80 Quadratmeter groß ist der Pavillon-Raum, der für ein Non-Profit-Café vorgesehen ist.
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Die Toilettenanlage bekommt natürlich noch jeweils Türen vor den insgesamt drei WC.
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Die Rückseiten der beiden Infotafeln sollten noch genutzt werden, beispielsweise mit historischen Fotos der 1963 abgebrochenen Neustädter Kirche St. Marien.

3 Kommentare zu „Vom Preis und vom Wert des Neustädter Kirchplatzes“

  1. Ich wohne seit 13 Jahren in Einbeck und kannte den Platz nur kurz „uneingezäunt“. Ich finde es vor allem Schade, dass da alles zugemauert wurde, und es keine Grünflächen gibt.

  2. Vielen Dank für den interessanten Artikel. Es wäre schön und wünschenswert, wenn denn die Nörgler und Besserwissen sich ihrer Worte und Taten vor Jahren erinnern würden und jetzt das Nachkarten sein lassen.

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